Das Wettrüsten, für Frieden oder Krieg?

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Köbis17, 19. September 2008.

  1. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Hallo Zusammen,

    seit dem Beginn der Industrialisierung und dem technologisieren von Waffensystemen, spielt das Wettrüsten eine große Rolle im Gefüge der außenpolitischen wie auch innenpolitischen Handlungen der jeweilgen Rivalen oder ganzer Machtblöcke. Es gibt viele Anschichten, inwieweit das Wettrüsten auch eines darstellt und welche Auswirkungen es hat oder haben kann.
    Dient es den Frieden (Kalter Krieg nach 1945) zu erhalten, oder bringt es letztlich doch den Krieg (Flottenwettrüsten vor 1914)?
    Welche Außwirkungen hat das Wettrüsten auf das innerpolitische Gefüge und wie drückt sich dies dann wieder gegen andere Nationen aus? Das Wettrüsten ist ein Instrument, dass viele Auswirkungen haben kann und hat.
    Ein Thema, wie ich denke, dass viel Spielraum zum diskutieren läßt.
     
  2. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Wettrüsten war immer wieder eine dankbar Art die Wirtschaft anzukurbeln. Es bringt zum einen wieder viele Menschen in Lohn und Brot und reduziert somit die Arbeitslosigkeit. Zum andern kurbelt es die Binnenkonjunktur an, da mehr Menschen Geld für Konsum haben. Gleichzeitig fließen dem Staat mehr Steuern zu, da mehr Arbeitnehmer und mehr Unternehmensgewinne. Von oft genutzt.

    Das Problem ist, dass Rüstungsgüter sich kaum verbrauchen, das heißt man produziert immer mehr auf Halde. Vor allem könnte man diese Kapazitäten volkswirtschaftlich viel sinnvoller einsetzten und den Wohlstand zum Beispiel durch die Produktion von Exportgütern mehren oder auf andere Weise die Binnennachfrage ankurbeln. Letztlich läuft eine Rüstungsspirale fast immer auf einen Krieg hinaus, sollte dieser nicht stattfinden, endet es mit dem wirtschaftlichen Ruin mindestens einer Seite, da viel zu viel Mittel in unproduktive Tätigkeiten fließen.

    Heute abend mehr dazu. Muss noch ein bißchen Literatur wälzen.
     
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  3. Nakharar

    Nakharar Neues Mitglied

    Dazu müsste man sich auch fragen ob der Kalte Krieg ohne Nuklearwaffen nicht doch irgendwann ein heißer geworden wäre. Selbst dem dümmsten Politiker und General war (meist) klar, dass auch bei einem überraschenden Erstschlag die Vergeltung des Gegners auf dem Fuß folgen und so letztendlich beide Blöcke vernichtet würden.
    Hätte diese Mutual Assured Destruction (Gegenseitig versicherte Zerstörung) nicht stets warnend über den Köpfen der Beteiligten geschwebt, ich glaube irgendwann wäre der Dritte Weltkrieg ausgebrochen.
     
  4. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    @Nakharar
    Es gibt ein solches Szenario mehrfach und es ist auch nicht unrealistisch. Falls du einen guten Film in diese Richtung mal sehen willst, dann versuch es mal mit "The day after" und "Der dritte Weltkrieg", vor allem letzterer entwickelt ein konventionelles Szenario aus dem ein Nuklearkrieg wird.

    Ich hatte in meinem ersten Beitrag versprochen, dass ich was zum Thema Rüstungswettlauf nachreiche. Der Rüstungswettlauf ist ein klassisches Beispiel für ein Gefangenendilemma, dazu habe ich einen kurzen Kommentar zu Beginn dieses Threads abgegeben, bei Bedarf gerne mehr: http://www.geschichtsforum.de/f75/schizophrenie-und-genialit-t-23683/#post362810

    Die folgende Passage ist angelehnt an N. Gregory Mankiw (2004): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 3. überarbeitete Auflage. Stuttgart. S. 383 f.

