Saint-Just und die Französische Revolution

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Chan, 6. November 2018.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Mir erscheint es sinnvoll, dem Thema Saint-Just mit all seinen Aspekten einen eigenen Thread zu widmen. Immerhin ist dieser junge Mann, der schon mit 27 starb und dessen politische Karriere gerade mal 22 Monate andauerte, die vielleicht schillerndste Figur der Französischen Revolution. Wäre er seiner Hinrichtung entgangen, hätte aus ihm vielleicht der neue Leader Frankreichs werden können, anstelle von Napoleon.

    Saint-Just machte sich in verschiedenen Bereichen einen Namen: Er war Mitautor der Französischen Verfassung von 1793, wobei das Ausmaß seines Beitrags umstritten ist; er war der Haupttheoretiker eines nie realisierten staatlichen Erziehungsprogramms; er war aktiver militärischer Entscheidungsträger in einer wichtigen Schlacht; generell gehörte er zu den energischsten Verfechtern eines radikalen revolutionären Programms, das die "wahre Tugend" (siehe unten letzter Absatz) auch um den Preis von Menschenleben, und das nicht zu knapp, in die Praxis umsetzen wollte. Das Terrorregime Mitte 1793 bis Mitte 1794 hat nach den offiziellen Zahlen aus Gerichtsunterlagen über 16.000 Menschen das Leben gekostet, und weitere ca. 40.000 Opfer gefordert, die ohne Prozess getötet wurden oder im Gefängnis starben.

    Was den ökonomischen Aspekt von Saint-Justs Erziehungsprogramm betrifft, muss ich meine Darstellung im Fragen-und-Antwort-Thread ergänzen: Zwischen den militärischen Phasen "Ausbildung" und "Dienst" liegt zwischen dem 17. und dem 21. Lebensjahr eine 4-jährige Phase der ökonomischen Ausbildung in der Landwirtschaft und im Handwerk, womit die Lücke, die Brissotin moniert hat, gefüllt ist. Das blieb aber alles nur Theorie, die niemals praktisch umgesetzt wurde, zumal sie in der Nationalversammlung gar nicht zur Abstimmung kam. Ein anderes ähnlich rigides Eziehungsprogramm, das des Jakobiners Felix Le Peletier, das den Frauen, ganz anders als bei Saint-Just, nicht weniger Chancen als den Männern einräumte, wurde 1793, nach Le Peletiers Ermordung durch einen Royalisten, von Robespierre in der Nationalversammlung zur Abstimmung gestellt, erlitt wegen seiner Strenge aber eine Abfuhr. Schließlich erhielt Ende 1793 Gabriel Bouquiers relativ liberales Erziehungsprogramm den Zuschlag.

    Was die Frauenfrage angeht, war Saint-Just, wie oben angedeutet, entsprechend den jakobinischen Idealen extrem konservativ: Eine Ausbildung für Frauen nach einem Alter von 6 Jahren ist in seinem Programm nicht vorgesehen, da ihr Platz zuhause bei ihren Müttern ist, bis sie heiraten und bei ihrem Gatten wohnen. Einzig in der Frage der Partnerwahl hatte Saint-Just frauenbezogen die damals sehr moderne Auffassung, dass eine Heirat auch für Frauen auf Liebe zu ihrem Partner beruhen sollte, statt ihnen aus ökonomischen Motiven von den Eltern aufgezwungen zu sein. Saint-Just hatte diese Idee, wie auch viele seiner politischen Ideen, von Rousseau übernommen, der sie in seinem Roman "Julie oder Die neue Heloise" von 1761 propagiert. Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, war Rousseaus Roman stark von Samuel Richardsons Bestseller "Pamela, or Virtue Rewarded" von 1740 beeinflusst, auch in besagter Frage, ob eine Ehe auf Pflicht oder Liebe beruhen sollte. Nun war das Insistieren des Puritaners Richardson auf der Heirat aus Liebe aber nichts anderes als das Eheideal der Puritaner, also der englischen Calvinisten, was dem entschieden anti-religiösen Saint-Just wohl gar nicht bewusst war, als er sich Rousseaus Idee aneignete. Ein persönliches Motiv war allerdings auch gegeben: Saint-Just hatte seine Jugendliebe Therese Gellé nicht heiraten können, weil sie eine Pflichtehe mit einem Sprössling einer reichen Familie eingehen musste, und soll darunter eine Zeitlang sehr gelitten haben.

