B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum

Da im Faden über die Erfindung des MGs erwähnt, hier zu den MG-Ständen der Festung Borkum:
Borkum MG Stände.png

Es war der IMKK wichtig, die Nahverteidigungsanlagen eigens darzustellen. Sie werden als "Emplacements des mitrailleuses" bezeichnet, gemeint sind damit "verbunkerte" MG-Stände (der franz. Begriff mitrailleuse wurde ab ca 1890 nicht mehr für die veraltete franz. Mitrailleuse, sondern für MGs a la Maxim-MG verwendet) Die Auflistung samt Plänen im Dossier "Place de Borkum" ist von 1927 und verwendet das seinerzeit aktuelle militärische Fachvokabular.
Die Pläne zeigen drei verschiedene Varianten von MG-Bunkern, zusätzlich einen Mannschaftsraum "Abri remise pour mitrailleuses" - ein solcher ist vor wenigen Jahren nahe der ehemaligen Dünenbatterie auf den Strand gestürzt. (die MGs der Dünenbatterie hatten keinen verbunkerten Kampfraum)
Die Funktion der Borkumer MG-Stände war die der Graben- und Vorfeldstreichen. Lediglich die zum Watt gelegenen Bereiche/Ufer der Insel wiesen keine Verteidigungsanlagen auf, denn vom Watt her war kein Angriff zu erwarten (das Watt zwischen Insel und Festland taugte nicht für Schiffe und war für Bodentruppen mit allerlei Equipment unpassierbar)
Erstaunlich, dass die IMKK zwar die MG-Halterungen / MG-Standorte der drei Infanteriewerke und der Neben- & Hauptstände zwar erwähnt, aber nicht zu den eigentlichen Emplacements des mitrailleuses hinzuzählt. Sie hatten ebenfalls die Aufgabe, das Vorfeld (Strand) zu bestreichen, aber sie sind wohl als Bestandteile der genannten Anlagen (Infanteriewerke, Haupt-&Nebenstände) zu rechnen.
Die IMKK zählt sieben eigene MG-Stände, hinzu kommen drei Infanteriwerke und mehrere Haupt-&Nebenstände - es waren wohl insgesamt 15-20 vorbereitete MG-Stellungen auf der Insel vorhanden. Ob jeder MG-Stand über genau ein MG verfügte, oder noch ein oder mehrere zusätzlich hatte, geht aus dem Dossier nicht hervor.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich greife das noch mal auf (...) :
Die IMKK listet für Borkum mehrere "Batteries de D.C.A." auf, in #26 ist die Liste mit den nummerierten Festungswerken (Batterien, Flakbatterien, MG-Streichen, Peilstände, Kommandostände, Infanteriewerke usw.) zitiert/abgebildet. Die Nummern 43-49 sind die sieben Flakbatterien, die während des Kriegs eingerichtet wurden.
Die IMKK hat von zwei der sieben (oder acht) Flak-Batterien (Batteries de D.C.A.) Pläne angefertigt:
Flak Batterie York:
Borkum Flak York.png

Borkum Flak York 2.png


Flak Batterie Bölke:
Borkum Flak Bölke.png


Verglichen mit den hier die speziellen Anforderungen des Küstenschutzes angepassten gesplitteten Befestigungsgruppen wirken die Flak Batterien kaum festungsmäßig, eher wie improvisiert. Aber dieser Eindruck täuscht: ihr dem Gelände angepasster Aufbau stets nah an den Kommunikationslinien (Militärbahn & -straßen) entspricht dem in den Festungen Wilhelmshaven und Cuxhaven (siehe dort)
 
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@muck in #4 ist eine Übersichtskarte (Festungsplan Stand 1924/27) und da zeigen sich einige Veränderungen der Küstenlinie im Vergleich zu heute: es gab die Seehundbank vor der Wandelhalle noch nicht, viel Gelände an der Wattseite ist durch Eindeichung hinzugekommen, viel Sandfläche im Nordosten ist weg geschwemmt (der Strand bei der Dünenbatterie ist heute viel schmaler)
 
Sehr auffällig ist der Sandabtrag am Nordstrand: die historische Karte zeigt zwischen Dünen und Nordsee einen mächtigen breiten Sandstrand "Nordstrand" (bei der blauen 5, Dünenbatterie), die Sandmassen sind westwärts gewandert, bilden heute die einem Nahrungshaken ähnelnde Seehundbank "hohes Riff", das früher langgestreckte"hohe Hörn" (Ostzipfel) ist überwiegend verschwunden, beim Südstrand/ronde Plat ist einiges Land hinzugekommen (da bildet sich Richtung Reede ein weiterer Nahrungshaken?)
 