    Ein klassisches Beispiel für ein Wettrüsten ist das während dem kalten Krieg zwischen den USA und der UdSSR. Die Entscheidungen waren zu treffen zwischen Abrüsten und der Herstellung von neuen Waffen. Jedes Land zieht es vor sein Waffenarsenal zu vergrößern, da damit sein weltpolitischer Einfluss steigt. Gleichzeitig strebt man eine Sicherheit vor den Waffen anderer Länder an. Wählt eine Nation die Aufrüstung, so zieht die andere zum eigenen Vorteil mit. Beschließt aber ein Land einseitig abzurüsten, dann empfiehlt sich für das andere automatisch die Aufrüstung, da man auf diese Weise seine Position weiter stärken kann. Klar ist aber auch, dass die beste Lösung für beide Mächte in der Abrüstung besteht. Jeder macht aber den Rüstungswettlauf mit, da es eine dominate Strategie mit suboptimalem Ergebnis ist, da man das Risiko der gegenseitigen Vernichtung erhöht.
    Man versuchte während des Kalten Krieges über Abrüstungsverhandlungen aus diesem Dilemma zu entkommen und so das Problem zu lösen. Ohne Verhandlungen würde sich die Spirale aber immer weiter drehen, da die Aufrüstung für beide die logische Strategie ist.

    Ich möchte diesen Zusammenhang noch mit einem Schaubild verdeutlichen. Das ist allerdings selber gebaut und nicht sehr schön. Die Quelle ist wie oben.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 19. September 2008
  5. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Darum wurde diese Strategie auch als "Strategie der Abschreckung" bezeichnet, vor allem im Westen, während man bei uns in Osten sagte: "Der Friede muß bewaffnet sein."
     
  6. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Ein interessanter Artikel zu diesem Thema ist auch der hier: Nur die „Taubstummen“ wussten Bescheid - Geschichtsforum
     
  7. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Ich glaube, ich war 10, als mir mein Vater erlaubte, extra wegen "The Day After" aufzubleiben. Habe ich mit ihm zusammen geschaut und war dennoch derart aufgerüttelt, dass dieses Erlebnis wohl entscheidend mein Weltbild mitgeprägt hat.

    Gibt es eigentlich Untersuchungen über die fiktionale Bearbeitung des Atomkriegsthemas und deren Auswirkung auf das "kollektive Bewusstsein" der betroffenen Gruppen. Bzw. gibt es überhaupt Untersuchungen, die den Kalten Krieg von einer (kollektiv)psychologischen Warte her betrachten? (So à la Mitscherlichs)?
     
  8. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ich bin etwas zu jung dafür. Mir ging es aber mir "Wenn der Wind weht" so, der hat bei mir eine deutliche Angst vor der atomaren Bedrohung ausgelöst, da war ich auch noch nicht alt als ich den gesehen habe. "The day after" hat übrigens bei vielen diese Reaktion ausgelöst, die auch beabsichtigt war, und das Bewusstsein über die Gefahr nachhaltig geprägt.

    Ich denke da gibt es schon Untersuchungen und ich denke da an zwei maßgebliche Seiten: zum einen das Militär selbst und zum anderen die Gesellschaften und Insitute für Friedensforschung. Wenn ich heute mal Zeit habe, dann schau ich bei letzteren mal nach, für erstere müßte man wohl Kontakt zu hochrangigen Militärs haben.

    Mir ist übrigens noch ein Zitat aus der Friedensliteratur der 80er eingefallen, da wurde behauptet (nagelt mich bei den Zahlen nicht 100%ig fest, ich zitiere aus dem Kopf), dass von 1768 bekannten Fällen das Wettrüsten 1760 mal zum Krieg und in 8 Fällen zum wirtschaftlichen Ruin der Beteiligten geführt hat. Mir fällt leider das Buch nicht mehr ein, könnte "Geschichten gegen den Krieg sein". Hat das jemand zur Hand?
     
  9. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Der Modernisierungswettbewerb unter den Streitkräften wurde zu einem dauerhaften Merkmal internationaler Politik.

