Wie war das eigentlich mit der Anwerbung von Fachkräften?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Griffel, 15. Januar 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Mich würde mal interessieren, wie das im 18. Jhd. mit der Werbung von Fachkräften war! Im 18. Jhd., war bei den meisten westlichen Nationen, die Nationalstaatsbildung bereits abgeschlossen. Daraus ergab sich, dass jede Nation bestrebt war, es möglichst weit zu bringen.

    Ich denke mal in dieser Zeit, war Großbritannien, für die meisten Länder, notgedrungen das Vorbild schlechthin!:rolleyes: Das dürfte daran gelegen haben, dass England zur damaligen Zeit auf den meisten Gebieten der Technik und Wissenschaft weit vorne lag.

    Allerdings gab es in der Epoche auch das Wirtschaftsmodell des Merkantilismus. Jeder Staat war bestrebt, sich wichtige Güter selber zu verschaffen, um nicht von anderen abhängig zu sein! Eine Folge davon war, dass es, je nach Land und Zweig, bestimmten Berufsgruppen verboten war, ihr Wissen anderen zugänglich zu machen.
    Ein Beispiel hierfür waren ja die Glasbläser bzw. -macher in Venedig! Ich habe mal in einer Dokumentation gehört, dass auf das Verlassen bzw. die Weitergabe der Betriebsgeheimnisse sogar die Todesstrafe stand. Und dennoch wurden auch immer wieder ausländische Fachleute unterschiedlichster Richtungen angeworben!

    Darüber hätte ich gerne mehr gewusst!;) Immerhin, war die Kenntnis von einer oder mehreren Fremdsprachen, damals nur einem kleinen Kreis von Leuten vorbehalten.
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    (aus dem Libretto der Operette "Der Zigeunerbaron" von Strauss jun.)
    es gab in diversen Branchen Werbertrupps zum anwerben - gelegentlich (in Sachen Militär) auch nicht ganz gewaltfrei...
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    zum Beispiel:
    zitiert aus Von der Anwerbung unter Katharina II. bis 1917 | bpb
     
    hatl gefällt das.
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im 18. Jahrhundert entwickelte sich GB zur dynamischsten Wirtschaftsmacht, die City of London überholte zu Beginn des Jahrhunderts Amsterdam. Dennoch war aber das große Vorbild im 18. Jahrhundert eher Paris als London.

    Frankreich war nach Rußland das bevölkerungsreichste Land Europas, Französisch löste Latein als Sprache der Diplomatie ab, und es war Sprache der meisten Höfe und auch Sprache der Intellektuellen, auch Sprache unzähliger "Fachbücher". Friedrich II. schrieb in französischer Sprache. Frankreich war das reichste Land Europas, und in der Seidenweberei, der Architektur, des Garten- und Landschaftsbaus, im Theaterwesen, in der Fortifikationskunst, der Medizin gehörten Franzosen zu den gesuchtesten Fachkräften.

    Was wenig bekannt ist, in Preußen wurde Tabak angebaut! Die preußische Tabakverarbeitung war alleine den Hugenotten zu verdanken.

    Zar Peter I. trieb sich in seiner Jugend sehr gerne in der Ausländersiedlung Moskaus herum, die sogenannte Nemezkaja Sloboda, die deutsche Vorstadt. Er nahm begeistert europäische Sitten und Gebräuche an und erkannte, dass Russland um Jahrzehnte, wenn nicht um Jahrhunderte zurücklag. Hier waren europäische "Fachkräfte" gefragt. Der Zar brach 1694 auf zu seiner "Großen Gesandtschaft" nach Europa. Peter verfolgte mehrere Ziele. 1. er wollte "Fachkräfte" anwerben.
    2. er versuchte Bündnispartner zu gewinnen
    3. Er wollte die Länder von denen er in Moskau gehört hatte mit eigenen Augen sehen

    Aus politischen Gründen besuchte er den anderen großen Herrscher der Epoche Louis XI. und Frankreich nicht.