... allmählich trudeln bei mir zumindest mich verblüffende Materialien zur Borkumer Festungsgeschichte ein. Zwar muss ich noch einiges abwarten (ich habe erst im Winter einen Termin im Militärarchiv Freiburg mit einem Stapel Akten), aber vorab kann ich zumindest ein paar noch ungefähre Neuigkeiten mitteilen:
- zwar erklärte die AKO 1908 Borkum explizit zur Festung, aber durch allerlei Publikationen geistert auch eine Erklärung Borkums zur Festung im Jahr 1902. Letztere war ganz offensichtlich nicht nur ein Papiertiger, nicht nur eine Absichtserklärung: zwar begann der seinerzeit hochmoderne Festungsbau in Stahlbeton erst 1909, wie ich schon geschrieben hatte, und zwar nachdem 1908 die Ostlandbahn bis in die Ostdünen und die Nordstrandbahn erweitert war, aber sowohl Planungen als auch erste Baumaßnahmen begannen schon früher:
- - Major & Ingenieur-Offizier Roos: Übersichtsplan der militärischen Befestigungsanlagen auf der Insel BORKUM
Kolorierter Druck, Papier auf Leinen, 1907
- - nochmals Roos, derselbe Titel, diesmal 1908
- - dazu: Militärische Befestigungsanlagen auf der Insel BORKUM Druck gezeichnet von Festungsbau-Feldwebel Kuhlmann Papier Format 48,0x32,8 M 1:25.000 1908
Borkum 1908.png

Auch wenn dort Dezember 1911 vermerkt ist, diese Karte hat Kuhlmann 1908 angefertigt - für uns interessant ist daran:
1. die Ostlandbahn war schon bis zu den Kobbe-Dünen (Dünenbatterie) vorangeschritten, die Nordstrandbahn ist nicht eingezeichnet
2. rotes a irgendein erster Militärbau auf dem Gelände der späteren Dünenbatterie
3.
rotes b irgendein erster Militärbau am "Sturmeck", wo später ein verbunkerter MG-Stand den Strand (Muschelfeld, Tüskendöör) sicherte
4. rotes c liegt etwas östlich seitab der späteren Südbatterie, ziemlich genau am Platz des Infanteriewrks Süddünen (siehe Festungskarte in #4)

5. zuständig war offensichtlich "Fortifikation Wilhelmshaven"
- - verblüffend für 1908 dann auch ein "Übersichtsplan der Linienführung der Fernsprechleitungen zwischen den Befestigungsanlagen auf Borkum" gezeichnet von Feldwebel Kuhlmann (leider nicht online einsehbar)
- - 1910 ein "Lageplan des noch für militärische Zwecke anzukaufenden Geländes auf der Insel BORKUM", Druck gezeichnet von Festungsbau-Feldwebel Kuhlmann:
Borkum 1910.png

rot das Gelände der Befestigungsgruppe um Hauptstand II, zwischen Strand- und Südbatterie gelegen (Plan #4)

Ganz besonders gefreut hat mich der Fund zweier Fotografien von 1927, die eine lässt den Batterieblock der Strandbatterie erkennen, die andere zeigt deutlich den mächtigen MG-Stand, aus dem später "Möwennest" und Gasthaus "heimliche Liebe" wurden. Zwar sind diese Fotos bzw. Ausschnitte aus diesen nicht aus der aktiven Festungszeit, aber auf jeden Fall vor der Wiederaufrüstung.
Strandbatterie.png

(ziemlich genau in der Mitte kann man den Batterieblock mit den vier Traversen erahnen)

MG-Stand heimliche Liebe.png

Hightech-Stahlbeton aus der späten Kaiserzeit am Badestrand mit den typischen Borkumer Strandzelten :)

Und weil ich zuvor einiges zu Bäderarchitektur und Jugendstil verzapft hatte, zwei alte Fotos vom mondänen Badeleben: das erste von 1909 mit Strandkörben und Strandzelten aber noch ohne Wandelhalle, das zweite dann mit der Jugendstil-Wandelhalle:
Bäderarchitektur 1909.png


Bäderarchitektur mit Wandelhalle.png


...vielleicht ist es ja nur ein exzentrischer Spleen von mir, aber ich finde dieses kuriose, merkwürdige und doch beinahe symbiontische Nebeneinander von Jugendstil, Badeleben der Zauberbergzeit und Stahlbeton gleichermaßen faszinierend wie auch irgendwie anrührend.
 
