Brendan Simms: Hitlers Hauptaugenmerk galt dem Empire und den USA, nicht der SU

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von thanepower, 4. März 2020.

  1. fabian308

    fabian308 Neues Mitglied

    Leider zeigt die Kindle-Version nicht die entsprechende Seitenzahl im Buch an. Im Kindle Position 10965: "All dies Belegt, dass die Sowjetunion in erster Linie nicht deshalb angriffe wurde, weil sie kommunistisch war, sondern weil Hitler glaubte, sie (relativ) leicht ausplündern zu können, um den kurz- und langfristigen Kampf mit Anglo-Amerika zu unterstützen."

    Ähnlich schreibt er es mehrfach, teils mit der Ergänzung, dass Hitler die SU gerade wegen des Kommunismus für schwach hielt.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Im Kern liegt der Fehler schon darin, dass Simms einer These (Dtld. griff die SU an, weil sie kommunistisch war) widerspricht, die so überhaupt nicht in der Breite zirkuliert. Der zweite Fehler liegt in einer Fehldeutung von Passagen aus H.s zweitem Buch.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Worum es hier geht, belegt das Vollzitat, nämlich 1940 (Entscheidung zum Angriff 1940 oder 1941 in Folge des gewonnenen Frankreichfeldzuges als militärische Voraussetzung), Begründung des Angriffs gegenüber der skeptischen Generalität ("Englands Festlanddegen", Koloss auf tönernen Füßen, Sieg in drei Monaten mit raschem Zusammenbruch).

    "The general trend of the debate and the planning, however, was moving in the opposite direction.
    Barbarossa was to be a campaign of conquest and annihilation, for reasons more to do with Anglo-America than the Soviet Union itself. The planners of the German war economy began to think about how to manage the food question.
    Their conclusion was bleak. While the Ukraine produced a surplus of grain, most other regions of the Soviet Union which would fall under German control did not. Victory alone would bring no relief, but rather additional useless mouths to feed. In order to ensure that the Reich could survive the British blockade, they argued, about 30 million inhabitants of European Russia would have to be starved to death. Hitler accepted this assessment in January–February 1941.
    According to this conception, the Germans would have to immediately starve the Russians, so that they would not themselves eventually be starved by the British, as they had been in the First World War.


    The ‘Hunger Plan’ also fitted into Hitler’s long-term strategic concept, which was the capture of Lebensraum to balance Anglo-America. By clearing the original population off the land, it would make way for German settlers to hold and develop it. This in turn would give the Reich the spatial heft necessary to survive in the world of huge global powers such as the British Empire, and the United States. It would also enable him to provide Germans with the living standard which he had promised but not delivered in the 1930s. If the twentieth-century American dream involved the distribution of plenty, his dystopia required the control of scarcity. Here the history of the United States was not merely in some respects similar, but an inspiration, as was that of the British Empire. The question now was whether German-occupied Russia would be based on the colonial British ‘Raj’ model of client states, or the annihilatory American model. Would the fate of the Slavs resemble (in Hitler’s mind) that of the Indians of the subcontinent or of the ‘Red’ Indians? The answer was not yet clear, but it was becoming clearer."

    In dem Zitat wird außerdem eine quellenseitig unhaltbare Verbindung (und vor allem: Kausalkette) zwischen dem ideologisch aus dem Ausbeutungs- und Vernichtungskrieg resultierenden "Hungerplan" für die Sowjetunion und einer Aushungerung des Deutschen Reiches durch die Briten gezogen. Dass dies Blödsinn ist, belegt die Tatsache, dass trotz britischer Blockade keine Aushungerung des Deutschen Reiches 1939/41 erfolgte.

    Eine von vielen unhaltbaren Aussagen von Simms.
     
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  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was ist denn nun mit der Erklärung zu Japan?
    Interessant wäre, diese auf den Kontext vor 1936 zu erhalten.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das habe ich durchaus verstanden und wollte zusätzlich das Konzept der "Grossraumwirtschaft" noch deutlicher machen.

    Die Bedeutung des Lebensraums im Osten und die der Großraumwirtschaft betonnt u.a. Volkmann, der dazu Hitler am 23.05.1939 vor Spitzenmilitärs machte, mit folgenden Ausführungen zitiert (S. 315)

    "Der Lebensraum, der staatlichen Größe angemessen, ist die Grundlage für jede Macht....Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraums im Osten und Sicherstellung der Ernährung."

