Damensattel - Hohe Reitkunst und ihre Gefahren für die Reiterinnen

muck

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PS: Die Bildquelle zu Catherine de Valois, die zu ihrer Hochzeit reitet, finde ich persönlich nicht sehr überzeugend als Argument, dass Frauen damals ausschließlich im Damensattel ritten. Warum wird das Pferd von Catherine eigentlich geführt? (Das funktioniert doch nur, wenn das Pferd im Schritt ist, aber bei Traben oder gar Galopp kann ich den Jungen nur bedauern.) Ziemlich sicher, dass das eine Inszenierung im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten war (Catharine reitet ihrem Ehemann entgegen.)

Hier wurde die Braut, Katherina von Valois, ihrem Gatten zugeführt, also passt es, sie sittsam im Damensattel zu zeigen, auf einem Pferd, das für sie geführt wird. Vermutlich ritt sie bei diesem Anlass wirklich im Damensattel—oder fuhr in einem Reisewagen, was bei einer Dame ihres Standes wahrscheinlicher ist.

Dass adlige Frauen zumindest auf der Jagd im Herrensitz ritten, ist definitiv verbürgt. Frage: Haben wir hier Reiter, oder vielleicht sogar Foristen, die sich als Reitlehrer oder in vergleichbarer Funktion betätigt haben? Denn da man gemeinhin lesen kann, dass das Reiten im Damensitz sehr viel schwieriger ist, würde ich annehmen (und wüsste die Annahme gerne belegt), dass man Mädchen tatsächlich erst das Reiten im Herrensitz beibrachte.

[mod: Beitrag ist eine Kopie von Johanna von Orleans: "Heilige" oder "Ketzerin"? - hier gekürzt]
 
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Haben wir hier Reiter, oder vielleicht sogar Foristen, die sich als Reitlehrer oder in vergleichbarer Funktion betätigt haben? Denn da man gemeinhin lesen kann, dass das Reiten im Damensitz sehr viel schwieriger ist, würde ich annehmen (und wüsste die Annahme gerne belegt),

Das Reiten im Damensattel ist weitaus schwieriger. Im Herrensitz hat man deutlich stabileren Sitz, man kann mit dem rechten Schenkel Hilfen geben. im Damensitz hat 1. einen weitaus weniger sicheren Sitz, 2. man viel geringere Einflussmöglichkeit auf das Pferd. der rechte Schenkel wird über den Sattel gelegt, damit kann man natürlich auch keine Schenkelhilfen geben und hat nur die Gerte als Ersatz für den rechten Schenkel. Damit hat man natürlich auch viele geringere Einflussmöglichkeit auf das Pferd. 3.es steckt nur ein Fuß, der linke, im Steigbügel.

Besonders groß ist das Handikap wenn man springt. Viele Pferde springen viel höher als die Courage des Reiters reicht, im Herrensitz kann man sich beim Sprung oder im gestreckten Galopp aus dem Sattel stemmen. Im Damensitz muss man den Sprung aussitzen, und es liegt nahe, dass man gerade beim Springen im Damensitz ein großes Handicap hat.

Bei Parforcejagden oder Fuchsjagden war es meist üblich, dass Damen Hindernisse umritten oder deutlich hinter der Meute ritten, nur die sportlichsten Damen nahmen im Damensattel Hindernisse, und es war das ein nicht ungefährlicher Sport, im Damensattel war das Risiko aus den genannten Gründen weitaus höher und schwieriger.
 
Es war das ein nicht ungefährlicher Sport, im Damensattel war das Risiko aus den genannten Gründen weitaus höher und schwieriger.

Ein weiteres Risiko mit erhöhter Unfallgefahr mit dem Damensattel ist, dass die Reiterin beim Sturz nicht mer aus dem Sattel und aus dem Steigbügel kommt. Im Herrensitz, beim Sturz fliegt der Reiter aus dem Sattel. Übel ist, wenn der Fuß nicht aus dem Steigbügel kommt. Jeder Reiter wird mal abgeworfen, fliegt mal aus dem Sattel. Aber in der Regel kommt man frei. Im Damensitz ist es viel schwerer das Gleichgewicht zu halten, und die Reiter kommt weniger leicht frei, der rechte Oberschenkel wird ja über das Sattelhorn gelegt. Der Damensattel hat nur einen Steigbügel, der linke Fuß steht im Steigbügel. Aus dem kommt die Reiterin aber viel schwerer frei, weil er stärker belastet wird.