Hightech-Stahlbeton aus der späten Kaiserzeit am Badestrand mit den typischen Borkumer Strandzelten
zu diesem Foto noch ein Ausschnitt des Festungsplans und der Detailplan des MG-Stands:
Festungsplan Ausschnitt.png

bei "Strandbatterie" sieht man deutlich den Batterieblock, bei der roten 33 den MG-Stand

MG-Stand Nr.33.png

und genau diesen zeigte das Foto von 1927 von schräg oben
 
vielleicht ist es ja nur ein exzentrischer Spleen von mir, aber ich finde dieses kuriose, merkwürdige und doch beinahe symbiontische Nebeneinander von Jugendstil, Badeleben der Zauberbergzeit und Stahlbeton gleichermaßen faszinierend wie auch irgendwie anrührend.
...und da könnte der Eindruck entstehen, dass ich mit rührseliger Nostalgie (wenn nicht gar gute-alte-Zeit-Feeling) auf diese Bilder aus der Jugendstilzeit blicke, immerhin habe ich das Geschichtsforum bzgl. Jugendstil (und Festungen dieser Zeit) unverhältnismäßig strapaziert...

Es ist ein wenig anders.
Zunächst: Bilder beeinflussen den Blick, die Perspektive des Betrachters, das ist gar keine Frage (und mehr als nur oft wollen/sollen sie das) und so gibt es - neue wie alte - Bilder der Bäderarchitektur, die einerseits informieren und andererseits für ihre Sehenswürdigkeit werben. Für uns heute kommt dabei gerade bzgl. der "alten" Bilder, der historischen Fotografien, noch ein anderer Aspekt hinzu: die Patina des Gelbstichs, der körnigen Unschärfe. Sie übertüncht sozusagen das, was abgelichtet ist, mit einem quasi Nostalgiefilter - dabei ist nun gerade das, dieser Nostalgiefilter, dieser Eindruck, den wir haben, gar nicht die Absicht solcher alter Fotografien.
Nehmen wir nochmal das Foto, das um 1912 aufgenommen wurde:
Bäderarchitektur mit Wandelhalle.png

links zwei Damen, modisch und teuer gekleidet, ein Herr im Anzug und mit hellem Sommerhut, eine Jugendliche - vielleicht eine wohlhabende Familie, die sich im mondänen Seebad einen kostspieligen Urlaub (evtl. im noblen Strandhotel) gönnt, mutmaßlich am frühen Morgen vor dem Frühstück, denn am Strand ist noch kein Gewimmel, auf der Kurpromenade und rechts an der Wandelhalle ist auch noch nichts los, vermutlich ein arrangierter Fototermin, der die Familie vor der prachtvollen und seinerzeit ultramodern-mondänen Kulisse festhält - - eigentlich sieht es ansonsten, denken wir uns den Nostalgie-Gelbstich weg, kaum anders als heute an einem noch unbelebten frühmorgendlichen Strand aus: die Badezelte und Strandkörbe stehen herum, vom Vortag noch Sandhügel (Burgen) von den Urlauberkindern, auch teilweise die touri-typischen Sandwälle (das ist MEIN Strandzelt) - - und jetzt denken wir uns die Mode weg, denken wir uns dieselbe Familie, aber mit angesagten teuren Sonnenbrillen, schmucken premium-Handys, Gucci-Handtäschchen etc. und eigentlich sind die nicht anders als wir.
...ach ja....der eisgraue Bunker, der zu dieser Zeit schon gebaut war, überhaupt die massenhaften Hightech-Festungsanlagen, von denen ich Festungsfreak seitenlang salbadert habe: wirken sie wie ein Stilbruch, stören sie die Badeidylle, passen sie nicht, ist diese Diskrepanz etwas, das nun doch sehr weit weg von uns ist? Unlängst waren mir Güterzüge voller Panzer aufgefallen, in den Gazetten und online-News lese ich alle Nase lang von Drohnen, Marschflugkörpern etc - nein, das ist gar nicht so weit weg von unserer heutigen Idylle!

Und ebenfalls ganz nah an unseren heutigen Erlebnissen: ein oder anderthalb Jahre nach diesem Foto spielten sich an der Kleinbahn zum Hafen und dann an der Bahn in Emden Szenen ab, ähnlich wie ich sie, vom Pellworm-Urlaub kommend, in Husum erleben musste: unübersehbare gestresste Menschenmassen wegen plötzlichem Bahnstreik... gestresste Menschenmassen 1914 auf Borkum: mit Kriegsausbruch war auf einen Schlag die mondäne Badeidylle perdu! Alle Gäste, egal wie nobel, reich, angesehen, verwöhnt, restlos alle Gäste musste binnen 2 Tagen die Insel verlassen, die nun komplett dem Festungskommandanten und damit dem Militär unterstand. Wie im Zauberberg!...

