Christianisierung der Wikinger

Dieses Thema im Forum "Die Wikinger" wurde erstellt von William Wallace, 6. August 2005.

  1. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Was die Christianisierung Skandinaviens betrifft - da kann ich mich für die Seriosität von Wikipedia "Geschichte Norwegens" mit internen Links verbürgen. Ist nämlich eine Zusammenfassende Wiedergabe von Aschehougs Norges Historie 12 Bände (ist erst bis zum 3. Band wiedergegeben).
    Bücher haben hier den nachteil, dass die wirklich instruktiven Bücher auf Skandinavisch erschienen sind, was nicht jeder versteht. Die deutsche Literatur ist in der regel veraltet.

    Gruss
     
  2. askan

    askan Neues Mitglied

    Ich las mal von einer These, das Nordeuropa damals sogar kurz vor der Islamisierung stand.
     
  3. William Wallace

    William Wallace Neues Mitglied

    Wie das????
     
  4. askan

    askan Neues Mitglied

    Vor längerer zeit gab es darüber mal einen Artikel in der Geo.
    Tatsache ist das zum Beispiel arabische Kartographen in Ägypten und Spanien genauere Kenntnisse über die Ostseeregion hatten, als ihre christlichen Kollegen in der skadinavischen Nachbarschaft. Auch von regelmässigen "Einkaufsfahrten" spanischer und maghrebischer Händler zu den Märkten des Nordens wurde berichtet.
    Ausserdem bezeugt die grosse Menge Silbermünzen, aus dem nahen und mittleren Osten einen regneren Kontakt der Nordleute zu den persischen Gebieten, als nach Mitteleuropa. Der Kontakt zu Persien und Irak ist einfacher als es im ersten Moment erscheint. Von Uppsala über die Ostsee Richtung Estland, ein relative kurze Wegstrecke zur jungen Wolga, den Strom runtergleiten lassen, kurz den Kaspischen See überqueren und schon ist Teheran fast in Sichtweite. Ich denke für Seeleute ist dieser Weg fast bequemer als durch die Nordsse und der Biscaya nach Marokko zu segeln.
     
  5. LaLoca

    LaLoca Neues Mitglied

    Ich denke, dass die Wikinger aus verschiedenen Gründen zu Christen wurden. Manche Händler wurden zu Christen, weil sich die Handelbeziehungen zu chrislichen Ländern besserte. Auch andere Händler und Eroberer wurden wohl auf das Christentum aufmerksam. Außerdem brachten sie auch gestohlene Reliquien in ihre Heimat mit. Den Leuten wurde sicher von der Religion erzählt. Missionare kamen ebenfalls in den Norden, wobei sie anfangs nicht recht erfolgreich waren, später dann immer mehr.

    Aber was das wichtigste war und warum sich das Christentum so blitzartig durchsetzte war wegen den Fürsten. König Olaf II v. Norwegen (heilig gesprochen) wurde 995 geboren bereits als Kind getauft (was bedeutet, dass seine Eltern wohl schon Christen sein mussten). Er war der jenige, der viele Missionare holen ließ und seine Untertanen zwang das Christentum anzunehmen oder (oft) zu sterben. Er ließ Kirchen bauen. Er war sehr radikal und wurde vertrieben. Durch die Christianisierung wurde das Verhalten der Wikinger milder und sie siedelten sich in Handelsmetropolen an wie Haithabu oder Birka. Das war im 11 Jahrhundert.
     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Einen schönen Einstieg in das Thema gibt die Vinland Saga von Josef Nyary. Habe die als junger Mensch regelrecht verschlungen. Wie historisch präzise die Umsetzung der Quellen gelungen ist, kann ich nicht sagen. Aber das Bild der isländischen Gesellschaft in der Zeit des Glaubensumbruchs wirkt überaus überzeugend (aus menschlicher Sicht, wie gesagt, weil ich die Quellen nicht kenne).

    Man kommt wahrlich aus dem Grübeln nicht mehr heraus, wie diese (und andere) Religion der Kraft, des Kampfes und der Männlichkeit - die ja so natürlich auf die Lebensweise der Nordmänner gemünzt war (oder schien) - von einer Religion des Buches, der Worte, der Besinnung, der Schwäche eines Gottessohns, der Nächstenliebe und des Friedens abgelöst werden konnte.
     
