Angevinische Reich Eleonore

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von algarius, 22. Februar 2013.

  1. algarius

    algarius Neues Mitglied

    Liebe Geschichtsfreunde

    Etwas kann ich nicht begreifen und zwar mit dem Angevinischen Reich.
    Eleonore von Aquitanien war ja Herzogin von Aquitanien, also im modernern Sinn eine Französin.

    Sie heiratete später ja den König von England. Somit fiel Aquitanien zu England -- > Angevinische Reich.
    Aber wieso ?

    Aquitanien ist ja ein Herzogtum und der Lehnherr ist der König von Frankreich.Also gehörte ihm ja grundsätzlich das gebiet. Aquitanien wurde nur belehnt. Wieso ging dieses Gebiet dann nach England ?
    Oder war das Herzogtum so, dass wenn der König es jemanden belehnte so dass er dann das Gebiet verlor ?

    Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht genau
    So müsste ja jeder König Angst haben dass wenn er ein Gebiet belehnt, dass der König dann wenn diese Person heiratet das Gebiet verliert
     
  2. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Hier muß man die Widersprüchlichkeit der Situation de jure und de facto
    verstehen.

    Die franz. Herzöge (und auch weitere kleine Feudalherren) waren zwar vom
    franz. König belehnt worden und damit nominell dessen Herrschaft unterstellt,
    praktisch jedoch regierten sie mangels franz. eigenständiger Königsmacht
    so gut wie unabhängig.
    Das traf nicht nur auf Aquitanien zu , sondern zB. auch auf die Normandie.
    Oder man betrachte die Konflikte zwischen dem franz. König und dem
    Herzogtum Burgund in späterer Zeit.

    Das Gebiet Aquitanien ging de jure auch durch die 2. Heirat Eleonores
    nicht an England, wurde jedoch auf lange Zeit von der englischen Krone
    beherrscht.
    In diesem Sinn waren also die englischen Könige lange Zeit gleichzeitig
    die Lehnsleute der franz. Könige.
    Die englischen Könige kamen ihren Lehnspflichten nicht nach, -
    zB: bei der Heerfolge, und schwächten das franz. Königtum, wo sich
    Gelegenheit bot.
    Dies war ein ständig schwelender Konflikt, der schließlich mit zum
    100 - jährigen Krieg führte.

    Das war jetzt stark vereinfacht - die gemeinsamen Konflikte zwischen
    Frankreich und England füllen meterweise die Geschichtswerke.
     
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  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich will noch hinzufügen, dass im 12. nahezu die Hälfte Frankreichs englischer Lehnsbesitz war. So z.B. die Herzogtümer Aquitanien, Gascogne, Bretagne, Normandie und die Grafschaften Anjou, Vermandois und Poitou.

    Die französische Krondomäne war hingegen winzig und auch das Gebiet der nichtenglischen Kronvasallen nicht übermäßig ausgedehnt: Burgund, Champagne, Flandern, Artois; lediglich das Territorium der Grafen von Toulouse hatte im Süden Frankreichs beträchtlichen Umfang.

    Das zeigt, welch schweren Stand die Könige von Frankreich im eigenen Land hatten. Erst 1204 und in der Schlacht bei Bouvines 1214 gegen ein Heer der Engländer und Welfen drehte sich die Entwicklung gegen die englischen Plantagenets und ein Teil der englischen Besitzungen südlich der Loire gelangte unter direkte französische Herrschaft. Erst der 100jährige Krieg entzog alle Gebiete Frankreichs der englischen Lehnsherrschaft - bis auf Calais, das bis 1558 englisch blieb.
     
  4. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Zunächst einmal sollte man mit den im Zusammenhang mit dem Angevinischen Reich häufig auftretenden Begriffsmissverständlichkeiten aufräumten.

    Aquitanien wie auch alle anderen "angevnischen" Gebiete in Frankreich waren zu keinem Zeitpunkt Lehen Englands. Sie blieben die ganze Zeit hindurch Lehen Frankreichs bzw. seiner Krone. Kein französischer König, in diesem Fall also die von Philipp I. bis Philipp II., hatte jemals seine Rechte als Oberlehnsherr an den englischen König abgetreten. Auch nicht im Frieden von Paris 1259, der die Feindseeligkeiten zwischen Plantagenets und Kapetinger formell beendete. Diese Länderein sind also nich an England "gefallen" oder mit England "vereinigt" wurden. Das angevinische Reich war kein "englisches Reich".

