Balfour Deklaration 1917

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Bal.Dekleration, 23. Mai 2011.

  1. Hallo zusammen,

    da der mittlere Osten in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein richtiger Hexenkessel geworden ist, teils die Ursache in der Aufteilung sowie Neuschaffung von Staaten des gesamten Gebietes durch wirtschaftliche Interessen zu finden ist, habe ich mich etwas mehr eingelesen in diesen Bereich bzw mir einen Überblick mit Hilfe von Wikipedia verschafft.

    Nun gab es 1915/16 die Hussein-McMahon Correspondence in dem den Arabern die Unabhängigkeit und große Gebiete zugesprochen worden. Das ganze wurde mit einer geheimen Übereinkunft damaliger bestimmter Weltmächte über die Aufteilung des nahen und mittleren Osten für geopolitische Interessen, nur wenige Wochen im Mai 1916 mit dem Sykes-Picot Abkommen sozusagen widerrufen.

    Im November 1917 erklärte sich Großbritannien einverstanden, mit den zionistischen Bestrebungen, in Palästina eine "Nationale Heimstätte" für das jüdische Volk zu errichten.
    Nun war Großbritannien zu diesem Zeitpunkt noch immer eine Weltmacht, obwohl diese zu bröckeln begann. Der Zionismus ist verständlich, nachdem seit Jahrhunderten der jüdischen Bevölkerung erst durch den christliche Antijudaismus, welcher später in den sekularen Antisemitismus endete, den Juden viel Leid und Verfolgung bescherte.

    Die Gründung eines eigenen Staates ist natürlich politisch auch eine größere Veränderung und ein bedeutsames Ereignis, auch schwierig weil die jüdische Bevölkerung zur damaligen Zeit verstreut in verschiedensten Ländern lebten.

    Inwieweit konnten die Vertreter dieser politischen, ja auch religiösen, Forderung nachkommen, inwieweit konnten sich diese Forderung durchsetzen ?

    Und eine wichtige Frage, was bekam die Weltmacht Großbritannien als Gegenleistung für solch einen großen Schritt ?


    Vielen Dank für die Hilfe
     
  2. Wundert mich, dass überhaupt niemand hier darauf antwortet. Diese Vereinbarung war doch geschichtlich ein großes Ereignis auf dem bis zum heutigen Tag Konflikte darauf beruhen. Hat sich keiner diesbezüglich eingelesen oder nennenswerte Hinweise von Historikern gefunden ?
     
  3. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ich kann Dir dazu Tom Segev, Es war einmal in Palästina, empfehlen. Es ist natürlich nur ein Einstieg, das Buch hat viel Kritik erhalten, gerade bei diesem Thema wird man sich irgendwo zwischen vielen Meinungen einen Standpunkt suchen müssen.
     
  4. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Die Unterstützung im Weltkrieg.

    Die von Dir genannten sind nur ein Teil von im 1.WK geschlossenen Vereinbarungen, die nicht gehalten werden konnten.
    Die Entente (England/Frankreich/Russland) versprachen im 1. WK in einigen Fällen dasselbe an verschiedene "Interessenten". Als Gegenleistung für die Kriegsbeteiligung.
    Shantung, Tsingtao, Dalmatien, Triest fallen mir mal so kurz ein.
    Mit der Folge, dass Konflikte entstanden, die oft bis heute fortdauern.

    Fakten die in Deutschland durch die viel größere Katastrophe 2.WK verdeckt werden, vielfach aus dem Bewusstsein verschwunden sind. Obwohl wir mit den Folgen alle betroffen sind.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Kleine Korrektur: Japan drängelte sich mehr oder weniger ungefragt in den Weltkrieg hinein, und zeigte sich auch in den territorialen Forderungen durchaus emanzipiert. Die Entente hatte dort wenig zu befeuern, dafür sorgten Shimonoseki, etc. (bzgl. Italiens gab es auch territoriale Angebote der Mittelmächte),

    Territoriale Forderungen waren im Übrigen nichts Singuläres, wie die kürzliche Diskussion zum Osmanischen Reich aufgezeigt hat.

    Sehr zu empfehlen ist der Sammelband von Schilcher/Scharf - Der Nahe Osten in der Zwischenkriegszeit 1919-1939, ua. zu Palästina (wo inkl. Libanon und Syrien auch der britisch-frz. Gegensatz in der Nachkriegsordnung und in den Kriegsversprechungen eine Rolle spielte).