  7. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Ich hab den Heliand nicht im Kopf und auch gerade nicht parat, aber die "Schwächen des Gottessohnes" wurden auch nicht besonders betont bei der Missionierung. Es wurde eher wert gelegt auf die Stärke von Jesus beim jüngsten Gericht, Wunderheilungen etc.

    Nicht ganz geklärt ist Odins "Kreuzigung". War sie eine Reaktion auf christliche Erzählungen oder bestand sie schon zuvor? Solche Übereinstimmungen halfen sicherlich dann auch.

    Für die mächtigen war gerade die Universalität des christlichen Glaubens wichtig. Ein Gott, ein Reich, ein König und eine Meinung.:)
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Nun ja, aber man kann ja kaum leugnen, woher das Kreuz kommt. Dass Jesus gefoltert, von einem menschlichen Gericht verurteilt, gedemütigt und verspottet wurde und letztlich jämmerlich am Kreuz verreckt ist, halte ich schon zentral für das Christentum und nur schwer zu verstecken. Und dass christliche Geistliche lieber mit Worten, als mit Äxten fechten, war auch schwer zu übersehen.

    Aber natürlich sind viele auch einfach nach "cuius regio eius religio" zu Christen wurden oder es wurde wie in anderen Kulturen üblich "Gott" einfach ins Pantheon integriert. Ebenso wird man die israelischen Motive der Bibel "Ein Volk, ein Gott" hübsch an die mächtigen verkauft haben.
     
  9. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Der Schwerpunkt lag in der Auferstehung, dem Triumph über den Tod, im Abstieg zur "Hölle" während der 3 Tage Grabesruhe und in der Befreihung der dort wartenden Propheten und heiligen Menschen des Alten Bundes.

    Was meinst Du damit? das Hängen am Baum? Das scheint mir nicht vom Christentum abhängig zu sein.
     
  10. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    @ William Wallace


    Betreffend deines Beitrags #8 möchte ich noch hinzufügen, dass Wikinger nicht nur in England und Schottland, sondern auch in Wales waren. Zwar gab es in Wales keine größeren skandinavischen Siedlungen (oder es sind noch keine gefunden worden), aber Wikinger aus Irland wurden von walisischen Königen als Söldner angeworben. Zudem sind Wikingerüberfälle auf die Königreiche Anglesey und Dyfed belegt. In Dyfed gab es auch einzelne skandinavische Farmen, die ausschließlich in unmittelbarer Nähe der Küste gebaut wurden. Dies lässt sich zumindest aus einigen Ortsnamen ableiten.

    @ beorna

    Zur Argumentation der Missionare habe ich folgenden Link gefunden.

    http://www.regia.org/church/convert1.htm

    Okay, ist nicht ganz ernst zu nehmen. =)
     
  11. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Genau das meine ich. Ich weiß nicht ob es vom Christentum abhängig ist oder nicht. Es gibt hierzu verschiedene Thesen. Allerdings erscheint dieser Odinmythos erst mit der Schriftlichkeit in Skandinavien (zumindest reicht unser Wissen nicht weiter zurück), daher könnte christlicher Einfluß möglich sein. Man danke da nur an die skandinavischen Tempel etc. die auch darauf zurückzuführen sein könnten, da die Germanen laut Tacitus keine Tempel haben sollen.
     
  12. beorna

    beorna Neues Mitglied

    :D Ich glaube man kann das ernster nehmen als man denken sollte. So könnte sich das in der Tat abgespielt haben. Ich schrieb weiter oben etwas über die Taufen, das läuft in die ähnliche Richtung. Allerdings würde ich nicht die Germanen im Allgemeinen für so naiv halten.
     
  13. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    Für einen Glaubenswechsel bedarf es schon eines wirklichen Grunds. Ansonsten bleibt es beim "sich waschen lassen für Seidenhemden". Wenn es keinen Vorteil bietet, wird wohl niemand seinen Glauben aufgeben, um einen anderen anzunehmen. Ich denke, soweit kann man den Text aus dem Link wohl ernst nehmen, wenn auch die dort vom Priester angegebene Begründung nur selten funktioniert haben dürfte.