    Saint-Justs Fokus auf einer rigiden Militarisierung der Gesellschaft wird vor allem aus der außenpolitischen Situation des revolutionären Frankreich verständlich, da Frankreich in jener Zeit mit Preußen und Österreich im Clinch lag. Louis XVI. hatte 1792 Preußen, Österreich und England um Unterstützung gebeten, nachdem Preußen und Österreich schon 1791 öffentlich erklärt hatten, die französische Monarchie notfalls mit Gewalt wiederherstellen zu wollen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen begannen im April 1792, wobei Frankreich den ersten Schritt machte. Saint-Just war als militärischer Entscheidungsträger aktiv an der wichtigen Schlacht von Fleurus (1794) beteiligt und hatte nach Ansicht mancher Historiker das Hauptverdienst am Sieg der Revolutionstruppen gegen die Armee der Koalition.

    Laut Saint-Just-Biograf Albert Ollivier war der Revolutionär das jüngste Mitglied der Freimaurerloge "La Loge des Amis Reunis", der auch der aufklärerische Philosoph Marquis de Condorcet angehörte, ein Verfechter der Frauenemanzipation, der Abschaffung der Sklaverei und der Abschaffung aller Privilegien des höheren Standes. Natürlich begeisterte sich auch Saint-Just für die letzteren Punkte, die zwei zentrale Forderungen der Freimauerei darstellten. Über jeden Zweifel erhaben ist die enge Verknüpfung der Jakobiner, zu denen Saint-Just und der Girondist (gemäßigter Jakobiner) Condorcet gehörten, mit dem Freimaurertum jener Tage. Man mag darüber debattieren, ob der eine oder andere Revolutionär einer Loge angehörte oder nicht, Fakt ist jedenfalls, dass einige wichtige Revolutionäre, auch in den USA, definitiv Freimaurer waren und dass revolutionäre Angelegenheiten in Logenkreisen besprochen und geplant wurden, was den freimaurerischen Einfluss auf das revolutionäre Denken im 18. Jahrhundert unbestreitbar macht.

    Zu einer öffentlichen Debatte um wahre und falsche Tugend im revolutionären Kontext kam es 1792, als die Pariser Aufführung einer Theateradaption von Samuel Richardsons Erfolgsroman "Pamela, or Virtue Rewarded" in der Comédie Francaise zur Verhaftung des Theaterautors führte, der nur knapp der Hinrichtung entging, nachdem er sich vor der Nationalversammlung umfangreich rechtfertigt hatte. Anklagepunkt war ein Dialog im Stück, in dem religiöse Toleranz als tugendhaft bezeichnet wird, was dem radikal-jakobinischen Tugendbegriff widersprach, demzufolge jedes religiöse oder das Religiöse tolerierende Denken ein Verstoß gegen die wahre Tugend ist. Die radikalen Jakobiner nutzten die Gelegenheit, das Stück zu zensieren, um den Girondisten, also den gemäßigten Jakobinern, eins auszuwischen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. November 2018
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Welche Historiker sind das?
    2 Und wie bewerten diese die Rolle von Jourdan?
     
