1870/71 Reparationszahlungen Frankreichs

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Andy F., 14. Dezember 2007.

  1. Andy F.

    Andy F. Gast

    Sicher war es für Frankreich entscheidend, dass sie den Krieg gegen Bismarck und Co. verloren, dabei Elsass und Lothringen.
    Aber Frankreich musste ja auch noch 5 Milliarden Franc als Reparationszahlung leisten.
    Die Frage ist doch: WIEVIEL waren denn damals 5 Milliarden Franc?

    Damit meine ich nicht einmal Umrechnungskurse in Mark oder so, sondern in welchem Verhältnis standen denn 5 Milliarden Franc zur Wirtschaftsleistung Frankreichs? War es soviel, dass Frankreich darunter erheblich leiden hätte müssen? Oder war es RELATIV wenig?

    Wie kann man aus heutiger Sicht -wenn überhaupt -diese "Strafe" von
    5 Milliarden Franc werten, einordnen?
     
  2. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    5 Mrd. Franc entsprechen etwa 4 Mrd. R-Mark damals. Als Anhaltspunkt dienen vielleicht die Kosten der Maginot-Linie..5 Mrd. Franc....kein Pappenstil..........:grübel:

    Maginot-Linie - Wikipedia
     
  3. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Ich hab mal irgendwo gelesen (wenn ich finde, wo das war, reich ich es nach), dass das fast dem Staatshaushalt Preußens (oder war's der Reichshaushalt ... Gedächtnis wird schwächer ... ich werd alt ... oder ist's der kommende Winterschlaf?) für ein Jahr entsprach. Ganz schöne Summe.

    Der Reichshaushalt für 1872 belief sich auf 116.851.255 Thaler ... wie viele Goldfranc sind das?
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Dezember 2007
  4. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    die 5 Mrd. Franc, wenn man sie 1871 zu einer Bank gebracht und mit x % (die genaue Zahl habe ich vergessen) angelegt hätte, 1933 mehr wert gewesen wären, als die Reparationen die das Deutsche Reich nach dem 1. WK tatsächlich gezahlt hat (deren genaue Höhe ich ebenfalls vergessen habe). Vielleicht kann mal ein Forianer mit besserem Gedächtnis und Mathekenntnissen das X ausrechnen.:pfeif:
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Mai 2010
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dieser Gedanke übersieht die galoppierende Inflation 1923 und die WWK 1929/30. Ist x denn wenigstens eine realistische Zahl der Verzinsung gewesen?
     
  6. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Bei einer Verzinsung von 5 % ergibt sich alle 14 Jahre eine Verdoppelung. 1929 wäre es also das 16fache = 80 Mrd. gewesen.
     
  7. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Dürften rd. 440 Mio. Frs gewesen sein, wenn ich mich nicht irre.
     
  8. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Andy F.

    Klar, wenn Du es genau wissen willst, mußt Du Dir die Gesetze zum Staatshaushalt anschauen.

    Als Einstieg, Basis 1884:

    "Der Gesammtumsatz des auswärtigen französischen Handels hat im vorigen Jahre einen Werth von 7875 Millionen (4525 Millionen Einfuhr und 3350 Millionen Ausfuhr) dargestellt. Für 783,472,000 Francs wurden während des Monats December Werthe ausgetauscht, von denen 435 Millionen auf die Einfuhr, 348 Millionen auf die Ausfuhr kommen. Die oben erwähnte Gesammtziffer bleibt hinter derjenigen des Vorjahres 1883 um 380 Millionen zurück; die Einfuhr hat sich um 279 Millionen vermindert, der Werth der zur Fabrikation und sonstigen Verarbeitung bestimmten importirten Rohstoffe allein um 84 Millionen abgenommen. Die Abnahme der Ausfuhr beträgt 101 Million."

    vergl.

    Amtspresse Preuens - Staatsbibliothek zu Berlin

    M.
     
