5 Todesurteile 1917 und nur 2 vollstreckte? Warum?

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Köbis17, 28. März 2011.

  1. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt


    Die Frage zu diesen Thema resultiert aus dem Epochenthread zum Jahr 1917.

    Was und warum wurden nun ausgerechnet von den 5 Rädelsführen der Meuterei im Jahr 1917 in der Hochseeflotte 3 begnadigt? UNdwarum wurden ausgrechnet Köbis und Reichpietsch ohne Begnadigung hingerichtet?
     
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  2. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Beide standen der USPD nahe - und sie galten als Rädlsführer.
    Wie schon im anderen Thread: Ich glaube, hier wollte man ein Exempel statuieren - als Warnung.

    War für solche Hinrichtungen von Matrosen eigentlich auch die OHL zuständig?
     
  3. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied


    Ein paar Infos standen im Spiegel:

    DER SPIEGEL 49/1958 - Rüstzeit für Offiziere


    Man sieht, wie emotional dieses Thema noch im Jahr 1958 war, über vier Jahrzehnte nach den Vorfällen.
     
  4. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt


    Interessante Fakten, die der Sache nächer kommen, so waren die Meutereien 1917 nicht von politischer Motivation, sondern bildeteten eigendlich nur ein offensives Vorgegehen der Matrosen gegen die Missstände innerhalb der Hochseeflotte.
    Denn Umstand der Unzufriedenheit machten sich dann Linke politische Kräfte zu nutzen, doch von den politischen Agitatoren war nie einer an Bord eines Kriegsschiffes und konnte die Situation innerhalb der Marineangehörigen wahrnehmen.

    Ich behaupte jetzt, daß die Matrosen letzlich politisch Verführt wurden und für diese linke sozialistische Sache benutzt worden sind.


    Doch was mich immernoch interessiert wieso die Urteile bei 3 Matrosen in in eine Zuchthausstrafe umgewandelt wurde?

    Wer war alles verurteilt worden, als Rädelsführer der Meuterei Sommer 1917:

    Albin Köbis
    Max Reichpietsch
    Hans Becker
    Willy Sachse
    Wilhem Weber

    Wer von den Männern war vor der Dienstzeit schon politisch Aktiv, vor allem im Bezug auf die SPD bzw. später im Krieg die USPD?
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2011
  5. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Köbis:

    (Zitat: Wiki)

    Hört sich an, als wäre er schon sehr früh der USPD beigetreten, ist aber nicht korrekt, denn die USPD wurde erst 1917 gegründet, wenige Monate vor der Hinrichtung.


    Zu den übrigen:
    Reichpietsch: Keine politische Aktivität vor dem Krieg bekannt.

    Sachse: Politisch aktiv, beginnend in der Sozialisten Jugendbewegung, dann USPD und später KPD, von den Nazis hingerichtet.

    Weber und Beckers (mit -s): Nichts bekannt.
     
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  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Nein, die Marine war komplett von dem Heer getrennt.
    Bis 1918 gab es drei Behörden (Admiralsstab mit Chef der Hochsseflotte, sowie den Oberbefehlshabern der Ostseestreitkräfte und Auslandsgeschwader; Marinekabinett; Reichsmarineamt), von denen ab 1914 der Admiralsstab die Seekriegsleitung, innehatte, wärend für Personalfragen daß Marinekabinett zuständig war.
    Dies alles wurde ab 1918 dann aber unter der neu geschaffenen Seekriegsleitung zusammengfasst.
     
  7. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Das ist nicht richtig! Wenn eine politische Gesinnung nahegelegt wird, bedeutet es nicht Zeitgleich, daß der jenige auch Mitglied dieser Vereinigung ist.


    Lies mal alles dazu in diesem Link:
    Vier Stunden Protest

    Und in folgendem Link heißt es zu Willy Sachse:
    http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/102/102.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2011
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ich habe mal gelesen, Köbis und Reichpietsch hatten ein ziemliches "Vorstrafen-Register". Von dem her mussten die übers Messer springen.
    Der politisch aktivste war doch Sachse?

    Dittmann hat nach eigener Aussage auch dringend vor Aktionen gewarnt.
    Was Köbis? Reichpietsch? gar nicht gepasst hätte.
    Dittmann sagte, er hätte es Zeitlebens abgelehnt, Leute in Sachen hinein zu hetzen, die die Tragweite gar nicht abschätzen hätten können.
     