    Seine Ziele waren Amsterdam und London, wo er den Schiffbau erlernte und Fachkräfte anwarb. Den Ausländern machte Peter große Zugeständnisse. Sie durften frei ihre Religion ausüben, genossen Steuerprivilegien oder Steuerfreiheit. In Amsterdam und London warb er Seeleute, Schiffsbauer, Kaufleute, Wissenschaftler an, aber auch Italiener, Franzosen und sehr viele Deutsche. Ein Freund war ihm der Schweizer Lefort, ein anderer hieß Patrick Gordon, stammte aus Schottland. Eigentlich wollte der Zar noch nach Venedig reisen, um dort Experten für den Galeerenbau anzuwerben, worin Venedig als führend galt. Dazu kam es aber nicht mehr, da ihn der Aufstand der Strelitzen davon abhielt.
    Nach Frankreich reiste der Zar erst, als er schon Zar der neuen Großmacht und Louis XIV. schon tot war. Für den Bau von St. Petersburg und die Gärten von Peterhof engagierte er Franzosen wie Le Notre und Le Blond.
     
    Riothamus, hatl und Ugh Valencia gefällt das.
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Es gab ja noch weitere Berufe in Deutschland, die nur den Hugenotten zu verdanken sind - oder auf die sie zumindest großen Einfluß genommen haben: Seidenstickerei, Handschuh- und Perückenmacher, Tapetenhersteller und Tapezierer, Gold- und Silberdrahtherstellung. Die Leder- und Tuchverarbeitung wurde durch Hugenotten angekurbelt; bessere Produktionsmethoden wurden durch Gründung von Manufakturen nach französischem Vorbild etabliert. Kassel wurde bspw. durch die Architektur von Simon du Ry, Sohn des hugenottischen Baumeisters Charles du Ry, maßgeblich geprägt.
    Die Aufnahme von Hugenotten in Deutschland war ja nicht nur durch die Religion begründet. Durch die Aufnahme versprachen sich die Landesfürsten auch wirtschaftliche Vorteile.
     
    Riothamus gefällt das.
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das gilt für die Anwerbung von "Kanonenfutter" und billigen Arbeitskräften zum Tabak, Reis und Baumwolle ernten und Zuckerrohrschneiden, wenn man "Fachkräfte braucht, die wissen wie man Seidenraupen züchtet, Tabak fermentiert, Schnupftabak herstellt, Schiffe oder Festungen baut, wendet(e) man in der Regel subtilere Methoden der Werbung und der Motivation an.

    Den Erfinder des Meißener Porzellans hielt August der Starke wie einen Gefangenen, aber das war doch bei der Anwerbung von Fachkräften, die über gefragtes Know How verfügten, doch recht ungewöhnlich. Während bei der Anwerbung von Soldaten, Seeleuten und billigen Arbeitskräften Kidnapping und der Alkohol sehr wirkungsvoll waren, wenn Handgeld zur Motivation nicht reichte, lockte man Fachkräfte eher mit Steuerprivilegien, Religionsfreiheit, Befreiung von Einquartierungen und Militärdienst-- also eher Zuckerbrot als Peitsche.
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Und, da der Begriff Nation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den Verhältnissen in Frankreich, Spanien und auf den Britischen Inseln herausspintisiert wurde, sieht es mit Nationalstaaten recht mau aus, was sich erst nach der Französischen Revolution allmählich ändert.
     
  8. schaf

    schaf Mitglied

    Auch qualifizierte Fachkräfte wurden mit Gewalt herbeigeschafft .
    Barbara Campanini – Wikipedia
    Als sein Auslieferungsersuchen an die Republik Venedig abschlägig beschieden wurde, ließ er kurzerhand den venezianischen Gesandten für London, der auf einer Reise preußisches Staatsgebiet durchquerte, festsetzen, worauf die Tänzerin unter militärischer Bewachung nach Berlin überstellt wurde

    Konkurrenz wird aus dem Weg geräumt.
    Die Karriere der Barberina in Berlin endete schließlich 1749 abrupt, als sie einen Heiratsantrag auf offener Bühne annahm, den ihr Carl Ludwig von Cocceji, der Sohn des preußischen Großkanzlers Samuel von Cocceji, machte. Ihr Vertrag wurde gekündigt; ihr Verlobter 18 Monate ins Gefängnis gesteckt.
     
  9. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Bei solchen Themen denke ich immer an den Begriff „Wanderjahre“.

    Und dann fällt mir der Schlesier Joseph von Eichendorff ein mit seinen Lied (Volkslied) „

    Wem Gott will rechte Gunst erweisen...“.​

    Er hatte den Text 1822 geschrieben. Die Melodie dazu stammt von Friedrich Theodor Fröhlich 1833.

    Wanderschaft war in einigen Zünften seit dem Spätmittelalter die Voraussetzung um nach Freisprechung/Lossprechung zur Zulassung zur Meisterprüfung.

