"Archivtechniken" im Früh- und Hochmittelalter

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von Repo, 21. September 2009.

  1. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Die Franken waren ja zunächst einmal eine schriftlose Kultur und haben die Schriftlichkeit erst angenommen. Es ist auch bezeichnend, dass die ältesten Urkunden in deutschen Archiven von Königen und Päpsten stammen.
    Meiner Meinung nach ist in der Urkunde erstmal nur ein Beglaubigungsmittel von besonderer Kraft zu sehen, dass jedoch nicht den Eid ersetzte, sondern gleichwertig neben ihm stand.
    Auf der "staatlichen" Ebene sind die Urkunden dann auch deshalb zuerst bedeutsam geworden, weil sie z.B. dem König eine Möglichkeit boten, auch in entlegenen Gegenden Recht zu setzen, ohne persönlich anwesend sein zu müssen.
    Ich denke, man muss auch von einer großen mündlichen Rechtstradition ausgehen, deren Funktionsweise sich aus den später schriftlich fest gehaltenen Gesetzen erschließt.

    Die schriftliche Überlieferung halte ich zumindest für die Zeit Karls des Großen auch nicht für so übel, wenngleich mengenmäßig natürlich nicht mit dem Wust an Material zu vergleichen, der ab dem Hoch/Spätmittelalter existiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Dezember 2009
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  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich möchte nicht vom Thema ablenken und hoffe meine Zwischenfrage paßt.
    Ist der Eid vor Gericht, der Amtseid und die eidesstattliche Versicherung ein Überbleibsel aus dieser schriftarmen Phase der Rechtssprechung und Verwaltung?
     
  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi Rena

    Der Eid spielte bereists bei den "keltischen" Kulturen eine grosse Rolle und dürfte sich über das mittelaterliche Recht bis in die Neuzeit gehalten haben...


    Gruss Pelzer


    .
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Der Amtseid steht auf jeden Fall in dieser Tradition. Ich finde es auch immer ganz witzig, dass er nach wie vor abgelegt werden muss, obwohl man ja eigentlich sowieso bei der Ernennung eine Urkunde erhält.
    Noch stärker kommt der zeremonielle Charakter beim Gelöbnis der Bundeswehrsoldaten zum Ausdruck.
    Über die Eide vor Gericht habe ich zu wenig Kenntnisse.
     
  5. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Du spielst jetzt auf den Diensteid von Beamten an, oder? Der Diensteid bezieht sich auf das Dienstverhältnis und dabei insbesondere auf die Dienstpflichten, wohingegen die Urkunde (ich unterstelle mal du meinst die Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit) einer Statuszusicherung entspricht. Wie der Name schon sagt, ist man mit Erhalt der Urkunde Beamter auf Lebenszeit, den Dienstpflichten gemäß des Diensteides unterliegt man aber nur solange man auch seinen Dienst tut, also bis zum Eintritt in die Pension. Das sind also durchaus zweierlei Rechtsgeschäfte, obwohl sie in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen.

    Laut Wiki haben die Eide im heutigen mitteleuropäischen Recht wohl germanische Wurzeln (klick), klingt für mich zwar etwas esoterisch und liefert keine Belegstellen, aber evtl. weiß jemand dazu doch noch mehr.
     
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  6. Imperator

    Imperator Premiummitglied

    Apropos Karl der Große: Wunderbares Beispiel für die "mangelhafte" Verwaltung im Mittelalter! Hat er sich doch in seinen Kapitularien solche Mühe gemacht, sein Reich etwas durchzuorganisieren (wobei seine Kapitularien überraschend unorganisiert und chaotisch erscheinen, was die Themenwahl angeht) - nur um anschließend in einem seiner letzten Kapitularien zu fragen, inwiefern denn seinen Bestimmungen überhaupt Folge geleistet worden ist.
    Vermutlich wenig bis gar keine. In einer Welt ohne Gewaltmonopol, Verwaltung und staatliche Institutionen kann man so viel bestimmen wie man will, es halten sich nur die wenigsten daran. Karl der Große wird es für notwendig empfunden haben, in der Hinsicht abzuhelfen - seine Untertanen sahen das wohl anders und haben sich auch ohne Schriftlichkeit und Verwaltung wunderbar zurechtgefunden.
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Klosterbibliotheken und antike Überlieferung

    Hallo,

    ich interessiere mich für die Überlieferung der antiken Literatur und bin dabei auch über die Überlieferungstradition der Klosterbibliotheken im MA gestoßen. Ich habe aufs geradewohl bei einigen antiken Werken geschaut, wie diese den Weg in die Neuzeit geschafft haben. Bei meiner kleinen Stichprobe ist mir aufgefallen, daß wohl oftmals ein mehr oder weniger vollständiges Unikat in einer Bibliothek herumlag, das dann als Hauptgrundlage für die heutigen Druckausgaben diente. Z. B. die Germania

