1870/71 Reparationszahlungen Frankreichs

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Andy F., 14. Dezember 2007.

  1. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Den Vergleich mit den Kosten der Vereinigung 1990 habe ich ja schon vorher gebracht, nicht weil die Hintergründe irgendetwas miteinander gemein hätten, sondern weil mir die Dimension der finanziellen Belastung bekannt ist und sie deshalb als Vergleichsmaßstab dienen kann.

    Die Zahlung einer Summe, die 20% in Relation zum Bruttoinlandsprodukt ausmacht, ist ja wohl eine große Aufgabe, und die finanzielle Position des französischen Staats muss sich ja wohl deutlich verschlechtert haben.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da die deutliche Verschlechterung nicht sichtbar ist (unten nur ein Beispiel), und – Fakten! - die Anleihen in der Nachfrage x-fach überzeichnet worden sind:

    Welcher Fehler soll sich dann in den Fakten eingeschlichen haben, wenn sich die "finanzielle Position" angeblich verschlechtert haben "muss"?

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    Dazu
    1. Die 20% sind daneben übrigens aus gleich zwei Gründen nicht akzeptabel.
    Absolut-kumulativ zu niedrig und gleichzeitig in der fehlenden Betrachtung der Jahresscheiben zu hoch.

    2. Die dazu vorliegenden fachlichen Untersuchungen konstatieren - neben der der ausbleibenden Verschlechterung der französischen Bonität, siehe oben - übrigens gerade auch das Ausbleiben eines Schocks auf den Real- und Finanzsektor.

    Bei Bedarf (ich weiß nicht, ob das jemanden interessiert) Literaturliste.
     
  3. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Irgendwie verstehen wir uns nicht richtig. Die Ausgangsfrage in dem Thread war: "In welchem Verhältnis standen denn 5 Milliarden Franc zur Wirtschaftsleistung Frankreichs?" Die Antwort: ungefähr 20% im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung, was ist an dieser Antwort nicht akzeptabel?
    Trotz dieser Zahlungsverpflichtung blieb die Bonität Frankreichs offensichtlich gut, was obige Abbildung nahelegt (allerdings wären Renditen langlaufender Staatspapiere besser), und was natürlich interessant ist und für die Leistungsfähigkeit der Kapitalmärkte und das Vertrauen dieser Märkte in die Fähigkeit des französischen Staates, Steuereinnahmen zu generieren, spricht. Aber mit der Vereinbarung von Reparationszahlungen in Höhe von 5 Mrd. Franc im Jahr 1871 hat sich halt die finanzielle Position des französischen Staates erst mal um diese 5 Mrd. verschlechtert.
     
  4. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Albrecht Ritschl, Sustainability of High Public Debt: at the Historical Record Shows, SWEDISH ECONOMIC POLICY REVIEW 3 (1996) 175-1 98:

    " By the time of the Franco-Prussian war of 1870, French public debt amounted to some 55% of France's domestic product of 1869. After that war, the Germans obtained an indemnity of 5 billion Francs, equivalent to 20% of France's GDP of 1869, which France paid smoothly by placing a loan in international financial markets. The indemnity increased national debt by roughly one-third, such that the ratio of debtsplus-reparations to pre-war GDP stood at 75%, or 80% of the slightly lower GDP of 1871. During the 1880s, debt service (of which the indemnity loan consumed a third) accounted for roughly 50% of central government expenditure. This is a remarkably high figure, but it did not prevent the French from maintaining a conservative, low budget fiscal policy with moderate tax rates."

    So war's also.
     
  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Gibt es auch eine Liste über die Verwendung der Reparationszahlungen? Zu meinem Erstaunen behauptet Wikipedia zur Festung Königsberg, dass diese sehr viel davon verschlungen habe:
    Wikipedia
     
  6. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Das Erstaunen ist berechtigt.
    Eine Liste ist es nicht, aber die Zahlen sind schon genau erfasst.
    Mit dem Gesetz, betreffend die Geldmittel zur Umgestaltung und Ausrüstung von deutschen Festungen.
    File:Deutsches Reichsgesetzblatt 1873 014 123.jpg - Wikimedia Commons
    wurden 72 Millionen Taler für alle Festungen bereitgestellt.
    Davon entfielen für Königsberg 7.8 Millionen Taler und damit war es an dritter Stelle aller Festungen. War also ein kleiner Löwe, der sich da seinen Anteil schnappte.
    Aus Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege des Deutschen Reiches , Band 3, Franz von Holtzendorff, 1874, Seite 145
     
    muheijo und dekumatland gefällt das.
  7. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    So eine Liste findet sich in folgendem Diskussionspapier:
    The French War Reparations and the German Post-War Boom 1871-1873 by Carl-Christian Buhr :: SSRN
    Seite 10

