Brudermordgesetz

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von Irene, 7. Mai 2006.

  1. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Das Für und Wider des „Brudermordgesetzes“ aus politisch-historischer Sicht!?

    Mehmed II. gab an seine Nachkommen das Gesetz des Brudermordes. „Wer von meinen Söhnen den Thron besteigt, darf für den Frieden der Welt seine Brüder sterben lassen.“
    Das „darf“ war in diesem Falle ein „Muss“.
    Sofort nach der Thronbesteigung eines neuen Sultans wurden alle männlichen Anverwandten außer den eigenen Söhnen getötet. Die männlichen Nachkommen einer osmanischen Prinzessin ließ man bei der Geburt durch die unabgebundene Nabelschnur verbluten, später wurden osmanische Prinzessinnen sterilisert.
    Erst unter Ahmet I. wurde das Gesetz abgeschafft, die männlichen Verwandten des neuen Sultans (außer seine Söhne) wurden in Gefangenschaft (den sogenannten Kafes) gehalten. Ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, aber mit jedem Komfort, der ihrem Geburtsstatus entsprach.

    Mehmed II. begründete dieses Gesetz damit, dass es für das Reich und den Frieden der Welt besser wäre, nur wenige Menschen sterben, als Tausende in einem Bruderkrieg.

     
  2. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Dies geschah zweifellos aus Staatsräson und nicht wie das damalige Europa dachte, durch angeborene Barbarei.

    Klingt doch plausibel, oder? Aus Staatsräson gingen einige Sultane sogar so weit, dass sie homosexuell wurden, wie das bei Sultan Selim I. der Fall war. Der Zweck heiligte die Mittel.
     
  3. Irene

    Irene Neues Mitglied


    Ja, das Brudermordgesetz diente ohne Zweifel der Staatsräson, und Mehmeds Argument ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man dabei mit dem Spanischen Erbfolgekrieg vergleicht.

    Homosexuell wohl nicht, eher bisexuell. Was die Knabenliebe innerhalb der osmanischen Familie und auch in der Gesellschaft anbelangte, dürfte sie vielschichtige Gründe haben u. bei einzelnen Untertanen eher etwas mit Karrierebewußtsein zu tun gehabt haben, ein großer Teil der hohen Chargen und auch der Großwesire nahmen ihren Weg über die Pagenkammer - ganz sicher dürfte aber sein, dass der jeweilige Sultan seinen "Günstlingen" mehr als anderen vertraute u. ihnen deshalb auch entsprechende Posten innerhalb des Systems überließ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Mai 2006
  4. Speaker

    Speaker Aktives Mitglied

    Inwiefern ist denn Homosexualität förderlich für die Staatsräson ?
     
  5. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Ich nehme mal an, Seldschuk bezieht sich da auf einige osmanische Prinzen, die in Kafes gehalten wurden, als das Brudermordgesetz außer Kraft gesetzt wurde. Einige von ihnen haben sich von den Frauen ferngehalten, da sie den Aufenthalt im Kafes wohl mehr oder weniger als Vorhof des Todes betrachteten, Gründe der Staatsräson gab es nicht, da die Frauen dieser Prinzen sterilisiert waren, mögliche Thronprätendenten waren also nicht zu befürchten.
    Die Bisexualität einiger Sultane hat mit der Staatsräson nichts zu tun.
     
  6. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Mehmet II. war bisexuell, dies steht ausser Frage. Homosexuell ist Selim I. geworden, weil er bemerkte, das die Frauen ihn beeinflussen konnten. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube das Selim auch nur einen Sohn hatte, nämlich Süleyman. So war ein Thronfolger geboren und der Umgang mit Frauen war nun nicht mehr geboten.
     
  7. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Kannst du dafür Quellen angeben? Ich habe nirgendwo einen Hinweis gefunden, dass Selim I. homosexuell gewesen wäre, er hatte nur eine Frau, Hafsa Chatun, die Mutter Suleimans, aber das ist für osmanische Sultane keineswegs ungewöhnlich, nicht alle haben das große Angebot des Harems genutzt.

    Wenn es so gewesen wäre, dann würde aber anders herum ein Schuh daraus. Selim I. wäre dann homosexuell gewesen u. wäre aus Gründen der Staatsräson eine Verbindung mit einer Frau eingegangen, um einen Thronfolger zu zeugen.