    Beispielsweise soll Alfred der Große nach seinem Sieg 886 n.Chr. über Guthrum den Besiegten eigenhändig getauft haben. Zwar ging mit dem Sieg in der Schlacht eine Machtdemonstration voraus, doch dürfte die Taufe erzwungen worden sein. Dieses Ereignis wird gelegentlich als wichtig für die Christianisierung der Wikinger in England bezeichnet, aber ich denke nicht, dass Guthrum von seinem neuen Glauben wirklich überzeugt war. Das Wichtige an dem Ereignis war wohl eher der Sieg und die Oberherrschaft Alfreds als neuer "Rex Anglorum" und nicht die Taufe.

    Handfestere Gründe wurden ja bereits während der Diskussion genannt, wie Handelskontakte bzw. Hilfegesuche bei christlichen Machthabern. So schickte König Harald I von Norwegen seinen Sohn Hakon an den Hof Athelstans, da er seine diplomatischen Kontakte nach England vertiefen wollte. Das Beispiel des verbannten Dänenkönigs Harald und dessen Beziehung zu Ludwig den Frommen wurde bereits angeführt.

    Wie LaLoca sehe ich den aufstrebenden skandinavischen Adel als wichtigen Faktor bei der Christianisierung der Wikinger. Sie fällt zeitlich mit der zunehmenden Entmachtung der hersirs zusammen, was gewiss kein Zufall ist. Wer unter einem christlichen König Karriere machen will, sollte dessen Glauben annehmen. Die Gefolgsleute des Königs haben wiederum Gefolgsleute, die ebenfalls auf die geänderte Situation reagieren müssen, um ihren Status nicht zu verlieren. So kann sich ein neuer Glaube schließlich über die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten verbreiten.

    Blitzartig, wie LaLoca schrieb, oder glatt und gewaltlos, ging der Glaubenswechsel jedoch nicht voran. Hakon scheiterte letztendlich bei der Bekehrung Norwegens und starb 960 als Abtrünniger. Olaf Tryggvasson bekehrte dann doch eher mit dem Schwert und nach ihm auch Olaf der Heilige. Dennoch war es letztendlich die gegenseitige Unterstützung zwischen König und Kirche, die zum Erfolg führte.

    Dieses gemeinsame Vorgehen hatte nicht zuletzt politische Gründe, da die skandinavischen Adelshäuser bemüht waren, den deutschen Einfluss einzudämmen, der mit den Missionaren kam. Adam von Bremen behauptete z.B., dass sich Harald Blauzahn auf Druck des deutschen Kaisers bekehren ließ, was laut Reichsideologie bedeutete, dass Dänemark sich dem deutschen Kaiser unterworfen hätte. Haralds Beteuerung auf dem Runenstein von Jelling, dass er selbst sein Reich bekehrte, war daher nichts anderes, als eine Unabhängigkeitserklärung. Die spätere Schaffung des Erzbistums Lund erfolgte aus den gleichen Gründen, da Dänemark somit endlich von der Erzdiözese Hamburg unabhängig wurde.
     
  14. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Im Großen und Ganzen kann man dir Recht geben. Allerdings sind Polytheisten sehr freizügig im Umgang mit neuen Göttern. Einer mehr, einer weniger....

    Das ist natürlich keine Christianisierung wie wir sie heute verstehen würden. Aber auch Wikinger die aus Handels- und Machtgründen Christen wurden, werden persönlich auch eigene Glaubensvorstellungen weitergelebt haben, sofern dies möglich war. Dies ist nicht zuletzt ein Grund für die Durchmischung des heutigen Christentums, Ostern, Weihnachten, Allerheiligen.....um nur einiges zu nennen.
     
  15. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    Hmm...nach nochmaligem Lesen gebe ich zu, dass mein Geschreibsel ein paar Brüche hat und mir der springende Punkt davon gehüpft ist. Es ging mir darum, aufzuzeigen, wie der christliche Glaube zunächst einmal in Skandinavien Fuß gefasst hat und dies hatte in den meisten Fällen politische Gründe. Davon wurden bereits einige genannt.