    Und bildet das Konzept des rassisch aufgeladenen Lebensraums in Kombination mit der Großraumwirtschaft die entscheidende Größe, um Hitler`s Vorstellungen von imperialen Vorstellungen zu fundieren.

    Und aus dieser Position einer autarken Landmacht (vgl. Heartland-Theorie) in einen Konflikt mit den Seemächten einzutreten, wobei die USA die ultimative Herausforderung auf dem Weg zu einer globalen Hegemonie war.

    Und in diesem Sinne war die USA eine Art "Endgegner". Aber diese Entwicklung kann und muss man als phasenweise Anpassung verstehen. Und dafür muss absolut nichts umgeschrieben werden.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Heartland-Theorie

    Volkmann, Hans-Erich; Chiari, Bernhard (2003): Ökonomie und Expansion. Grundzüge der NS-Wirtschaftspolitik ; ausgewählte Schriften. München: Oldenbourg (Beiträge zur Militärgeschichte).
     
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  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Phasenbetrachtung würde ich (mit Zeitraumbezug) insoweit ergänzen, als Hitler ab Mitte 1940 davon ausging, die Sowjetunion nach militärischer Vorbereitung in einem schnellen Feldzug 1941, evt. schon 1940 zerschlagen zu können.

    Danach (nach Zerschlagung des "Festlanddegens" und Festigung der europäischen Hegemonialsphäre) bleiben auf dem Atlas nur die "atlantischen Gegner" übrig, wobei von einem davon ausgegangen wurde, dass er sodann schnell um Frieden betteln würde. Die Besetzung und Sicherung der Atlantikküste von der Biskaya bis zum Nordkap (strategisch eine Voraussetzung für einen Endkampf mit den "Atlantikgegnern") ist visionär bei Hitler mW vor Oktober 1939 nicht zu finden.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Davon gehe ich aus. Der Beitrag war an deinen Vorredner gerichtet.
     
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    "In den Jahren, die annähernd mit seiner Regierungszeit zusammenfielen, achtete Hitler geradezu pedantisch auf eine aus seiner Sicht gesunde Lebensweise. Während er Alkohol weitestgehend - wenn auch nicht völlig - mied und Nikotin regelrecht verabscheute, war seine kümmerliche und kalorienarme Diät, die er sich selbst verordnet hatte, wegen seiner chronischen Verdauungstörungen nicht unbedenklich." ....
    "Widersprüchlich zu Hitlers sonstigen Lebensgewohnheiten war, dass seine Apotheke randvoll mit Schmerz und Beruhigungs- und Schlafmitteln und außerdem mit Pillen zur Verdauungsförderung und einer Vielzahl von Vitamin- und Hormonpräparaten gefüllt war." ...
    "Nach unseren Aufzeichnungen handelt es sich um insgesamt 82 verschiedene Medikamente, die Hitler in Form von Injektionen oder peroral (durch Schlucken) verabreicht wurden

    (Seite 125..127)
    Neumann, Hans-Joachim; Eberle, Henrik (2009): War Hitler krank? Ein abschließender Befund. Orig.-Ausg. Bergisch Gladbach: Lübbe.
    Es gibt also guten Grund anzunehmen, dass das was Du als Eile bezeichnest für Hitler schon dadurch gegeben war, als er seine eigene Vergänglichkeit fast hypochondrisch fürchtete, während er selbst schon das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte als er die Welt in Flammen setzte.

    Eine brauchbare Rezension zu dem zitierten Buch:
    H.-J. Neumann / H. Eberle: War Hitler krank? (Befund) - Glarean Magazin
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nichts ????
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei seiner Diskussion der unterschiedlichen Erklärungsansätze kommt Kershaw auf das Ende 1945 in Berlin zu sprechen.

    Im Fokus der Aufmerksam von Hitler stand die Vernichtung des Bolschewismus, die Eroberung von Räumen im Osten und einer auf den Kontinent beschränkten Lebensraumpolitik.

    In seiner letzten Botschaft - einen Tag vor seinem Selbstmord - befahl er der WM: "Sie solle weiterkämpfen, um "dem deutschen Volk Raum im Osten zu gewinnen."" (S. 243)

    Diese letzten Gedanken legen die Ausrichtung des Weltbildes von Hitler ein letztes Mal offen. Die Zielsetzungen im Osten und die zu bekämpfenden Feinde im Osten.

    Der "Stufenplan" zur Weltherrschaft ist auf die Kernbestandteile reduziert.


    Kershaw, Ian (1995): Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
     

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