    Ein anderer Grund für nur eine Verbindung u. damit nur einen oder höchstens zwei Söhne der gleichen Mutter dürfte aber vielleicht auch darin zu sehen sein, osmanische Sultane waren in erster Linie auch Menschen, mit Verstand u. Gefühlen begabt, sie waren keine Barbaren und wenn sie auch das Brudermordgesetz nicht antasteten, so besteht doch die Möglichkeit, dass sie dadurch versuchten, dieses Gesetz so gering wie möglich anwenden zu müssen. Für Selim I. allerdings trifft dieser Gedankengang wohl nicht zu.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Mai 2006
  8. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Habe dazu noch etwas gefunden:
    Gleich bei seiner Thronbesteigung ließ Selim I. neben anderen männlichen Verwandten auch vier seiner fünf Söhne hinrichten, nur Suleiman blieb am Leben.
    Ulrich Klever: Die Türken erobern ein Weltreich


    Selim hatte also insgesamt fünf Söhne, Suleiman war damals 16 Jahre alt, die Regentschaft Selim I. dauerte nur 9 Jahre, da es höchst unwahrscheinlich war, dass ein in diesem Zeitraum gezeugter Sohn Selims eine Chance gegen den schon erwachsenen Suleiman gehabt hätte, schließt sich eigentlich logischerweise aus, dass Selim aus Gründen der Staatsräson homosexuell geworden ist. Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht die westliche Propaganda der damaligen Zeit unterschätzen. Die ganz sicher auch versucht hat, den Sultan gerade in den Augen der christlichen Welt auf jede mögliche Art u. Weise herabzusetzen.
     
  9. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Klar! Nur nicht jetzt. Quelle folgt.

    Also Gefühle waren für Selim I. eher zweitrangig. Sein Beiname "Yavuz", d.h. der Gestrenge sagt ja schon einiges über seine Natur, die eine strenge soldatische war.
    Es stimmt allerdings, dass nicht alle Sultane auf den Harem zurückgegriffen haben, wie es bei Süleyman dem Prächtigen der Fall war. Süleymans Leidenschaft für Roxelane ist ja hinlänglich bekannt.
     
  10. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Und was, wenn der mögliche Thronanwärter erst später Anspruch erhebt? Lange Zeit wurden osmanische Prinzen an christlichen Höfen und sogar beim Papst selbst in "gewahrsam" genommen. So konnte man immer wieder den Sultan erpressen. Also ist deine Argumentation nicht ganz stichhaltig. :winke:
     
  11. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Wie gefährlich ein plötzlich auftauchender Thronprätendent für das innere Gefüge dieses Reiches sein konnte, zeigte, der wohl zu Unrecht genannte "falsche Mustafa", welcher sich kurz vor dem Tod Mehmed I. 1421, zu Wort meldete. Mustafa behauptete, ein verschollener Sohn Bajasids I. zu sein.
    Er soll in der Schlacht von Angora 1402 verschwunden sein. Auch Timur liess nach ihm, nach der Schlacht suchen. Mustafa aber blieb verschollen.

    Obgleich in Edirne bereits ein neuer Padischah residierte, wendete sich der "falsche Mustafa" an den Regenten und späteren Kaiser Johann VIII.
    Mit Versprechungen sicherte er sich die Hilfe der Byzantiner.

    Ein anderes Beispiel ist Prinz Dschem, der nach dem Tod des "Eroberers" seinem Bruder Bajasid, die Teilung des Reiches anbot, der aber ablehnte und gegen ihn zu Felde zog. Dschem wurde besiegt und seine Odyssee begann mit der Flucht vom Schlachtfeld nach Konya und dann nach Ägypten, von wo er immer wieder versuchte in Anatolien einzufallen. Seine Bemühungen wurden allerdings nicht von Erfolg gekrönt und er begab sich in die "Obhut" der Johanniter auf Rhodos, die dafür die "Alimente" von Sultan kassierten. 1489 dann wurde Dschem dem Papst überantwortet.

    In dieser Angelegenheit soll Sultan Bajasid II., 1494 einen Brief an Papst Alexander VI. geschrieben haben:

    Dank Karl VIII. wurde Dschem den König von Frankreich überantwortet. Karl VIII nahm Dschem, Anfang 1495 mit nach Neapel, wo er kurze Zeit später "plötzlich" starb. Getreue Bajasids II. nahmen den Leichnahm in Empfang und Dschem wurde in Bursa beigesetzt.

