1918/19 - Kann man von einer Revolution sprechen?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Gast, 25. September 2007.

  1. Gast

    Gast Gast

    Hallo.

    Im Geschichtsunterricht haben wir ermittelt, dass die Geschehnisse von 1918/19 in Deutschland eigentlich nicht als Revolution zu bezeichnen sind. Alle (mir bekannten) Kennzeichen der Revolution sind nicht vorhanden. Die politischen Verhältnisse wurden schon mit dem Parlamentarisierungserlass verändert. Ansonsten änderte sich in Deutschland nicht wirklich etwas. Die sozialen und wirtschaftlichen Ordnungen blieben erhalten. Das Beamtentum blieb weitestgehen unverändert und die Militärspitze wurde nicht großartig ausgetauscht.

    Mir stellt sich jetzt die Frage, warum in den meisten Büchern und Internetseiten von einer Novemberrevolution die Rede ist. Habe ich irgendetwas außer acht gelassen?

    Kann mir das jemand erklären?

    Danke!
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Eine Revolution sehe ich in der von 1918/19 schon, wenn auch eine gescheiterte.
     
  3. Man könnte auch sagen: eine abgebrochene.
    Der Parlamentarisierungserlass wäre ohne die drohende Revolution kaum denkbar gewesen. Immerhin wurden durch die Revolution die Spitzen der Monarchie entfernt und auch die Militärs, die den Krieg verursacht und befehligt hatten, wurden zumindest vorübergehend zurückgestutzt. Einige wurden sogar vor Gericht gestellt.

    Polemisch könnte man aber auch sagen, es musste eine Revolution gewesen sein, damit niemand auf die Idee kam, sie müsse erst noch gemacht werden. Die Linkssozialisten kamen allerdings trotzdem drauf.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. September 2007
  4. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Revolution vielleicht einfach deshalb, weil die Regierungsform gewechselt hat, also der Kaiser, zwar gezwungener Maßen aber doch, abgedankt hat und die Republik ausgerufen wurde.
    Immerhin wurde in Berlin gestreikt oder nicht ? Die Matrosen meuterten !?

    In Stuttgart zumindest verlief die Revolution friedlich und unblutig, soweit ich weiß, und die Revolutionäre wurden vom König empfangen, der dann nach Bebenhausen (?, meine ich jetzt zumindest - ohne in Wikipedia oder sonst wo nachzuschauen -) ins Exil ging.

    Gruß....
     
  5. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    In was für eine Schnarchsackschule gehst du?
    Revolution heisst politischer Umsturz. Die Ergebnisse der Revolution blieben. Die Monarchie wurde nicht wieder eingeführt.

    Ab 4.November 1918 dankten sämtliche Landesfürsten oder Könige ab. Der Parlamentarisierungserlass war die letzte Notlösung der Monarchie. Sie sollte die parlamentarische Monarchie einführen. Doch im Oktober 1918 weigerten sich die Armeebefehlshaber noch Befehle der Monarchie umzusetzen, heisst das Militär verweigerte den Gehorsam. Schon hier wird deutlich, die Kräfte in Deutschland sortierten sich neu.
    In Bayern wurde sogar der Freistaat ausgerufen (frei von Monarchie!). Der bayrische König wurde zum Thronverzicht gezwungen. Räterepublik Bayern. Ist so was kein Thema in deinem Geschichtsunterricht? Was hast du für einen Geschichtslehrer?
    In den Monaten November 1918- Mai 1919 waren bürgerkriegsähnliche Zustände in fast ganz Deutschland. Auslöser dieser blutigen Unruhen war die Revolution vom November 1918: die verschiedenen "Sieger" der Revolution kämpften um die jeweilige Vorherrschaft.
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    "Revolution" ist kein letzgültig definierter Begriff; die Änderung des Regierungssystems (vorher Monarchie mit palramentarischen Elementen, danach palramentarische Demokratie) könnte man als Revolution bezeichnen, muss man aber nciht. Es war sicherlich nicht eine Revolution, wie es sich die damaligen Revolutionäre sie isch gewünscht oder vorgestellt hätten, da, wie unser Gast zutreffend sagt, die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen völlig unberührt blieben.

    Ich würde bei dem bleiben, was auch mir in der Schule vermittelt wurde und was Sorpio schon sagte: Das ganze war eine gescheiterte Revolution, die zwar sie Spitzen des Staates austauschte, die gesellschaftliche Basis aber unberührt blieb.

    Interessant fand ich dabei immer, das es die Räte, also Instrumente der Revolution waren, die diese beendeten und für eine parlamentarische Demokratie votierten. Für die, die damals eine "echte" Revolution forderten: Dumm gelaufen...
     
  7. Gast

    Gast Gast

    Danke schon mal für die Hilfe.

