Acies vs agmen - oder Aciagmen?

Du stellst dir vor, dass die Legionen dahin gemetzelt werden und die Trossführer einfach weiter ihre langsamen Karren und Maultiere aus der Schlacht heraus führen oder wie?

So langsam können die Karren und Maultiere des Trosses nicht gewesen sein. Wenn ich das Szenario richtig verstanden habe, müssen wir uns die Sache so vorstellen: Nachdem die Germanen die Verfolgung aufgenommen hatten, japsten sie rund 40 km hinterher (normalerweise zwei Tagesmärsche), bis sie den Tross endlich bei Kalkriese stellen konnten.

Bei den pontes longi sehen wir dann, dass die Truppen des Arminius ihre Lektion gelernt hatten: Diesmal wird zuerst der Tross geplündert, die "Elite-Römer" lässt man dagegen laufen, denn die bekommt man sowieso - der nächste Hohlweg bedeutet ihr sicheres Ende!
 
japsten sie rund 40 km hinterher (normalerweise zwei Tagesmärsche), bis sie den Tross endlich bei Kalkriese stellen konnten.
Und das ganz ohne Wasser.

In Kalkriese wurde der Tross dann aber nicht von den germanischen Bogenschützen erlegt.
Denn leider hat man keine Pfeilspitzen gefunden.
 
"Aha, d.h. das Lager in dem Varus gestartet ist kann nicht mehr als 30-40 Km Maximal entfernt gewesen sein!

Kalkriese-Minden ( nur als Beispiel) rund 60km Luftlinie!

D.h. du müßtest bei dieser Ausgangslager auch mit Hilfe heutiger topographischer Gegebenheiten in etwa die Marschroute und den ursprünglichen Lagerstandort bestimmen können!"

Mittelalterlager,
eine durchaus gute Frage.

Erlaube mir, hier noch einmal meinen Grundgedanken zu benennen und ich hoffe Du fusst mit Deiner Frage auf diesem von mir skizzierten Vorgang:

Tag 1
Varus bricht auf.
4 km/h Marschgeschwindigkeit.
Länge der Marschkolonne 10 km.
Nach 2,5 Stunden verlässt der römische "Schlusslegionär" das Lager.
.
Die Spitze des Zuges hat jetzt 10 km zurückgelegt.
6 Stunden wird marschiert.
Die Spitze des Zuges hat jetzt km 24 erreicht.

Hinter der Marschkolonne 14 km durchquertes Germanien.

Jetzt wird die Kolonne massiv angegriffen.
Sie kommt zeitnah zum Stehen.

"Aha, d.h. das Lager in dem Varus gestartet ist kann nicht mehr als 30-40 Km Maximal entfernt gewesen sein!"

Blieben also noch 6 bis 16 km nach Kalkriese.
Dort werden die Römer die es geschaft haben durchzubrechen niedergemacht.

Und jetzt fragst Du mich:

"D.h. du müßtest bei dieser Ausgangslager auch mit Hilfe heutiger topographischer Gegebenheiten in etwa die Marschroute und den ursprünglichen Lagerstandort bestimmen können!"

Und ich muss Dir antworten:

Hätte man alle technischen Hilfsmittel und eine "Tausendschaft grabender Archäologen" zur Hand, könnte man den ursprünglichen Lagerstandort bestimmen!

Aber es wurde stattdessen gut 30 Jahre "im Sandkasten Kalkriese gebuddelt"!
Warum sollte das sommerliche Stammlager gerade in der Gegend gewesen sein?
Treffen die Punkte zu, die dort ein Lager nützlich erscheinen lassen?
Wäre ein weiter östlicher Standort nicht erheblich günstiger gewesen?

Zum Lager:
Günstige Transportwege, reichlich Wasser ( auch zum Baden ), günstige Lage zu bevölkerungssreichen Siedlungsgebieten, genügend Ressourcen an Lebensmitteln, sehr gute strategische Lage zur Gebietskontrolle in weiterem Umkreis, usw.

Das alles sind Punkte die eine Verortung so nahe bei Kalkriese eher erleichtern, dazu noch die von dir angesprochenen Schlachtbedingungen.
 
Tag 1
Varus bricht auf.
4 km/h Marschgeschwindigkeit.
Länge der Marschkolonne 10 km.
Nach 2,5 Stunden verlässt der römische "Schlusslegionär" das Lager.
.
Die Spitze des Zuges hat jetzt 10 km zurückgelegt.
6 Stunden wird marschiert.
Die Spitze des Zuges hat jetzt km 24 erreicht.