    Hier mal ein paar bekannte Namen der Geschichte:

    · Robert Bosch,
    · Adam Opel,
    · Albrecht Dürer,
    · Wilhelm Hasenclever,
    · Johann Klepper,
    · Adolf Kolping und noch
    · Hans Sachs.

    Und noch paar Politiker:

    · Friedrich Ebert.
    · Wilhelm Pieck und noch
    · Walter Ulbricht.

    Ob man Gerhard van Wou, den Glockengießer aus den niederländischen Kampen, auch dazu rechnet, weiß ich nicht.
    Er jedenfalls war der Glockengießermeister der Erfurter Glocke „Gloriosa“. Gloriosa (Ruhmreiche) – die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt.
    Er war jedenfalls in den Niederlanden und quer durch Deutschland von Nord nach Süd, von West nach Ost unterwegs und goß Glocken.

    Ich lese hier was von Hugenotten. Sie waren ja die französischen Prodestanten Ihr Glaube war der Calvinismus.
    Nach der Pariser Bluthochzeit (August 1572) benannt nach „Massacre de la Saint-Barthélemy“ entstand ja eine Art Vertreibung.
    Viele siedelten sich dann in Deutschland an.
    Ein solches Schicksal kannte ich. Erfurt kam dadurch zu einer Teigwarenfabrik/Nudelfabrik und wurde 1793 so die älteste Nudelfabrik in Deutschland.
    Und die Ironie der Geschichte...
    Diese Nudelfabrik versorgte später die Truppen Napoleons mit Lebensmittel die er in Erfurt für seinen Russlandfeldzug aufstellte.

    Nachtrag:

    Bald hätte ich die polnischen Schnitter – so nannten wir sie – vergessen.
    Das mach ich am besten mit Kurt Tucholsky und seinem Gedicht von 1930:

    Zehntausend polnische Schnitter,
    die kommen nach Deutschland hinein;
    es wollen die pommerschen Ritter
    billig bedienet sein.
    Die beschimpfen den deutschen Arbeitsmann,
    weil der ihr Fressen nicht essen kann
    und nicht wohnt in dem Lumpenquartier.
    Und es erläßt der Herr Aristokrat
    ein Landarbeiter-Inserat
    auf Zeitungspapier,
    auf Zeitungspapier,
    auf polnischem Zeitungspapier.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Januar 2022
    Scorpio gefällt das.
  10. schaf

    schaf Mitglied

  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Manche der hugenottischen Einwanderer hatten nicht viel mehr als das nackte Leben retten können. Was sie mittbrachten, das war unschätzbares Know How und die französische Sprache und Kultur. An der französischen Sprache hielten viele Hugenotten noch mehrere Generationen fest. Marthe Rocoulle, die Friedrich Wilhelm I.und Friedrich II. erzog, sprach kaum ein Wort Deutsch. Theodor Fontane berichtet in seiner Autobiographie "Aus meinen Kindertagen", dass in der Familie Fontane Französisch gesprochen wurde. Das änderte sich erst durch das Debakel von Jena und Auerstedt 1806. Die Fontanes, die sich inzwischen als Preußen betrachteten, erschien es pietätlos, weiterhin Französisch zu sprechen.

    In Hessen-Kassel waren es nicht nur Techniken der Seiden- oder Tabakverarbeitung, die die Hugenotten mitbrachten, auch die Leinenverarbeitung wurde durch Hugenotten verbessert. "Weißzeug" und Leinen aus dem Schwalm-Eder Kreis wird heute bis nach Japan und Australien verkauft. Anfang der 1970er Jahre stand altes Brauchtum nicht sonderlich hoch im Kurs, Techniken drohten, auszusterben. Eine der letzten die noch die alten Techniken beherrschte, war eine gewisse Thekla Gombert (übrigens ein recht häufiger Name in Nordhessen) die diese Techniken bewahrte und später Kurse an der Volkshochschule gab.

    Doch zurück zu @Griffels Ausgangsfrage. Im 18. Jahrhundert waren nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte aus der Architektur, der Fortifikationskunst, der Seiden- oder Tabakverarbeitung oder aus dem Schiffsbau gefragt, sondern auch tüchtige Müller, Bauern und Viehzüchter.

