Selbstmord im 18. Jahrhundert

brabrabra

Neues Mitglied
Guten Tag,
ich möchte eine Hauarbeit über Suizid im 18. Jahrhundert schreiben und wie die Kirche v.a. die evangelische damit umgegangen ist.
Hierfür hätte ich gerne Leichenpredigten verwendet, kann aber keine finden.
Kann mir da jemand von euch helfen?
Liebe Grüße :)
 
Ich habe von dem Thema keine Ahnung, weil ich mich nie damit beschäftigt habe, unterliege mit Folgendem also möglicherweise einer Fehleinschätzung. Meines lückenaften Wissens wurde Selbstmördern aber konfessionsübergreifend die kirchliche Bestattung verweigert, weshalb sie außerhalb der Friedhöfe ohne großes Ritual bestattet wurden. Wenn dies stimmt, wirst du schwerlich Leichenpredigten finden.
 
Auch nicht mein Thema, aber mir ist bekannt das die Bibel z.B. sehr wenig dazu schreibt.
Mehr noch, in der Bibel findet man eher Aussagen dazu das Suizid sich nicht mit den Glauben an Gott vereinbaren lässt,
Der chrislichen Glauben vertritt ja die Ansicht, allein Gott verfüge über das Leben. Siehe dazu auch "2. Brief an die Korinther , Kapitel 12, Vers 10".

Es gibt aber auch zum Suizid Beispiele in der Bibel.

* Saul und sein Waffenträger etwa stürzen sich in ihre Schwerter, um ehrenvoll Angreifern zu entgehen (1. Buch Samuel Kapitel 31, Vers 1-6).
* Judas Iskariot hat sich dem Matthäusevangelium zufolge nach dem Verrat an Jesus erhängt (Evangelium des Matthäus Kapitel 27, Vers 5).
 
Johann Simon Rehm (1763-1828), ein evangelischer Theologe und Pfarrer in Ansbach, zuletzt Dekan in Weißenburg, schrieb ein Buch mit Vorlagen für Leichenpredigten. Darunter auch eine für "einen Unglücklichen, der sich aus Schwermuth selbst entleibt hat" (63) sowie explizit eine für Selbstmörder (64).

Ist mit Ausgabejahr 1802 leider knapp 19. Jh., doch der Autor stammt wenigstens aus dem 18. Jh.
 
Im Forum gibt es einen älteren Thread zum Thema »ins Wasser gehen«.(keine Ahnung, ob bereits im 18. Jh. verbreitet, aber eine für’s 19. Jh. typische Methode) Soll den Selbstmördern den eindeutigen Nachweis von Suizid erspart haben und damit auch die negativen Folgen.

Wie zum Beispiel in Herman Hesses Roman "Unterm Rad", der zwar Anfang des 20. Jahrhundert spielt, aber gegen Ende des 19. spielt. Für den begabten Schüler Hans Giebenrath ist das Bestehen des Landexamens und das Stipendium im Internat Maulbronn die einzige Möglichkeit, Abitur zu machen, das Schulgeld ist Hans Vater zu teuer. Hans Giebenrath schließt freundschaft mit dem renitenten Hermann Heilner, der schließlich, wie Herman Hesse selbst aus Maulbronn flüchtete. Giebenrath ist hochsensibel, gesundheitlich und psychisch aber labil, und all die wohlmeinenden Erzieher erkennen nicht, dass sie von Giebenrath zu viel fordern und nicht erkennen, dass sie es mit einer "ertrinkenden Seele" zu tun haben.

Hesse sagt in einem Kapitel, dass sich in jedem Jahrgang Schüler finden, die auf der Strecke bleiben, die wie der Schüler Hindinger im Eis einbrechen oder zu Strick und Kugel greifen.

Hans Giebenrath kommt nach einer Sauftour mit Kollegen, er musste das Kolleg Maulbronn verlassen und viel später als die Altersgenossen eine Lehre absolvieren, wird als "Landexamens-Schlosser" verspottend.

Der Erzähler lässt es offen, ob Hans im Alkoholrausch ins Wasser gefallen ist oder ob es,( wie geplant) ein Suizid war. Hesse schreibt in einem anderen Absatz, dass es (damals) relativ einfach war, an eine Schusswaffe zu kommen.

Als ein Suizid wird Hans Giebenrath Tod nicht gelesen, sondern als Unglücksfall. Dder Vater, die Lehrer sind "tief bestürzt", weil doch aus Giebenrath "etwas hätte werden können." Nur der Schuster und Pietist Flaig erkennt, dass man zu wenig Rücksicht auf die Ressourcen des Schülers nahm, und er sieht bei den Lehrern, beim Vater, auch bei sich selbst einen Teil der Verantwortung.
 