Hinter der Marschkolonne 14 km durchquertes Germanien.

Jetzt wird die Kolonne massiv angegriffen.
Sie kommt zeitnah zum Stehen.

"Aha, d.h. das Lager in dem Varus gestartet ist kann nicht mehr als 30-40 Km Maximal entfernt gewesen sein!"

Blieben also noch 6 bis 16 km nach Kalkriese.
Dort werden die Römer die es geschaft haben durchzubrechen niedergemacht.

Und jetzt fragst Du mich:

"D.h. du müßtest bei dieser Ausgangslager auch mit Hilfe heutiger topographischer Gegebenheiten in etwa die Marschroute und den ursprünglichen Lagerstandort bestimmen können!"

Und ich muss Dir antworten:

Hätte man alle technischen Hilfsmittel und eine "Tausendschaft grabender Archäologen" zur Hand, könnte man den ursprünglichen Lagerstandort bestimmen!

Aber es wurde stattdessen gut 30 Jahre "im Sandkasten Kalkriese gebuddelt"!
Ja, schade dass die Archäologen so doof sind. Hätten sie vor 30 Jahren schon gewusst, dass die Varusschlacht nur einen Tag dauerte und Deine seit dem vergangenen Sonntag verfassten Beiträge bereits 1996 gelesen, hätte man sich das Herumbuddeln in Kalkriese und diese ganzen unnötigen Funde ersparen können.

Stattdessen hätte man eine Tausendschaft Archäologen - allerdings stets vom Tod durch Verdursten bedroht - zusammenziehen und einfach alles Land in 40 km Entfernung zu Kalkriese umgraben müssen.
 
Ja, schade dass die Archäologen so doof sind. Hätten sie vor 30 Jahren schon gewusst, dass die Varusschlacht nur einen Tag dauerte und Deine seit dem vergangenen Sonntag verfassten Beiträge bereits 1996 gelesen, hätte man sich das Herumbuddeln in Kalkriese und diese ganzen unnötigen Funde ersparen können.

Stattdessen hätte man eine Tausendschaft Archäologen - allerdings stets vom Tod durch Verdursten bedroht - zusammenziehen und einfach alles Land in 40 km Entfernung zu Kalkriese umgraben müssen.
Stradivari, ich danke Dir.

Du hast meinem Wochenende mit deinem enorm fundierten Beitrag das Sahnehäubchen verpasst.

Schmunzeln bis Montag.
Denk ich an Stradivari über Tag, ...
 
Warum sollte das sommerliche Stammlager gerade in der Gegend gewesen sein?
Treffen die Punkte zu, die dort ein Lager nützlich erscheinen lassen?
Wäre ein weiter östlicher Standort nicht erheblich günstiger gewesen?

Zum Lager:
Günstige Transportwege, reichlich Wasser ( auch zum Baden ), günstige Lage zu bevölkerungssreichen Siedlungsgebieten, genügend Ressourcen an Lebensmitteln, sehr gute strategische Lage zur Gebietskontrolle in weiterem Umkreis, usw.

Das alles sind Punkte die eine Verortung so nahe bei Kalkriese eher erleichtern, dazu noch die von dir angesprochenen Schlachtbedingungen.
!!
 
So langsam können die Karren und Maultiere des Trosses nicht gewesen sein. Wenn ich das Szenario richtig verstanden habe, müssen wir uns die Sache so vorstellen: Nachdem die Germanen die Verfolgung aufgenommen hatten, japsten sie rund 40 km hinterher (normalerweise zwei Tagesmärsche), bis sie den Tross endlich bei Kalkriese stellen konnten.

Bei den pontes longi sehen wir dann, dass die Truppen des Arminius ihre Lektion gelernt hatten: Diesmal wird zuerst der Tross geplündert, die "Elite-Römer" lässt man dagegen laufen, denn die bekommt man sowieso - der nächste Hohlweg bedeutet ihr sicheres Ende!
war es nicht so, daß 2 Legionen gen rettenden Ufer geflüchtet sind und damit der Troß schutzlos war?Sarkasmus oder so?
 
war es nicht so, daß 2 Legionen gen rettenden Ufer geflüchtet sind und damit der Troß schutzlos war?

Das dachte ich früher auch immer, aber jetzt habe ich nachgedacht! Nein, der flinke römische Tross wäre doch sofort ausgebüxt, wenn sich die Cherusker nicht gleich um ihn gekümmert hätten.
 