    Das früher übliche "Briten-Bashing" in der Palästina-Frage seit 1914 ist in der neueren Literatur auch nicht zu finden, sondern ist durch abgewogene Darstellungen abgelöst worden.
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das mag für Palästina stimmen,
    für das gesamte Gebiet der Arabischen Halbinsel will ich auch keineswegs lediglich von einem "Briten-Bashing" sprechen, die Franzosen haben auch mitgemacht.
    Fakt bleibt aber, dass die Masse der Probleme dieser Weltregion 14-18 entstanden sind.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    D'accord.

    Die ökonomischen und personellen (direkten) Kriegsfolgen in der Region sind ein ganz beachtlicher Faktor, der auf die ohnehin bereits vorhandenen Spannungen und Auflösungsprozesse des Osmanischen Reiches traf. Darüber hinaus gab es strategische Reflexe der übrigen Entwicklungen im Mittleren Osten, die die Region Palästina/Libanon betrafen.
     
  8. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    ...das von den Zeitgenossen aber möglicherweise nicht als ein solches erkannt wurde. Wenn ich mir Geschichtswerke aus der Zeit 1918 bis 1930 anschaue, so wird die B.-D. häufig nur sehr knapp erwähnt, bisweilen auch gar nicht. Auch die Einwanderung von 100.000 Juden in dieser Zeit wird selten vermerkt. Das Ereignis wurde "groß" sozusagen im Nachhinein.

    Die Antwort klingt zunächst plausibel, wirft aber beim zweiten Blick doch einige Fragen auf.

    • Eine direkte Unterstützung "vor Ort" scheidet aus, schon rein zahlenmäßig: Noch 1922 waren in jenem Gebiet von 750.000 Einwohner nur 80.000 jüdischen Glaubens.
    • Wollte man sonstwo in der Welt Kriegsfreiwillige jüdischer Provenienz für die Sache der Alliierten gewinnen? Wohl kaum.
    • Bleibt die indirekte Unterstützung: Brauchte Großbritannien als kriegführende Nation finanzielle Unterstützung? Wollte man jüdische Kapitalgeber mit der B.-D. dafür gewinnen, Geld zu spenden oder Kriegsanleihen zu zeichnen? Hatten sich diese insofern bisher zurückgehalten oder gar verweigert?
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ja, aus reiner Herzensgüte.

    Ich war heute schon in der Kirche, die Pfarrerin meinte auch, man müsste immer auf das Gute im Menschen vertrauen.


    Es ging vermutlich weniger um Spenden und vermutete "Verweigerungen" als um die riesigen Kreditoren die man angehäuft hatte.

    Wobei das alles soweit OK ist, ein sauberes reelles Geschäft.

    die Probleme für den Weltfrieden des anschließenden Jahrhunderts entstanden dadurch, dass man die selben Landstriche verschiedenen Gruppierungen versprochen hatte.
    Um sie dann, vorsichtshalber,:pfeif: selbst zu behalten.

    Den Feisal als "König von Arabien" in Damaskus einziehen lassen, um ihm ein paar Tage später zu eröffnen, dass Damaskus den Franzosen gehört......
     
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  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Diese Geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor. Da Du offenbar mehr darüber weißt: Welche Schulden oder Zinsen hat wer wem erlassen oder gestundet? Da es um "riesige" Summen geht, müsste es dazu doch Dokumente oder speziellere Abhandlungen geben! (Habe dazu bisher nichts gefunden.)
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Fischt Ihr gerade im Trüben?:winke:
     
  12. Hui, danke für die vielen Antworten und Hinweise. Konnte ich doch ein paar hervor locken mit meinem Beitrag.

    Ich nehme an es handelt sich um den Londonder Vertrag von 1915 bezüglich Triest und Dalmatien, das mit Asien und den Japanern kannte ich nocht nicht aber wer von den internationalen Mächten hatte damals schon keine Tendenzen zur Ausdehnung...klasse Hinweis. Ich lese zur Zeit das Buch "Der Imperiale Traum" von John Darwin, hier wird aber die Neuzeit eher schmal behandelt.

    Gut, also Unterstützung des Krieges und anscheinend im Finanzbereich.


    Super danke euch, das hat mir etwas mehr zum Verständnis der Deklaration geholfen.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das ist das Problem.