    Quelle : Ferenc Majoros : "Das Osmanische Reich 1300-1922"
    Seite 140, 203f.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Mai 2006
  12. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Danke, darauf wollte ich noch kommen, das Brudermordgesetz war eine reichspolitische Entscheidung. Und aus dieser Sicht muss dieses Gesetz auch betrachtet werden. Das Abschaffen dieses Gesetzes unter Ahmet I. trug meiner Meinung nach sehr viel zur Destabilisierung des Reiches bei.
    Herrscher wie Osman der Gründer der Dynastie, Mehmed der Eroberer, Selim I. u. auch Suleiman waren stark u. kompetent, sie waren an der Seite ihrer Truppen u. lenkten die Staatsgeschafte selbst (auch wenn sie hohe Ämter mit Vertrauten besetzten, die letzte Entscheidung lag bei ihnen)
    Das Brudermordgesetzt führte naturbedingt zu einer gewissen Auslese. Der stärkere, der clevere osmanische Prinz errang den Thron. Durch die Abschaffung des Gesetzes u. auch nach dem Tode Suleimans einer Verlagerung der Macht zugunsten des Harems unterbrach diese Auslese. Es kam quasi zu einer "Vorratshaltung an osm. Prinzen". In jahrelanger Isolation gehalten, ohne Verbindung zur Außenwelt, waren sie am Ende dieser Gefangenschaft, wenn sie den Thron bestiegen, nur noch willenlose Puppen in den Händen der verschiedensten Kräfte.
    Und letztendlich hat dieses Brudermordgesetz für die Allgemeinheit auch etwas bewirkt, das ganz bestimmt nicht der Grund für dieses Gesetz war, das Opfer an Menschenleben war auf die osm. Familie begrenzt.
    Dagegen ließen im Abendland tausende von Menschen ihr Leben in Thronfolgestreitigkeiten - s. Spanischer Erbfolgekrieg - ganz zu schweigen von den immer andauernden Kämpfen rivalisierender Verwandter in abendländischen Herrscherfamilien.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Mai 2006
  13. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Zu dieser Zeit galt noch das Brudermordgesetz. Das Ausland wäre für einen evtl. Nachgeborenen unerreichbar gewesen, er wäre der seidenen Schnur zum Opfer gefallen.

    Prinz Dschem befand sich beim Tode Mehmeds außerhalb des Machtbereiches seines Bruders und besaß Truppen - das Gesetz konnte nicht angewendet werden.

    Im Fall des "falschen Mustafa" existierte das Gesetz noch nicht, er war aber einer der Gründe, warum Mehmed das Gesetz erließ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Mai 2006
  14. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Um nochmal auf die Homosexualität Selims I. zurückzukommen:

    "Seine Brüder, Ahmed und Korkut lehnten sich gegen ihn auf: Der erstere unterlag in einer Schlacht, Korkut unternahm den Versuch die Janitscharen für sich zu gewinnen. Beide liess Selim hinrichten, ebenso wie fünf seiner Neffen, Söhne seiner verstorbenen Brüder. Der Nachfolger Selims sollte sein Sohn Süleyman werden."

    So zu lesen bei Ferenc Majoros, der dann Jorga zitiert:

    "... mehr Erben wollte der Sultan nicht haben und verzichtete auf jeden weiteren Umgang mit seinen Frauen, indem er statt dessen mit jungen Sklaven dem Laster des Orientes huldigtete."
     
  15. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Dieser Satz, so von Jorga geschrieben, liest sich, als hätte er mit dem Sultan selbst gesprochen. Ich gehe mal davon aus, dass es eine Annahme von Jorga ist, durchaus legitim für einen Historiker aber nicht verbindlich.
    Selims Bisexualität wird offenbar nur bei Jorga erwähnt, die darauf basierenden Schlußfolgerunen sind Hypothesen u. einen Zusammenhang zu dem Brudermordgesetz ist daraus auch nicht zu erkennen. Politische Fakten kann man belegen, was den Harem und den Umgang mit den Frauen der osm. Sultane anbelangt, basiert alles nur auf Vermutungen, denn dieses Thema war absolut tabu u. niemand hatte dort Einblick.
     