    Die Besonderheit in dieser Sache war vielmehr, dass die Inhaber dieser französichen Lehen zugleich (seit 1066) auch Könige von England waren. Dadurch waren die Normannen und nach ihnen die Plantagenets in eine lehnsrechtliche Sonderposition geraten, die im hohen Mittelalter übrigens keine Seltenheit, in ihrem Fall aber sicher spektakulär gewesen war. Als Könige von England waren sie von Rechts wegen her souveräne Herrscher, als Herzöge der Normandie, von Aquitanien oder Grafen von Anjou ect. waren sie Vasallen des französischen Königs, vor dem sie gegenbenenfalls das Knie zu beugen hatten, was auch gelegentlich vorgekommen ist.

    Wie schon geschrieben, Aquitanien ging nicht nach England. Das Land blieb Frankreich und seinem König als Lehen erhalten. Nur muss man sich im Zusammenhang mit dem angevinischen Reich den Zustand (Verfassung) Frankreichs im hohen Mittelalter auseinandersetzen. Das Königreich war durch und durch feudalisiert, soll heißen, der größte Teil des Landes war in Besitz von diversen Fürsten (Herzögen, Grafen usw.), deren Vorfahren irgendwan einmal vom König ein Lehen erhalten hatten, dass sie auf ihre Nachkommen weitervererben konnten. Der Beginn der Feudalisierung wird grob umschrieben inden Herrscherjahren der unmittelbaren Nachfolger Karls des Großen angesetzt.

    Nun war es so, dass der König als Oberlehnsherr de jure gegenüber seinen Vasallen weisungsbefugt war und diese ihm zu gewissen Diensten verpflichtet waren, die er einfordern konnte. Der wichtigste Dienst in dieser Zeit war sicherlich die Heerfolgepflicht. Aber im Frankreich vom 9. bis 12. Jahrhundert klaften Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Die Lehnsfürsten waren in dieser Zeit so mächtig, so reich an Land und Ressourcen, dass sie de facto mächtiger als der König waren. Die Macht des Königs definierte sich weniger in der Anzahl und Macht seiner Vasallen, im Gegenteil, je mehr es davon gab desto schwächer war er selbst. Der König konnte nur dort seine Macht unumschränkt zur Geltung bringen, wo er unmittelbar und direkt auf das Land einwirken konnte. Dieses Land wird allgemein hin als "königliche Domäne" bezeichnet, die sich also in seinem direkten Zugriffsbereich befand und die sich nicht im Besitz eines Lehnsfürsten befand. Nur war diese Domäne in dem genannten Zeitraum so klein, nicht viel größer als das Gebiet um Paris (heute Île-de-France), dass er damit gegenüber einem Herzog von Aquitanien, oder Normandie, oder Grafen von Toulouse kaum glänzen konnte.

    Je mächtiger die Fürsten desto schwächer war der König und sein Einfluss auf sie. Er konnte sich zwar auf seine übergeordnete Position in der Lehnspyramide berufen, doch hatte er damit den Fürsten kaum etwas gebieten können. Es blieb ihm nur die Optionen, die Fürsten entweder militärisch zu unterwerfen (fast aussichtslos), sie geschickt gegeneinander auszuspielen (was schon besser funktionierte), oder einfach nichts zu tun und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Letzteres wurde viel zu häufig praktiziert, so das die Fürsten nahezu unabhängig herrschen und sich mehren konnten. Durch Feudalkriege und Vererbung konnten sie gewinnen und verlieren.

    Die Normannen und Plantagenets aber hatten fast ausschließlich nur gewonnen. Wilhelm der Eroberer(!) konnte 1066 ungestört die Krone Englands erobern und damit die Verflechtung Frankreichs mit dem Inselkönigreich herstellen, das die Beziehung beider Länder das gesamte Mittelalter hindurch, manche sagen bis heute, begründen. Die Plantagenets brachten schließlich durchs Heiraten zuerst das Normannenreich und dann das große Aquitanien an sich, womit das "angevinische Reich" zusammengefügt wurde.

    Es ist eine Frage des Standpunktes. Wie bereits gesagt, die Gebiete blieben bei Frankreich, egal ob deren Inhaber nun heirateten oder zu Königen eines fremden Königreichs wurden. Nur war die Frage, inwieweit der französische König auf diese Gebiete dann noch einen Einfluss ausüben konnte. Im Falle der angevinischen Gebiete tendierte dieser Einfluss gen Null. Und eben diesen Zustand versuchten die Könige aus dem Geschlechte Hugo Capets zu überwinden.

