Die Goldenen Zwanziger-Meinungsstudie

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Abitur, 3. Mai 2010.

  1. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Gut dann andersrum, was bringt es dir Experten zu befragen, denen du vier Antwortmöglichkeiten vorgibst, die sie dann aber frei begründen sollen. Auch nix und das ist ebenfalls Fakt. Wenn du eine repräsentative Umfrage machen willst oder ein Stimmungsbild haben möchtest, darfst du die Befragtengruppe nicht derart einschränken. Willst du hingegen Expertenmeinungen in Form einer Expertenbefragung darfst du keine Antwortmöglichkeiten vorgeben. Alles andere ist nämlich schlicht und ergreifend formaler Murks und bringt dir gar nix. Mit deinen Antwortmöglichkeiten lenkst du die Antworten und damit auch die Begründungen automatisch in eine vorgegebene Richtung, wirklich differenzierte Meinungsbilder erhältst du so nicht. Aber mittlerweile liegt das Kind ja schon im Brunnen...
     
  2. valevale

    valevale Neues Mitglied

    Waren die Zwanziger wirklich "golden"?

    Hallo! Es gibt ja viele Gründe, wieso man sagen kann, dass die Zwanziger golden waren oder nicht. Aber wenn ihr die oben stehende Frage mit Ja oder Nein beantworten müsst, was würdet ihr sagen?
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Sie waren sicherlich eine interessante Zeit. Geprägt durch einen sozialen Aufbruch und durch das Implodieren einer verkrusteten Gesellschaftsstruktur.

    Positiv:
    - Demokratisierung der politischen Kultur
    - Kultureller Wandel mit einer großen Bandbreite unterschiedlicher Richtungen
    - Sozialer Wandel und erhöhte individuelle Freiheit mit einer Vielzahl neuer Lebensmodelle
    - wirtschaftlicher Wandel und die Verbesserung der Lebenssituation der "Masse" der Bevölkerung durch die Gewerkschaften und eine sozialstaatliche Gesellschaftsordnung

    Negativ:
    - reaktionäre Kräfte von Rechts, die im Rahmen eines übersteigerten Nationalismus die Intolleranz im eigenen Land predigten und auch im Rahmen von politischen Gewalttaten umsetzten führten zu einer Radikalisierung des politischen Systems
    - radikale Kräfte von Links verstärkten durch ihre Form der Politikunfähigkeit im Rahmen demokratischer Strukturen zu agieren zu einer weiteren Verschärfung der politischen Probleme

    Eine gute Darstellung der Mentalitätsgeschichte findet man beispielsweise bei Mai:

    Europa 1918-1939: Mentalitäten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen - Gunther Mai - Google Books
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wann kam der Begriff eigentlich auf?

    Wenn das deutlich nach den 1920ern gewesen ist, dürften doch in der Wahrnehmung "golden" auch die nachfolgende Weltwirtschaftskrise und der Übergang in die späten 1930ern mit Beginn es Zweiten Weltkrieges eine Rolle gespielt haben.

    Ist in dem Begriff damit auch ein Vergleich enthalten?
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ja, vermutlich war es schon eine gewisse Form der romantischen Verklärung, die sicherlich erst deutlich nach den zwanziger Jahren eine breitere Akzeptanz gefunden hat. Aber hatte nichts eindeutiges gefunden.

    Aber weil es eine Interimsphase zwischen dem autokratischen Kaiserreich und dem nationalsozialistischen Deutschland war, stechen die positiven Merkmale um so deutlicher hervor.

    Und aus diesem Grund war es auch gerechtfertigt, dieser Periode der Weimarer Republik eine höhere Lebensqualität, insgesamt, zuzusprechen im Vergleich zu den beiden anderen Perioden.

    Insofern sind vermutlich das zweite und das dritte Reich der Benchmark, um die "Goldenen Zwanziger" symbolisch überhöht in der post WW2-Periode erst richtig erstehen zu lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2012
  7. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich würde behaupten ja, wenn man den Begriff auf das Kulturelle bezieht. Schaut nur, was in diesen Jahren an Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei oder Architektur entstanden ist.
     