Die Prachthotels mit ihrer Bäderarchitektur, der ganze Jugendstilprunk, das lag nun brach, verwaist... für die Inselbevölkerung war die größte Einnahmequelle mit einem Schlag weggebrochen (und man darf sich gar nicht vorstellen, welche Auswirkung das auf das zahlreiche, teils wohl auch nu saisonal beschäftigte Hotelpersonal das hatte) und diese Einnahmequelle konnte vom nun personell stark aufgestockten Militär, das die Festung komplett kampfbereit halten musste, nicht aufgewogen werden.

...und damit begann ein häßlicher, ein unangenehmer, ja ein scheußlicher Abschnitt des komplett verödeten "Kulturlebens" auf der abgeriegelten Insel, deren Bewohner mit allerhand Maßnahmen reglementiert wurden. Durch den gesamten Ersten Weltkrieg hindurch erschien eine Kriegszeitung der Festung Borkum, und was da an Durchhalteparolen und vaterländisch-patriotischem Kitsch verzapft wurde, da fallen mir keine passenden Adjektive ein... ohne Worte ein paar Snapshots:

ohne worte 1.png

ohne worte 2.png

ohne worte 3.png

ohne worte 4.png

ohne worte 5.png

ohne worte 6.png


(rührselige, sprachlich unfassbar kitschige Durchhalte-Texte erspare ich uns)

die Screenshots sind aus
 
Durch den gesamten Ersten Weltkrieg hindurch erschien eine Kriegszeitung der Festung Borkum, und was da an Durchhalteparolen und vaterländisch-patriotischem Kitsch verzapft wurde, da fallen mir keine passenden Adjektive ein...
kleine Korrektur: diese Kriegszeitung setzte 1915 ein, ab Pfingsten 1916 unter Federführung von Hauptmann Carl Lange (1885-1959)

wer in dem Machwerk blättern will:

...jetzt habe ich, über ein paar Tage verteilt, viel (Frei)Zeit damit vergeudet, diese großenteils online lesbare Kriegszeitung der Festung Borkum zu filzen, in der trügerischen Hoffnung, etwas über die Festungsanlagen zu erfahren. Trotz des scheinbar vielversprechenden Titels ist da aber nichts zu erfahren, jedenfalls nichts, was irgendeinen Informationswert zur Festung, zu ihren Bestandteilen und deren Wirkung hätte; auch in Sachen Bilder/Fotos Fehlanzeige. Das ist aus zwei Gründen peinlich für diese Durchhalte-Patriotismus-Publikationsreihe.

Der erste Grund:
verblödete Geheimniskrämerei, die obendrein unterstellt, die Zivilbevölkerung der Insel bestünde einzig aus Trotteln...
1916, der Erste Weltkrieg tobte schon zwei Jahre lang, seit zwei Jahren war die Insel abgeriegelt für jeglichen Tourismus, und da schwadroniert unter der Herausgeberschaft von C. Lange ein "R." in rührselig-kitschigem Tonfall von einem Batteriefest, zu dem er eingeladen war:
Batteriefest 1916.png

Blabla-schmalz.blabla-Rührung-blablabla.... endlich mal, voll tiefer Ehrfurcht, mit hämmerndem Herzen in das Heiligtum eines (Festungs)Werks eintreten zu dürfen, hach, das muss ja soooo erhebend sein... Gewiß, einfach so konnte man Festungsgelände nicht betreten, wovon noch zu Friedenszeiten Herr Trench aus England ein Lied singen konnte siehe B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum Aber die vielen Stahlbetonbauten der Festungsanlagen, die Erdarbeiten, die Schanzarbeiten etc sowohl von 1909 bis 1914 als auch während des Kriegs - die Festung wurde kontinuierlich weiter ausgebaut, verstärkt, neue Festungswerke kamen hinzu - wurden bei weitem nicht allein vom Militär durchgeführt; kurzum zahlreiche Borkumer Einwohner waren nicht nur einmal in diesem oder jenem Heiligtum gewesen! Und obendrein: wer sich, warum auch immer, vom Kurbad auf den Weg zur Siedlung Ostland machte, der hatte dabei einen prima Blick auf die vier riesenhaften 28cm Haubitzen der Wattbatterie! Wie das? Zwischen Wiesen- und Wattbatterie ist nur ein sehr schmaler Korridor, und durch diesen verlaufen nebeneinander der öffentliche Fahrweg und die militärische Ostlandbahn, da hatte man einen prima Blick auf die Wiesenbatterie, zumal diese zur Bahnlinie hin nicht in hohen Dünen steckte:
Korridor zw. Watt- und Wiesenbatterie.png

Freilich waren beide sehr großflächigen Batterien von 10m breiten Drahthindernissen abgesperrt, aber unsichtbar waren sie hier nicht. (und oben im Plan hätte man beim weiter spazieren einen prima Blick auf die Kehlseite des Infanteriwerks Jägerheim gehabt)
Der erste Grund also: die Borkumer Leser mussten sich verarscht vorkommen!