  16. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Nochmal zu dem Zitat von Jorga. Er schreibt von dem Laster des Orients. Ist erst mal so nicht ganz richtig - Knabenliebe war von Persien bis zur griechischen u. römischen Antike vertreten - also durchaus nicht auf den Orient beschränkt und auch in der römischen Kurie ein Thema.
    Wenn er speziell also die Knabenliebe meint - nehme ich mal an "Laster des Orients" - so ist um so weniger zu glauben, dass dieses Laster in einem Zusammenhang mit Entscheidungen jeweiliger Sultane steht, Nachkommen so gering wie möglich zu halten und den Einfluss der Frauen einzuschränken.
    Die Sultane wurden ab dem 6. oder 8. Lebensjahr in der "Pagenkammer" gemeinsam mit anderen gleichaltrigen Knaben erzogen, bis zu ihrem 14. Lebensjahr, da bekamen sie eine eigene Provinz. Der Prinz, der Magnesia erhielt, galt als der wahrscheinlichste Thronerbe, da diese Provinz der Hauptstadt am nächsten lag u. seine Chancen darum die besten waren, den Thron so schnell wie möglich zu übernehmen. Die Pagenkammer galt wie der Harem den Sultanen als eine "Wiege des Reiches". Aus ihnen wurden später die Staatsbeamten u. Hofdamen rekrutiert. Selim und auch Mehmed dürften also diese Knabenliebe schon gepflegt haben, bevor sie einen offiziellen Harem bekamen und Kontakt mit den Frauen hatten.
    Zudem darf man nicht übersehen, dass zu der damaligen Zeit die Säuglings- u. auch Kindersterblichkeit sehr hoch war, überhaupt die Gefahr durch Krankheiten, Kriege war in dieser Zeit für alle sehr groß u. es schon deshalb im Bestreben eines Herrschers lag, soviel Nachkommen wie möglich zu haben.

    Nach allem was über Selim I. und Mehmed II. bekannt ist, waren sie energische und überaus tatkräftige Männer mit einem gesunden Egoismus. Dass ausgerechnet diese beiden sich für männliche Liebhaber entschieden aus Angst vor den Frauen und deren Einfluß, halte ich für mehr als unwahrscheinlich.
     
  17. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Das klingt aber verdammt nach Ausrede!
    :D :D

    Bis heute, wie man aus der presse immer wieder entnehmen kann.

    Zum Thema "Brudermord" am osmanischen Hof ist mir folgendes in Erinnerung gekommen: Es gibt es eine interessante Erörterung von Ortega y Gasset (in seinen Vorlesungen zu Toynbees Weltgeschichte) zum Thema "Legitimität" bei absoluten Herrschern. Er verglich die römischen Cesaren mit den späteren Königen.

    Kurz zusammengefasst (und Irrtum meinerseits vorbehalten), sagte er, dass während ein mittelalterlicher oder späterer König seine Legitimität auf Gotes Gnade und seiner königlichen Herkunft in der Linie der Erstgeborenen bezieht, ist bei den Cesaren dieses nicht so und ihre Legitimität begrenzt sich auf ihre eigene Macht und auf diejenigen die sie unterstützen.

    Bei den Königen hat dieses den Vorteil, dass es recht klar ist wer jeweils den grössten Anspruch hat. Konflikte entstehen hauptsächlich dann, wenn es keinen Nachfolger gibt, oder dessen Legitimität in Frage gestellt wird (z.B. bei der "Beltraneja" in Spanien, die als Ergebnis eines Seitensprunges bezeichnet wurde oder auch bei Elisabeth I von England der selbes nachgesagt wurde).

    Nachteil ist, dass jeder Idiot König werden kann solange er die richtigen Vorfahren hat. Bestes Beispiel, der schwachsinnige Karl II von Spanien (El Hechizado, der Verhexte, im Volksmund) der obwohl absoluter Nichteignung zum König wurde und durch seine Unfähigkeit einen Erben zu Zeugen den Erbfolgkrieg verursachte.

    Bei den Cesaren suchte man stattdessen den Fähigsten bzw. den Stärksten egal ob er der estgeborene war oder nicht. Ofensichtlicher Nachteil: Der "Selektionsprozess" verlief zeitweilig sehr blutig und die Regierungszeiten waren oft eher kurz. Und oft genug endete es in einem blutigen Bürgerkrieg.

    Bei den Osmanen, die sich ja auch als Nachfolger der Byzantinischen Kaiser sahen, hat man offensichtlich ein Mischsystem gefunden: Legitimität durch Abstammung und Selektion innerhalb der Familie, und ein entsprechendes "Sicherungssystem". Sie hatten wohl dadurch längere Zeit sehr fähige Herrscher und eine grosse Stabilität.
     