Du fragst Hohlwege?
Was glaubst Du wie breit waren die "Wege" im Freien Germanien des 1. Jahrhunderts.
30 Meter, habe ich hier im Forum gelesen.
Kann man nicht kommentieren.
Doch eher 4 bis 5 Meter an der Sohle, der "Hohlweg".
Das wäre schon breit.

Die Wege darf man sich nicht im modernen Sinn als durchgehende Trassen von wenigen Metern Breite vorstellen. Eher als ein Bündel von halbwegs parallelen und sich immer wieder kreuzenden Trampfelpfaden, das gilt sogar noch für die im Spätmittelalter entstehenden Hohlwege:

"Dem damaligen Stand der Transportmittel entsprechend stellten die frühen Verkehrsverbindungen Steige, d.h. Saumpfade, dar, die sporadisch von Fußgängern und Lastträgern, Reitern, leichten Karren und Lasttieren in das Gelände eingetreten worden waren und in der Erdoberfläche keine nachhaltigen Veränderungen hinterließen und sich deshalb heute nicht mehr nachweisen lassen. Zeitlich gesehen sind sie vom Neolithikum bis zum Mittelalter bestimmend gewesen. Als richtungsweisende Verkehrslinien pendelten sie in ihrer Führung in einem möglichen Verkehrskorridor von mehreren Kilometern in der Breite."
"Der Landesausbau und die damit verbundene Entwicklung der Städte mit ihrem regelmäßigen Marktverkehr hatten die Ablösung der Steige als Verkehrsbahnen zur Folge, und die hochmittelalterliche Straße tritt uns als neue Form entgegen. Die hochmittelalterliche Straße existierte als solche von Anfang des 13. Jh. bis zum Ende des 14. Jh. Sie war bestimmt durch den Einsatz des vierrädrigen Lastwagens, der eine intensive Hohlenbildung verursachte. Die Hohlen, meist in Vielspurigkeit, entstanden v. a. an Hanglagen und waren oftmals auf Fluß- und Bachübergänge bezogen. Die einzelnen Hohlen lagen meist dicht geschaart nebeneinander, wobei häufig Überschneidungen auftraten, woraus man heute wiederum Rückschlüsse bezogen auf ein relatives Alter folgern kann. Solche eindrucksvollen Hohlenbündel sind sehr zahlreich im Erzgebirge und Vogtland zu finden.



Hohlwegbündel sind an vielen Orten erhalten:
 
"Dem damaligen Stand der Transportmittel entsprechend stellten die frühen Verkehrsverbindungen Steige, d.h. Saumpfade, dar, die sporadisch von Fußgängern und Lastträgern, Reitern, leichten Karren und Lasttieren in das Gelände eingetreten worden waren und in der Erdoberfläche keine nachhaltigen Veränderungen hinterließen und sich deshalb heute nicht mehr nachweisen lassen. Zeitlich gesehen sind sie vom Neolithikum bis zum Mittelalter bestimmend gewesen. Als richtungsweisende Verkehrslinien pendelten sie in ihrer Führung in einem möglichen Verkehrskorridor von mehreren Kilometern in der Breite."
Wäre interessant zu wissen, was für Wagen die Römer verwendeten. Wenn die zu schwer für die Wege waren, heißt das wieder mehr Stress für Varus Jungs...
 
Von Clausewitz, der im Alter von 13 Jahren seine ersten militärischen Erfahrungen als Laufbursche im Graben und Fähnrich machte und so den Ersten Koalitionskrieg miterlebte, machte dann militärische Karriere, nahm quasi an den Koalitionskriegen teil.
Er macht sich gleichzeitig als guter Denker einen Namen, der durch seine Erfolge als Klassenbester im ersten Jahrgang der Kriegsschule sich die Türen bis zum Königshof eröffnete und war bei der Niederlage von Jena und Auerstädt dabei, ergab sich mit seinem Bataillon aber erst zwei Wochen später Murat.

Wir haben also jemanden, der über militärische Erfahrungen von Kindesbeinen an verfügte und darüber dann eben auch schrieb.