    Aber der Parlamentarisierungserlass fand doch schon vor dem Waffenstillstand statt, als Verhandlungsgrundlage mit den Alliierten. Also hat der politische Umsturz doch eigentlich gar nichts zu tun mit den "revolutionären" Ereignissen.

    Und die angesprochene Meuterei der Matrosen war ja Befehlsverweigerung gegenüber der Marineleitung. Und die Marineleitung wiedersetzte sich dem geplanten Waffenstillstand der OHL. Also meuterten die Matrosen ja die Meuterei. Ist das wirklich revolutionär?
     
  8. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Diese Kriterien würde ich dann gerne einmal expliziert formuliert sehen.

    Die Monarchie wurde durch eine Massenbewegung gestürzt, ein komplett neue Verfassung trat in Kraft, der Adel wurde entmachtet, eine neue Regierung und eine neue Regierungsform installiert.

    Das ist m. E. genau das, was man sich unter einer Revolution vorzustellen hat.

    Wenn man nun dazu auch noch fordert, daß z. B. die Beamten ausgetauscht werden müssen - dann wäre selbst DIE Revolution überhaupt, nämlich die französische, keine Revolution mehr. Mit anderen Worten: Der Begriff würde sinnlos.

    Wenn die deutsche Revolution von 1918 keine gewesen sein soll, dann gäbe es in der langen Liste (bei Wikipedia finden sich z. B. über 30 Stück, und das ist nur eine Auswahl) fast überhaupt keine "gültige" Revolution mehr.
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Der König war mit seinen Stuttgartern, die während seiner Abwesenheit in sein Privathaus eingedrungen waren, derart beleidigt, dass er die Stadt nie wieder betrat.
    Testamentarisch hat er verfügt, dass sein Sarg um Stuttgart herum nach Ludwigsburg transportiert werden musste.

    OT: Die alten Stuttgarter haben einem früher noch den Weg gezeigt, den er jeden Tag mit seinen beiden Pudeln oberhalb seines Hauses (jetzige Stuttgarter Stadtbücherei) freundlich grüßend (Guten Morgen Herr König... Guten Morgen mein Kind) gegangen ist. Danach lebte er in Bebenhausen, wo noch jahrzehntelang alle vorbeifahrenden Württemberger "ihrer Königin" per Hupe gehuldigt haben.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Es war eine Revolution..
    Man darf auch nicht isoliert November 1918 bis Januar 1919 sehen, die Kämpfe und Aufstände gingen ja bis 1923.

    Ergebnisse: Beendigung des Krieges, Änderung der Staatsform, weitgehende Enteignung einer ansonsten staatstragenden Schicht. Ganz erhebliche Demokratisierung in sehr vielen Bereichen, z. B. Frauenwahlrecht, Betriebsverfassungsgesetz (etwas ähnliches gibt es erst wieder seit den 70ern)
    Erhaltung der staatlichen Einheit.
     
  11. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Hallo Repo,

    danke für die Richtigstellung. Ich hätte schwören können, dass ich gelesen habe, dass er die Revolutionäre empfangen hat und dann nach Bebenhausen abgefahren sei, aber ich sollte wohl nicht so viel auf mein Wissen einbilden und etwas mehr an meinem Gedächtnis zweifeln.


    Dabei sah doch der Herr König so gemütlich aus und das mit dem freundlichen Grüßen meine ich auch so gehört zu haben.

    Gruß......
     
  12. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    War das vielleicht ein anderer Monarch?
    Es sind ja zeitgleich mehrere Dutzend Fürsten abgesetzt worden, und bei den meisten ging das wohl recht gemütlich zu - es sind dazu viele Anekdoten im Umlauf.
     
  13. Revolution ist aus der Sicht der Herrschenden Meuterei, Befehlsverweigerung, Hochverrat...
     
  14. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Die Ostfront hat bereits ein Jahr zuvor ein heilloses Durcheinander gebracht (Revolution in Russland und anschliessender Bürgerkrieg) und an der Westfront Stillstand herrschte und die Heimatfront begann zu hungern. Dass in diesem Geflecht von negativen Aspekten ein riesiges politisches Vakuum existierte, dürfte wohl verständlich sein.
    Das Militär kapitulierte, sie wiesen alle Waffenstillstandsvereinbarungen von sich, sie übernahmen keine Verantwortung. Deutsche Politiker mussten den Waffenstillstand unterzeichnen!

    Nicht die Meuterei der Matrosen ist revolutionär sondern was ab November 1918 in ganz Deutschland passierte. Und das war die Neuordnung einer Staats-/Regierungsform.