  9. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    Die Struktur/Zusammensetzung des Staatshaushaltes des Deutschen Reiches im Untersuchungszeitraum und der III. Republik ist nicht vergleichbar. Da hätten Statistiker viel zu tun. :fs:

    M.
     
  10. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Ich wollte ja auch nicht den französischen Haushalt ausrechnen, sondern den preußischen in Francs umrechnen wie es gefragt war. ;-)
     
  11. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Die Reparationen mussten in Hartwährung erbracht werden. Der Trick mit den Papier-Millionen-Reichsmark funktionierte nicht.;)

    Die Zahl war absolut realistisch. Das war ja der Witz an der Sache!
    Zwischen 1919 und 1932 wurden neben Sachleistungen an die ehemaligen Gegner des 1. WK tatsächlich 25 Milliarden Goldmark gezahlt. Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/aussenpolitik/reparationen/index.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Mai 2010
  12. Rheinländer

    Rheinländer Aktives Mitglied

    Die Summe war für Frankreich vergleichsweise leicht aufzubringen, da man im stabilen Marktumfeld (außer Deutsch-Französischem Krieg, der ja auch nicht überaus lange war, keine Verwerfungen im europäischen Umfeld - das ist der große Unterschied zu 1918) die Reparationen leicht mit einer international aufgelegten Anleihe (sogar zu großen Teilen von deutschen Anlegern gezeichnet) aufbringen konnte.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Stabilität kam vor allem aus dem französischen Auslandsvermögen, das in den Dekaden vor 1900 Kapitalimporte von 3 Mrd. Francs p.a. abwarf.

    Von daher ist es wenig verwunderlich, dass ausländische Investoren die Mobilisierung der Reparationssumme über den Kapitalmarkt zeichneten (die Anleihen sollen bis 16-fach überzeichnet gewesen sein).
    Frankreich 1871/1914:
    http://www.geschichtsforum.de/f60/wie-stabil-war-die-dritte-franz-sische-republik-28666/
    http://www.geschichtsforum.de/379099-post102.html
     
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  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Sache ist doch etwas komplexer, als ich in Erinnerung hatte:

    Nach dem Friedensvertrag waren 5 Mrd. zu zahlen, zuzüglich zunächst 301 Mio. Zinsen bis zum 2.3.1874. Außerdem war die Staatsverschuldung bereits durch den Krieg um 2,7 Mrd. auf nunmehr 16,7 Mrd. angestiegen, was kurzfristig Zahlungsprobleme bewirkte.

    Gestützt durch Londoner Banken (Rothschild) stellte die Bank von Frankreich dem Staat Überbrückungskredite von 575 Mio. im März und Mai 1871 zur Verfügung. Damit war zunächst einmal die Zahlungsfähigkeit gesichert. Die Kriegsentschädigung wurde wie folgt abgewickelt:

    1. Anleihe am 21.6.1871 zu 5% über 2 Milliarden, aufgelegt mit Kurs 82,50, somit Realzins 6,06%. In wenigen Stunden wurden 4,9 Mrd. gezeichnet, so dass der Kurs auf 84,60 und bis Oktober auf 94,95 stieg (was das Vertrauen in die Rückzahlung der Anleihe, andererseits die Spekulation signalisierte)

    2. Bildung eines Syndikats von 55 Banken, die eine 5%-Anleihe über 3 Milliarden am 28.7.1872 herausbrachten (Emission in London, Amsterdam, Antwerpen, Genf, Wien, Hamburg, Köln und Frankfurt). Trotz des höheren Ausgabekurses von 84,50 war diese Anleihe mit 43,8 Mrd. in wenigen Tagen weit überzeichnet worden (davon in Paris 13,3 Mrd., im übrigen Frankreich 4,5 Mrd., im Ausland 26 Milliarden)

    3. Aus den Einnahmen beider Anleihen wurden an das Deutsche Reich bis zum 7.12.1872 bereits 3 Mrd. bezahlt. Monatlich stellte Finanzminister Say weitere 250 Mio. zur Verfügung, so dass die Kriegsentschädigung bis September 1873 vollständig bezahlt werden konnte. Von der Gesamtsumme an Deutschland entfielen:

    - 742 Mio. auf Bargeld und Banknoten (Noten der Bank von Frankreich 125 Mio., Deutsche Noten und Münzen 105 Mio., Frz. Goldmünzen 273 Mio., Frz. Silbermünzen 239 Mio., jeweils in frcs).