    Für die Trockenlegung des Oderbruchs warb Friedrich II. Fachkräfte aus den Niederlanden an. Auch der hessische Friedrich engagierte Niederländer, daran erinnert heute noch die Holländische Straße in Kassel (in der Hallit Yozgat erschossen wurde) und das Viertel Nordholland. Anscheinend wurden auch Fachkräfte aus der Schweiz angeworben, die die Viehzucht und die Produktion der Butterherstellung verbessern sollten. Im Fachjargon der nordhessischen Landwirte ist ein "Schweizer" so etwas wie ein Oberknecht.

    Nach dem Großen Türkenkrieg wollten die Österreicher die neu eroberten Gebiete "peuplieren" und siedelten Bauern aus Hessen, Schwaben und der Pfalz dort an. In Siebenbürgen lebten seit dem Mittelalter Deutsche, die Siebenbürger Sachsen. Eine ähnliche Politik praktizierte Katherina II., die deutsche Kolonisten nach Russland holte. Die meisten Russlanddeutschen sind Nachfahren dieser Kolonisten. Die russische Sprache ist ähnlich reich an deutschen Fremdworten (Butterbrot, Kartoffel) wie die deutsche an französischen. Es gab sogar mal eine wolgadeutsche Sowjetrepublik.

    So unterschiedlich die Herrscher auch sein mochten und so unterschiedlich die "Fachkräfte", die Anreize, sie zu motivieren waren doch sehr ähnlich:
    -Religionsfreiheit
    -Steuerprivilegien
    - Befreiung von Militärdienst, Einquartierung, Frondiensten
    - Prämien, Belohnungen, Privilegien

    Schließlich müssen, wenn wir von "Fachkräften" im 18. Jahrhundert sprechen, auch die Juden erwähnen. Sie wurden freilich weit schlechter behandelt, als die Hugenotten, die Salzburger Emigranten, Banater Schwaben. Eigentlich boten nur das Juweliergewerbe und die Medizin gute Verdienst- und Aufstiegschancen. Für Bleiberecht und Religionsfreiheit mussten Juden zahlen. Dennoch gelang doch so manchem, sich nicht nur Wohlstand, sondern auch ein gewisses Ansehen zu erwerben. Mayer Amschel Rothschild kam über den Münzhandel mit Wilhelm I. von Hessen-Kassel zusammen. Während der Napoleonischen Kriege war es die Rothschilds, die die Besoldung von Wellingtons Armee organisierte. Anders, als der Propagandafilm "Die Rothschilds-Aktien auf Waterloo suggeriert, war die britische Regierung sehr mit dem Service zufrieden, und Wilhelm von Hessen hatte es den Rothschilds zu verdanken, dass Napoleon nicht an das Geld des Landgrafen herankam. Während Bankiers wie Rothschild oder Süß- Oppenheimer von Antisemiten als Klischee des jüdischen Wuchers und Finanzkapital verunglimpft wurden, waren jüdische Ärzte und Juweliere recht gefragt und beliebt. Das Juwelengeschäft war im Grunde das einzige Handwerk, das Juden gestattet war, und in der Technik des Diamantschleifens verfügten Juden über das höchste Know How. Namem wie Demant, Saphirstein, Rubinstein, Reinstein, Goldmann, Goldfinger erinnern an die Tradition von Vorfahren, die im 18. Jahrhundert im Juweliergewerbe tätig waren und Ende des 18. Anfang des 19. Jhds deutschsprachige Namen annahmen. In einer Gesellschaft, die Juden die vollen Bürgerrechte verweigerte und sich Schutz teuer bezahlen ließ, konnte eigentlich nur Bildung ein Weiterkommen garantieren. Unter den Juden gab es, zumindest unter der männlichen Bevölkerung praktisch keinen Analphabetismus. Jeder Junge musste die Thora lesen können. Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren viele Universitäten Juden verschlossen, aber es gab berühmte jüdische Hochschulen, die Jeschiwes. Im 18. Jahrhundert geriet aber das traditionelle Judentum auch in die Kritik von Juden, die von der französischen Aufklärung beeinflusst wurden, die Aufklärung war auch eine Strömung, die von jüdischen Intellektuellen getragen wurden, die sich der Haskala verpflichtet fühlten. Moses Mendelsohn, der Lessing zu der Figur von Nathan dem Weisen inspirierte, übersetzte die Bibel vom Hebräischen ins Deutsche. David Friedländer gründete in Berlin eine Freischule wo in Deutsch gelehrt wurde. Auch Jüdinnen engagierten sich im Geist der Aufklärung gründeten Salons wie Rahel Varnhagen.