Im Damensattel trägt die Reiterin ein Reitkleid, das sich ebenfalls leicht verfangen kann. Wenn auch das Pferd stürzt, gerät die Reiterin leicht unter das Pferd, wenn sie nicht freikommt. Oder sie wird zwar aus dem Sattel geschleudert aber mitgeschleift, weil der Fuß im Steigbügel hängt oder weil das Kleid sich verheddert hat. Der Damensattel ist auch für das Pferd eine Belastung, vor allem beim Sprung. Die Reiterin kann sich nicht wie im Herrensitz aus dem Steigbügel stemmen und das Gewicht besser verteilen und das Pferd unterstützen, sie plumpst dem Pferd auf den Rücken.

Die reiterische Leistung von Frauen die alle Lektionen der Hohen Schule im Damensattel ausführten oder die Parforcejagden ritten wie Kaiserin Elisabeth ist sehr hoch zu bewerten. Sisi ritt in England Fuchsjagden, und für die Saison trainierte sie mit einem Cpt. Middleton, der als der beste Militaryreiter galt. Sie hat für diesen Sport eine Menge Geld ausgegeben, und sie muss auch eine hervorragende Reiterin gewesen sein, die immer direkt hinter der Meute ritt.
 
Wie schon gesagt, muss die Reiterin im Damensattel den Trab aussitzen, sie kann sich nicht wie im Herrensitz im Trab aus dem Sattel stemmen. Wenn man ihn nicht aussitzen muss, ist Trab eine der angenehmsten Gangarten. Das geht von gan allein, man passt sich einfach der Ganghart des Pferdes an. Wenn man den Trab aber auf langen Strecken aussitzt, wird es unbequem. Pferde die unter dem Demensattel gingen sollten eine angenehme Gangart haben. Manchen Rassen trainierte man auf Tölt, eine Art Passgang. Im Passgang gibt es keine Schwebephase, alle Beine berühren immer den Boden Für den Reiter oder besser für die Reiterin ließen sich diese Pferde besonders unterm Damensattel bequem reiten.

Der Narragensett Pacer war eine berühmte Pferderasse, die ursprünglich in Neuengland gezüchtet wurden. Der Narragensett-Pacer ließ sich besonders angenehm unterm Damensattel reiten wegen des Passgangs. Die Rasse war im 18. Jahrhundert weit verbreitet, sie wurde viel exportiert und damit wurde die Rasse für systematische Zucht so stark ausgedünnt, dass sie Emde des 10 Jahrhunderts ausstarb oder in Rassen wie dem American Saddlebred oder Tennessee Walking Horse aufgingen. Washington züchtete Narragensetts.

In James F. Coopers Roman Der Letzte der Mohikaner reiten die Munroe-Schwestern Narragensett-Pacers, und Hawkeye kann deren Spur folgen, und weiß anhand des Passgangs, dass die von Frauen geritten worden, eine Gangart, die er bisher nur beim Bären beobachtet habe.

Im Passgang bewegen sich auch Kamele fort. Erfahrene Kamelreiter wie Gerhard Rohlfs sagten, dass manche Leute, die zu Seekrankheit neigen auch beim Ritt auf einem Kamel übel werden kann.
 
@Scorpio

Das legt nahe, dass es zumindest nützlich wäre, das Reiten im "Herrensitz" zu lernen, bevor man (frau) sich an das Reiten im Damensitz wagt.
 
@Scorpio

Das legt nahe, dass es zumindest nützlich wäre, das Reiten im "Herrensitz" zu lernen, bevor man (frau) sich an das Reiten im Damensitz wagt.
Es gibt aber Gründe für das Reiten im Damensattel. Da ist zum einen der praktische Grund, dass mit knöchellangen Kleidern das breitbeinige Reiten auf dem Pferd im Prinzip nicht möglich ist. Zum zweiten dürfte es insbesondere für höhergestellte Damen als unschicklich gegolten haben, wenn sie breitbeinig auf einem Pferd saßen. Immer schön züchtig die Knie eng und die Jungfräulichkeit verteidigen.
 
Es gibt aber Gründe für das Reiten im Damensattel. Da ist zum einen der praktische Grund, dass mit knöchellangen Kleidern das breitbeinige Reiten auf dem Pferd im Prinzip nicht möglich ist. Zum zweiten dürfte es insbesondere für höhergestellte Damen als unschicklich gegolten haben, wenn sie breitbeinig auf einem Pferd saßen. Immer schön züchtig die Knie eng und die Jungfräulichkeit verteidigen.
Darum ging es mir nicht, sondern um die grundsätzliche Fähigkeit.
 