Der zweite Grund
ist noch dämlicher... Oben ist das Machwerk verlinkt, da kann man das komplette rührselige Blabla nachlesen und wird darin eine horndumme Episode finden: auf dem Batteriegelände, während des Festes, soll ein Soldat in einen Bach gestürzt sein, und dieser Bach hatte reißende Fluten... Nur dank beherzter kameradschaftlicher Hilfe blablabubber (upps, Wortspiel) - die Insulaner kannten ihr Eiland und wussten, wo die Militäranlagen sind und erst recht wussten sie, dass auf ganz Borkum kein einziger Bach durch irgendeine Batterie fließt, geschweige denn dass auf der Insel reißende Süßwasserfluten...

Zwar ist kein Kommentar zu diesem saublöden fiktiven Batteriefest überliefert, aber: die Leserschaft wurde unzufrieden mit Langes Herausgeberschaft, er musste das Blatt um Unterhaltsames ergänzen.

...unterhaltsam damals wie heute: Fußball (sic!)
Festungsfußball 0.png

...ob sich die Festungsmannschaften beim kicken ähnlich blamabel wie "unsere" Elf vor ein paar Wochen präsentiert hatten, das weiß ich leider nicht :cool::D
 
Besonders prachtvoll ist die Borkumer Wandelhalle. Kam der mondäne Badegast 1911 vom Jugendstilbahnhof die Kaiserstraße hoch gelaufen, um dann von der Strand/Kurpromenade einen Blick auf die Nordsee zu werfen, so war er ohnehin an prachtvoller Bäderarchitektur entlanggelaufen. Und sowie er die Strandpromenade erreichte, links und rechts am Ende der Straße von mondänen Hotels flankiert, dann - ja dann musste er erstmal aufpassen, weil auf der Strandpromenade die Nordstrandbahn fuhr (diese war einerseits für die Badegäste, andererseits für die Militäranlagen!). Überquerte er die Gleise, dann: stand er auf der riesigen Wandelhalle. Er hatte die Wahl, links oder rechts eine große Treppe Richtung Strand herunter zu steigen: denn dann erst konnte er die Wandelhalle sehen!
Prachtstück der Borkumer Bäderarchitektur. Für uns interessant: dieser Belle Epoque Prachtbau ist komplett aus Eisenbeton errichtet!
Für uns heute kommt dabei gerade bzgl. der "alten" Bilder, der historischen Fotografien, noch ein anderer Aspekt hinzu: die Patina des Gelbstichs, der körnigen Unschärfe. Sie übertüncht sozusagen das, was abgelichtet ist, mit einem quasi Nostalgiefilter - dabei ist nun gerade das, dieser Nostalgiefilter, dieser Eindruck, den wir haben, gar nicht die Absicht solcher alter Fotografien.
und ich komme noch einmal auf diesen aus ästhetischen Gründen ornamental reduzierten Prachtbau, das Glanzstück des Borkumer Jugendstils in Stahlbeton, zu sprechen: seine Baugeschichte, die Bauausführung und seine technisch-wissenschaftliche Konstruktion ist bestens dokumentiert - auch mit alten Fotos! Solche dokumentarischen Fotografien von Baustellen (sic!) haben aufgrund ihrer Thematik weniger "Nostalgiegehalt" für den Betrachter.
Deshalb zunächst ein paar historische Baustellenfotos:
Baustelle Borkum 1.png

Ich finde dieses Foto faszinierend! Die riesige Baustelle vor der prachtvollen Bäderarchitektur, vor den Jugendstilfassaden das mondänen Hotels, dazu der Leuchtturm und die später abgerissene Hotelvilla. Wir sehen hier direkt, sozusagen in Aktion, Hightech 1911 und Jugendstil!