  8. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    allerdings waren die Goldenen Zwanziger kein speziell deutsches, sondern ein großstädtisches Phänomen (vornehmlich kulturell) - interessant hierzu Roaring Twenties - Wikipedia, the free encyclopedia
    es wird sich nicht nur um spätere Verklärung gehandelt haben.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Begriff "Goldene Zwanziger" rührt von den künstlerischen, wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungen her, die unbestreitbar ein hohes Niveau erreichten. Die große Masse der Bevölkerung erlebte allerdings keineswegs "Goldene Jahre", denn sie war durch die Inflation verarmt, von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs gezeichnet, liitt immer wieder unter Arbeitslosigkeit sowie mangelnder staatlicher Fürsorge und musste sich mit antidemokratischer Aigitation und Gewalttätigkeit auseinandersetzen.

    Der Begriff "Goldene Zwanziger" ist also ein Mythos, mit dem sich die Vorstellung von Friede, Glück und allgemeiner Sorglosigkeit verbindet. Das ist allerdings eine mythische Verklärung, die sehr differenziert zu betrachten ist.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dass in der Folge des WW1 und der wirtschaftlichen Lasten der Reparationszahlungen die Bevölkerung keine rosige Zeit erlebt hat, wird niemand ernsthaft bestreiten.

    Dennoch ist es auch richtig, dass im Rahmen der Weimarer Republik sehr viele Ansätz zum Aufbau eines Sozialstaates vorhanden war, die später in der Bundesrepublik übernommen worden sind.

    Der folgende Artikel beschreibt die Ansätze in Richtung Sozialstaat.

    Unterrichtsmaterial Sozialpolitik - Schutz, Gerechtigkeit, Sicherheit - Weimarer Republik

    Vor diesem Hintergrund heben sich die Ansätze zur Verbesserung der Lebenssituation der "breiten Massen" im Vergleich zu dem Vorläufer und dem Nachfolger deutlich ab.

    Zusätzlich wird nicht ausreichend gewürdigt, dass die WR demokratisch verfasst war und die Pressefreiheit kannte und gewährleistete.

    Aspekte, die gerne übersehen werden bei der gesamten Bewertung der 20er Jahre.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2012
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Im Gegenteil - gerade die von dir genannten Aspekte werden heutzutage gebetsmühlenartig aufgezählt, sind Bestandteil aller Lehrpläne der Bundesländer und sicher beachtenswert: erste deutsche Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, neue soziale Errungenschaften usw.

    Davon, dass die Weimarer Republik eionen schlechten Ruf hat, kann inzwischen keine Rede mehr sein. Eher ist das Gegenteil der Fall und über allem kulturellen und demokratischen Glanz besonders der 20er Jahre wird die Lage der breiten Bevölkerungsschichten vergessen - und die war eben nicht "golden".

    Auf eine negative Beurteilung der Weimarer Republik in fernerer Vergangenheit folgte eine heute nahezu euphorische Verklärung und ich denke es ist an der Zeit, die realistische Mitte wiederzugewinnen.
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2012
  13. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Für wen waren die 20er "golden"? Kunst, Kultur, Nachtleben, sind die Dinge, die mirzuerst einfallen würden, plakativ gesagt.

    Wie von Dieter gesagt betraf das aber mitnichten die gesamte, oder auch nur die Mehrheit der Menschen. Für breite Schichten der Gesellsschaft war es eine Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit. Mit der Hyperinflation 1923/24 erreichten dieser Zustand einen Höhepunkt, und trotz wirtschaftlichem Aufschwung in der zweiten Hälfte der 20er (bis zum Zusammenbruch 1929) blieb es eine Zeit, in der Menschen/Familien leicht in bitterste Armut und Not abstürzen konnten, bzw viele ständig so lebten. Auf der anderen Seite gab es offensichtlich aber auch Menschen, die über genug Geld verfügten, um eine blühende Kultur- und Unterhaltungsindustrie zu beschäftigen.