  9. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Zuletzt bearbeitet: 29. März 2011
  10. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Die Quote von 5 ausgesprochenen Todesurteilen 2 vollstreckte ist normal.
    In der deutschen Armee wurden z. B. während des Krieges von 150 ausgesprochenen Todesurteilen 48 vollstreckt.
    Anders war es bei den Briten: 3080 ausgesprochen, 346 vollstreckt.
    Franzosen dagegen: ca. 2000 zu 700
    Italiener: 4028 zu 750
     
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  11. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Sorry, Rurik, diese Info ist wenig hilfreich bei der Frage nach dem, warum hier eine Begnadigung an 5 der Verurteilten nachgereicht wurde.
    Bisher scheint es so, daß Reichpietsch und Köbis einfach aus Zufall als erste der 5 Hingereichtet wurden, bevor sich die Admiralität durch den Einwand der SPD Politiker klar war, welche Folgen diese Aktion bei den Matrosen der Hochseeflotte hervorrufen könnte.

    Eins scheint klar zu sein, dem Offizierskorps der Hochseeflotte war die Tragweite der Meutereien im Sommer 1917 nicht wirklich bewusst, denn wenn die Begründung der Wehrkraftzersetzung der Rädelsführer auf politischer Ebene gesucht wurde, könnte der wirkliche Grund für die Aktionen der Matrosen nicht erkannt werden, was dann auch erklärt, warum sich das Offizierskorps dieser Sache nicht annahm, sondern so weider Lebte, wie bisher, denn genau 1 Jahr später waren Sie es, die Aufgeknüpft wurden...

    Und dabei stellt sich dann die Frage, wer sich in Ungehorsamkeit gegenüber der Marine und ihrer eigenen Welt übte, die Mannschaften oder das Offizierskorps?

    Damit wäre der politische Aspekt eigendlich aussen vor.
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Dem interessierten Laien kommt es vor, wie wenn die Marineoffiziersonkels überhaupt nie nichts begriffen hätten.
    Beim Kapp-Putsch haben sie sich "der neuen Regierung (Kapp) zur Verfügung gestellt". Zu ihrem Glück waren die Deckoffiziere klüger, und haben sie unter Arrest gestellt.
    "Der 2. Zusammenbruch der Marine"

    Vermutlich hat der viele Zucker den ihnen der Kaiser in den H..... geblasen hat, die Gehirnwindungen endgültig verstopft.
     
  13. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich wollte mit den Zahlen sagen, dass es Usus war, Begnadigungen nachzureichen. Man erschoss nicht alle. Das war eine Quote oder Amnestie. Nicht mehr als die Hälfte erschießen. Bei der Auswahl schaute man dann sicher auch in den Lebenslauf und wie schon vorher erwähnt war Reichpietsch kein unbeschriebenes Blatt.
     
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  14. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Und auch Köbis nicht. Sachse allerdings auch nicht.

    Ich habe gestern noch kurz in die Urteile geschaut.
    Die Richter haben ein paar Tage nach dem Urteil eine "Begnadigungsempfehlung" für die drei (unter anderem) ausgesprochen. Der Scheer dann auch gefolgt ist.

    Wobei, (ich kann mich allerdings nicht mehr an die Quelle erinnern, also mit Vorbehalt) gezielt aktive SPD-Mitglieder für das Erschießungskommando ausgesucht wurden.
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Von den Urteilen und der Begnadigungsempfehlung her bestätigt sich dies aber nicht.

    Vielleicht noch eins,
    auch Dittmann von der USPD wurde im Feb. 18 in diesem Zusammenhang zu einer Gefängsnisstrafe verurteilt. Die im Okt. 18 ebenfalls auf dem Gnadenweg aufgehoben wurde.

    Sachse hat dann in den 20ern unter dem Pseudonym "Antinautikus" eine Schrift herausgegeben, in der die Justizmord-These aufgestellt wurde.
    OT: Sachse hat sich im 2.WK einer Widerstandsbewegung angeschlossen und wurde 1944 hingerichtet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. März 2011
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Am 25.8.1917 fand eine ("ganz geheime") Sitzung des Reichskanzlers mit den führenden Abgeordneten der Reichstagsparteien statt, darunter Ebert und Scheidemann. Es ging um die Vollstreckung von Todesurteile bzw. die Form der Bestrafungen.

    In der Sitzung haben sich die Abgeordneten einhellig gegen die Vollstreckung von Todesurteilen ausgesprochen ("das Volk würde das nicht verstehen, man würde nervös werden"), die Masse sei ohnehin Mitläufer und "milde zu behandeln". Anwesend war auch der Reichsanwalt Richter. Bei Sachse wurde zB festgehalten, er habe nur "Stichwortzettel" überbracht. Auch ein Vorgehen gegen die involvierten Reichstagsabgeordneten der USPD wurde "um Gottes willen abgeraten".