Baustelle Borkum 2.png

Baustelle Borkum 3.png


...nun kann man fragen: was hat denn das mit der Festung, mit dem Ersten Weltkrieg, mit der Festung im ersten Weltkrieg zu tun - und die Antwort ist: sehr viel, ja alles. Die Architekten, Ingenieure, Bautrupps, Financiers/Stadtverwaltung, all die aktiv am Ausbau und der Modernisierung des Seebads Beteiligten, sie stürzten sich kopfüber und energisch in - - - einen Tanz auf dem Vulkan. Von heute aus betrachtet, mit unserem Wissen um das nur dreieinhalb Jahre später einsetzende katastrophale Geschehen, wirkt diese Betriebsamkeit mit ihrem Innovationsschub, mit ihrer Ästhetik, mit ihrer Zukunfsthoffnung (zunehmend glänzendere Zeiten des nun als Seebads erstem Platzes an der Nordsee, denn Norderney war nun übertrumpft) wie ein fieberhaftes Aufbäumen und wie ein so-schlimm-wirds-nicht-werden... und zusätzlich dieselbe fieberhafte Betriebsamkeit hinter Stacheldraht: parallel der massive Ausbau der Insel zur Festung (Strand-, Wissen-, Watt-, Dünenbatterien, Militärbahn, Militärtelefon, Infanteriewerke, Torpedoboote, Minensperren usw usw) denn das soll verhindern, dass es so schlimm wird, soll schützen, falls es doch schlimm wird - und in hektisch fieberhaftem Aktionismus wurden unübersehbare Massen Stahlbeton auf der Insel verbaut...
flach und eben sind Nordessküste und Inseln, alpin hochragend Davos: wie wir denselben fieberhaften Tanz auf dem Vulkan hin zur großen Katastrophe bestens literarisch ausgearbeitet kennen.

Und zudem: ein kleines "Stückchen" Festung hat direkt mit der Wandelhalle zu tun:
Wandelhalle Plan & Querschnitt.png

Wandelhalle Plan.png

eine rückseitige Ecke der Wandelhalle ist unter der "Kleinbahn", diese ist nichts anderes als die Nordstrandbahn, deren militärische Aufgabe in zweierlei bestand:
1. Scheinwerfer wurden hier entlanggefahren
2. Materialversorgung der Festungsanlagen von MG-Stand (33 "heimliche liebe") bis zur Nordbatterie ("Sturmeck")

Wer hochwissenschaftliche Berechnungen zur Wandelhalle und bautechnische Spezialitäten sehen will:
 
Irgendeine Hysterie mit Schreckensszenarien wegen Borkum habe ich bis jetzt nicht gefunden
das hat sich zwischenzeitlich geändert, allerdings nicht in Form der franz. und brit. "Fake News" über den gigantischen Borkumer Festungsbau im späten 19.Jh. (F) oder während der Jahre 1902-08 (GB) - sondern ganz im Gegenteil: ein deutsches Schreckensszenario aus dem Jahr 1906!
Im folgenden zitiert/Screenshots aus https://img.sub.uni-hamburg.de/kitodo/PPN690258836/PDF/PPN690258836.pdf

Hansa (Pseudonym): "Hamburg und Bremen in Gefahr! sind unsere Hansestädte Hamburg und Bremen in einem Seekriege mit England in Gefahr und können sie auf genügenden Schutz durch unsere Flotte und die Küstenbefestigungen rechnen?" Verlag von J.Harder, Altona 1906 - der Hautor kommt zu dem Schluß, dass weder Flotte noch Küstenbefestigungen ausreichen. Tatsächlich waren 1906 an Festungen der Nordseeküste nur Cuxhaven, Wesermündung (Langjüten Fortviereck) und Wilhelmshaven vorhanden, ansonsten sehr stark befestigt (seit 1892) Helgoland. Auf der ostfriesischen Inselkette waren 1906 noch keine Küstenfestungen angelegt, allerdings war Borkum per AKO 1902 zur Festung bestimmt worden. Und 1902 gab es auch ein großes Manöver, mit dessen Ergebnis (dass ein kaum befestigtes Borkum die Emsmündung samt Emden nicht schützen kann) man natürlich nicht zufrieden war. Das alles müsste dem anonymen Autor geläufig gewesen sein, der sein 117seitiges Opus folgendermaßen gliederte:

Bildschirmfoto 2026-08-03 um 16.44.26.png

für uns natürlich besonders interessant das Borkum-Kapitel - und dieses ist enttäuschend... aus dem Text geht lediglich indirekt hervor, dass auf Borkum nur eine Artillerie-Batterie vorhanden "war" und rasch "niedergekämpft wurde", sodass der Feind die Insel als Versorgungsstation "verwenden konnte" - warum die Anführungszeichen? Jetzt wird es kurios: der anonyme Autor beginnt seine Schrift mit allgemeinen, vorwiegend Überlegungen strategischer art, vorwiegend die Marine betreffend. Aber nach einer Weile wechselt er ins Präteritum, wechselt auch den Stil, indem er eine auktorial erzählte fiktive Kriegsgeschichte bietet: er wird zum, stilistisch wie literarisch freilich sehr dilettantischen, Novellisten... Er erzählt von tapferen Seegefechten, heldenhaften deutschen Marineadmiralen, die allerdings einen vergeblichen Kampf gegen die englische und französische Übermacht fechten: die Küsten werden "vom Feind" erobert... buhuhuuu.... und warum das alles? Weil die Flottenrüstung bei weitem nicht ausreichend vorangetrieben worden war...
So ganz up to date war der Anonymus in Sachen Küstenfestungen nicht*), aber seine Kenntnisse der Marine scheinen da umfangreicher zu sein: er hantiert mit Zahlen, Schiffstypen, typischen Flottenvorgehensweisen etc.
...was die Argumentation seiner Schrift betrifft, so befremdet es doch sehr, dass sie sich auf eine fiktive "antiutopische" Erzählung stützt: den gemeinsamen Angriff von England und Frankreich auf das deutsche Kaiserreich, und wie dieser via Nordsee nicht abwehrbar sei (weil die Flotterüstung blabla...) - das parallele Landszenario kommt uns nicht unbekannt vor: F & GB haben Belgien besetzt, das tapfere Kaiserreich kämpft sich langsam durch das vom Feind annektierte Belgien durch...
Lüften wir das Geheimnis um den Anonymus: beim Autor dieses Machwerks handelt es sich um
..."der arme Mensch ist - Generaaal / da ist der Schaden schon totaaal" (Georg Kreisler)

