Ich finde gerade und besonders den Begriff "Reichspogromnacht 1938" verharmlosend.
"Der Pogrom von 1938" wäre neutraler.
Aber was soll der Zusatz "Reichs-"? Es war doch der Überdruss an den nationalsozialistischen Begriffen, der sich sarkastisch mit den Worten wie z.B. "Reichswasserleiche" für die Schauspielerin Kristina Söderbaum in ihren ideologisch aufgeladenen Filmen Luft verschaffte.
Jeder wusste um die Gewalttaten vom November 1938 und um die Täter.
Genaugenommen waren es Reichspogrom-Nächte, in Kurhessen ging das schon in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1938 los und setzte sich dann bis zum 9. November 1938 fort. Es war Nordhessen eine NS-Hochburg, und aus einer Mischung von Übereifer und Opportunismus wurde das enorm getriggert und sehr barbarisch. Es lebten viele Juden in Nord- und Mittelhessen, mehr als im Reichsdurchschnitt.
Aber Reichspogromnacht finde ich insgesamt schon sehr zutreffend.
Denn ein Pogrom war es, ein Rückgriff aus ferner, barbarischer Vergangenheit, eine Orgie der Gewalt, eine Orgie der Niedertracht.
Es war die Einladung, die Sau mal ganz viehisch raus zu lassen. Es war eine Tat von Parteileuten, lange geplant, ein Probelauf, um auch mal zu sehen wie die Deutschen darauf reagieren. Stellenweise haben die Nachbarn sich beteiligt, haben furchtbar geklaut und geplündert. Danach konnte sich auch keiner mehr, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hatte, Illusionen über den Charakter dieses Regimes machen, auch, dass die Nacht über Deutschland hereingebrochen war, das es zappenduster wurde, vor allem für die Juden.
Ich finde, Reichspogromnacht schon okay, ein kurzer, prägnanter Begriff, der die Sache beim Namen nennt, nicht verschleiert und auch nicht verharmlost, und der daher auch im Sprachgebrach akzeptiert wurde.
So genau weiß man gar nicht mehr, woher der Begriff Reichskristallnacht herkam, er war plötzlich da, und er wurde schnell aufgegriffen und übernommen. Nun kann man natürlich sagen, dass es ein zynischer Euphemis war, was ja auch stimmt, denn es blieb ja nicht bei zertrümmertem Glas und es wurden nicht nur Scheiben, sondern auch der ein oder andere Schädel eingeschlagen.
Andererseits hat die Menschheit nun einmal die Angewohnheit, Massaker mit Euphemismen zu umschreiben: Wer denkt dabei nicht an die Vesper von Ephesus, einen der ersten Massenmorde in der Geschichte, bei dem während des 1. Mithridatischen Krieges 88 v. Chr. mehre Zehntausend Römer ums Leben kamen. In Anlehnung daran sprach man von der Sizilianischen Vesper. Am Ostermontag 1282 erhoben sich die Sizilianer gegen die französische Besatzung unter Karl von Anjou und massakrierten Franzosen. Die Bürger von Brügge fielen im Morgengrauen des 18. Mai 1302 über die französische Besatzung und die "Leliaarts" her, die Lilienmänner, die auf Seite der Franzosen standen. Das Ereignis ging als die "Brügger Frühmette" in die Geschichte ein.
Weitaus bekannter noch ist die Bartholomäusnacht 1572 auch "Pariser Bluthochzeit" genannt als man über die Hugenotten herfiel.
Die Institution, die fast 20.000 Franzosen ums Leben und auf die Guillotine brachte, nannte sich "Wohlfahrtsausschuss"
In Anlehnung an die Bartholomäusnacht ging die Eroberung und Plünderung Magdeburgs durch Tilly im Dreißigjährigen Krieg als "Magdeburger Hochzeit" (Bluthochzeit) in die Geschichte ein.
Die Tendenz, Massaker zynisch euphemistisch zu umschreiben ist nicht nur eine Neigung der Nazis oder auch nur totalitärer Regime.
Insgesamt war das Ergebnis für die Nazis unbefriedigend. Die große Mehrheit der Deutschen reagierte mit Entsetzen, Fassungslosigkeit. Bei vielen nicht einmal aus prinzipieller Opposition zu den Nazis, sondern weil man da exzessiv Dinge tat, die man einfach nicht tut.
Es kam auch zu ersten Morden. Mancherorts auch zu Plünderungen und Vergewaltigungen. In meiner Heimatstadt traf es einen Mann namens Moritz Moses, genannt der Portier. Ein kleiner Mann, um die 1, 60 m der einen Kneifer trug. Es gibt noch ein Foto von ihm, wie er das Pflaster reinigt unter Aufsicht von zwei SA-Kleiderschränken. Ein Buchhändler hatte die Fotos vervielfältigt und als Ansichtskarten verkauft. Der war als Agent und Zwischenhändler tätig, wollte mit dem Autobus nach Hause fahren, es gibt noch einen Hinweis, dass ihm drei SA-Leute in Zivil folgten, und vermutlich haben sie ihn auch noch erwischt. Die Leiche wurde erst einige Tage später gefunden.
Es ist ganz gut dokumentiert, weil es damals immer noch Beamte gab, besser gesagt einen Beamten gab, der wegen Mord eine Ermittlung startete und Anzeige erstattete auch wegen Sachbeschädigung und versuchter Brandstiftung. Der Mann, der der bekennenden Kirche nahestand wurde daraufhin nach Schlesien versetzt, kam aber nach dem Krieg nach Kurhessen zurück.