Russische Revolution

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Nergal, 28. Juli 2013.



  1. Nergal

    Nergal Neues Mitglied

    Eine Frage zur russischen Revolution, die gelegentlich auftaucht:
    Haben Lenin, Trotzki usw. die Revolution nach deren letztendlichem Gelingen "gekapert", und die nun gefährlich gewordenen Beteiligten die dem System nicht mehr trauten beseitigt (-->Kronstadt)?

    Kann man sagen dass die Revolution durchgehend
    von der Person Lenins usw. abhing?
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

  3. Rurik

    Rurik Neues Mitglied

    Ohne Trotzki z.B. wäre Lenin nicht weit gekommen. Revolutionen entwickeln zudem, wie Kriege, immer eine unberechenbare Eigendynamik.
    Wofür Lenin allerdings unbdingt stand, war die Diktatur des Proletariats und deren bedingungslose Durchsetzung. Ohne ihn hätte es ein liberaleres Wirtschaftssystem geben können. Das driftet aber wieder in Utopien ab.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nein, sagt zumindest Rabinowitch. Der wohl mit seinen drei Bänden zur RR als eine wichtige Referenz angesehen werden kann.

    Ansonsten ist im Forum zu dem Thema bereits einiges gesagt worden.

    Die Sowjetmacht: Die Revolution der Bolschewiki 1917 - Alexander Rabinowitch - Google Books

    Prelude to Revolution: The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising - Alexander Rabinowitch - Google Books

    The Bolsheviks Come To Power: The Revolution Of 1917 In Petrograd - Alexander Rabinowitch - Google Books

    The Bolsheviks in Power: The First Year of Soviet Rule in Petrograd - Alexander Rabinowitch - Google Books

    Und Lenin stand zum Teil für unterschiedliche Ziele und seine Schriften reflektieren in starkem Maße die politische Situation. Das gilt sowohl für die Zeit vor 1917 , für das Jahr 1917 und dann auch in der Folge während NEP und seinem "Testament". Er sehr gute Darstellung bietet Lih zu Lenin:

    Lenin - Lars T. Lih - Google Books

     
  5. hjwien

    hjwien Neues Mitglied

    Nun schreiben wir das Jahr 2017 - 100 Jahre Russische Revolution. Ich habe am Dienstag den Themenabend auf arte verfolgt. Da ich mich nie weiter mit dem Thema beschäftigt habe, als meine stringent auf die Oktoberrevolution ausgerichtete Schulbildung mir nahelegte, war ich ganz fasziniert von den wechselvollen Ereignissen zwischen der Februarrevolution und dem Oktober.
    Dadurch angeregt habe ich mal ein wenig bei Rosa Luxemburg gelesen, die auf der einen Seite meinte, daß es stets die radikalen Kräfte innerhalb einer Revolution seien, die diese vorantreiben - sie verwies unter anderem auf die Jakobiner, ohne aber deren Scheitern zu thematisieren - und die deshalb meinte, daß es folgerichtig sei, daß nur die Bolschewiki die Macht letztlich ergreifen konnten - und auch hier übergeht sie die Erfahrungen der gescheiterten Revolutionen wie zum Bsp. die Pariser Kommune - und auf der anderen Seite den Bolschewiki vorwirft, nicht radikal genug gewesen zu sein, zum Beispiel in der Agrarfrage oder auf der nationalen Ebene.

    Ist das so? Lief es denn quasi automatisch auf die Bolschewiki, die ja eigentlich eine Minderheit waren, hinaus, nur weil die anderen Kräfte inkonsequent waren, oder hätte sich nicht auch auf der strukturellen Ebene das bürgerliche Lager durchsetzen können?

    Und, quasi in der Fortsetzung dieses Gedankens: War die Entwicklung der Sowjetmacht in ihrem letztlich doch verhängnisvollen Verlauf ein Ergebnis des Bürgerkrieges, oder war diese Entwicklung bereits von Anfang an in der Logik der Radikalisierung der Bolschewiki vorhanden?
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Luxemburg ist eine intelligente und geistreiche Frau gewesen. Ihre Bedeutung für die russische Revolution kann man aber wohl eher als gering einschätzen.