    Bleiben wir besser beim Feisal.
    Er durfte dann König des Irak werden.

    Im Nordirak gab es zu der Zeit dann noch eine Besonderheit. Die Briten hatten bei Abschluss des Waffenstillstandes mit den Osmanen übersehen, dass sie das damals schon bekannte Erdölgebiet bei Kirkuk (dort wo der Sadam her war) noch nicht hatten. Haben sie den Vertrag gleich gebrochen und sind noch 10 Tage gen Norden marschiert.
    Atatürk hat sich unter Berufung darauf in den 30ern für ein paar Jahrzehnte noch Anteile an den Öleinnahmen des Gebietes erhandelt.


    Ein, wie ich stark hoffe, nicht "trüber" Link
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Mai 2011
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Oben sind doch im Wesentlichen (nur) Vermutungen erörtert worden. Um das mal um zwei Publikationen (eine davon sehr aktuell) anzureichern:

    Jonathan Schneer: The Balfour Declaration: The Origins of the Arab-Israeli Conflict, 2010.
    David Fromkin: A Peace to End All Peace -The Fall of the Ottoman Empire and the Creation of the Modern Middle East.

    Wie schwach die Wiki-Artikel sind, wird hier "an den Hintergründen" deutlich:
    Balfour Declaration of 1917 - Wikipedia, the free encyclopedia

    Ein wesentlicher Aspekt oben waren die finanziellen Hintergründe (#8). Dazu wäre ein Blick auf die britischen Kriegsfinanzen sinnvoll, um über Grundsatzfragen hinaus zu kommen und einen Kontext nachzuweisen. Angerissen wurde das Thema (von den Ergebnissen ausgehend) hier:
    http://www.geschichtsforum.de/f39/englische-wirtschaftsgeschichte-1860-1945-a-31358/

    Zum Zeitpunkt der Deklaration war die Kriegsfinanzierung GB/FRA durch die fließenden US-Anleihen nach Kriegseintritt der USA gesichert. Wenn dahingehend spekuliert werden soll, wäre

    - zunächst einmal die Frage zu beantworten, warum die Deklaration dann nicht aus der heißen Phase Dez16/Jan17 stammt?

    - die Struktur der Kriegsfinanzierung von GB zu betrachten, die zu 85% auf Inlandsanleihen und bzgl. der Außenfinanzierung auf einem rigiden Gold-/Devisen-Zwangssystem beruhte (übrigens anders als znächst Frankreich verfuhr). Die totale Kriegsführung in Sachen Finanzen ist in GB 2 Jahre älter als die declaration.

    - weder wurde ansonsten das Beschaffungsargument bzgl. finanzieller Mittel im Kontext auf Quellen gstützt, noch der - ohnehin diffuse - Hinweis auf Stillhalten bzw. Pflegschaft bestehender Gläubigerstrukturen.

    Dafür wird der regionale strategische Aspekt völlig ausgeblendet. Hinweise auf die sich abzeichnende Nachkriegsregelung hatte ich gegeben, inkl. erwarteter Konkurrenzen. Das Gewicht der Region war nicht lokal-ökonomisch begründet, sodern aus der strategischen Nähe zum Suez-Kanal, sowie der Verbindungskette zum Persischen Golf (Öl/Flottenfrage/Luftmacht) und der sich mit Kriegsende andeutenden dortigen neuen Konkurrenz zu den USA.

    Ebenfalls fehlen derzeit die Kontextualisierung der

    - Vorgeschichte der Erklärung

    und die

    - Bedeutung/Wahrnehmung aus britischer Sicht, Stand zum Zeitpunkt der Abgabe der Erkklärung. Hier dürfte nämlich eine gehörige Portion Naivität und Spontanität mit hineinspielen, was den mutmaßlichen drahtgesteuerten Ränkespielchen des treasury die Bedeutung nimmt.
     
  15. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Es ist ja häufig eine Crux mit diesen ausländischen Namen, nicht wahr... Jedenfalls stammte der uns als Saddam Hussein bekannte Herr mitnichten aus kurdischem Gebiet, sondern aus dem viel weiter südlich gelegenen Ort Tikrit und hieß mit vollem bürgerlichen Namen Saddam Hussein at-Tikriti.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ist zwar TT (siehe oben), hatte ich aber übersehen:
    Übersehen haben müssten sie das dann schon im Mai 1918, als das eroberte Kirkuk wieder aufgegeben wurde. Das erste Öl wurde 1922 gefunden, wenn die schnelle Recherche richtige Ergebnisse geliefert hat. Gesucht wurde im ganzen Irak - auch in den unergiebigen Gebieten, seit mehrern Jahrzehnten.