    Daraus geht hervor, dass über die Hälfte der Einnahmen an die Mitgliedsstaaten ausgeschüttet wurde.
    Die Reparationen hatten eine Größenordnung von knapp einem Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Das hatte natürlich erherbliche ökonomische Effekte, die sehr allgemein aber, wie ich finde, interessant dargestellt werden in: Michale Gavin, Intertemporal Dimensions of International Economic adjustment: Evidence from the Franco-Prussian War Indemnity, American Economic Review 1992 (82). Investitionen und Konsum stiegen stark (sicher auch im Zuge der Reichsgründung), und als eine Folge geriet die Handelsbilanz deutlich ins Defizit. Bis 1877 war dadurch die Verbesserung in der internationalen Vermögensposition der deutschen Volkswirtschaft wieder aufgezehrt worden. Die Reparationszahlungen befeuerten den Gründerboom auch über eine starke Ausweitung der Geldmenge: Ein (allerdings nicht allzu großer) Teil der Einnahmen wurde dafür verwendet, die Mark von Silber- auf Goldbasis umzustellen. Das Metall wurde eingekauft und zu Münzen geprägt, ohne dass allerdings die Silbermünzen eingezogen wurden. Der Nachfrageboom führte zu vorübergehend deutlichen Preissteigerungen, die in der Gründerkrise Mitte der 70er ihr Ende fanden.
     
  8. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Primär erst mal angefeuert/initiiert/angeregt vom 'moralischen Aufschwung' (Ludwig Bamberger, Die fünf Milliarden, 1873, S. 9 f.), welcher nun bei den Investitionen durch leichtere Vorschüsse und vermehrte Tauschmittel (Bamberg) über die etwas vergrößerten Barmittel möglich und gefördert wurden.

    Wie komplex die Abwicklung, Zahlung und die Auswirkungen waren, schildert Bankier, Jurist und Reichstagsabgeordneter sowie wesentlicher Mitinitiator der späteren Reichsbank-Gründung und des Wechsels von Silber- zur Goldwährung, Ludwig Bamberg in seiner 1873 veröffentlichten Schrift Die Fünf Milliarden, via Netz frei runterladbar (war es zumindest mal).

    Es gab ja noch keine Reichsbank, und kaum einen Reichsetat, der instrumentell so hätte für das Reichsgebiet eingesetzt werden könne.
     
  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Bamberger, Milliarden, S. 14 f., anschaulich weiter:

    In Frankreich hat sich die Zahl der Forderungen an fremde Budgets und Gesellschaften vermindert und Deutschland hat einen großen Theil dieser freigewordenen Forderungen (besonders an Österreich und Italien) übernommen. Das heißt: der französische Rentenbesitzer bezieht jetzt die Zinsen seines dem französischen Staat vorgeschossenen Capitals von seinem französischen Mitbürger, welcher die Zinsen der Rente mittelst seiner Steuer, d . h. Ersparnis aufbringen muß. Für deutsche Gläubiger fremder Staaten arbeiten die Steuerzahler und Gesellschaften Oesterreichs und Italiens mehr als bisher.
    S. 15:

    [...] Wir müssen daher zu dem Schluß gelangen, daß die auf einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren zusammengedrängte Operation der französischen Schuldabzahlung nur eine scheinbare Liquidation fein kann; daß die wirkliche Absorbirung einer solchen Werthmasse überaus viel mehr Zeit in Anspruch nimmt; und zwar soviel Zeit als nöthig ist, um durch erleichterte und beschleunigte Produktion im Inland (vermehrte Umlaufs - und Credit-Mittel) oder Durch die günstigen Wechsel -Verhältnisse zum Ausland (vermehrte Kaufkraft unserer Valuta) den Nationalvorrath an brauchbaren Gütern zu vermehren.[...]
    S. 16:
    [...] Ein großer Theil der Liquidation geht nur fiktiv auf dem Papier vor sich, ein je größerer desto besser. […]

    [...] Die Zuziehung des Auslandes, der ganzen von unserer heutigen Geldwirthschaft umspannten Welt, und das Eingreifen der Fiction bei der Abwicklung bewirken, daß trotz der widernatürlich raschen Abzahlung die effectiven Verhältnisse des Schuldners noch weniger gedrückt als die des Gläubigers gehoben werden. Darin finden wir die Erklärung des so oft seither angestaunten Phänomens, daß die Franzosen, trotz ihrer enormen Geldleistungen an Deutschland, nach wie vor in Wohlbehagen und reichlichem Lebensgenuß fortexistiren. […] Die thatsächliche Uebertragung der 5 Milliarden kann sich erst in so langer Zeit vollziehen, daß der daraus entstehende jährliche Ausfall von der einen und Zuschlag von der anderen Seite nur einen Bruchtheil ausmacht neben der jährlichen, aus eigner Kraft entspringenden Bereicherung, welcher durch die Arbeit der empfangenden wie der leistenden Nation in die Welt gesetzt wird. [...]


     
    Zuletzt bearbeitet: 13. November 2021
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