In seinem Hauptwerk Vom Kriege, im zweiten Teil, der mit dem fünften Buch beginnt, gibt es auch ein Kapitel über Märsche. In diesem Kapitel beschreibt er den Marsch in Kolonne als einen in Tropfen zerteilten Wasserstrahl und fordert, dass, wenn nicht unbedingt eine Schlacht unmittelbar bevorsteht, am besten gut ausgebaute Straßen verwendet werden, wenn aber ein Schlacht unmittelbar besvorsteht, sollen auch Nebenwege verwendet werden, damit möglichst alle Soldaten zum Schlachtzeitpunkt auch am Schlachtort sich befinden. (Also getrennt marschieren, gemeinsam schlagen, wie Moltke Jahrzehnte später befahl (das berühmte Zitat ist aber eher Paraphrase als Zitat))

dieses Auseinanderreißen, verbunden mit der übermäßigen Anstrengung, welche die Länge der Kolonne für die hintersten zur Folge hat,​
würde bald alles in Wirrwarr auflösen​


Wo man eine Schlacht erwartet, und es darauf ankommt, den passenden Punkt mit einer Truppenmasse zu erreichen, da trägt​
man kein Bedenken, dieselben nötigenfalls durch die schwierigsten Seitenwege dahin gelangen zu lassen; befindet man sich dagegen mit dem Heere gewissermaßen noch auf der Reise zum Kriegstheater, so werden die nächsten großen Straßen für die Kolonnen gewählt und Quartiere und Lager, so gut es gehen will, in ihrer Nähe aufgesucht.​
[...]​
Zu welcher der beiden Arten der Marsch auch gehören mag, so ist es ein allgemeiner Grundsatz der neueren Kriegskunst, überall, wo nur die Möglichkeit eines Gefechts denkbar ist, d. h. in dem ganzen Bereich des eigentlichen Krieges, die Kolonnen so einzurichten, daß die darin enthaltene Truppenmasse zu einem selbständigen Gefecht geeignet sei. Diese Bedingung wird erfüllt durch die Verbindung der drei Waffen, durch eine organische Einteilung des Ganzen und durch die gehörige Bestellung des Oberbefehls. Es sind also hauptsächlich die Märsche, welche die neuere Schlachtordnung veranlaßt haben, und welche den größten Nutzen von ihr ziehen.​
[...]​
Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, besonders auf dem Kriegstheater Friedrichs II., man anfing, die Bewegung als ein eigenes Prinzip des Schlagens anzusehen und den Sieg durch den Einfluß unvermuteter Bewegungen an sich zu reißen, machte der Mangel einer organischen Schlachtordnung die künstlichsten und schwerfälligsten Anordnungen in den Märschen notwendig.​
[...]​
Neue Not war mit der Artillerie, die ihre eigene durch die Infanterie gedeckte Straße brauchte, weil die Infanterietreffen ununterbrochene Linien bilden sollten, und die Artillerie ihre langen schleppenden Kolonnen noch schleppender gemacht und alle Distanzen in Unordnung gebracht haben würde. Man lese nur die Marschdispositionen in Tempelhoffs Geschichte des Siebenjährigen Krieges, um sich von allen diesen Umständen und von den Fesseln zu überzeugen, welche dadurch dem Kriege angelegt wurden.
Seitdem aber die neuere Kriegskunst dem Heere eine organische Einteilung gegeben, wobei die Hauptteile als kleine Ganze zu betrachten sind, die im Gefecht alle Wirkungen des großen Ganzen hervorbringen können mit dem einzigen Unterschied, daß ihr Wirken von kürzerer Dauer ist, seitdem ist man, selbst da, wo man ein vereintes Schlagen beabsichtigt, nicht mehr genötigt, die Kolonnen in dem Maße nahe beieinander zu haben, daß sich alle vor Anfang des Gefechts vereinigen können, sondern es ist hinreichend, wenn diese Vereinigung im Lauf des Gefechts statthat.​