    Ich habe immer gedacht, daß die Klosterbibliotheken im Mittelalter die Bewahrer der antiken Literatur schlechthin gewesen sind. Aber für eine richtige Verbreitung antiker Literatur scheint man in dieser Zeit auch nicht gesorgt zu haben. Man stelle sich vor, die Klosterbibliothek der Abtei Hersfeld wäre in einem kriegerischen Zusammenhang oder durch ein Unglück, wie eine Feuersbrunst oder Hochwasser vernichtet worden. Oder weniger dramatisch, wenn einige Klostermäuse den Tacitus weggeknabbert hätten. Dann würden wir heute ohne Germania dastehen! :motz:Ich befürchte fast, daß im MA so manche Klosterbibliothek mit Werken, die wir heute gerne noch hätten, untergegangen ist und die einzige Abschrift für immer verloren war.:cry::cry::cry:

    Gibt es denn dazu Untersuchungen, was an antiker, paganer Literatur noch im Mittelalter erhalten war, aber dann in dieser Zeit verloren ging? Wie funktionierte das Bibliothekswesen denn damals überhaupt? Wie weit wurden welche Bücher verbreitet? Wurde die antike Literatur eher vernachlässigt?
     
  8. Imperator

    Imperator Premiummitglied

    Man darf davon ausgehen, dass im Mittelalter Bücher keine allzu hohe Verbreitung hatten. Man muss berücksichtigen, dass der Großteil der Menschen Analphabeten waren. Abgesehen von Geistlichen und ab dem Hochmittelalter von Herrschern konnte keiner lesen oder schreiben. Dementsprechend gering war auch der Bedarf an mehreren Kopien. Zu den meist gelesenen Büchern gehörten selbstverständlich die Bibel und diverse Schriften der Kirchenväter, die allesamt auch im Kloster allabendlich gemeinsam gelesen worden sind und daher auch einen kulturellen/rituellen Aspekt besaßen, was vielen Büchern der Antike nicht zueigen war.
    Alles andere war deutlich weniger verbreitet. Die meisten Schriften sind wie Tacitus' Germania eben bloß in einer Handschrift vorhanden gewesen.
    Um eine eigene Handschrift zu erstellen, musste diese ausgeliehen und (logischerweise) abgeschrieben werden, was aber durchaus einen hohen Aufwand bedeutete. Und wenn kein Interesse an manchen Texten vorhanden war, wurden diese nicht abgeschrieben. Mit der Germania des Tacitus wusste man im Mittelalter nichts anzufangen, das änderte sich eben erst mit dem allmählich aufkeimenden "Nationgefühls" in der Zeit des Humanismus. Aber letzten Endes setzt das Vorhandensein einer Handschrift ja doch das Interesse zumindest einer Person im Mittelalter voraus.

    Eine Arbeit über im Mittelalter verloren gegangene Texte wäre mir nicht bekannt. Wüsste auch nicht, auf welchen Quellen eine solche Arbeit fußen könnte. Immerhin hatte man in mittelalterlichen Bibliotheken keine Listen mit der vorhandenen Literatur geführt. Von vielen verloren gegangen Autoren aus der Antike weiß man Bescheid, da spätere antike Autoren diese erwähnt haben (z. B. erwähnt Tacitus immer mal wieder den verloren gegangen Cluvius Rufus); im Mittelalter scheint das eher wenig der Fall gewesen zu sein bzw. wenn antike Autoren erwähnt werden, so sind deren Werke meist auch heute noch erhalten (z. B. waren Suetons Kaiserbiographien Vorbild für Einhards Karlsvita; die Kaiserbiographien stehen uns auch heute noch zur Verfügung).

    Von einer Vernachlässigung antiker Literatur kann man aber auch nicht sprechen. Große Teile waren ja letztlich doch, wenn auch nur in einer Handschrift, erhalten, manches davon wurde auch nachweislich gelesen und rezipiert. Auch galten heidnische Autoren den Gebildeten des Mittelalters als Vorbilder. Letztlich muss man sich die Frage stellen, ob wirklich die Menschen im Mittelalter dafür verantwortlich zu machen sind, dass so viele Bücher aus der Antike verschollen sind, weil kein Interesse vorhanden war, oder nicht doch eher politische Umbrüche und Kriege zur Zeit der Völkerwanderung.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Doch, doch! Siehe unten, die angehängte Seite aus dem Katalog der Sankt Galler Klosterbibliothek, die dem Notker Balbulus zugeschrieben wird.