    - 4.248 Mio. auf Wechsel (stammten/basierten aus/auf Ausfuhrüberschüssen 1872 und 1873 sowie dem Verkauf von ausländischen Wertpapieren in frz. Besitz, vermutlich jeweils ca. 2 Mrd. sowie Verwendung der Jahreserträge auf Auslandsinvestments von 600-700 Mio. frcs).

    - der Rest von rd. 300 Mio. wurde auf Entschädigung für die Pariser Kontribution und für die Ostbahn "verrechnet".

    Die Kurse der langlaufenden Anleihen stieg übrigens bis 1880 auf 120,0.

    Literatur: Sée, Französische Wirtschaftsgeschichte II, S. 307-309 mit weiteren Verweisen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Mai 2010
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  15. Arkazz

    Arkazz Neues Mitglied

    Es wurden im Juliusturm (Berlin) 47,750 Kg Gold gelagert.
    Damals waren es 120 Millionen Mark aus der Reparationszahlung.
    Das wären heutzutage 2.344.839.834,87 €
    Habe einen Bericht vom 26.05.1913 vorliegen, wollte die Angaben posten, aber leider ist die Datei zu groß und ich habe keine Lust die zu komprimieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. September 2021
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Kannst Du mal den Bericht komprimieren und einstellen?
    Die inventarisierte Zahl von 47.750 kg Gold stimmt nahezu exakt mit den Reparationsberichten im Blackwoods 1875 und The Economist überein.

    Allerdings ist die "Goldrechnung" aus französischer Sicht unvollständig, bzw. betrifft nur die staatliche Seite, für Frankreich dürfte der Gesamtverlust an Goldbeständen ca. das Fünffache betragen haben.
     
  17. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Das finde ich eine sehr gute Frage, und irgendwie scheint sie mir nicht beantwortet zu sein.
    Googeln bringt mich auf folgende Internetseite:
    Historical National Accounts
    Die wird vom unter Volkswirten sehr renommierten Groningen Growth and Development Center betrieben. Deshalb halte ich deren Angabe für seriös, dass das Bruttoinlandsprodukt Frankreichs 1870 24 Mrd. Franc in laufenden Preisen betragen habe (das ist natürlich eine nachträgliche Schätzung, das Konzept des Bruttoinlandsprodukts bzw. Bruttosozialprodukts wurde erst in den 40er Jahren entwickelt). 5 Mrd. Franc wären demnach reichlich 20% relativ zur jährlichen Wirtschaftsleistung Frankreichs gewesen, das scheint mir wirklich ungeheuer viel.
    Mal als Vergleich: In den 90er Jahren dürften jährlich etwa 5% des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts nach Ostdeutschland gewandert sein.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was dir ungeheuer viel erscheint, ist den Gläubigern in den vielfach überzeichneten Anleihen zum Covern der Reparationen offenbar völlig unwesentlich erschienen.
     
  19. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Frankreich ist nach 1870 nicht bankrott gegangen, Deutschland nach 1990 auch nicht, beidemale lagen die Kreditgeber richtig, aber die Finanzierung war wohl beidemale ein Kraftakt.
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Diesen Vergleich habe ich noch in keiner ökonomischen Abhandlung des einen oder des anderen Falles gefunden.

    Sollte wohl eher 1919 gemeint sein?

    Wenn ja, wird darauf hingewiesen, dass 1871/73 nun gerade aufgrund der lockeren Finanzierbarkeit und der völlig unterschiedlichen Wahrnehmung der Bonität kein Kraftakt war, sondern extrem zügig und flüssig geregelt wurde.
     
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