    Aber auch im Textilgewerbe oder der Tabakverarbeitung spielten Juden eine Rolle, die über Know How verfügten. Einem Juden namens Heistermann, der eine Uniformmanufaktur besaß, verlieh Landgraf Friedrich II. das Privileg der Hohen Jagd.
     
    Pardela_cenicienta und Ugh Valencia gefällt das.
  12. schaf

    schaf Mitglied

    Griffel wird hauptsächlich das Abwerben von Fachkräften aus GB interessiert haben, also die Ausbreitung der Industriellen Revolution. Das fing wohl erst im 19. Jahrhundert an.
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    "Nationalstaaten" gab es im 18. Jahrhundert doch nur sehr wenige. Portugal und Spanien waren lange Zeit in Personalunion verbunden wie Sachsen-Polen, Dänemark-Norwegen, GB-Kurhannover. Irland, Belgien, Finnland, Norwegen und Italien gab es überhaupt noch nicht als selbstständige Staaten, von Luxemburg, Monaco und Lichtenstein gar nicht zu reden. Polen verschwand bis 1795 ganz von der Landkarte. Frankreich war so etwas wie ein kompakter Nationalstaat, dennoch gab es Regionen wo Niederländisch, Deutsch oder Italienisch gesprochen wurde. Das Heilige Römische Reich war ein Staatenbund von mehr als 1000 souveränen Staaten, in dem Deutsch, Niederländisch, Tschechisch, gesprochen wurde. Österreich war alles andere, als ein Nationalstaat. Deutschland gab es bestenfalls in der Phantasie einiger Intellektueller, die eine gewisse Gemeinsamkeit von Sprache, Brauchtum und Kultur anerkannten. Eine deutsche Nation gab es nicht, erst recht keine italienische oder tschechische. Es gab in praktisch jeder europäischen Armee ausländische Offiziere, Truppenteile gemischter Nationalität. Es war durchaus nicht ehrenrührig, den Dienstherrn zu wechseln. Statt der Nation galt die Loyalität viel eher einem Herrscherhaus. Prinz Eugen von Savoyen wurde als Italiener geboren, als Franzose erzogen Österreicher. In der französischen Armee dienten Iren, Schotten, Schweizer und Deutsche, in der kaiserlichen Panduren und Husaren aus Kroatien, Ungarn und Bosnien. In der russischen Armee Offiziere aus ganz Europa. Friedrich II. von Hessen brachte österreichische Offiziere aus dem Siebenjährigen Krieg mit in die hessische Armee. Unter seinem Onkel, dem König von Schweden, einige schwedische Offiziere. Als 28jähriger Oberst hatte John Chrchill, der erste Herzog von Marlborough unter Turenne gedient und Maastricht erobert. Später kämpfte er mit einer deutsch, britisch niederländischen Armee gegen die französischen Armeen. Vor der Schlacht von Malplaquet veranstalteten irische Offiziere aus der französischen und alliierten Armee ein Picknick.

    Bei der Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert ging es auch mitnichten darum, die Nation vorwärts zu bringen, was das auch immer heißen mochte, sondern den Abfluss von Kapital zu verhindern und Rohstoffe im günstigsten Fall im eigenen Land zu produzieren. In der Tafelrunde des Königs von Preußen dominierten Franzosen. Moses Mendelsohn wurde dagegen die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften verweigert.
     
  14. Griffel

    Griffel Mitglied

    Gott es getrommelt und gepfiffen! Wie immer sage ich erst einmal danke! Da kann man heute froh sein, dass man mittels eines Arbeitsvertrages beschäftigt wird! Wenn,:rolleyes: man sich die "Methoden" anschaut, die früher angewendet wurden.
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Griffel hat das geschrieben:
    Vom abwerben von Fachkräften aus Großbritannien war da keine Rede, und davon konnte eigentlich auch während der Zeit der Industriellen Revolution keine Rede sein. Was man aus GB importierte, waren Maschinen, wie man sie bediente dafür gab es Fachkräfte im eigenen Land.

