Der Rassebegriff biologisch und politisch

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von elysian, 4. Juni 2008.

  1. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    In meinen Augen ein hochproblematischer Gedanke, jedenfalls wenn dieser Imperativ sich auf staatliche Stellen bezieht. Private können machen, was sie wollen, aber der Staat sollte den Menschen nicht vorschreiben, wie sie sich ausdrücken.

    Denn es ist das eine, Rede (im Sinne von Redefreiheit) einzuschränken, aber etwas völlig anderes, Rede vorzuschreiben.

    Außerdem lehrt die Erfahrung, dass diejenigen Kreise, auf die Sie einwirken wollen, die ihnen verordnete Sprache hintersinnig verwenden, sodass die ganze Wirkung verpufft.

    So gebrauchen Gegner der merkel’schen Flüchtlingspolitik die von Politik und Medien lancierten positiven Begriffe durchweg mit negativer Konnotation. Wenn etwa die AfD von "Vielfalt" spricht, meint sie "Chaos". Wenn sie von "kultureller Bereicherung" spricht, meint sie "Kriminalität" und "Terrorismus".

    In Anbetracht dessen wäre es mir persönlich lieber, man machte diese Büchse der Pandora wieder zu.
     
  2. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Der deutsche Kolonial-Jargon kannte den Begriff der "Verkafferung", auch als "Vernegerung" oder "Entartung".
    Die Idee dahinter ist, dass ein deutschblütiger, weißer Mensch durch den Umgang mit Mensch niederer Rassen entartet, er verliert seine hohe Kulturstufe und gleich sich den "Wilden" an.
    So funktionierte Rassismus, ganz ohne Abstammung. Die Rasse färbt ab wie Schmutz und aus dem reinen und unvermischten Herrenmensch wird ein entarteter Primitivling.
    Dieses scheinbare Problem wurde in allen europäische Kolonien. Die Lösung dieses Problems war die Rassentrennung.

    Ein weiteres Problem, dass so gelöst wurde war die Telegonie bzw. Fremdzeugung.
    Lord Molton hatte mit seiner Stute scheinbar nachgewiesen, dass ein reinblütiges Weibchen, dass einmal rassefremd beschmutzt wurde, nie mehr dazu in der Lage war reinblütigen Nachwuchs zu bekommen. Oberstes Ziel der Rassentrennung war es daher die weißen Frauen vor Kontakten mit niederen Rassen zu bewahren.
    Ncht experimentell nachgewiesen war Vorstellung, dass Frauen schon dadurch beschmutzt werden können, dass während der Schwangerschaft niederrassige Männer nur ansahen oder auch nur an sich dachten. Aus diesen Gründen sollten sich schwangere Frau laut Lavater niemals eine Freakshow ansehen oder sonst wie erschreckt werden, weil dies zu Missgeburten führt. Das ungeborene Kind nimmt natürlich die Missgestalt der Schreckfigur an, obwohl Mutter und Vater doch rein und unvermischter Abstammung waren.
    Die Rassentrennung war natürlich auch hierfür die Lösung. Missgeburten wurden angeblich verhindert, wenn weiße Frauen keine Neger sahen

    Schwieriger wird es bei Spielarten der Klimatheorie. Hier gingen europäische Stubengelehrte davon aus, dass der Nachwuchs reinblütiger europäischer, die unter amerikanischer oder afrikanischer Sonne aufwachsen degeneriert seien. Nicht umsonst hielten die Spanier, jene, die in Europa geboren waren für die höchsten Casta.

    Das hat jetzt alles nichts mit Abstammung zu un, aber sehr viel mit dem Rassismus historischer Epochen.
    Im Postrassismus wird ganz penibel das biologisch-genetische und das kulturelle Unterschiede. Diese Unterscheidung gab es aber in früheren Epochen gar nicht. Die Ursprünge des Rasse-Begriffs liegen im Spanien der Reconquista und der Abgrenzung von Christen und Heiden und von Adel und Volk. Mit Biologie, Naturwissenschaft, Medizin u.a. hatte das alles noch gar nichts zu tun. Wer Rasse als rein biologistische Kategorie auffast, ignoriert die Geschichte des Rassismus. Der Postrassist sagt, Rasse interessiere ihn nicht, es ginge um Kulturen u.a. Natürlich wertet der Postrassist auch diese anderen Kulturen ab, aber redet nicht von Rassen, weil der Rasse-Begriff in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tabusiert wurde, sodass der postmoderne Rassist dieses Versteckpiel "Ich bin ja kein Rassist, aber ..." spielen muss, weil der antirassistische Diskurs so mächig geworden ist, dass sich selbst die Rassisten ihm anschließen mussten.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Braucht es dafür autoritäre Regime? Rassenhass gibt es auch in Gesellschaften, die nicht-autoritär sind und in denen die Regierung sich nicht schert, welche Hautfarbe ihr Bürger haben, also den Rassismus nicht (bewusst) fördert.
     
