Wie sah es in Asien mit der Hygiene aus?

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Tenger, 11. November 2019.

  1. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Hallo. Wie wir wissen war die Hygiene in Europa grob zusammengefasst kein großes Thema und teilweise das Baden auch verboten (bzw. nur für kranke vorbehalten). Wie sah es den in Asien mit der Hygiene und Sanitäranlagen aus? Sei es jetzt im Orient und der Islamischen Welt oder dem fernen Osten. Gab es eine Badekultur? Oder war es wie in Europa (teilweise) verboten? Gab es bereits Badehäuser ähnlich wie der Hamam oder Toilettenanlagen?

    Lg Tenger
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Baden war im MA in Europa nicht verboten. Erst als man die Poren und die im Wasser lebenden Bakterien entdeckte und befürchtete, dass die Bakterien durch die Poren in den Körper eindringen könnte, nahm man vom Waschen mit Wasser Abstand.
    Der Ḥammām ist die arabische Variante des römischen Thermalbads. Mit allen hygienischen und politischen Funktionen.
     
  3. Tenger

    Tenger Neues Mitglied

    Ich kann mich nicht mehr genau erinnern welches Thema es war, aber ich vabe mal hier etwas gelesen wo drin stand, dass das Baden verboten wurde, da ea nach der damaligen christlichen Ansicht den sexuellen Trieb und die Lust erregt und dies mit dem Christentun nicht vereinbar war. Weiter stand drin, dass aufgrund des Verbotes viele Badehäuser verwaist und/oder zerstört und die Äquadukte nicht mehr instand gehalten wurden. Ich müsste es mal später zu Hause raussuchen
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dazu nur der Hinweis, dass ausgerechnet die Päpste die Aquädukte in Rom bis weit ins Mittelalter hinein immer wieder instandsetzen ließen.
     
    Pardela_cenicienta gefällt das.
  5. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    In der islamischen Welt war (und ist) zB durch den Qur'an eine rituelle Reinigung mit Wasser vor den täglichen Gebeten vorgeschrieben. Ersatzweise kann diese Reinigung auf Reisen auch mit Sand vorgenommen werden. Entsprechend gab es Bäder und auch Toilettenanlagen in den Wohnhäusern. In Kairo zb findest du jahrhundertealte Wohnhäuser, die bereits mit Innenspültoilette erbaut wurden.
     
  6. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Als erstes hat mich die Frage an die Mini-Serie „Shogun“ erinnert. Da wird Richard Chamberlain von den Japanern, bevor sie sich überhaupt weiter mit ihm befassen, erstmal in die Badewanne gesteckt. Er protestiert dagegen, denn Wasser mache elend und krank.
    Die Szene ist aber etwas ungenau, denn in Privathäusern soll es keine Bademöglichkeiten gegeben haben. Nur die Reichen hat diesen Luxus. Offenbar fürchtete man auch die Feuergefahr, die das Erhitzen des Wassers mit sich bringt.
    Das Entstehen des Badewesens in Japan soll mit der Verbreitung des Buddhismus zusammenhängen. Deshalb fange ich vielleicht am besten in Indien an:

    Indien
    Bei Indien denkt man sofort an das rituelle Baden, das ja sehr bekannt ist. Zum Beispiel das Bad im heiligen Ganges oder das Fest Kumbh mela. Laut Marshall soll auch das Große Bad in Mohenjo-Daro (Industal) rituellen Waschungen gedient haben. Das Große Bad soll in das 3. Jahrtausend v. Chr zurückgehen. Es gilt als „earliest public water tank of the ancient world“.

    Im Hinduismus gibt es das tägliche Morgenritual, das Samdhya. Ein Teil des Rituals ist eine Waschung. Dabei steht jedoch der sprituelle Aspekt eindeutig im Vordergrund. Zur Not kann das Wasser auch durch Staub oder Asche ersetzt werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, reinigt man sich vor dem eigentlichen Ritual aber mit Wasser. Für die rituelle Reinigung wird Wasser oder Lehm eines heiligen Flusses bevorzugt. Der „ausdrückliche Willen zur Waschung“ grenzt das rituelle Reinigen vom profanen ab. Dennoch können beide in einem Aufwasch erledigt werden.
    Buddha hat diesen rituellen Waschungen ausdrücklich widersprochen. Von Übeltaten könne man sich so nicht reinwaschen:

    Und lügst du nicht, beschädigst auch kein Leben
    Und nimmst du nichts, was man dir nicht gegeben,
    Bist du vertrauenswürdig und kein Hasser –
    Warum zur Gaya gehen? Sie ist nur Wasser.“


    Dennoch gab es Hygiene-Vorschriften für buddhistische Mönche. Mindestens alle 14 Tage sollten sie baden. Bei schwerer körperlicher Arbeit oder im Sommer durfte auch öfter gebadet werden. Das musste kurz rasiert werden, die Mönche trugen zu diesem Zweck ein Rasiermesser mit sich. Auch auf die Pflege der Fingernägel ist zu achten.
    Offenbar verfügten die buddhistischen Klöster über ein Badehaus.

    http://www.lehrer.at/html/kosmetik/pdf/OS-RELI-A1.pdf


    China
    Hygiene
    In China nahm die persönliche Hygiene eine große Rolle ein. Hauptzweck war das Reinigen vom Schmutz und nur die dafür nötige Wassermenge war erforderlich. Gewaschen wurde sich aber auch in Vorbereitung auf viele Zeremonien.