    Inwiefern die politische Motivation der Herrscher, sich dem Christentum zuzuwenden, ihre tatsächlichen Glaubensvorstellungen darstellt, ist in der Tat fraglich. So wieß ich ja darauf hin, dass Guthrum zur Taufe gezwungen war und sich nicht freiwillig zum Glauben des Siegers bekannte. Alle von mir aufgeführten Beispiele bedeuteten jedoch, dass Missionare ihre Tätigkeit aufnehmen konnten und dabei den Schutz oder sogar die Unterstützung des jeweiligen Landesherrn genossen. Die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Beeinflussung der Heiden waren also gegeben.

    Natürlich ist eine Missionierung ein langwieriger Prozess, der sich im Fall Skandinaviens sogar über mehrere Jahrhunderte hinzog. Dass während einer solchen Übergangszeit zwei Religionen nebeneinander existieren, die sich vermischen und Spuren hinterlassen, ist unvermeidlich. Bei der Missionierung war die Tatsache, dass Polytheisten weniger Probleme haben, einen neuen Gott in ihre Pantheon aufzunehmen, bestimmt hilfreich und ich bin mir sicher, dass die Missionare dies wissentlich ausnutzten. Der Oberflächlichkeit ihrer anfänglichen Erfolge waren sie sich vermutlich bewusst, politische Motivationen, Lippenbekenntnisse unter Zwang und ähnliches, werden sie als solche erkannt haben. Auch wenn dies keine Christianisierung "aus dem Lehrbuch" ist, waren diese Anfangserfolge aus den folgenden Gründen akzeptabel:

    1. Die Missionierung einer fremden Region ließ sich mit Machtansprüchen verbinden. Dabei fragte niemand nach, wie fest der Glaube der Missionierten nun wirklich war.

    2. Es kam zeitweilig zu Rivalitäten englischer, skandinavischer und deutscher Missionare. Hier waren vor allem schnelle Ergebnisse gefragt, bei denen es völlig ausreichend war, sich bei der herrschenden Schicht Einfluss zu verschaffen.

    3. Rückfälle in heidnische Gepflogenheiten ließen sich politisch ausnutzen. Die Erzdiözese Hamburg führte diese Rückfälle an, um ihre Zuständigkeit für Skandinavien zu begründen, als Sven Estridsson die kirchliche Unabhängigkeit anstrebte.

    4. Der Anspruch auf Ausschließlichkeit des christlichen Glaubens ließ sich später noch immer durchsetzen, wenn Missionare erstmal Fuß gefasst und ihren Gott im Pantheon platziert hatten. Dass dies länger dauern würde, war den Missionaren wohl klar und die Geschichte zeigt, dass es ihnen nach einigen Rückschlägen und viel Geduld, schließlich gelungen ist.
     
  16. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Verschiedene Thesen gibt's zu allem, sogar dazu, ob die Amerikaner auf dem Mond waren. Aber der Kontext spricht dagegen. Das Hängen am Baum hatte eine andere Funktion, Erwerb der Weisheit. Außerdem zeigt das Opferfest von Uppsala, das Adam von Bremen beschreibt, keine Affinitäten zum Christentum. Da wurden Tiere und Menschen an Bäumen aufgehängt. Möglicherweise gehört auch der Mann von Tollund mit seinem Strick um den Hals in diese Kategorie. Nicht jede noch so entfernte Ähnlichkeit sollte ohne Belege auf Einflüsse zurückgeführt werden.
    Tempel hatten sie auch nicht. Archäologisch sind sie nicht nachweisbar. Was da mit Tempel in den Texten gemeint ist, ist nicht notwedig ein eigenes den Göttern geweihtes Gebäude.
     
  17. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Im Großen und ganzen gebe ich Dir recht.
    Vielleicht liest Du mal (wenn nicht schon geschehen)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Norwegens#Die_Christianisierung.
    Das ist so ziemlich auf dem neusten Stand.
     