  4. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Alle Eulen sind Vögel, aber nicht alle Vögel sind Eulen.
     
  5. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Auch auf diesen Absatz ließe sich anwenden: Alle Eulen sind Vögel, aber nicht alle Vögel sind Eulen. Mit Kulturen kann man sich kritisch auseinandersetzen, muss es vielleicht sogar, mit unveränderlichen biologischen Merkmalen jedoch nicht, die evident keinerlei Aussagekraft besitzen – erst recht nicht über die Wertigkeit des Individuums, darin sich diese Merkmale zufällig vereinigen.

    Außerdem steckt die Theorie des postrassischen Rassismus voller teils schwerwiegender Widersprüche, die ein grelles Schlaglicht werfen auf die Verstrickung ihrer Vordenker in tagespolitische Auseinandersetzungen gerade in den USA und in Großbritannien, was in meinen Augen dazu anhalten sollte, sich ihr mit gehöriger Distanz zu nähern.

    Der bereits erwähnte Dyson schreibt etwa, dass Rassismus sich nicht durch die Diskriminierung, sondern durch ein Machtungleichgewicht auszeichne und demnach Minderheiten niemals rassistisch gegen Mehrheiten handeln könnten. Dieses Machtungleichgewicht definiere sich freilich intersektionalistisch, mithin durch die Zugehörigkeit zu einer demographischen Gruppe, nicht individuell.

    Wenn also – Dyson nahm dabei Bezug auf einen Vorfall in New York 2016 – vier Afroamerikaner einen (nach amerikanischem Sprachgebrauch) "Kaukasier" töteten, den sie sich seiner Hautfarbe wegen als Opfer erwählt hatten, wäre dies kein rassistischer Mord, da schließlich in den USA die "Kaukasier" herrschten.

    Ähnlich widersprüchlich gehen die Rassismusforscher vor, wenn sie beispielsweise von einem immanenten "subconscious bias" bei Weißen sprechen.

    Die Entstehungsgeschichte dieses Begriffs, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat, ist übrigens überaus lesenswert und lehrreich; er zeigt, wie leicht sich gerade die Humanwissenschaften politisch vereinnahmen lassen.

    Freilich betätigen sich die Autoren entgegen ihrer Verurteilung des Kulturalismus durchaus auch selber kulturalistisch, indem sie etwa den Kulturen des "Westens" einen Hang zum Kolonialismus und zur Zerstörung der Umwelt als Alleinstellungsmerkmal zuschreiben – als fänden sich nicht in allen Zeitaltern der Weltgeschichte und allen Weltregionen Kolonialreiche sowie Hinweise auf Ressourcenverschwendung.

    Schließlich und zuletzt gehen manche Vertreter dieser Zunft so weit, zu behaupten, dass selbst Grundsätze wie Empirie und Logik – ohne die jede Wissenschaft undenkbar wäre – nur dazu dienten, die Deutungshoheit der "Weißen" über den wissenschaftlichen Diskurs zu erhalten, und daher abzulehnen seien.

    Ich persönlich glaube nicht an die Hypothese, dass der Distelstrauch keine Erdbeeren hervorbringen könne, aber bei derart vielen Disteln, scheint mir, ist die Menschheit besser bedient, wenn sie sich auf ihren gesunden Menschenverstand besinnt.

    In meinen Augen beginnt der Pfad in eine bessere Welt nicht an den Lehrstühlen für Rassismusforschung, sondern in jedem Elternhaus, das seinen Kindern eintrichtert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

    Ein Nachsatz:
    Ich sehe hier meine vormals geäußerte Befürchtung bestätigt, dass man im Wege der Sprache keine Verhaltensänderungen erreichen kann, denn Rassisten gibt es nach wie vor.

    Und ich gehe sogar noch weiter: Sollte jemals ein Wissenschaftler den Mut aufbringen, die Frage zu untersuchen, ob eine Welt ohne jedweden Rassismus überhaupt möglich ist – und zwar: untersuchen sine ira et studio –, könnten die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen wertvoller sein als jeder Beitrag, den alle Dysons hervorzubringen imstande sind.

    Denn ob nun der Kampf gegen den Rassismus, gegen Ungleichheit oder auch gegen den Klimawandel – meiner Auffassung nach steht sich der moderne Mensch mit seinem Idealismus stets selbst im Wege, weil sein Streben nach der Utopie Probleme, Widerstände und Reibungsverluste erzeugt, die ihn immer wieder zurückwerfen.