  18. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Sieht fast so aus, denn nach Abschaffung des Gesetzes kommen mehr oder weniger schlecht ausgerüstete Herrscher auf den Thron. Die Stabilität des Reiches hing scheinbar immer an einem Faden, denn dadurch, dass ja immer osm. Prinzen auf Vorrat da waren, wurde der Sultan natürlich erpressbar, er war nicht mehr der Einzige. Wie im Abendland hing nun auch ständig die Gefahr eines Bruderkrieges über ihm. Ebenfalls negativ wirkte sich aus, dass durch Hürrem Sultana (Roxelane) sich die Machtverhältnisse zugunsten des Harems verschoben hatten und mehr oder weniger die Frauen in Verbindung mit Günstligen die Sultansmacher wurden. Die Isolation in den Kafes tat ein Übriges.
     
  19. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Die unmittelbaren Nachfolger Süleymans des Prächtigen waren Schwächlinge und Idioten, die sich nur für den Harem interessierten, alkoholsüchtig oder eben schwachsinnig waren. Allerdings blieb das den europäischen Gegnern verborgen, da die Reichsstruktur im Innern intakt blieb. Sokollu Mehmet Pascha (+ 1579) hatte ja einstweilen noch alle Fäden in der Hand. Erst nach und nach gegen Anfang des 17 Jh. gewann der Harem an Bedeutung, so dass auch das Amt des Grosswesirs, welches von 1604-1656, 44! mal wechselte, an Bedeutung verlor.

    Wäre also die innere Struktur mit ihren Ämtern intakt geblieben hätte man den einen oder anderen schwachen Sultan kompensieren können. So gelangten, wie erwähnt Trunkenbolde und Schwächlinge auf den Thron, ja selbst Schwachsinnige (Mustafa I.) im Jahre 1617, der schon nach drei Monaten wieder abgesetzt wurde. Allein die Tatsache, das ein offensichtlich Schwachsinniger Sultan werden konnte, zeigt die geringe Bedeutung des Sultanthrones zu dieser Zeit. Der Sultan wurde nach gutdünken ein- und wieder abgesetzt, wobei die Janitscharen mit dem Harem konkurierten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2006
  20. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Der starke Einfluß des Harems begann mit Hürrem Sultana, denn da zog erstmals der Harem in das Topkapi, in das Zentrum der Macht.(Höhepunkt der Machtentfaltung war unter dem Nachfolger Selims, Murad III.)
    Vor Hürrems Zeit befand sich der Harem in "Alten Serail", in dem auch die Walide Sultana residierte.
    Sokolli Mehmed Pascha gilt als ein Günstling Hürrems u. auch Rustem Pascha, der Suleimans u. ihr Schwiegersohn war, ebenso sind die Historiker davon überzeugt, dass auch ihrem Einfluß zuzuschreiben ist, dass Ibrahim Pascha, der Großweser und ein Freund Suleimans, abgesetzt und hingerichtet wurde, ebenso die Ermordung Sultan Mustafas, des Erstgeborenen Suleimans. Mustafa wird in der Geschichtsschreibung als ein vielversprechender Mann mit hervorragenden Fähigkeiten für einen Herrscher beschrieben, durch die Macht des Harems starb er und an seiner Stelle bestieg Selim II., wahrscheinlich der Unfähigste von Suleimans Söhnen, den Thron.
    Die Mutter Murad III. setzte die Hinrichtung Sokollis durch, der als unbestechlich u. korrekt galt. Der Einfluß des Harems wuchs ständig und wurde erst unter Köprülü gebrochen.
    Die ebenfalls steigende Macht der Janitscharen dürfte eine Folge der Abschaffung des Gesetzes sein - nach den Vorstellungen der Osmanen u. der Janitscharen konnte nur eine Nachkomme Osmans den Thron besteigen (die Blutlinie durfte nicht abreißen) und da die männlichen Verwandten des Sultans nun am Leben blieben, konnten die Janitscharen willkürlich Sultane absetzen und einsetzen. Geisteszustand u. andere Befindlichkeiten dürften für die Janitscharen kaum eine Rolle gespielt haben.
    Bei den Janitscharen selbst ist für diese Epoche bekannt, dass nur noch wenige aus der Knabenlese hinzukamen, sondern durch Bestechung u. Intrigen gelangten immer mehr Söhne der türkischen Untertanen zu Posten bei den Janitscharen. Was weiter zu Fraktionsbildungen, Intrigen und Machtverschiebungen geführt haben dürfte, da nun auch verwandtschaftliche Beziehungen ins Spiel kamen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2006

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