  18. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    @ fingalo

    Danke für den Link. Ich habe zwar nichts Wesentliches darin gelesen, was mir neu gewesen wäre, aber einige interressante Details, die ich noch nicht kannte (z.B. Primsigning).

    Da ich jetzt zwei Mal im Großen und Ganzen Recht bekommen habe, wüßte ich nun gerne die Details oder Einschränkungen, bei denen ich mit meinen Ausführungen daneben lag.;)
     
  19. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    "Bei der Missionierung war die Tatsache, dass Polytheisten weniger Probleme haben, einen neuen Gott in ihre Pantheon aufzunehmen, bestimmt hilfreich und ich bin mir sicher, dass die Missionare dies wissentlich ausnutzten."

    Dafür gibt es auch nicht den kleinsten Anhaltspunkt. Die Dämonisierung der alten Götter setzte sofort ein.

    "1. Die Missionierung einer fremden Region ließ sich mit Machtansprüchen verbinden. Dabei fragte niemand nach, wie fest der Glaube der Missionierten nun wirklich war."

    Das klingt danach, als ob die Heimatländer der Missionare Machtansprüche verfolgt hätten. Weder Hamburg noch England verfolgten territoriale Ziele in Norwegen. Vielmehr ging es um die Machtansprüche christianisierter Könige gegenüber der - noch - heidnischen Aristokratie im eigenen Land. Dem diente vor allem der Kult um Olav d. Heiligen. Dein Satz ist zwar nicht falsch, aber mißverständlich.

    Nr. 2: Von Rivalitäten zwischen den Missionaren, die zu großer Eile mahnten, ist mir in diesem Zusammenhang nichts bekannt. Die kenne ich nur zwischen der römisch orientierten vom Festland und der griechisch-orthodox orientierten kirche in Irland, die dann zum Osterfeststreit führte. Norwegen unterstand zwar formell dem Erzbistum Hamburg, wurde aber von England aus missioniert. Von besonderen Rivalitäten habe ich in Quellen nix gefunden.

    Zu Nr. 3 hätte ich gern die Quelle. Denn nach meiner Kenntnis wollte Hamburg lediglich die Oberhand behalten und ein Patriarchat werden, unter welchem dann das vom Dänenkönig gewünschte Erzbistum stehen könnte. Dass Rückfälle in heidnische Gepflogenheiten gegen die Gründung eines eigenen Erzbistums gestanden hätten, kann ich nirgends finden, wäre auch unlogisch. Adalbert hatte gegen das Erzbistum nichts, wenn er sein Patriarchat bekäme.

    Zu Nr. 4: Die chrstlichen Missionare haben nie die Aufnahme des Christengottes in das Pantheon betrieben, gefördert oder auch nur geduldet. Dafür gibt es keinen Beleg.

    Aber das sind Marginalien. Deshalb: "Im Großen und Ganzen".:)
     
  20. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    Ich gebe zu, an diesen beiden Stellen reine Vermutungen geäußert zu haben, die ich im Fall von Nr. 4 ebenfalls als solche hätte deutlich machen sollen. Es ist halt meine Vorstellung, wie sich der Vorgang der Missionierung bei einzelnen Personen abgespielt haben könnte und ergab sich aus dem vorangegangenen Gedankenaustausch mit beorna. Aber belegbar ist es mit Sicherheit nicht, anfechtbar dafür schon.



    Ich verweise nochmals auf die Behauptung Adam von Bremens, die Missionierung Dänemarks sei durch den deutschen Kaiser vorangetrieben worden und möchte diesmal die entsprechende Stelle aus dem Buch "The Oxford Illustrated History of Vikings" von Peter Sayer (Hg.) zitieren, das mir als Übersetzung in der zweiten deutschen Auflage vorliegt. In Kapitel 9 "Alte und Neue Religion", das von Preben Meulengracht Sörensen verfasst wurde, steht auf Seite 229:

    "Über die Bekehrung Harald Blauzahns existieren zwei Berichte. Der ältere findet sich in Widukinds um 970 geschriebener Sachsengeschichte. Laut Widukind überzeugte ein Priester namens Poppo den König durch ein Wunder von der Macht des christlichen Gottes...Etwa ein Jahrhundert später behauptete Adam von Bremen, dass Haralds Bekehrung auf Druck des deutschen Kaisers zustande gekommen sei. Dies ist ein typisches Beispiel für politische Propaganda krichlicherseits. Hatte der Kaiser das Christentum in Dänemark eingeführt, hätte dies der christlichen Reichsideologie zufolge die Unterwerfung des Dänenkönigs unter den Kaiser bedeutet. Im Angesicht einer solchen Bedrohung war Haralds Behauptung auf dem Runenstein in Jelling, dass er "die Dänen christlich machte", eine bedeutsame politische Aussage, eine Beteuerung der Unabhängigkeit Dänemarks."

    Ich glaube nicht, dass Adam von Bremen diese Darstellung ohne Hintergedanken niederschrieb. Die einzige sinnvolle Motivation, die ich mir vorstellen kann, ist ein Interesse Adams an einem Herrschaftsanspruch des Kaisers in Dänemark, denn darauf läuft die Darstellung hinaus. Nach einem Blick in den dtv-Atlas bin ich mir auch sicher, dass Hamburg damals zum Hoheitsgebiet des deutschen Kaisers gehörte.

    Dass christianisierte Herrscher Skandinaviens den gleichen Kniff anwendeten, ist natürlich richtig. Allerdings hatten auch deren Widersacher gelernt. So bekräftigte der Allthing von Island, dass er den Religionswechsel beschlossen hätte und keineswegs von Olaf Tryggvasson bekehrt wurde.

    Da möchte ich nochmals aus dem oben genannten Buch zitieren.

    "...sein (Adam von Bremens) Werk spiegelt nicht nur die zeitgenössische christliche Ideologie wieder, sondern auch eigene Sympathien un die kontinentale Kirchenpolitik. Besonders offenkundig ist dies in seiner Behandlung von Herrschern, die in ihren Reichen den Einfluss der angelsächsischen Kirche förderten. Wir erfahren, dass Sven Gabelbart, der dänische König, der England eroberte und englische Missionare bevorzugte, in Dänemark Christen verfolgt habe. Olaf Tryggvasson, der in den nordischen Sagas als der große Bekehrer Norwegens und Islands dargestellt wird, ist in Adams Bericht praktisch ein Heide. Olaf wurde wahrscheinlich in England getauft und wurde von englischen Geistlichen begleitet, als er dem heidnischen Jarl Hakon Norwegen wegnahm. Dies brachte ihn in Konflikt mit den Missionspraktiken Hamburgs, und Adam wies ihn in die Schranken, indem er berichtete, dass manche Leute sagten, er sei ein Abtrünniger, und alle sich einig seien, dass er Zauberei praktiziere und Omen von Vögeln empfange."

    Ich entnehme daraus, dass die englische und kontinentale Kirche sehr wohl in einem Konflikt bzw einer Rivalität in Skandinavien zueinander standen. Scheinbar hat es Adam nicht gefallen, dass englische Missionare unter seinen potentiellen Schäfchen wilderten oder ist dir eine andere Motivation bekannt, warum er Herrscher mit Verbindungen zur englischen Kirche derart verleumdete.

    Die Erzdiözese Hamburg wurde 832 gegründet und erhielt den Auftrag, im heidnischen Norden zu Missionieren. Hätte sie damals schneller Einfluss auf die dänischen und norwegischen Herrscher ausgeübt, wäre es vermutlich nie dazu gekommen, dass englische Missionare ins Land geholt wurden. Dazu hätte vermutlich die Bekehrung der Oberschicht genügt, selbst wenn die Landbevölkerung weiterhin heidnisch geblieben wäre.

    Hier ist mir in der Tat ein Fehler unterlaufen. Ich hatte die die oben zitierte Textpassage nur noch grob im Kopf. Mein Gedächtnis hat mir einen Streich gespielt und ich habe die beiden Svens (Gabelbart und Estridsson) verwechselt. Nehme alles zurück und behaupte das Gegentum. :S
     

Diese Seite empfehlen