Holocaust - Zeitgenössisches Verständnis?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von braunauge, 6. Januar 2017.



  1. braunauge

    braunauge Neues Mitglied

    also, schwierig, meine frage in eine kurze zeile zu packen. ich möchte erfahren, zu welchem zeitpunkt außenstehende (regierungen, behörden, dienste, etc) die systematik der vernichtung den verschiedenen behörden und abteilungen zuzuordnen vermochten? daran angehängt, stellt sich mir auch die frage, inwieweit zentrale funktionen (verbrechen) personen zugeordnet werden? wann und inwieweit war beispielsweise die rolle eichmanns bekannt?

    wäre auch für weiterführende literaturhinweise sehr dankbar.
     
  2. Adolina

    Adolina Gesperrt

    Gerade gekauft: Cesarani, David, Endlösung, Das Schicksal der Juden 1933-1948, Propyläen 2016, 1100 Seiten mit umfangreicher Bibliographie, Anmerkungen und Personenverzeichnis. Genügend Angaben zu Eichmann. Nach erster summarischer Durchsicht: es dürfte nichts Vergleichbares geben.
     
  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Falls ich die Frage richtig verstehe, geht es Dir darum zu wissen, wann der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung beschlossen wurde und ab wann er umgesetzt wurde?
     
  4. braunauge

    braunauge Neues Mitglied

    nein, ich möchte wissen, wann die alliierten die sytematik der judenvernichtung erfassten und wann sie die systematik den verschiedenen protagonisten zuzuordnen vermochten.

    es geht mir ausdrücklich um die äußere wahrnehmung. und eben auch darum, wann die personen innerhalb des vernichtungsapparats namentlich und in ihrer funktion ausländischen behörden bekannt geworden waren.
     
  5. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Es gab verschiedene Quellen, aus denen die Alliierten von dem Holocaust wußten. Dazu gehörten abgehörte Nachrichten deutscher Dienststellen, Berichte des Widerstands in den besetzten Ländern, es gab sogar einen SS-Offizier, der sich an den Vatikan wandte, um die Welt über den Holocaust zu informieren (https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Gerstein):

    s. https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgenössische_Kenntnis_vom_Holocaust#Alliierte
     
  6. braunauge

    braunauge Neues Mitglied

    danke.

    aber inwieweit waren die abläufe im system, die dynamik und vor allem die personen bekannt. um das beispiel eichmann noch einmal zu bemühen: ab wann war er den alliierten als täter bekannt?
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Wie ich schon geschrieben habe, waren einige schon während des Krieges bekannt. Hans Frank, der Gouverneur des General-Gouvernements, war bekannt und berüchtigt. Gleiches gilt wohl für den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß.

    Bei Eichmann konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden, ab wann er den Alliierten bekannt war. Als Schreibtischtäter stand er nicht so prominent im Licht der Öffentlichkeit. Aber wohl spätestens mit den Nürnberger Prozessen mußte er auch als einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust bekannt gewesen sein.


    Dann gab es eine spezielle Einheit (zumindest bei den US-Streitkräften), die nach Kriegsverbrechern suchte:

    https://de.wikipedia.org/wiki/War_Crimes_Program
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da könnte die Lektüre von Bettina Stangneth, Eichmann vor Jerusalem, interessant sein (habe das Buch leider selber nicht gelesen):