  3. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Ich habe das eher noch untertrieben ("manche Historiker") dargestellt, da in meiner Quelle (sofern Wikipedia dafür gelten darf) für dieses Statement von "oft" die Rede ist und auch davon, dass selbst Gegner von Saint-Just dazu neigten, seinem Beitrag zum Sieg Priorität einzuräumen. Allerdings nennt die Quelle (Wikipedia: Saint-Just) keine Namen aus den von Lamartine. Es wird leider auch kein Quellenverweis angegeben außer:

    (Quellenverweis 11)

    Albert Soboul: Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte.

    (Verweis 12)

    Hans Peter Richter: Saint-Just und die Französische Revolution
    (hier wird Saint-Justs Anteil eindeutig in den Vordergrund gestellt, allerdings ist der Autor meines Wissens kein fachlicher Historiker)

    (Den Titel meines Threads habe ich nicht von Richter übernommen, der kam mir selbst in den Sinn.)

    Da du das Statement zu bezweifeln scheinst, würde ich mich freuen, wenn du das näher begründest. Details des Schlachtverlaufs sind ja zur Genüge überliefert.

    (Lange konnte sich Saint-Just über den Sieg nicht freuen, er wurde schon einen Monat später enthauptet)

    Im 10. Floréal (29. April 1794) verließ Saint-Just Paris und ging zur Nordarmee, wo er die zu Anfang des Jahres begonnenen Vorbereitungen für einen Angriff weiter fortsetzte. Er stellte dazu auch strategische Überlegungen an, die er mit dem Oberbefehlshaber, Jean-Baptiste Jourdan (1762–1833), besprach und durchsetzte. Tatkräftig hat er sich dann an verschiedenen Gefechten beteiligt. So an der östlichen Flanke der Front von Fleurus, wo der Übergang über die Sambre erst im siebten Versuch gelang und danach Charleroi, die größte Festung, die ein Weiterkommen an dieser Stelle blockiert hatte, endlich eingeschlossen werden konnte und sich sieben Tage später, am Morgen des 7. Messidor (25. Juni 1794), ergeben musste. Die Übergabe von Charleroi hat Saint-Just selbst entgegengenommen. Sein Verhalten dabei ist von einem hohen französischen Offizier in einem Bericht beschrieben worden. Als ein österreichischer Offizier einen Brief überbrachte, öffnete ihn Saint-Just nicht und sagte, dass er nicht die Übergabe eines Blattes Papier, sondern die der Stadt erwarte. Der Parlamentär meinte dazu, dass seine Truppen entehrt wären, wenn sie sich bedingungslos ergeben würden. Darauf antwortete Saint-Just wörtlich: „Wir können Sie weder ehren noch entehren, ebensowenig wie Sie die französische Nation ehren oder entehren können. Zwischen Ihnen und uns gibt es nichts Gemeinsames.“ Danach forderte er schroff, die Festung bedingungslos zu übergeben, dem der österreichische Befehlshaber dann bald darauf nachkam. Auch in der eigentlichen Schlacht bei Fleurus am nächsten Tag, hat er tatkräftig mitgewirkt und „die Kolonnen unablässig zum Angriff“[11] und damit zum Sieg geführt, durch den in der Folge die Engländer nach Holland und die Österreicher bis an den Rhein zurückgehen mussten und ein anhaltender Erfolg der Revolutionsarmee gesichert war.[12] Es ist oft behauptet worden und sicherlich kaum übertrieben, dass der Sieg von Fleurus der Sieg von Louis Antoine de Saint-Just gewesen ist. Sogar Saint-Justs Gegner wie zum Beispiel der französische Schriftsteller und Politiker Alphonse de Lamartine (1790–1869) haben in diesem Zusammenhang höchst anerkennend von ihm gesprochen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. November 2018
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Darstellung von Saint-Just finde ich sehr selektiv und dassauf die "Ventose-Dekrete" nicht hingewiesen wird, erklärungsbedürftig wie z.B. ausgeführt in der Rede von Saint-Just am 26.02.1974 (Fischer, S. 363). Auf diesen Aspekt des Wirkens von Saint-Just wird "oft" von Historiker abgestellt.

