Es gibt aber Gründe für das Reiten im Damensattel. Da ist zum einen der praktische Grund, dass mit knöchellangen Kleidern das breitbeinige Reiten auf dem Pferd im Prinzip nicht möglich ist. Zum zweiten dürfte es insbesondere für höhergestellte Damen als unschicklich gegolten haben, wenn sie breitbeinig auf einem Pferd saßen. Immer schön züchtig die Knie eng und die Jungfräulichkeit verteidigen.
Eine Frau in Frauenkleidern konnte im Herrensitz nicht reiten, sie musste dazu Hosen tragen, und dazu wiederum musste sie die Frauenrolle verlassen und eine "Hosenrolle" übernehmen.
Das mochte vielleicht mal auf der Jagd akzeptiert werden, aber je nach dem historischen Zeitabschnitt war es zumindest ein leichter bis mittlerer Tabubruch, und nach dem Normenkatalog galt es nicht gerade als damenhaft, wenn eine Frau in engen Reithosen breitbeinig auf dem Pferd saß.
Das wirkte ja noch bis weit ins 20. Jahrhundert nach. Von Winde verweht erschien in den 1930ern, und die Autorin wurde lange nach dem Krieg und der Reconstruction geboren, aber den Normenkatalog der Antebellum-Südstaaten gibt Margret Mitchell schon authentisch wieder. In dem Roman moniert Mammy, wenn die kleine Bonny im Herrensitz bei Rhett Butler im Sattel reitet. Peter Krasnow war Kosakenoffizier, nach der Russischen Revolution lebte er in Deutschland und seine Romane "Vom Zarenadler zur Roten Fahne" und Der grenzenlose Hass" wurden auch in Deutschland viel gelesen.
In dem Roman Der grenzenlose Hass, der zwischen 1914 und 1930 spielt, flirtet ein Kosakenoffizier mit einer Gymnasiastin (sehr, sehr zurückhaltend), und die Mutter des Mädchens fragt sich, ob es schicklich ist, in Gegenwart von Damen das Wort "Hengst" auszusprechen.
Man mag sich die Frage stellen, warum man Damensattel konstruierte, wenn die Nachteile so offensichtlich waren und Frauen damit riskierten, sich den Hals zu brechen.
Die Antwort ist: Eine Frau kann in Frauenkleidern nicht im Herrensitz reiten. Sie muss dazu die Kleider aus- oder eine Hose anziehen, und das wiederum konnte sie nicht tun, ohne gegen das ein oder andere Tabu und gegen Normen und Regeln von Schicklichkeit zu verstoßen. Da aber auch Frauen auf die Jagd oder die Reiherbeize reiten wollten, erlaubte ihnen der Damensattel, sich an solchen Aktivitäten zu beteiligen, ohne gegen Tabus und Normen zu verstoßen.
Der Damensattel ist eine ausgefeilte, durchdachte Konstruktion. Ich weiß natürlich nicht wie es Reiterinnen und Jägerinnen im 18. und 19. Jahrhundert hielten. Wenn Reiterinnen an historischen Events teilnehmen, bei denen Übungen im Damensattel geritten werden, tragen sie in der Regel ganz normale Reithosen, die unter dem Reitkleid getragen werden. Bei Fuchsjagden oder Parforcejagden in der Zeit zwischen 1890-1914 würde ich annehmen, dass die Reiterinnen es genauso machten, weil es eben am einfachsten und praktischsten ist.