Johann Simon Rehm (1763-1828), ein evangelischer Theologe und Pfarrer in Ansbach, zuletzt Dekan in Weißenburg, schrieb ein Buch mit Vorlagen für Leichenpredigten. Darunter auch eine für "einen Unglücklichen, der sich aus Schwermuth selbst entleibt hat" (63) sowie explizit eine für Selbstmörder (64).

Ist mit Ausgabejahr 1802 leider knapp 19. Jh., doch der Autor stammt wenigstens aus dem 18. Jh.
das ist trotzdem ein sehr hilfreicher Beitrag, vielen Dank!
hättest du noch mehr solcher Quellen bzw. könntest du mir verraten wo du das gefunden hast?
Liebe Grüße :)
 
Der Begriff geht zurück auf das Auftreten einer „Suizidwelle“ nach der Veröffentlichung von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers im Jahr 1774 und seiner zahlreichen Nachahmungen (Wertheriaden). Dieses Phänomen wurde in der Wissenschaft kontrovers diskutiert: Während einige Forscher von einer Epidemie sprachen, verweisen andere auf die rückwirkend unzureichende epidemiologische Erfassung oder sprechen von keinen nachweisbaren Selbsttötungen in der Nachahmung von Werther.[1] Andere Forscher verweisen auf eine zweistellige Anzahl von Suiziden, die nachweislich in Zusammenhang mit dieser Buchpublikation gestanden hätten.[2] Ein Fall davon betrifft Christiane Henriette Sophie von Laßberg, die sich am 16. Januar 1778 in der Ilm ertränkte. Sie hatte angeblich ein Exemplar eines Werther bei sich.[3] In Adam Mickiewiczs romantischem Dramenzyklus Totenfeier (1823) begeht der Protagonist Gustaw Selbstmord auch unter dem Einfluss der Lektüre von Goethes Roman.
Aus: Werther-Effekt – Wikipedia

Die Suizidwelle mag (die Kontroverse beiseite gelassen) eher eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein, aber noch im 18.Jh.
 
Ganz prominent im 18. Jh. Goethes Bestseller
mit seinen Folgen (Werther-Effekt)

Die Leiden des jungen Werther das hat schon viele im 18. Jhd. getriggert, ganz wie der berühmt berüchtigte Chanson Szomoru Vasarnap Gloomy Sunday.

Der Songtext stammte von Laszlo Javor, die Melodie von dem ungarischen Pianisten Rezo Seress. Viele Musikverlage lehnten den Song ab, er wurde 1933 veröffentlicht, und der melancholische Chanson wurde recht bald bekannt, von unzähligen Interpreten gesungen, und er erlebte eine gewisse Berühmtheit als Chanson der Suizid-Kandidaten. Seress selbst nahm sich das Leben, und in vielen europäischen Ländern war der Song sogar verboten.

Leopold Pfefferberg erzählte von einer wilden Party mit Göth und Schindler, bei der ein SS-Offizier anwesend war, der sehr viele Juden auf dem Gewissen hatte. Dieser ließ sich immer und immer wieder den Gloomy Sunday vorspielen und erschoss sich zuletzt selbst.

Der Film Der Pianist behandelt die Geschichte des Songs und einer Dreiecksgeschichte.

 
Guten Tag,
ich möchte eine Hauarbeit über Suizid im 18. Jahrhundert schreiben und wie die Kirche v.a. die evangelische damit umgegangen ist.
Hierfür hätte ich gerne Leichenpredigten verwendet, kann aber keine finden.
Kann mir da jemand von euch helfen?
Liebe Grüße :)

Die Kirchen haben Suizid als eine schwere Sünde abgelehnt, Selbstmördern wurden häufig kirchliche Rituale verweigert, und auf Friedhöfen wurden sie in einer separaten Ecke bestattet.

Aus diesem Grund wurden (und werden) Suizide häufig als bedauernswerte Unglücksfälle getarnt. Da ist dann eben jemand ausgerutscht und in den Fluss gefallen, da hat jemand aus Versehen Gift geschluckt, da wurde ein Suizid als bedauerlicher Jagdunfall ausgegeben.

Solange ein Suizid nicht offensichtlich war, wird man wohl davon ausgehen können, dass die Kirchen da auch mitgespielt haben, wenn jemand beim Gewehrputzen umgekommen ist.

Als Erzherzog Rudolf von Österreich 1889 in Mayerling sich und seine Geliebte Mary Vetsera tötete, schaffte die Dienerschaft die tote Mary Vetsera aus dem Schloss, ganz so, als ob sie noch am Leben wäre, und man entschloss sich, es so zu drehen, als ob Rudolf in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit handelte, um ihm Zutritt zur Kapuzinergruft zu verschaffen.
 
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