    Einen Frieden mit Deutschland wollten die USA nur, wenn der deutsche Kaiser abdankt. Und der Kaiser war bereits Anfang 1918 in Deutschland durch seine Fehlentscheidungen (vertraute Ludendorff) unhaltbar. So hat denn auch nicht der Kaiser abgedankt (tat er erst drei Wochen später) sondern Reichskanzler Max von Baden erklärte Kaisers Abdankung am 9.November 1918.
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Und der Kaiser schreibt widerum in seinen Memoiren, dass sein Abdanckung von den Amis nicht verlangt worden wäre. Das hätte v. Baden falsch interpretiert und (absichtlich?) falsch weitergegeben.
    v. Baden schreibt auch einiges dazu.
    imho, wenn die Hohenzollern und die anderen Duodez-Fürsten ihren Krempel nicht gepackt hätten, dann hätte es richtig gekracht.

    Wenn man andererseits liest, dass die Alliierten gegen einen ungarischen König Karl gar nicht so viel gehabt hätten, kann man sich schon vorstellen, dass ihnen diese Frage eher am Allerwertesten vorbei ging.
     
  16. Arthur00He

    Arthur00He Neues Mitglied

    Immerhin wurden durch die Revolution die Spitzen der Monarchie entfernt und auch die Militärs, die den Krieg verursacht und befehligt hatten, wurden zumindest vorübergehend zurückgestutzt.


    das mit dem Militär kann ich so nicht unterschreiben.
    Ebert hgatte bereits am 09. Nov. die OHL, also das Militär, um Unterstützung für die neue Reichsregierung nachgefragt und eine positive Antwort bekommen.
    Das Militär war in keinster Weise geschwächt, sondern neben den A + S-Räten und der Reichsregierung eine führende politische Kraft. Zumindest Anfang November 1918.

    Arthur
     
  17. Na ja, Ebert war auch nicht gerade der Oberrevolutionär, eher einer der Bremser und schließlichen Abwürger. Bei Revolution denke ich eher an Liebknecht, Luxemburg, Eisner, Mühsam...und die vielen in den Arbeiter- und Soldatenräten.
    Dass Ebert mit den formell demobilisierten und sich in marodierenden Freikorps zusammenschließenden Offiziern zusammenarbeitete und damit das Ende "seiner" Republik in die Wege leitete, dessen bin ich mir durchaus schmerzlich bewusst. Aber Wilhelm, Hindenburg und Ludendorff, die faktisch eine Militärdiktatur errichtet hatten, wurde immerhin vorübergehend das Handwerk gelegt und demokratische Zustände hergestellt.

    @ Gast, zu deinem
    Das war ein Zugeständnis, wie es die Herschenden meist machen, um die Revolutionäre auseinanderzudividieren und ihnen die Stoßkraft zu nehmen. Mit Umsturz hat das nichts zu tun. In der Revolution 1848/49 funktionierte diese Taktik völlig, in der russischen Revolution 1917 zeitweise, bis die deutsche Generalität Lenin und Consorten einschleuste, die den Krieg mit dem zaristischen Russland beenden sollten. 1918 in Deutschland gelang es partiell, weil, wie Artur insoweit durchaus richtig festgestellt hat, die Mehrheitssozialdemokraten sich viel zu sehr mit den alten "Eliten" eingelassen haben. Hinzu kam, dass Hindenburg und Ludendorf nicht die Verantwortung für den militärischen Zusammenbruch und das Chaos, das sie angerichtet hatten, zu übernehmen. Und Ebert & Co. waren leider naiv genug, sich das Ganze in die Schuhe schieben zu lassen. Dass die Alliierten Wert auf die Entmachtung von W., H. und L. legten, hätte nicht gehindert, sie nach Versailles zur Unterzeichung einer Kapitulation zu schicken und anschließend zu verhaften. In den Leipziger Prozessen wären noch Plätze für Angeklagte frei gewesen.
    Leipziger Prozesse - Wikipedia
     
  18. chrdidt

    chrdidt Mitglied

    Hindenburg war bis zu seinem Tod die höchst angesehenste Persönlichkeit des Reiches.
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied

    die Freikorps bildeten sich schon im Regierungsauftrag. Von Papst gibt es die Aussage, dass er die "Sache" (Ermordung Liebknecht und Luxemburg) nicht nicht ohne Rückendeckung durch Noske evtl. sogar Ebert hätte machen können. Könnte schon was dran sein.

    imho wenn die Russen, Kerenski und co., im Sommer 1917 statt einer Großoffensive auszulösen, den Krieg beendet hätten, sich nicht von insbesondere Wilson beschwatzen hätten lassen.... Hätte doch wohl Lenin seine Tage in der Schweiz beschlossen.
     
  20. Arthur00He

    Arthur00He Neues Mitglied

    @Pfeiferhans
    mir ging es darum, daß Ebert eigentlich von Anfang an mit der OHL zusammenarbeitete und diese eine entscheidende pol. Kraft, bereits Anfang Nov. 1918 spielte.
    Die Freikorps sind ein anderes Thema.

    Arthur
     

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