    Deutlich spannender wäre es gewesen, neben den üblichen "Verdächtigen", wie Lenin oder Stalin, sich vor allem mit Trotzki zu beschäftigen (vgl. die engagierte Darstellung bei Deutscher)

    Noch interessanter, weil in Deutschland nahezu nicht zur Kenntnis genommen, die Person von Bukharin und seine Rolle als "Parteiideologe". Vor allem seine Arbeiten zum Verhältnis von Proletariat und der Bauerschaft. Ein extrem ideologisch belastetes und spannungsreiches Verhältnis. (vgl. Cohen)

    Ebenfalls interessant, weil in der Wahrnehmung der Russischen Revolution fast völlig untergegangen, die "utopischen" Ansätze für neue Lebensformen in der postrevolutionären Phase (vgl. Stites)

    Und dann natürlich eine der Standardtexte zur Entwicklung des Stalinismus von Kotkin, der den Modernisierungsprozess beschreibt. Und damit auch die Hoffnungen der "Moderniserungsgewinner" der Revolution und auch die Schattenseiten einer brachialen menschenverachtenden Industrialisierungspolitik.

    Zwei so unterschiedliche Autoren wie Hildermeier oder Hobsbawm verweisen auf den hohen Organisationsgrad, der den Erfolg der Bolschewiki erklärt.

    Und ein weiterer Punkt ist wichtig, der gerne übersehen wird, weil er quer steht zur "normalen" Argumentation. Es ist der russische Nationalismus, der die Kooperation von Teilen des ehemaligen zaristischen Offizierskorps ermöglicht und was noch wichtiger war, die Kooperation der ehemaligen zaristischen Administration. Unter dieser Perspektive bewahrten die Bolschewiken die nationale Einheit, so explizit Hobsbawm.

    Ja, und die Logik ist, dass zur Revolution die "Soldaten" gebraucht werden. Die benötigt man aber nach der Revolution nicht mehr, sondern Personen die integrieren können und die andere Formen des Diskurses beherrschen wie über "Kimme und Korn". Bedauerlicherweise ist die Eitelkeit dieser "Revolutionäre" dann jedoch zu groß, um dann zur Seite zu treten und "Nicht-Soldaten" den Platz zu räumen.

    Fairerweise wird man jedoch konzidieren müssen, dass die Militarisierung der Innenpolitik durch den Bürgerkrieg begünstigt wurde. Erschwerden kam die Isolation der UdSSR hinzu, die eine "Einkreisungs-Psychose" bei Stalin erzeugt hatte. Und nach 1932, ein Jahr in dem Stalin explizit mit Bezug auf den Faschismus bereits den Konflikt mit dem DR in ca. 10 Jahren vorhergesagt hatte.

    Vor diesem Hintergrund verstand sich die Planwirtschaft als friedenmäßige Kriegsproduktion und man ging davon aus, dass diese Form der Wirtschaftsplanung anderen überlegen sei. Man befand sich somit seit 1932 bereits mental im Krieg. Und das steigerte sich im Jahr 1936, der Bürgerkrieg in Spanien, soweit, dass die Stimmung in Moskau sehr angespannt war (vgl. Schlögel)

    In diesem Sinne, eine Revolution, die Gewalt einsetzt als Mittel zur Systemüberwindung, verhindert, dass die positiven Anliegen der Revolution sich friedlich durchsetzen können.

    Diese Dynamik der Militarisierung der Innenpolitik kann man sehr gut historisch nachzeichnen in Kuba, nach der Schweinebucht.

    Cohen, Stephen F. (1980): Bukharin and the Bolshevik Revolution. A political biography, 1888-1938. With a new Introduction by the Authro. Oxford, New York: Oxford Univ. Press.
    Deutscher, Isaac (2015): The prophet. The life of Leon Trotsky. The one-volume edition. London, New York: Verso.
    Hildermeier, Manfred (1989): Die Russische Revolution. 1905-1921. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
    Hobsbawm, Eric J. (2014): Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. 12. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verlag
    Kotkin, Stephen (1997): Magnetic mountain. Stalinism as a civilization. Berkeley, Calif. [etc.]: University of California press.
    Schlögel, Karl (2016): Terror und Traum. Moskau 1937. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
    Stites, Richard (1991): Revolutionary dreams. Utopian vision and experimental life in the Russian revolution. 1. issued as an pbk., 1. print. New York [u.a.]: Oxford Univ. Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2017

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