    Eine besondere Rolle spielte das Haarwaschen. Dazu wurde ein Waschmittel aus Getreide benutzt, an anderer Stelle war von Reiswasser die Rede. Das Haarwaschen wurde mit besonderer Sorgfalt betrieben und durfte nicht gestört werden. Geschäfte oder das Empfangen von Gästen musste warten.

    Man wusch sich regelmäßig die Hände, bis zu 5mal täglich. Morgens wusch man sich Gesicht und Hände. Das galt auch für Kinder und Dienerschaft. Eine gründlichere Reinigung des restlichen Körpers fand etwa alle 5 Tage statt. Es wurde nicht immer nackt gebadet. Man trug 2 grobe Tücher. Es war offenbar Aufgabe der Schwiegertöchter und Söhne, den Eltern morgens die Sachen zum Händewaschen zu bringen. Die Kinder bereiteten alle 5 Tage das ein heißes Wasserbad für die Eltern und brachten ihnen warmes Wasser zum Waschen des Gesichts, wann immer das schmutzig war. Es gab also auch so etwas wie eine sozial-hierarchische Komponente der Waschrituale.

    Die Informationen beziehen sich hauptsächlich auf die Oberschicht. Über die Gewohnheiten des gemeinen Volkes ist weniger bekannt. Erste Informationen stammen aus der Chou-Dynastie. Die Einstellung zum Waschen hat sich aber auch in den folgenden Zeiten kaum geändert, sondern eher verfestigt. Schon in der Han-Dynastie hatte ein Beamter per Gesetz Anspruch auf einen Urlaub alle 5 Tage, um sich die Haare zu waschen. Später in der Tang-Zeit wurden daraus 10 Tage.

    Wer es mit der Hygiene nicht so genau nahm, hatte bald einen entsprechenden Ruf weg. Es gab also eine gesellschaftliche Erwartung, dass man reinlich war. Vergleichende Äußerungen aus Reiseberichten sind bekannt. So haben sich die Chinesen offenbar nicht die Zähne geputzt, da sie das bei Fremden besonders hervorheben. Die Koreaner sollen die Chinesen für schmutzig gehalten haben. In Korea waren die Hygienestandards also höher. Im Unterschied zu den Chinesen badeten Männer und Frauen auch gemeinsam.

    Badehäuser
    Zunächst wurde, besonders das gemeine Volk, in Flüssen, Seen oder Quellen gebadet. Freiluft-Badebecken kann man in den Gärten der Nobilität finden. Becken und Badehäuser findet man aber besonders in buddhistischen Klöstern. Die Verbreitung des Buddhismus in China hatte einen großen Einfluss. Obwohl eigentlich für die Mönche gedacht, hatten aber auch Laien freien Zutritt zu den buddhistischen Badegelegenheiten. Ab dem 11. Jahrhundert gibt es literarische Belege für kostenpflichtige Badehäuser. Spätestens mit dem 14. Jahrhundert waren öffentliche Badehäuser fester Bestandteil der chinesischen Kultur. Dabei waren die Einrichtungen für Frauen tabu. Überhaupt wurde auf die Lehren des Konfuzius zurückgehend nicht gemischt gebadet. Später entstanden eigene Badehäuser für Frauen. Das erste eröffnete die Kokotte Jin Xiuqing in Pekings Rotlichtviertel der Acht Großen Gassen. Sie erweiterte das Bad um ein türkisches Hamam. Sonst scheint es sich bei den Badehäusern um keine Dampfbäder gehandelt zu haben.
    Leider waren die Badehäuser der Gesundheit nicht immer zuträglich. Das liegt zum einen daran, dass dasselbe Wasser immer wieder erhitzt und in die Becken gepumpt wurde. Zum anderen waren die Badehäuser auch für Kranke und infizierte offen.
    Die Beschreibung der kaiserlichen Badehäuser wäre noch einmal ein Thema für sich.

    Hier eine schöne Beschreibung eines chinesischen Badehauses

    Schafer, Edward H. “The Development of Bathing Customs in Ancient and Medieval China and the History of the Floriate Clear Palace.” Journal of the American Oriental Society, vol. 76, no. 2, 1956, pp. 57–82.