    Zuerst versuchten sie es übrigens auch mit Heiraten, so hatte Ludwig VI. seinen Sohn eben mit Eleonore verheiratet, wodurch Aquitanien über kurz oder lang an direkt an die Krone (königliche Domäne) gefallen wäre. Dumm nur, dass sich Ludwig VII. dann von Eleonore wieder scheiden ließ und Aquitanien somit wieder aus den königlichen Händen glitt. Philipp II. dann verlegte sich auf einen komplexen politischen Prozess, indem er die Plantagenets und deren Vasallen geschickt gegeneinander ausspielte und sie mit den Regeln des geltenden Lehnsrechts beim Schopfe packte. So konnte er 1204 Johann Ohneland als Rechtsbrecher verurteilen und ihn formell enteignen. Die jahrelange Vorarbeit zeigte sogleich seine Wirkung, als das angevinische Reich augenblicklich zusammenbrach und die Kapetinger nur noch die Scherben einsammeln und sie in ihrer Domäne wieder zusammensetzen brauchten.

    Überhaupt waren die Kapetinger ab dem 13. Jahrhundert darauf bedacht, ihre königliche Domäne über ihr gesamtes Königreich auszudehnen und die Anzahl der Feudalführsten zu verringern. Spätestens im Absolutismus unter den Bourbonen gab es dann auch keine mehr in Frankreich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2013
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  5. algarius

    algarius Neues Mitglied

    ich danke euch allen ganz fest für die Erläuterungen. Nun ist mir sehr viel klar geworden
    und ich verstehe nun die Zusammenhänge viel besser.

    Insbesondere Dank an Joinville

    Schönes Weekend
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe nichts anderes gesagt, mich aber vielleicht missverständlich ausgedrückt. Die englischen Plantagenets waren für ihre französischen Territorien (angevinisches Reich) Vasallen der französischen Könige, denen sie zur Gefolgschaftstreue verpflichtet waren. Die Stellung des französischen Königs als Oberlehnsherr der französischen Territorien blieb trotz zahlreicher Konflikte im Prinzip unangetastet.

    Nach verheerenden Kriegen wurde der englische König Johann Ohneland (John Lackland) in einem gegen ihn von König Philippe II. Auguste eröffneten Prozess vor einem Lehnsgericht seiner Lehen für verlustig erklärt. Philippe Auguste führte einen Feldzug gegen Poitou im Jahr 1204. Nachdem England durch die Schlacht bei Bouvines 1214 bereits den größten Teil seiner Festlandsbesitzungen bis auf die Gascogne u, Guyenne verloren hatte, besetzte Ludwig VIII. 1224 das Poitou. Allerdings gab Ludwig der Heilige im Vertrag von Paris 1259 Heinrich III. alle aquitanische Lehen gegen Lehnseid zurück. Nach erneuten Konflikten wurde Aquitanien 1303 wieder von den Franzosen besetzt.

    Eine endgültige Klärung brachte erst der 100jährige Krieg, durch den England alle Territorien in Frankreich verlor.
     
  7. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die Plantagenets waren "Angevinen", die französische Grafschaft Anjou war ihr Stammland. Deshalb auch die moderne Wortschöpfung "Angevinisches Reich".
    ;):O
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Diese Erkenntnis hatte ich als grundlegend für alle vorausgesetzt, die sich für diese Thematik interessieren.

    Wichtiger ist die Tatsache, dass die im 100jährigen Krieg gipfelnde Auseinandersetzung für England einen macht- und wirtschaftspolitischen Hintergrund hatte. Zum einen verfügte es - wie oben beschrieben - über alten Lehnsbesitz in Südfrankreich, den es gegen das Bestreben der Könige Frankreichs zu verteidigen galt, ihn der französischen Krondomäne unmittelbar einzufügen. Zum anderen besaß England Wirtschaftsinteressen im französischen Flandern, das Absatzmarkt für englische Wolle war, die in der ausgedehnten Tuchindustrie weiterverarbeitet wurde.

    Die Beziehungen zwischen den französischstämmigen Plantagents, die mit Heinrich II. erstmals den englischen Theon bestiegen, und dem französischen Herrschergeschlecht der Kapetinger waren eng. Und so trat die für die französische Krone delikate Situation ein, dass ein Kronvasall mit ausgehntem Besitz - ganz Aquitanien - englischer König wurde. Die persönliche Bindung der Anjous zu Frankreich blieb so eng, dass sich Richard Löwenherz nur wenige male in England aufhielt und nicht dort, sondern iin der Abtei Fontrevault bestattet wurde.
     

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