    Als Grundlegende Kriterien sind die politische Zielsetzung und die potentiellen Konsequenzen. Sie identifizieren den Rüstungswettlauf als eine Form von Rivalität zwischen dem Modernisierungswettbewerb auf der einen Seite und der massiven Aufrüstung in Vorbereitung auf die Kriegseröffnung auf der anderen Seite.
    Die politischen Beweggründe führen zu der Konzentration zwischenstaatlicher Spannungen auf dem Gebiet der Rüstungsrivalität.
    Die möglichen Folgen des Wettrüstens hängen jedoch in einem weit größeren Ausmaß von der spezifischen historischen Konstellation ab: kulturellen, technologischen und politischen.

    Die gesteigerte Bedeutung der Kriegsvorbereitung zu Friedenszeiten hatte zur Folge, daß sich durch die im Wettbewerb vorgenommene Steigerung militärischer Stärke die klare Trennlinie zwischen Frieden und Krieg verwischte.

    Schon 1893 wurde der Begriff vom "kalten Krieg" durch Eduard Bernstein verwendet, der das endlose Rüsten als eine Form der Kriegführung ansah.

    Können Rüstungswettläufe in sehr unterschiedliche historische Umgebungen übertragen werden, sprich, verläuft die Spirale des Wettrüstens allgemein gleich?
     
  10. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ausgehend von dem von mir schon aufgezeigten Gefangenendilemma für den Fall eines Rüstungswettlaufs ist davon auszugehen. Nash hatte es ja als Gesetzmäßigkeit erkannt, dass eine Tendenz zu einem suboptimalen Gleichgewicht besteht, das ist vorhanden, wenn beide Parteien aufrüsten. Somit sollte jede Rüstungsspirale im Grunde immer gleich verlaufen, da sich ja beide Beteiligten der dominaten Strategie (aufrüsten) zuwenden und ohne Verhandlungen oder andere externe Einflüsse aus dem Dilemma nicht entkommen können.

    Aber auch hier spielt mit Sicherheit die Ausgangsposition und die von die angesprochenen Umweltfaktoren eine Rolle.

    Prinzipiell denke ich aber, dass der Entwicklungsstand keine Rolle spielt, da es egal ist, ob ich Atomraketen, Pfeil, Panzer oder Streitwagen baue und entwickle. Das ganze ist eher ein Problem der Arbeitsteilung und des Wohlstandes. Die Arbeitsteilung muss ausreichend sein um Arbeitskräfte von der Herstellung lebenswichtiger Güter zum Zwecke der Rüstungsproduktion abzuziehen. Der Wohlstand einer Gesellschaft gibt die Begrenzung der Ressourcen an, die in die Produktion von Rüstungsgütern gesteckt werden können, daraus folgt ab irgendeinem Punkt dann evtl. die Notwendigkeit einen Krieg zu führen um die fehlenden Ressourcen zu erbeuten oder aber in den wirtschaftlichen Ruin abzurutschen mit der Folge der Überschuldung oder des Staatsbankrotts.
     
  11. elysian

    elysian Neues Mitglied

    In dieser Frage halte ich mich an das antike Zitat:
    Wer den Frieden liebt, rüste zum Krieg!
     
  12. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Bleibt die Frage offen, inwieweit Vegetius dabei recht hatte. Die Geschichte zeigt leider oft ein anderes Bild.

    Auch wenn ich nerve, auch Vegetius denkt in einer dominaten Strategie, da es auf den ersten Blick logisch ist zu rüsten. Solange das nicht zu einer Rüstungsspirale gerät ist es auch relativ unproblematisch. Zumal man Kriege in der Antike mE als nicht allzu tragisch angesehen hat.
     
  13. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Kann man das Wettrüsten nach der industriellen Revolution überhaupt mit dem Rüsten von Armeen davor vergleichen?

    Ist das Wettrüsten als z.B. außenpolitischer Faktor nicht ein Phänomen der Industriealisierung?
     