Verlag wie Autor waren offensichtlich mit dem Alldeutscher Verband – Wikipedia verbandelt, was nicht eben wundert: da fühlten sich solche wohl...
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*) er unterschlägt, dass Cuxhaven, Wilhelmshaven, Wesermündung (Fortviereck) schon kräftig betoniert waren, die Ostseefestungen spielt er herunter, was nicht den Fakten entspricht - aber will ja Angst schüren, um die Flottenrüstung als Allheilmittel zu propagieren.
 
nachgereicht noch
eine weitere Quelle zur Wandelhalle und zur Stahlbeton-Bauweise:
hier besonders ab S.233 ff
Leider (!!) tauchen in dieser absolut lesenswerten Sammlung keinerlei Militärbauten, keine militärische Zweckarchitektur auf (die Jugendstil-Garnisonskirche Ulm, ein in der Sammlung ausführlich besprochener Stahlbetonbau, zählt natürlich nicht als Festungsbau) - aber Berechnungen, Betonguß und Material (auch vorgefertigte Betonsteine) sind im Festungsbau dieselben (hierzu ein umfangreicher Aufsatz im DGF Band "der Festugsbau auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg")
 
Verlag wie Autor waren offensichtlich mit dem Alldeutscher Verband – Wikipedia verbandelt, was nicht eben wundert: da fühlten sich solche wohl...
und dieser Alldeutsche Verband war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Hort, eine Sammelgrube für Deutschtümelei, kolonialistischen Rassismus und durchaus rassistischen Antisemitismus. Letzterer war auf der Insel Borkum seit Ende des 19.Jhs. besonders auffällig in Mode geworden, man denke an das widerliche "Borkumlied", hier ein Beispiel von 1903:

Wie kam es dazu? Die Stadt bietet folgende denkbare Erklärung an:
Schon vor 1890 wurden auch im sich als Kurort entwickelnden Borkum antisemitisch eingestellte Gäste aktiv. Als Juden erkannte Besucher wurden angepöbelt und zum Verlassen der Insel aufgefordert. Warum? Man wollte die Sommerfrische nicht mit ungeliebten Juden gemeinsam verbringen und skandierte: Juden raus!

1897 entstand das sogenannte "Borkum-Lied". Es wurde das Hetzlied der immer größer werdenden Schar antisemitischer Gäste. Täglich wurde es unter Begleitung der Borkumer Kurkapelle auf der Promenade zu den Klängen des "Hipp-Hipp-Hurra-Marsches" gesungen. Anschließend suchte man die Quartiere jüdischer Gäste auf und forderte sie auf, die Insel zu verlassen. Gäste, die dies kritisierten, wurden ebenfalls beschimpft.

Eine besondere Schärfe brachte ab 1920 Ludwig Münchmeyer in dieses menschenverachtende Treiben. Als Pastor der evangelisch-lutherischen Christuskirche missbrauchte er sein Amt bis 1926 für die ideologische Hetze gegen Juden. Seit Juni 2014 erinnert eine Gedenkplatte am lutherischen Gemeindehaus "Arche" Gemeinde und Gäste daran, solches nie wieder zuzulassen.
zitiert aus Antisemitismus auf Borkum
Und es sieht tatsächlich so aus: das Konglomerat aus Judenfeindlichkeit*), Antijudaismus*), Antisemitismus*) und Rassenantisemitismus*) war in seiner derb pöbelhaften Ausprägung auf die Insel getragen worden. Irgendwann ab 1890 müssen, ausgerechnet an der Kurpromenade (wo 1911 die Wandelhalle gebaut wurde) während der Sommersaison peu a peu "ballermannartige" Hetzzustände aufgekommen sein: wohl alkoholisierte Urlaubergruppen (man wird sich damals wie heute Mut angetrunken haben) pöbelten gegen jüdische Gäste/Urlauber, begannen diese zu schikanieren. 1897 dann das "Borkumlied". Dieses heizte die Gewalt an, geriet sozusagen zur Borkumer Ballermannhymne, wobei diese Sorte Belle Epoque Ballermann abscheulich antisemitisch war! Zum Ausgangspunkt, zum Eventplatz sozusagen, war eines der um 1900 zu den besten bzw. ersten Plätzen gewordenen Hotels an der Seefront, der Kurpromenade: das um 1860 gegründete Köhlersche Strandhotel.
Köhlersche strandhotel.png