    Mir ist nicht ganz ersichtlich, woher das Interesse kommt, auf der Basis einer nicht klaren Quellenlage, die "Verherrlichung" von Saint-Just voran zu treiben. Und wenn man sich den Wiki-Artikel ansieht, dann bezieht er sich im wesentlichen auf Soboul, ohne dass ersichtlich ist, welche Quelle der benutzt.

    Kein anderer aktueller Historiker - soweit mir die Übersichtsdarstellungen und zur Militärgeschichte vorliegen - verweist in Bezug auf Fleurus auf Saint-Just, aber auf Jourdan. Zur historischen Einordnung wäre zu erwähnen, dass seine Abordnung an die "Front" während der Hochphase der "Terreurs" erfolgte und zu diesem Zeitpunkt kein Soldat es sich erlauben konnte, diesem "Scharfrichter" der Revolution zu widersprechen. Wollte er nicht Gefahr laufen, vor ein Militärgericht zu kommen.

    Schama beschreibt, dass Saint-Just wiederholt Offiziere "shot in front of their own troops, pour encourager les autres." (Pos. 13091)

    Chandler beschreibt die Schlacht analytisch und weniger prosaisch - wie der Wiki-Artikel - wie folgt und sieht in der gesamten Bewegung von Jourdan eine strategische Einkreisung im Rahmen einer "indirekten Annäherung":

    "Instead of besieging Namur as instructed, he left only a covering force to contain its garrison before moving on with a wing of the Armee de la Moselle to fall upon the rear of General Coburg in the vicinity of Charleroi. As soon as he learned what was afooot, Coburg ordered his army to fall back, which it did in haste and confusion and was consequently caught off balance in the subsequent battle of Fleurus (26.06.1794). (Chandler, Pos. 3867).

    Ansonsten, so exemplarisch Hayworth, war es die evolutionäre Innovation des taktischen Verhaltens der französichen Revolutionsarmeen, die die Lineartaktiken der professionellen Armeen veralteten ließ. Und an dieser taktischen Veränderung des Verhaltens auf dem Schlachtfeld hatte Saint-Just auch keinen Anteil. Schließlich und endlich war es für die französische Seite ein verlustreicher "Sieg"

    Ansonsten erscheint das "Hypen" von Saint-Just, das angeblich "oft" von Historikern vorgenommen wird, seinem realen militärischen Verständnis, im Verhältnis zur Kompetenz von Jourdan, nicht zu entsprechen. Wie man leicht aus dem weiteren - überwiegend erfolgreichen - Agieren der Armée de Sambre-et-Meuse unter Jourdan erkennen kann.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Armée_de_Sambre-et-Meuse

    Chandler, David G. (1995): The campaigns of Napoleon. New York, NY: Scribner (Volume I).
    Fischer, Peter (Hg.) (1974): Reden der Französischen Revolution. München: Dt. Taschenbuch-Verl.
    Hayworth, Jordan R. (2014): Evolution or Revolution on the Battlefield? The Army of the Sambre and Meuse in 1794. In: War in History 21 (2), S. 170–192.
    Schama, Simon (2004): Citizens. A chronicle of the French Revolution. London: Penguin Books.
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Folgt man Schama (S. 699ff) dann ergibt sich ein anderer Narrativ.
    Folgt man der Sicht von Robespierre dann war die Revolution selber eine Form von Schule für die Nation. Vor diesem Hintergrund war nicht der "Wohlfahrtsausschuss" das bedeutendste Organ, sondern das für die "Öffentliche Erziehung".

    Ein Komitee, dem seit dem Beginn der Revolution u.a. auch Talleyrand und Sieyes angehörten und die elaborierte Planungen für die Modernisierung des Schulwesens formulierten.

    Es war ein Michel Lepeletier, der den Plan verfolgte "Häuser der nationalen Erziehung" einzurichten. Nach seiner Ermordung durch Royalisten griff Robespierre diese Pläne auf.