[...]​
Je kleiner eine Truppenmasse ist, um so leichter ist sie zu bewegen, um so weniger bedarf es derjenigen Teilung, die nicht eine Folge der geteilten Aufstellung, sondern der Unbehilflichkeit der Masse ist. Ein kleiner Haufen marschiert also in einer Straße, und soll er auf mehreren Linien vorgehen, so finden sich leicht Wege nahe beieinander, gut genug für sein Bedürfnis. Je größer die Massen werden, um so größer wird das Bedürfnis der Teilung, die Anzahl der Kolonnen und das Erfordernis gebahnter Wege oder gar großer Straßen, folglich auch die Entfernung der Kolonnen untereinander. Mit diesem Bedürfnis der Teilung steht nun die Gefahr derselben, arithmetisch gesprochen, in umgekehrtem Verhältnis. Je kleiner die Teile sind, um so eher müssen sie einander beispringen, je größer, um so länger können sie sich selbst überlassen bleiben. Wenn man [...] bedenkt, daß in kultivierten Gegenden sich auf einige Meilen Entfernung von der Hauptstraße immer ziemlich gebahnte parallel laufende Wege finden werden, so wird man leicht einsehen, daß in der Anordnung des Marsches sich keine sehr großen Schwierigkeiten finden, die ein schnelles Vorschreiten und genaues Zutreffen mit der gehörigen Vereinigung der Kräfte unverträglich machte. — In Gebirgen, wo der parallelen Straßen am wenigsten und die Verbindungen derselben untereinander am schwierigsten sind, ist auch die Widerstandsfähigkeit einer einzelnen Kolonne sehr viel größer.​
[...]​
Seit dem französischen Revolutionskriege haben die Heere die Zelte des großen Trosses wegen, welchen sie veranlassen, ganz abgeschafft. Teils findet man es besser, bei einem Heer von 100000 Mann statt der 6000 Zeltpferde 5000 Mann Reiterei oder ein paar hundert Geschütze mehr zu haben, teils ist bei großen und raschen Bewegungen ein solcher Troß nur hinderlich und wenig nützlich. Dadurch sind aber zwei Rückwirkungen entstanden, nämlich: ein stärkerer Verbrauch von Streitkräften und eine größere Verheerung des Landes.
[...]​
Ferner wird man innerhalb einer Stunde rechts und links der Straße, auf welcher man marschiert, in den kultivierten Ländern Mitteleuropas meistens auch Seitenwege finden, welche man für den Marsch benutzen kann, ohne, wie das im Siebenjährigen Kriege so oft geschah, querfeldein zu marschieren.​
[...]​
Ferner ist es aus der Erfahrung bekannt, daß ein Heer von 4 Divisionen und einer Kavalleriereserve einen Marsch von 3 Meilen [preußische Meile = 7.532,48 m > ca. 23 km] , selbst in nicht guten Wegen, mit der Spitze in 8 Stunden zurückzulegen pflegt; rechnen wir nun für jede Division eine Stunde Tiefe und ebensoviel für die Kavallerie- und Artilleriereserve, so wird der ganze Marsch 13 Stunden dauern. Dies ist keine übermäßige Zeitlänge, und doch würden in diesem Falle an 40000 Mann auf derselben Straße marschiert sein. [...] Wäre die Masse der Truppen, welche auf einer Straße ziehen sollte, noch größer als die obige, so würde auch schon der Fall eintreten, daß die Ankunft derselben an ein und demselben Tage nicht mehr unerläßlich wäre; denn solche Massen liefern sich jetzt die Schlachten niemals in der ersten Stunde des Zusammentreffens und gewöhnlich erst am folgenden Tage.​
[...]​
 