@Scorpio

Das legt nahe, dass es zumindest nützlich wäre, das Reiten im "Herrensitz" zu lernen, bevor man (frau) sich an das Reiten im Damensitz wagt.

Auf jeden Fall! Es war auch im 18. und 19. Jahrhundert üblich, dass Mädchen wenn sie reiten lernten, dass erst mal im Herrensitz ritten, bis sie das nötige Gleichgewicht gewonnen hatten, und im Damensattel erst ritten, wenn sie in die Pubertät kamen.
 
Es gibt aber Gründe für das Reiten im Damensattel. Da ist zum einen der praktische Grund, dass mit knöchellangen Kleidern das breitbeinige Reiten auf dem Pferd im Prinzip nicht möglich ist. Zum zweiten dürfte es insbesondere für höhergestellte Damen als unschicklich gegolten haben, wenn sie breitbeinig auf einem Pferd saßen. Immer schön züchtig die Knie eng und die Jungfräulichkeit verteidigen.

Eine Frau in Frauenkleidern konnte im Herrensitz nicht reiten, sie musste dazu Hosen tragen, und dazu wiederum musste sie die Frauenrolle verlassen und eine "Hosenrolle" übernehmen.

Das mochte vielleicht mal auf der Jagd akzeptiert werden, aber je nach dem historischen Zeitabschnitt war es zumindest ein leichter bis mittlerer Tabubruch, und nach dem Normenkatalog galt es nicht gerade als damenhaft, wenn eine Frau in engen Reithosen breitbeinig auf dem Pferd saß.

Das wirkte ja noch bis weit ins 20. Jahrhundert nach. Von Winde verweht erschien in den 1930ern, und die Autorin wurde lange nach dem Krieg und der Reconstruction geboren, aber den Normenkatalog der Antebellum-Südstaaten gibt Margret Mitchell schon authentisch wieder. In dem Roman moniert Mammy, wenn die kleine Bonny im Herrensitz bei Rhett Butler im Sattel reitet. Peter Krasnow war Kosakenoffizier, nach der Russischen Revolution lebte er in Deutschland und seine Romane "Vom Zarenadler zur Roten Fahne" und Der grenzenlose Hass" wurden auch in Deutschland viel gelesen.

In dem Roman Der grenzenlose Hass, der zwischen 1914 und 1930 spielt, flirtet ein Kosakenoffizier mit einer Gymnasiastin (sehr, sehr zurückhaltend), und die Mutter des Mädchens fragt sich, ob es schicklich ist, in Gegenwart von Damen das Wort "Hengst" auszusprechen.

Man mag sich die Frage stellen, warum man Damensattel konstruierte, wenn die Nachteile so offensichtlich waren und Frauen damit riskierten, sich den Hals zu brechen.


Die Antwort ist: Eine Frau kann in Frauenkleidern nicht im Herrensitz reiten. Sie muss dazu die Kleider aus- oder eine Hose anziehen, und das wiederum konnte sie nicht tun, ohne gegen das ein oder andere Tabu und gegen Normen und Regeln von Schicklichkeit zu verstoßen. Da aber auch Frauen auf die Jagd oder die Reiherbeize reiten wollten, erlaubte ihnen der Damensattel, sich an solchen Aktivitäten zu beteiligen, ohne gegen Tabus und Normen zu verstoßen.

Der Damensattel ist eine ausgefeilte, durchdachte Konstruktion. Ich weiß natürlich nicht wie es Reiterinnen und Jägerinnen im 18. und 19. Jahrhundert hielten. Wenn Reiterinnen an historischen Events teilnehmen, bei denen Übungen im Damensattel geritten werden, tragen sie in der Regel ganz normale Reithosen, die unter dem Reitkleid getragen werden. Bei Fuchsjagden oder Parforcejagden in der Zeit zwischen 1890-1914 würde ich annehmen, dass die Reiterinnen es genauso machten, weil es eben am einfachsten und praktischsten ist.
 
In diesen Artikeln wird Kaiserin Elisabeth erwähnt (auch als Reiterin im Damensattel):


Die Artikel gefallen mir beide, die Autoren verfügen jedenfalls über praktische Erfahrung und wissen, worüber sie schreiben. Bildliche Darstellungen erleichtern auch das Verständnis. Sie sind oft hilfreicher als lange Beschreibungen, mögen die auch noch so anschaulich geschrieben sein.
 
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