    Diese Pläne waren allerdings auf "Sand" gebaut, da das Komitee erkennen mußte, dass die einzige kompetente und billige Institution, die Mönche etc., durch den Terreur derartig dezimiert worden sind, dass kein entsprechendes Personal zur Verfügung gestellt werden konnte, die Pläne umzusetzen.

    Saint-Just mag durchaus sich inhaltlich und konzeptionell eingebracht haben, da die Rousseau`schen Vorstellungen zum Staat und zur Pädagogik zu zentral waren für das Denken im Rahmen der "Aufklärung" während der FR. Aber ein "Haupttheoretiker" - das ist ein Alleinstellungsmerkmal, da es nur einen gibt! - war Saint-Just nicht.

    Insgesamt zielten die Pläne darauf auf, eine neue und moralischere Gesellschaft mit einem "Neuen Menschen" zu formen. Eine Idee, die nicht neu war (vgl. Sparta) und in der Folge in "Totalitären Gesellschaften" ins Extrem weiter entwickelt worden sind.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Michel_Le_Peletier_de_Saint-Fargeau

    Schama, Simon (2004): Citizens. A chronicle of the French Revolution. London: Penguin Books.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine buntschillernde These, die gemessen an der polarisierenden Wirkung von Saint-Just, mehr als zweifelhaft ist im Hinblick auf ihre Realisation. Dabei ist zu konzidieren, dass Saint-Just ein intelligenter Kopf war, ein sehr guter Redner und einen politischen Gestaltungswillen hatte.

    Dennoch wird die Einschätzung der Person von Saint-Just der komplexen und polarisierten Situation nicht gerecht, unter der sich der Terreur entwickelte. Ansatzweise wurde im folgenden Thread bereits das komplizierte Verhältnis von Revolution und Gewalt diskutiert. Und es wurde deutlich, dass ein "Terror-Regime" keine Möglichkeit hat, sich als Regime neu und anders zu erfinden. Und mit diesem Dilemma wäre Saint-Just auch in dem Moment konfrontiert gewesen, in dem die objektive Bedrohung der Republik – im wesentlichen durch die Konterrevolution von Außen – beendet gewesen wäre.

    Wer "Gewalt" als zentrale "Währung" in den politischen Diskurs einführt, wie die militanten Jakobiner es taten, der wird nie eine „Währungsreform“ machen können, sondern im Diskurs immer wieder – in der letzten Instanz - auf Gewalt zurück greifen müssen, um seine Ziele zu verfolgen. Mit der Konsequenz, dass die gesellschaftlichen Widersprüche zunehmen und sich in der Konsequenz gegen autoritäre Machthaber oder Diktatoren stellen. Diese Gesellschaften haben verlernt, Entscheidungen durch Verhandeln zu erzielen und so den grundsätzlichen gesellschaftlichen Konsens aufrecht zu erhalten. Und damit sowohl ihre Legitmität und Legalität sicher zu stellen.

    http://www.geschichtsforum.de/thema/gesellschaftlicher-umsturz-und-die-rolle-der-gewalt.38262/

    Es sei zunächst und vor allem an Machiavelli erinnert, der zur Durchsetzung der vom "Fürsten" (1513) definierten Staatsraison im Prinzip die "freie Wahl" der Mittel für legitim hielt. Diese Idee, dass die richtigen Ziele alle Zwecke heiligen würden, also auch der Einsatz von Gewalt, wurde in der Darstellung durch Machiavelli systematisiert und ist für nachfolgende autoritäre oder totalitäre Regime explizit oder implizit ein zentrales Paradigma ihrer Herrschaftsausübung.