    Die erneute Besetzung hatte mit der Abgrenzung der Interessenzonen FRA/GB zu tun, das spätere Ringen bezog sich auf die Mosul-Region. Dieses lag ursprünglich in der französischen Interessensphäre (siehe "Aufteilungskarte" bei McCarthy), nördlich der britisch kontrollierten Gebiete. Die Franzosen waren militärisch nicht in der Lage, die ihnen "vereinbarungsgemäß" zugewiesenen Gebiete zu okkupieren. Das taten dann die Briten, für die Türkei war da ursprünglich nichts vorgesehen.
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hatten wir nicht etwas anderes vereinbart? Oder habe ich da etwas übersehen?

    Sadam war keineswegs ein Kurde, habe ich auch nirgends behauptet, stammt aber aus der ehemaligen türk. Provinz Mossul. Wo auch das nach Kirkut benannte (wesentlich größere) Erdölgebiet liegt

    Nachweise heute Nacht.


    OT: Weiß der Teufel warum ich mich auf so eine saublöde Diskussion eingelassen habe.
     
  18. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Zunächst ersteinmal ein Eingeständnis, ich habe noch nie über die BD gearbeitet, aber manchmal hilft naives fragen weiter.

    Wußten die Verantwortlichen in UK im Uz, daß sie Mandatsmacht werden würden?

    Meine Vermutung, nein.

    War die Kriegsfinanzierung von UK ohne die BD gefährdet?

    Meine Vermutung, nein.

    Enthielten sich britische Untertanen jüdischen Glaubens der Freiwilligenmeldung bzw. entzogen sie sich der Wehrpflicht ab 1916?

    Meine Vermutung, nein.

    Diente die BD eher der Destabilisierung eines Kriegsgegners?

    Meine Vermutung, ja.

    Konnten die beteiligten Protagonisten die "Langzeitwirkung" der BD abschätzen?

    Meine Vermutung, nein.

    Könnte die ex post Diskussion über die BD antisemitische Impulse beinhalten, welche die Legitimationsgrundlage Israels gefährden könnte? (Das war den Protagonisten im Uz natürlich nicht bewußt, die hatten ja keine hellseherischen Fähigkeiten <= Rezeptionsgeschichte.)

    Meine Vermutung, ja.

    Inwieweit hat sich die "Erklärende Macht" (hier: UK) in der Folgezeit an die BD gehalten?

    Sie hat sich nicht wirklich umgesetzt, zwischen 1917 und 1948 liegen nicht nur 31 Jahre, sondern auch ein dunkles Kapitel von Kolonial- und Immigrationsgeschichte.

    Einfach als Anregung.



    M.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das sind gute Hinweise, die den Blick schärfen, die Balfour Declaration aus der Sicht des Jahres 1917 zu bewerten. Bei allem d'accord, bis auf:

    Wenn man nicht wörtlich auf "Mandatsmacht" abstellt, dann war die imperialistische Frage der Aufteilung der Gebiete des zerfallenden Osmanischen Reiches, gepaart mit arabischen Nationalbewegungen und dem Gegensatz GB/FRA, sowie dem steigendem Interesse der USA an der Golfregion, durchaus aktuell.

    Das Sykes-Picot-Agreement stammt aus 1916, und wies für Palästina die dort kennzeichnete violette Zone "international" auf, unangenehm für Großbritannien in Bezug auf die für die Zukunft gedachte "strategischen Linie" Suez-Bagdad. Dabei ist auch berücksichtigen, dass man sich in Sorgen über die zukünftige Bedeutung von Luftmacht umtrieb. Das warf die früheren "einfachen Rechnungen" von der Seemacht und dem Zugang über den Persischen Golf glatt über den Haufen (-> Aufgabe der Navy). Ein Haufen Sand und Steine, ohne ökonomische Bedeutung, wurde damit quasi über Nacht auch zum strategischen Faktor.
     
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Verengung dieser Diskussion auf die Balfour Deklaration halte ich für falsch, Sykes-Picot (ebenfalls im Eingangspost genannt) usw. ist deutlich interessanter und weniger konfliktgefährdet
     
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