    GB hatte den großen Vorteil, eine Insel zu sein. Es musste daher keine großen Armeen unterhalten, abgesehen davon, dass das Parlament keine starke absolutistische Armee geduldet hätte. GB verfügte über Kolonien und den Zugang zu begehrten Rohstoffen. Politisch entwickelte sich GB Anfang des 18. Jahrhundert zur stärksten Seemacht, und auch in Forschung und Lehre konnte sich die Royal Academy sehen lassen. Es konnte aber im 18. Jahrhundert keine Rede davon sein, dass GB allen anderen "Nationen" so überlegen war, wie @Griffel sich das vorstellt.

    Den größten Bedarf an Fachkräften hatte im 18. Jahrhundert wohl Russland, unter den Fachkräften die Peter I. und Katherina II. ins Land holten, waren zwar auch Briten beteiligt, die meisten Fachkräfte, Schiffsbauer, Architekten, Offiziere, Landwirte, Müller, etc., etc. ins Land holten, stammten aus ganz Europa, es waren darunter aber weit mehr Deutsche, Niederländer, Italiener und Franzosen darunter, als Briten. Bemerkenswert aber, dass auch ein (getaufter) Jude wie Peter Schafirow bei Peter Karriere machen konnte.

    Die Wissenschaft war aber auch im 18. Jahrhundert ziemlich kosmopolitisch und international. Als das britische Parlament den Longitude Act erließ. Es wurde dem 20.000 Pfund zugesagt, der den Längengrad auf 1/2 ° bestimmen konnte. Bei der Lösung waren Wissenschaftler aus ganz Europa beteiligt. Die (mechanische) Lösung für ein astronomisch-mathematisches Problem fand allerdings der Tischler John Harris, der ein Schiffschronometer erfand, das genau genug war, dass man die Zeit von zuhause sozusagen mitnehmen konnte. Der Nullmeridian wurde später auf den Standort der Sternwarte von Greenwich festgelegt.
     
  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Hast du die Beiträge nicht gelesen? So schlecht waren doch die Bedingungen nicht, mit denen man qualifizierte Fachkräfte im 18. Jahrhundert anwarb und zu motivieren versuchte.

    -Steuerfreiheit,
    -Befreiung von Militärdienst
    -Privilegien
    - Gute Gehälter

    Es war ja eben nicht so, dass man im 18. Jahrhundert Fachkräfte mit dem Lasso eingefangen hat oder der Motivation und "Freiwilligkeit" mit Schnaps, Stockschlägen und Kidnapping auf die Sprünge half, wie es bei der Anwerbung von Soldaten und Seeleuten so oft geschah.

    Auch hier wird man differenzieren müssen: Gewalt kam bei der Anwerbung von Soldaten natürlich vor, es kam sogar häufig vor, aber es war eben nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Die meisten Soldaten und Seeleute im 18. Jahrhundert hatten eine förmliche Kapitulation abgeschlossen, hatten Handgeld empfangen. Das waren im 18. Jahrhundert durchaus attraktive Summen. So attraktiv, dass manche Gauner daraus ein Geschäft machten. Ein fränkischer Gauner, der schließlich gehenkt wurde, hatte sich mehr als ein Dutzend mal anwerben lassen und war jedes Mal nicht nur mit dem Handgeld, sondern auch mit einem Pferd stiften gegangen.


    Wenn man sich so manche modernen Arbeitsverträge durchliest, so waren die Anreize die europäische Monarchen Fachkräfte boten, durchaus attraktiv. Es war eher ungewöhnlich, dass August der Starke den Erfinder des Meißner Porzellans wie einen Gefangenen hielt. Prämien und Attraktionen wurden nicht nur Spitzenfachkräften gewährt wie Festungsbaumeistern, Kanonengießern, Wissenschaftlern. König Friedrich verfügte, dass preußische Mägde bei niederländischen Fachkräften lernten, erstklassige Butter herzustellen. Diese Buttermägde wurden dann vorteilhaft verheiratet, und bekamen vom König ein Geschenk für die Aussteuer.

    Peter I. fand einmal ein anonymes Schreiben, in dem ein Leibeigener einige kluge Verbesserungsvorschläge gemacht hatte. Der Zar ließ herausfinden, wer der Verfasser war und machte ihn zum Chef einer Kanzlei. Ibrahim Petrowitch Hannibal wurde Peter von einem türkischen Botschafter als Sklave geschenkt, er stammte aus Afrika. Peter sorgte für eine gute Ausbildung. Abraham Petrowitsch, Peters Patenkind, stammte aus Eritrea. Er wurde Generalmajor der Armee, Gouverneur von Reval und der Urgroßvater von Alexander Puschkin.