    Capelle fuhr die harte Linie in Bezug auf den engeren Kreis von 50-60 Inhaftierten: "Die Flotte steht vor dem Feinde, es gilt das Feldverfahren". Der Flottenchef sei bereit, Todesurteile "gegen Rädelsführer" vollstrecken zu lassen (tatsächlich wandelte Scheer einige am 3.9. in Haftstrafen um). Erzberger riet, genau zu prüfen, wer wirklich Rädelsführer sei; ebenso Stresemann, der sich "von der moralischen Mitschuld der USPD überzeugt" äußerte. Außerdem warnte er vor einem geplanten Generalstreik ma 2. oder 3.9.1917. Ebert bat darum, die Todesurteile nicht zu vollstrecken, der Urteilsspruch sei schon erschreckende Warnung genug. Michaelis schloß die Sitzung, man sei sich einig.

    Reichpietsch sandte am 30.8. einen Brief an seine Eltern, in dem er um ein Gnadengesuch beim Kaiser bat. Der Brief ging erst nach der Exekution zu. Auch bei den anderen müßten Gnadengesuche abgegeben worden sein.

    Scheer schrieb am 9.10. an den Kaiser, dass die Urteile und Vollstreckungen gewirkt hätten, und bezieht sich auch auf die Rädelsführer. Als solcher wird auch Reichpietsch im Bericht des Marinekriegsgerichtsrats Dobring angesehen: "sämtliche Fäden der revolutionären Bewegung in der Flotte gehen auf den Matrosen Reichpietsch zurück, ... fanatischer Anhänger nach russischem Muster". Dabei beruft er sich auch auf die "zuletzt unzweideutigen Zeugnisse von Sachse, Bräuner, Schlegel".

    Zitate aus: Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der Politischen Parteien, Zweite Reihe, Band I/2, Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914/18.
    Dort vollständiger Abdruck der zitierten Berichte und Protokolle.
     
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  17. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Vielen Dank für die Hintergrundinfos.
    So läuft das in Bananen-Monarchien(Staaten)

    Noch zwei Anmerkungen:
    Von den Richtern und Unterzeichnern des Urteils hieß übrigens einer Sachse einer Becker. Was einen nun doch irgendwie berührt.

    Die Urteile und insbesondere die Vollstreckungen sind im Deutschen Reich anscheinend außerhalb der Flotte so gut wie gar nicht wahrgenommen worden.
    Was, so vermute ich mal, gesteuert und beabsichtigt war.
    Mir anderen Worten, man wusste schon, was da für eine Sauerei gelaufen ist.
    Die Flotte sollte sehen und wissen, zu was die Admiralskis fähig waren, aber doch nicht der staatstreue Bürger. Der hatte ja auch schon länger nicht mehr richtig zu essen, und hätte vielleicht Verständnis haben können.
     
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  18. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Korrektur: Der Name des 2. involvierten Marinerichters war Weber.

    Das Gericht befürwortete am 28. August die Begnadigung von Sachse und Weber.
    Scheer milderte in seiner Bestätigungsorder am 3.9. außerdem noch die Todesstrafe von Beckers auf 15 Jahre Zuchthaus ab.
     
  19. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Sind die Todesurteile an Reichpietsch und Köbis vielleicht zu schnell vollstreckt worden?
    Immerin wurden u.a. die beiden als Rätelsführer für eine Meuterei verantwortlich gemacht, an der sich nicht nur ein paar kleine Gruppen von Matrosen beteiligten, sondern auf den Schiffen aller Geschwader, also hunderte von Matrosen insgesamt.
    Ich finde es somit unangemessen, eine Handvoll Matrosen zur Verantwortung zu ziehen, obwohl hier mehr Leute die Fäden gezogen haben müssen, schon allein aus der Masse der Beteiligten und das von verschiedenen Schiffen aus.

    Die überschnelle Ausführung von Todesurteilen wurde dann ja auch weitestgehen vertuscht, so wie repo es dartsellt.
    Wären die deutsche Bevölkerung und die Matrosen schon 1917 bereit für eine Revolution gewesen? Konnte mit der Umwandlung der Todesurteile das Entzünden der Flamme verhindert werden?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. April 2011
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vermutlich, eine gewisse Hast ist nicht zu übersehen.
    Die Parlamentarier hatten sich fast geschlossen dagegen ausgesprochen, und verwiesen auf die benötigte Ruhe an der Heimatfront. Die Furcht vor innenpolitischen Revolten war greifbar. Kam nicht auch die Friedensinitiative 1917 Mittelmächte/Papst hier quer?

    Über Köbis habe ich in den internen Akten (auch die gedruckten der Seekriegsleitung) nichts gefunden. Bei Reichpietsch wird klar, dass es ein Exempel sein sollte, und er intern für alles verantwortlich gemacht wurde. An die involvierten USPD-Parlamentarier traute man sich nicht heran, dass wurde als undenkbar fallengelassen.
     

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