    Und warum ist utopistisches Streben heute wieder so verbreitet? Weil Realismus als reaktionär gilt. Doch gehen wir lieber in Trippelschritten in die richtige Richtung, als voranzustürmen und, salopp gesagt, alle fünf Meter tüchtig auf die Schnauze zu fallen.
     
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  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Die Kritik geht mir an der Stelle etwas in die falsche Richtung.
    Der Ansatz ist, so wie hier präsentiert, sicherlich fragwürdig, was aber mMn nicht am Ansatz des Machtungleichgewichts liegt, sondern aus der Herleitung aus der Zugehörigkeit der demographischen Gruppe, in diesem Fall, so wie dem Außenvorlassen, lokaler, situativer Gegebenheiten und der Überlagerung von Herrschaftsräumen und Ebenen.

    Auch wenn ich das Postulat für fragwürdig halte, mag ja sein, dass "die Kaukasier" in den USA herrschen. Herrschen sie aber auch in dem Viertel oder in der Straße, in der sich die Tat ereignet, oder reicht ihre Macht so weit dann doch wieder nicht und wird dieser Raum vielleicht von ganz anderen Gruppen beherrscht?
    etc.

    Ich denke über den Ansatz Machtungleichgewicht ließe sich diskutieren, die Zuschreibung zu konstruierten Gruppen und das ignorieren der konkreten Situation vor Ort, halte ich für problematischer.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wäre es möglich, konkreter zu diskutieren. Wer und wo publiziert?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Diese Aussage vermischt völlig unterschiedliche Aspekte.

    1. Über ein Agenda-Setting bzw. Framing kann man Themen über die veröffentlichte bzw. dann auch öffentliche Meinung - als sozialer Diskurs - beeinflussen.

    Historisch konnte man das durch die "Ächtung" einer nationalsozialistischen - im speziellen antisemitischen - Ideologie nach 1945 in der Bundesrepublik sehen. Dieser Mechanismus der "Schweigespirale" wurde durch Noelle-Neumann empirisch gut belegt.

    Das hat die rechtsextreme Neue Recht verstanden und hat auf vielfältige Wege die "sprachliche Anknüpfung" an die Werte der "Mitte" versucht herzustellen (vgl. die entsprechende "Grundlagenarbeit" von Mohler). Die sich auf vielfältige Weise "bedankte", indem sie die Grenzen dessen, was man "sagen" kann ohne sich als Rechtsextremer zu positionieren, noch rechtsaußen verschoben hat.

    Und somit über die semantische Modifizierung der Sprache den tolerablen Bereich von gesellschaftlichen Werten verschoben hat. Bis hin zur Zitierung von Reden von Akteuren des NS-Systems.

    2. Sprache alleine verändert keine Werte- oder Einstellungsdimensionen, die man im Verlauf der allgemeinen oder politischen Sozialisation erworben hat. Die Anpassung des Wertesystems ist ein komplexer und bis jetzt noch nicht steuerbarer sozialtechnologischer Prozess. "Den "Neuen Menschen" kann man nicht herstellen, obwohl vor allem autoritäre Regime an diesem Projekt sich versucht haben.

    Dennoch ist ein Individuum im Sinne der kognitiven Dissonanz gezwungen, sprachlich transportierte konträre ideologische Aussagen zu bewerten und mit der eigenen Überzeugung abzugleichen. Und für das Ergebnis dieses Prozesses ist es wichtig, in welchem sozialen Milieu man sich bewegt und wie entsprechende "Meinungsführer" agieren.

    Das kann zu einer Einstellungsveränderung über die Zeit bei einer Person oder bei einer Gruppe führen. Sofern es nicht in einer Alterskohorte - Generationslagerung - wirksam wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die folgende Generation in ihrem Wertesystem verändert.

    3. Unabhängig davon wird über Sprache die zentralen Werte einer Gesellschaft transportiert. Und der Grad der Elaboration von Sprache in Bezug auf bestimmte Sachverhalte schafft die Voraussetzung für ein differenziertes Kommunizieren. In diesem Sinne war eine "elaborierte Fachsprache" in der SS vorhanden, um Sachverhalte zu beschreiben und sie einer administrativen Lösung - dem KZ - zuzuführen.

    Deswegen ist es nicht egal, über welche Themen eine Gesellschaft ihren Diskurs eröffnet und mit welchem Repertoir an Konstrukten argumentiert wird.

    Vor diesem Hintergrund wird betont, dass der umfassende Zugang zu Informationen und zur herrschaftsfreien Diskussion - als grundsätzlicher, nicht veränderbarer Mechanismus der Meinungsbildung - notwendig ist, um rationale begründbare Alternativen zu diskutieren und zu entscheiden. Und es wird schwer sein, in diesem Diskurs irrationale oder hegemoniale Ziele durchzusetzen, also auch rassistische Strategien.
     
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