  14. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    So ich kann diesen Teilbeitrag heute endlich präzisieren. Das Zitat (wörtlich): "Von 650 vor Christus bis heute zählten die Historiker 1656 Versuche, durch Wettrüsten den Frieden zu bewahren. Dieses führte 1640mal zum Krieg. In den anderen Fällen zum wirtschaftlichen Ruin der Beteiligten."
    Quelle: Frevert, Hans; Christadler, Maieluise (1979): Masken des Krieges. Ein Lesebuch. 2. Auflage. Baden-Baden. S. 128
     
  15. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Eine sehr interessante Frage. Ich denke, dass das Wettrüsten nach der industriellen Revolution ein neues Niveau erreicht hat. Man konnte viel mehr und bessere Waffen in immer kürzerer Zeit produzieren. Damit ist nicht mehr die Fertigung der Waffen der Engpass, sondern die Finanzierung dieser Rüstungsanstrengungen. Dazu kann man sich die "pfiffigen" Finanzierungsideen der beiden Weltkriege bzw. in deren Vorfeld anschauen , wie z.B. die Sektsteuer, die Kriegsgewinnsteuer, der Mefo-Wechel, Kriegsanleihen und viele mehr. Allerdings führt dieser enorme finanzielle Aufwand im Endeffekt auch zum Ruin zumindest eines Teils der Beteiligten.

    Wettrüsten in der Antike hatte imho hauptsächliche die Kapazität der Handwerker und Spezialisten als Enpasssituation. Diese konnten mit ihren Mitteln eben nur einen bestimmte Menge in einer bestimmten Zeit fertigen. Man konnte zwar die Anzahl der Arbeiter erhöhen, lief damit aber Gefahr, wertvolle Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft (also der Nahrungsgewinnung) oder anderen wichtigen Bereiche abzuziehen. Somit "gewinnt" hier der Teilnehmer mit den größten personellen Ressourcen (was aber im Endeffekt auch wieder eine Frage des Wohlstandes ist, da nur sehr reiche Volkswirtschaften eine große Anzahl von Arbeitskräften zur Rüstungsproduktion abstellen kann).
     
  16. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Gibt es eigendlich einen Zusammenhang zwischen dem Wettrüsten und der Rezession einer der Rüstungsparteien, um die Konjunktur anzukurbeln?
    Also kann der erhöhte produktive Anteil der Wirtschaft durch erhöhte Rüstung die wirtschaftliche Lage eines Landes aus eine finanziellen schlechten Lage befreien?

    Wie wirkte sich gerade das Wettrüsten im 19. -20. Jahrhundert auf die Wirtschaft aus?
     
  17. Cromwell

    Cromwell Neues Mitglied

    Mein Empfinden sagt mir folgendes:

    Durch eine massive staatliche Förderung der arbeitsintensiven Rüstungsindustrie wird die Arbeitslosigkeit gesenkt, die Steuereinnahmen steigen und das Volkseinkommen steigt. Voraussetzung ist dafür jedoch, dass auch ein entsprechender Absatzmarkt für Waffen, Technik und Maschinen(teile) vorhanden ist. Die Herstellung solcher Güter ist lukrativ (man denke allein an die neusten Panzerlieferungen Deutschlands).

    Die Rüstungspolitik Hitlers hat jedenfalls zu einer massiven Erhöhung der Staatsverschuldung geführt, da der Regierung die Ressourcen durch haushaltslastige finanzielle Anreize in die Rüstungswirtschaft umzulenken versuchte (Täuschung durch Mefo-Wechsel).

    Es kann also eine Volkswirtschaft kurzfristig aus der Rezession führen, strategisch allerdings muss Krieg geführt werden, um die Kosten wieder auszugleichen (Plan Hitlers), da erst dann die Kriegsproduktion gewinnbringend ab- und eingesetzt werden kann (und durch Beute- und Raubzüge finanzielle Lasten wieder eingebracht werden können).

    Ich hoffe ich konnte ein par Anreize liefern :) !
     
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