    In diesem Kontext, so Reichardt (S. 162 ff) wird der Übergang vom eher spontanen Terror durch das „Volk“ bzw. durch die Sansculotten zur institutionalisierten politischen Unterdrückung im Oktober 1792 durch den „Wohlfahrtsausschuß“ vollzogen. Am 10. Oktober 1792 begründete Saint-Just im Namen des Wohlfahrtsausschusses die neue politische Linie. Er berief sich bei der Legitimation der Verschärfung des Einsatzes von drakonischen Strafen auf die notleidende Bevölkerung. Und Saint-Just formulierte: „Jeder, der sich dem Volk entgegenstellt, zählt icht mehr zum Souverän, und jeder der nicht mehr zum Souverän gerechnet wird, ist ein Feind.“ (ebd. S. 162). In der Konsequenz bedeuteten diese Maßnahmen die Entmachten der anderen Institutionen bzw. Ministerien der Revolutionsregierung.

    Andererseits organsierte sich im Konvent um Danton und Desmoulins eine oppositionelle Gruppe, die sich der diktatorischen Anmaßung durch den „Wohlfahrtsausschuss“ und dem verstärkten Einsatz von politischen Unterdrückungsmaßnahmen (Terreur) widersetzen wollten.

    Der Konflikt eskalierte und der Wohlfahrtsausschuss bezeichnete diese Gruppe als „tribuns sans peuple“ und hat sie als „Schädlinge des revolutionären Elans“ diffamiert, bis diese oppositionelle Gruppe am 5.4. 1794 auf der Guillotine eliminiert wurde.

    In der Zeit zwischen April und dem Ende Robespierres am 9. Thermidor (27.07.1794) fiel die Hochphase der politischen Verfolgung mit den meisten Hinrichtungen. Die dann beendet wurde durch die zunehmende Entfremdung und den Widerstand aus dem Konvent in Paris.

    Die dem Wohlfahrtsausschuss entfremdeten Sansculotten kamen Robespierre und seinen Mitverschworenen nicht mehr zu Hilfe. Eine Entfremdung, die der Wohlfahrtsausschuss selber zu vernatworten hatte. Er agierte zunehmend aggressiver und rücksichtsloser, obwohl die ursprüngliche Bedrohung von Außen und durch den Bürgerkrieg im Vendee weggefallen war. Das Beispiel im Kontext von Fleurus ist ausgeführt worden.

    In diesem politischen Umfeld agierte auch ein Saint-Just, der auch nur noch durch die drakonische Verschärfung von Strafen, den Gehorsam gegenüber dem Wohlfahrtsausschuss erzwingen konnte. Und damit seine ursprünglich demokratisch legitimierte Machtausübung delegitimierte, trotz des Bezugs auf die Werte der Französischen Revolution. Letztlich aber auch, weil er diese politischen Wertvorstellungen durch ein amoralisches Verhalten selber konterkariert hatte.

    Und es ist natürlich interessant, dass vor allem die als „Total“ bezeichneten Regime (und das ist ein kritisches Konstrukt!) diese Argumentationsmuster fortgeführt haben. Das betraf die Ideologie und die Herrschaftspraxis sowohl im Nationalsozialismus wie auch im Stalinismus. Die Argumentation in der Praxis der Schauprozesse folgte an vielen Punkten der Argumentationslogik des Wohlfahrtsausschusses.

    Und macht deutlich, dass revolutionäre Regime in der Phase einer Konterrevolution durchaus das Recht auf Gegenwehr haben, aber dieses ist im Rahmen der Gewaltenteilung zu organisieren, um den notwendigen Rechtsfrieden innerhalb der zukünftigen Gesellschaft wieder her zustellen.

    Und es mutet in diesem Zusammenhang skuril an, dass diese Argumentationsfigur des Volkes und der „Volksfeinde“ im Umfeld der rechtsextremistischen Parteien in Deutschland erneut stark an Bedeutung gewonnen hat. Die proto-faschistischen Wurzeln mancher Ideologien verlaufen teilweise differenzierter wie man denken könnte.

    Reichardt, Rolf (1999): Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verl.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. November 2018 um 21:11 Uhr
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