    Ausgehend von der Grundthese, dass Eichmann – ganz im Gegensatz zu seinen eigenen Behauptungen im Jerusalemer Gerichtssaal – keineswegs der unbedeutende und unbekannte Referent gewesen sei, sondern ein gefürchteter und bekannter Drahtzieher des Massenmordes, schildert die Autorin besonders im ersten Teil des Buches (S. 30-87) eindrücklich seinen Karriereweg. Auf dem Weg nach oben habe Eichmann es geschickt verstanden, sich gezielt und durchaus auch öffentlich in Szene zu setzen. Gegenüber den Juden habe er seine Macht herausgestellt, und gegenüber den Mitarbeitern anderer Dienststellen und Behörden des NS-Regimes habe er immer wieder darauf geachtet, dass seine „Leistungen“ als „Fachmann für Judenangelegenheiten“ angemessen wahrgenommen und gewürdigt worden seien. Diese These, dass Eichmann in seiner Zeit als „Judenreferent“ bewusst an seinem „Image“ gearbeitet habe, ist ungewöhnlich, erscheint aber auf der Basis des ausgebreiteten Materials und auch der jüngeren Forschungen überaus plausibel: Eichmann wollte „bedeutend“ sein und wurde bekannt – und so hatte er allen Grund, nach dem Ende des Krieges unterzutauchen und schließlich 1950 nach Argentinien zu fliehen.

    Rezension zu: B. Stangneth: Eichmann vor Jerusalem | H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften
     
  10. Sergey Romanov

    Sergey Romanov Neues Mitglied

    Ich kann vielleicht ein paar Worte über die sowjetische Perspektive sagen, wenn auch nicht viel.

    Es ist üblich, am Ende der sowjetischen Verhörprotokolle aus der Kriegszeit ganze Verdächtigenlisten mit Kurzbeschreibungen zu finden, die folgendermaßen aussahen (aus meinem Blogpost über die sowjetischen Auschwitzberichte hier):

    From the number of traitors among POWs we know: "[nickname unclear]" - served camp commandant and betrayed honest Soviet people.

    "[nickname unclear]" - from Western Ukraine, not only denounced Soviet people, but personally strangled many people.

    BARANOV Jakov, 26-27 years old, worked at bread dispensation, taunted Russians in many ways, decreased scanty bread ration which they were receiving.

    "VAN'KA" - /"SPITZMAUS"/, 2[?] years old, short, Russian, who also denounced honest Soviet people.

    "[nickname unclear]" - 27-28 years old, from Western Ukraine, sergeant-major according to rank, active assistant of Gestapo.

    All of them were greatly trusted by the Germans.​

    Die Angaben unterschieden sich natürlich erheblich voneinander je nach Status und Wissensstand der Verhörten.

    Während des Kriegs wurden offensichtlich deutsche Kriegsgefangene, Flüchtlinge aus den KL, sowjetische NS-Kollaborateure, usw., und dann, nach und nach, einzelne Kriegsverbrecher, das festgenommene KL-Personal, die befreiten Opfer und Bystander (usw.) verhört. Das muss also eine Riesendatenbank (gewesen?) sein.

    Mir sind leider keine zusammenfassenden Studien bekannt, die eine Analyse dieser Verhördaten durchgeführt hätten. Es dürfte jedoch klargeworden sein, dass die Sowjetunion über eine massive Informationssammlung bezüglich der Geschehnisse auf den besetzten Gebieten verfügte, inklusive der Infos über die Holocausttäter - und das relativ frühzeitig.

    In der Tat: im späten 1942 verfasste das NKWD (namentlich Sudoplatow) einen Bericht für Molotow, der den Holocaust ziemlich tiefgehend anging und, ausnahmsweise, nur dem gewidmet war (so Besymenskij). (An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass die übliche sowjetische Informationspolitik bezüglich des Holocausts dem vermeintlichen sowjetischen Internationalismus unterstand, weswegen es sich im offiziellen Babij-Jar-Bericht nur um "friedliche sowjetische Staatsbürger" handelte und im offiziellen Auschwitzbericht der Untersuchungskommission für Faschistenverbrechen überhaupt keine jüdischen Opfer einer Erwähnung gewürdigt wurden).

    In diesem Bericht wurde sogar die Tötung mittels Blausäure erwähnt. Er sollte als Basis einer offiziellen Stellungnahme der Sowjetunion zum Judenmord dienen. Es wurde ein Erklärungsentwurf für Molotow erstellt, der aber nie zum Einsatz kam, da die Sowjetunion sich dann einfach der Alliiertenerklärung über den Judenmord vom 17.12.1942 anschloss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2017

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