[...]​
Für unsere neueren Heere steht es längst fest, daß ein Marsch von 3 Meilen [ca. 23 km] das gewöhnliche Tagewerk ist, welches bei langen Zügen sogar auf 2 Meilen [ca. 15 km] heruntergesetzt werden muß, um die nötigen Rasttage einschalten zu können, welche für die Herstellung alles schadhaft Gewordenen bestimmt sind.​
Bei einer Division von 8000 Mann dauert ein solcher Marsch in ebenen Gegenden und mittelmäßigen Wegen 8 bis 10, in bergigen 10 bis 12 Stunden. Sind mehrere Divisionen in einer Kolonne beisammen, so dauert er noch ein paar Stunden länger, wenn man auch selbst die Zeit abrechnet, welche man die folgenden Divisionen später aufbrechen läßt.​
Man sieht also: daß der Tag bei einem solchen Marsch schon ziemlich besetzt ist, daß die Anstrengung des Soldaten, 10 bis 12 Stunden unter seinem Gepäck zu sein, nicht mit einer gewöhnlichen Fußreise von 3 Meilen verglichen werden kann, die ein einzelner bei erträglichen Wegen füglich in 5 Stunden zurücklegen kann.​
Zu den stärksten Märschen gehören, wenn sie einzeln vorkommen, 5, höchstens 6 Meilen, auf längere Dauer 4.​
Ein Marsch von 5 Meilen [ca. 38 km] erfordert schon einen Halt von mehreren Stunden, und eine Division von 8000 Mann wird ihn auch bei guten Wegen nicht unter 16 Stunden zurücklegen. Ist der Marsch 6 Meilen [ca. 46 km], und sind mehrere Divisionen beisammen, so muß man wenigstens 20 Stunden rechnen.​
[...]​
Seit der Abschaffung der Zelte und seit der Verpflegung der Truppen durch gewaltsame Beitreibung der Lebensmittel an Ort und Stelle ist der Troß der Heere merklich verringert worden, und es ist natürlich die bedeutendste Wirkung davon zunächst in der Beschleunigung ihrer Bewegungen, also in der Vergrößerung des Tagemarsches zu suchen. Dies ist doch nur der Fall unter gewissen Umständen.​
Indessen haben die Beweglichkeit und Handlichkeit, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, der großen und kleinen Heeresteile auf dem Kriegsschauplatz durch die Verminderung des Trosses doch merklich gewonnen. Teils hat man bei gleicher Anzahl der Reiterei und des Geschützes weniger Pferde, ist also wegen des Futters nicht so oft in Sorgen, teils ist man in seinen Stellungen weniger befangen, weil man nicht immer auf einen lang nachziehenden Schweif des Trosses Rücksicht zu nehmen braucht.​
[...]​
Auf der Kriegsbühne selbst sind Mangel an Verpflegung und Unterkommen, schlechte ausgefahrene Wege und der Kothurn beständiger Schlachtfertigkeit die Ursachen der unverhältnismäßigen Kraftanstrengungen, wodurch Menschen, Vieh, Fuhrwerk und Bekleidung zugrunde gerichtet werden.​
Man ist gewohnt, zu sagen, daß eine lange Ruhe dem physischen Wohl eines Heeres nicht tauge, daß in demselben mehr Krankheiten entständen als bei mäßiger Tätigkeit. Allerdings können und werden Krankheiten entstehen, wenn der Soldat in engen Quartieren aufeinandergepackt ist, aber diese werden auch entstehen, wenn dies Marschquartiere sind, und niemals kann Mangel an Luft und Bewegung die Ursache solcher Krankheiten sein, da man beides durch Übungen so leicht geben kann.​
Man überlege nur, welchen Unterschied es in dem gestörten und schwankenden Organismus eines Menschen macht, ob er auf offener Landstraße in Kot, Schlamm und Regen unter der Last seines Gepäckes oder im Zimmer erkrankt; selbst aus dem Lager wird er bald nach dem nächsten Ort zu schaffen und nicht ganz ohne ärztliche Hilfe sein, während er auf dem Marsch erst stundenlang am Wege ohne irgendeine Unterstützung liegen bleibt und sich dann meilenweit als Nachzügler fortschleppt. Wieviel leichte Krankheiten werden dadurch zu schweren, wieviel schwere zu tödlichen! Man überlege, wie im Staub und dem brennenden Sonnenstrahl des Sommers selbst ein mäßiger Marsch die furchtbarste Erhitzung verursachen kann, in welcher dann, vom glühendsten Durst gepeinigt, der Soldat zum frischen Quell stürzt, um sich Krankheit und Tod zu holen.​
[...]​
Bei langen Reisemärschen außer dem Kriegstheater sind zwar die Bedingungen, unter welchen der Marsch geschieht, gewöhnlich leichter und die Verluste der einzelnen Tage geringer, dafür aber ist der leichteste Kranke gewöhnlich auf lange Zeit verloren, weil die Genesenden das immer fortrückende Heer nicht erreichen können.​
Bei der Reiterei vermehrt sich die Zahl gedrückter und lahmer Pferde in steigender Progression, und beim Fuhrwerk gerät manches ins Stocken und in Unordnung. Es fehlt daher nie, daß ein Heer nach einem Zuge von 100 Meilen und darüber sehr geschwächt ankommt, besonders an Reiterei und Fuhrwerk. Werden solche Züge auf dem Kriegstheater selbst, d. h. unter den Augen des Feindes nötig, so fließen die Nachteile beider Verhältnisse zusammen, und die Verluste können bei großen Massen und sonst ungünstigen Verhältnissen ins Unglaubliche steigen.​
Soweit also von Clausewitz, der die Marschordnung des 18. Jhdts. mit der des 19. Jhdts. vergleicht, der selber seine militärischen Erfahrungen hatte und dessen Vater im Siebenjährigen Krieg gedient hatte, der also die taktischen und strategischen Neuerungen der napoleonischen Zeit kannte.
 
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