    In der Regel wurden im 18. Jahrhundert "Fachkräfte", Leute, die eine gefragte Tätigkeit beherrschten durchaus gut behandelt, und man versuchte viel eher sie mit "Zuckerbrot" zu locken, statt mit der Peitsche anzutreiben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Januar 2022
    dekumatland, hatl, Riothamus und 2 anderen gefällt das.
  17. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im Rahmen der Bartholomäusnacht kam es zu furchtbaren Gemetzeln, dennoch konnten die Hugenotten großen Einfluss bewahren. König Heinrich IV. war "Paris eine Messe wert", die Hugenotten aber auch das Edikt von Nantes, das ihnen Glaubensfreiheit gewährte. Die politisch militärische Macht der Hugenotten brach Richelieu, nachdem er La Rochelle eingenommen hatte. Der große Exodus der Hugenotten setzte aber erst ein, nachdem Louis XIV. 1685 das Edikt von Nantes widerrief. Rückblickend betrachtet sicher einer seiner größten Fehler.

    Brandenburg-Preußen und Hessel-Kassel gewannen jedenfalls erstklassige Fachkräfte, die in Wissenschaft und Technik, im Bau- und Heerwesen, aber auch im Kulturbetrieb bald schon eine wichtige Rolle spielten. In der Bevölkerung freilich sahen viele die Privilegien der Hugenotten mit gemischten Gefühlen und sprachen von einer Bevorzugung der Einwanderer.
     
    Ralf.M gefällt das.
  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ergänzend ist zu sagen, dass die Anwerbung von "Fachkräften" insofern von Landesgesetzen eingeschränkt wurden, weil viele deutsche Staaten Auswanderung verboten, weil sie natürlich kein Interesse haben konnten, wenn Fachkräfte und Steuerzahler ihnen für immer verloren gingen. Die Anwerbung von Kolonisten erforderte zumindest eine Duldung von Fürsten oder auch Kantonen.

    In gewisser Weise waren natürlich auch Soldaten Fachkräfte, es dauert 20 Jahre bis ein Soldat wächst, ausgebildet ist. Soldaten und Seeleute tragen aber auch Waffen und geraten schnell außer Kontrolle. Nach den Erfahrungen des 30 Jährigen Krieges gelang im 18. Jahrhundert durchaus so etwas wie eine Zivilsierung der Kriegskunst. Selten in der Militärgeschichte wurden Kriegsgesetze genauer eingehalten, liefen Schlachten und Belagerungen formalisiert ab. Im Zeitalter der Kabinettskriege konnten Zivilisten, die nicht unmittelbar durch Kontributionen betroffen waren, vom Krieg keine Notiz nehmen. Der Preis für diese "Zivilisierung" war allerdings, dass "gemeine" Soldaten wie selten in der Geschichte in den absolutistischen Armeen des 18. Jhds einer Sozialdisziplinierung unterzogen wurden, die ziemlic barbarisch war.
     
  19. schaf

    schaf Mitglied

    Warum gab es dann in Preußen ungefähr so viele zivile Opfer wie getötete Soldaten ?
    Polnische Grenzregion - Fotos, Videos und Informationen, rund um das Oderbruch
    Diese war vor den anrückenden, plündernden und mordenden russischen Kosaken auf ein Nachbargut geflohen.
    Eine gute Entscheidung, denn die Kosaken richteten in Tamsel ein regelrechtes Blutbad an. Sie plünderten nicht nur das Dorf und auch das Schloß regelrecht aus, sie ermordeten auch viele der Bewohner. Im Schloßpark lagen neben dem erschlagenen Lehrer der Wreechschen Kinder, die Leichen von über hundert geschändeter Bauernfrauen aus Tamsel.
     
  20. schaf

    schaf Mitglied

    rbb Preußen-Chronik | Der Soldatenkönig macht Schluss mit dem Pressen von Soldaten (1. Mai 1733)
    Die preußischen Werber sind in ganz Deutschland berüchtigt. So wehrt sich 1731 Hannover:
    „Preußische und andere Werber... sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer unserer Hoheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. ... Wer einen preußischen Werber tot oder lebendig einliefert, erhält aus der Kreigskasse fünfzig Taler.“

    rbb Preußen-Chronik | Begriff: Pressen
    verstärkte Anwerbung von Soldaten ausdrücklich "ohne große Gewaltätigkeit"
     

Diese Seite empfehlen