aus Home Alt-Borkum, Teil Borkum
Noch gab es keine Wandelhalle an der Strandpromenade, aber in den Jahren, die eben auch das Borkumlied hervorbrachten, war etliche mondäne Bäderarchitektur entstanden. Spätestens nachdem Hafen/Schiffsanleger ausgebaut und die Bahn Hafen-Bahnhof (Borkum Ort) installiert war, nahm der Badetourismus auf Borkum immens Fahrt auf. 1897 (Borkumlied) bis 1907 verschlimmerten sich die antisemitischen Zustände im Seebad Borkum, das zugleich immer prachtvoller wurde.
Aber bis Borkum dann so prachtvoll und mondän wurde, dass es tatsächlich in Konkurrenz zu Norderney treten konnte, galt es in diversen Reiseführern (um 1850-1900) zunächst als eher rückständig, wenig komfortabel. Und offensichtlich war (K)Urlaub auf Borkum Ende des 19. Jhs. günstiger als etwa auf Norderney. Ich vermute hierin die Ursache für die ab 1890 eintretenden Zustände, denn im zu dieser Zeit - noch - nobleren Norderney sammelten sich keine solchen Pöbelgäste.
Aber was sich bis dahin angesammelt hatte, das wurde man nicht mehr los, teils weil es zu beliebt, zu wirkmächtig geworden war, teils weil man die Einnahmen dieser Klientel nicht missen wollte... Ein Gutteil des Borkumer Bäderantisemitismus hat seine Ursache im merkantilen Gewinnstreben! Schauen wir uns an, wie sich das im frühen 20. Jh. entwickelte:
Borkumlied 1.png

Borkumlied 2.png


Borkumlied 3.png

Borkumlied 4.png

...antisemitische Postkarten... antisemitische Ballermann-Zustände... Der oben zitierte Text ist aus:
Ich empfehle wärmstens diesen Text - "Das Borkum-Lied im Herrenhause" 1908 - komplett zu lesen! Es tauchen einige prominente Namen auf (von Moltke, Bethmann-Hollweg) und der Text belegt als Quelle, dass der Bäderantisemitismus in diesem so frühen wie krassen Fall nicht unbemerkt bleiben konnte in den hohen politischen Rängen - zugleich belegt allerdings der Text auch, dass und wie sich rassenantisemitische Haltungen wie Unkraut in der Belle Epoque ausbreiteten.
Übrigens war Borkum nicht allein, was Bäderantisemitismus betrifft:


Als 1911 die Wandelhalle eröffnet und damit Norderney übertrumpft worden war, da war die erste große Bauphase der Festung Borkum (1909-11) abgeschlossen. Wie verhielt sich das Militär in dieser Sache? Das Militär war 1908 auch in die Schlagzeilen geraten... siehe die Fußnote: auch hier empfehle ich, den verlinkten Text komplett zu lesen.

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*) in den Reichstagsverhandlungen über die Zurücksetzungen der jüdischen Einjährig-Freiwilligen 1908 finden sich in ihrer Bedeutung deutlich voneinander getrennt die Begriffe Antisemitismus und Rassenantisemitismus - das kann man hier vollständig nachlesen:
 
Zuletzt bearbeitet:
...vielleicht ist es ja nur ein exzentrischer Spleen von mir, aber ich finde dieses kuriose, merkwürdige und doch beinahe symbiontische Nebeneinander von Jugendstil, Badeleben der Zauberbergzeit und Stahlbeton gleichermaßen faszinierend wie auch irgendwie anrührend.
Es war eine sehr seltsame Zeit, nicht wahr? Zugleich rückständig und unglaublich fortschrittlich, romantisch und fortschrittsgläubig bis zum Gehtnichtmehr unter der Patina der Jahrhunderte.
 
Es war eine sehr seltsame Zeit, nicht wahr?
Auf jeden Fall eine Epoche mit zahllosen unvereinbaren Widersprüchen, disparaten Bestandteilen. Und die Insel, die in dieser Epoche zur hochgerüsteten hightech-Festung wurde bzw. werden musste, enthält noch lange nicht alle Widersprüchlichkeiten der späten Jugendstilzeit...
 
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