    Klosterbrände, Aufstände etc. (Schriftgut wurde bei Aufständen immer verbrannt, weil die Landbevölkerung nicht lesen konnte und ein Interesse daran hatte, das Privilegien verschwanden, da ein Analphabet nicht feststellen kann, ob er ein Privileg oder eine historiographische Schrift in der Hand hält, verbrennt er eben alles).
     

    Anhänge:

  10. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Wenn eine Handschrift nur einmal vorhanden ist, ist natürlich die Gefahr, daß diese irgendwann vernichtet wird, um so größer. Und damit wäre dies ein Totalverlust.

    Über die Frage, wann (und warum) das Gros des antiken Schrifttums vernichtet wurde, streiten sich die Geister. Aber bis zum Frühmittelalter scheint wohl schon 99,9 % der antiken Literatur über den Styx (oder war's die Wupper) gegangen zu sein. Heutige Lateinschüler werden es danken.

    M. W. war im Mittelalter Pergament der wesentliche "Datenträger". Die Kosten für Pergament müssen immens gewesen sein, und deshalb war eine Bibliothek schon rein vom materiellen Wert äußerst wertvoll. Weiß man denn, welchen Wert Pergament (oder ein Buch aus Pergament) im Verhältnis zu anderen Gütern hatte?
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Norman Roth führt in seinem Buch über die Juden in al-Andalus an, dass eine schöne Bibel 500 mitqāl gekostet habe, und dass eine Stadtvilla mit Garten 500 mitqāl kostete. Zu den Materialkosten kam natürlich noch der Prozess der kalligraphischen Schreibung mit Verzierung (Bilder, gestaltete Majuskeln).
     
  12. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Ich weiß, dass diese Diskussion seit bereits einem Jahr beendet ist, aber ich wage doch einen Widerspruch.

    Das Hirsauer Formular (DIHV 280) von 1075 galt tatsächlich lange Zeit als Fälschung. Nach neuesten Erkenntnissen wird es allerdings unter sämtlichen, mit der Klostergründung Hirsaus befassten Historikern als echt angesehen. Man kann zwar davon ausgehen, dass es schon Abt Wilhelm in Person war, der das HF nach seinen Vorstellungen verfasst hat, aber es wurde Heinrich IV. zumindest zur Unterschrift vorgelegt. Heinrich IV. war also im Bilde!

    Hintergrund: Abt Wilhelm verfügte bereits über ein Papstprivileg (LV 241) ausgestellt von Papst Gregor VII. der jedoch vom Eigenklosterherren Graf Adalbert veranlasst und beeinflusst worden sein soll. Die Befreiung aus der Eigenkirchenherrschaft des Grafen wäre damit alleine nicht gewährleistet gewesen und war somit für Abt Wilhelm nicht ausreichend.
    Laut der Vita Wilihelmi (von Haymo von Reichenbach verfasst), soll es eine Art Vorgänger Urkunde vom Hirsauer Formular gegeben haben, das die Hirsauer zerstört hätten. Die Vita ist allerdings die einzige Quelle diesbezüglich, sie gilt gemeinhin als glaubwürdig, da Haymo ein Zeitgenosse Wilhelms war, aber es finden sich bislang keinerlei anderen Hinweise auf ein Kaiserliches Schutzdiplom vor dem DIHV 280.


    Sehr interessant ist die Frage nach dem DIHV 280 im Zusammenhang mit dem Investiturstreit. (Was sicherlich auch der Grund war, die Echtheit anzuzweifeln...)
    Warum hat Heinrich IV. 1075 einen Freibrief unterschrieben, der ein wichtiges Kloster aus der fürstlichen Herrschaft entbindet und direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt, wenn er noch im selben Jahr mit Gregor VII. um genau diesen Punkt zu streiten beginnt - vielmehr Gregor mit ihm...?

    Liebe Grüße
    KeineAhnung
     
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  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das ist ja sehr interessant.
    Danke.

    Ab, sag mal warum so einen unpassenden Nick?
     
  14. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    :red: Glaub mir, der ist schon ziemlich passend...

    Liebe Grüsse
    KeineAhnung
     
  15. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Über den Deister !!!!
     
  16. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Wie bitte???:grübel:
     
  17. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Karl hat die Schriften gesammelt und Ludwig sie angeblich verbrannt.
    Der Deister ist ein Höhenzug bei Hildesheim, was oder wer da "drüber" geht, ist weg/ kaputt /zerstört
     
  18. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    :autsch: kleine Korrektur: Das Dings heißt: Papstprivileg JL 241 Gregors VII.
    Sorry

    Lg
    KeineAhnung
     

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