    NEEDHAM, JOSEPH, and LU GWEI-DJEN. “Hygiene and Preventive Medicine in Ancient China.” Journal of the History of Medicine and Allied Sciences, vol. 17, no. 4, 1962, pp. 429–478.
     
  7. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    japanese-woodblock-lady-at-bath_u-l-p5p5w90.jpg Badehaus.jpg
    Japan
    Die zeitgenössische japanische Gesellschaft hat hohe Hygiene-Standards. Tatsächlich ist das Baden in Japan so alt wie das Volk der Japaner selbst. Zum einen könnten die Wurzeln des Baden in religiösen Vorstellungen liegen, aber sicher hat es auch etwas mit dem Überfluss an heißen Quellen auf den Vulkaninseln zu tun. Wie in China ist das Baden in Gruppen und das Aufkommen von Dampfbädern aber mit der Einführung des Buddhismus verbunden. Gebadet wurde zum einen aus religiösen Gründen, als Teil einer oder vor einer Zeremonie. Es gab auch gesponserte Bade-Events für die Armen zu wohltätigen Zwecken. Sie richteten sich an die Armen und sollen dem Wohltäter ebenso viel nutzen wie Almosen oder Essensgaben für die Armen. So soll die Kaiserin Komyo geschworen haben, 1000 Bettler mit eigener Hand zu waschen. Das soll 747 in einem Badehaus in Nara vollzogen worden sein.

    Das Baden zu therapeutischen Zwecken folgte der geographischen Lage, da es seinen Ursprung in den heißen Quellen hatte. Neben dem Bad in heißen Quellen gab es entlang der Küste Felsenbäder. Das waren Dampfbäder in Felshöhlen, wo der Aufguss mit Meereswasser auf erhitzten Steinen gemacht wurde.

    Zunächst diente das Baden nicht primär der Erholung oder Geselligkeit. Das änderte sich in späteren Zeiten. Auch das Baden zum Zweck der Reinigung (früher höchstens in übertragenen Sinne) fand in späteren Zeit mehr Beachtung. Zudem finden sich ab dem 15. Jahrhundert neben den Bädern in Klöstern und Privathäusern der Oberschicht auch öffentliche Bäder. Das hatte wohl auch finanzielle Gründe, um die Kosten für das Erhitzen des Wassers zu teilen. Mit dem 16. Jahrhundert waren sie Bestandteil vieler Städte und sogar Dörfer. Das Baden war mehr und mehr auch dem gemeinen Volk zugänglich und die sozialen Aspekte fanden größere Bedeutung. Vor der Tokugawa-Ära gibt es allerdings wenige Quellen, die beim Baden die Hygiene in den Vordergrund stellen. Das Baden diente vordergründig der Entspannung und Geselligkeit. Dennoch gibt es einige Hinweise auf Baden aus hygienischen Gründen.

    Während das Baden im frühen Mittelalter gelegentlich von einer kleinen Elite praktiziert wurde, war es um 1600 weit verbreitet. Es diente der persönlichen Hygiene, der Entspannung und Vergnügen sowie therapeutischen Zwecken. Wenn man europäischen Beobachtern glauben darf, war das Baden in Japan im späten 16. Jahrhundert allgegenwärtig. Joao Rodrigues zum Beispiel stellt fest: „All the houses of the nobles and gentry have bathrooms for guests. These places are very clean and are provided with hot and cold water because it is a general custom in Japan to wash the body at least once or twice a day.“

    Lee Butler : "Washing off the Dust": Baths and Bathing in Late Medieval Japan
    Monumenta Nipponica, Vol. 60, No. 1 (Spring, 2005), pp. 1-41



    Weitere Links:
    Badekultur – Wikipedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sent%C5%8D
    Onsen – Wikipedia
     
  8. Apvar

    Apvar Premiummitglied

  9. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Schweinetoilette fand in China, Korea sowie Teilen Indiens und Japans Verbreitung. Direkt unter dem Lokus befindet sich ein Schweinestall und dort landen die Fäkalien. Die Schweine ernähren sich angeblich von den menschlichen Fäkalien und die mit Kot gemästeten Schweine dienen anschließend als Delikatesse. Ein perfekter Kreislauf.
     
    Traklson gefällt das.
  10. schaf

    schaf Neues Mitglied

    Ich lese gerade Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht
    von Stefan Baron/Guangyan Yin-Baron


    Da steht, in vielen Dörfern haben die Kinder noch "Schnellfeuerhosen", also Hosen mit Loch und sie verrichten ihre Notdurft überall, auch am Straßenrand.

    [mod]Schriftbild angepasst und kommerzielle Links entfernt[/mod]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 12. Mai 2020

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