    ME könnte es hier durchaus einen psychologischen Zusammenhang geben. Bspw das steigende Verlangen nach Weltflucht bzw Ablenkung, zumindest bei denen, die es sich leisten konnten; oder die Versuchung, Geld, über das man verfügt, lieber jetzt auf den Kopf zu hauen, anstatt es in unsicheren Anlagen zu "verschwenden"; oder dass durch die hohe Arbeits- und wieder Perspektivlosigkeit besonders viele Menschen bereitstanden, um eben dieser Kultur- und Unterhaltungsindustrie als billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen. Gerade dieses Aushängeschild der "Goldenen 20er" war mWn nur auf der Außenseite und für wenige erfolgreiche Stars "golden", für die Mehrzahl der Künstler wars eher trist.

    Mythos umschreibt es ganz gut; es hatte mit der Wirklichkeit nur sehr eingeschränkt zu tun. Ich assoziere damit allerdings eher den "Tanz auf dem Vulkan", und sei es, weil wir ja wissen, wie die 20er zuende gingen. ;) :winke:
     
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  14. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Man muss es auch im Kontext sehen. das Jahrzehnt davor wurde vom ersten Weltkrieg dominiert, in den dreissigern kam die Nationalsozialistische Diktatur und die Vorbereitung zum 2 WK.

    Mein Großvater, Jahrgang 1903, erinnerte sich gerne an die Zwanziger und das "lockere" und freie Leben in Berlin damals, obwohl er von den wirtschaftlichen Problemen nichts beschönigte.

    In der spanischen Geschichte wird z.B. auch vom "goldenen Jahrhundert" gesprochen und gemeint ist das 17. als eigentlich die Macht Spaniens schon rasant am Fallen war, das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise steckte, jedoch die großartigsten literarischen und künstlerischen Erzeugnisse hervorbrachte.

    Das "goldene Zeitalter" der Niederlande ist dagegen eine Periode des wirtschaftlichen Erfolges und der sozialen Festigung nach der Befreiung. Kunst und Kultur haben aber auch eine hervorragende Stellung.

    Das Elisabethanische "golden Age" in England ist dagegen keine Periode des Wohlstands, aber des Aufbruchs und der kulturellen Entfaltung.
     
  15. Anicca

    Anicca Mitglied

    Es handelte sich bei den goldenen 20ern - wenn überhaupt - um ein Jahrfünft (1924 - 29). Ansonsten wurde das Essentiellste schon gesagt.
     
  16. napoleonsguurl

    napoleonsguurl Neues Mitglied

    Hilfe wir müssen ein Referat über die Schattenseiten der goldenen 20er halten und haben keine Ahnung worüber wir reden sollen und brauchen hilfe von Leuten die sich damit auskennen denn wenn man z.b. nach Drogenkonsum in den goldenen 20er googled dann findet man nichts dazu. Bitte helft uns worüber wir dieses Referat halten sollen.:(
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Arbeitslosigkeit, gallopierende Inflation, Erstarkung der radikalen, demokratiefeindlichen Parteien von rechts und links, das sind die wichtigsten Schattenseiten der Goldenen Zwanziger. Der Drogenkonsum ist in erster Linie ein Avantgarde- und kein Breitenproblem. In den frühen 1920ern erleben noch die letzten Zuckungen der "grünen Fee" (Absinth/Thujon [mittlerweile in geringeren Konzentationen wieder erlaubt]) und einige Gelehrte experimentierten mit Drogen, etwa Walter Benjamin mit Haschisch. Wobei man auch sagen muss, dass das Haschisch der 1920er Jahre (und auch das der 1960er - 80er Jahre) in der Wirkung schwächer war, als das auf THC-Gehalt hochgezüchtete Zeug von heute.
     
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  18. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Guckt mal auch unter »Great Depression«, um deren Ursachen zu erfahren. Die Krise hatte auch Auswirkungen auf Deutschland.
     
  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein paar Gedanken zu den 20ern, die für die Amis die „Tollen“ (roaring twenties) waren, für die Franzosen die „Verrückten“ (Années folles) und im deutschen Sprachgebrauch die „Goldenen“.
    Man hat gerade kurz vorher eine Generation verbrannt.
    Und riesige Reiche sind zerfallen in neue, fast durchgehend instabile Nationen. Das geht von Afrika bis zum Polarkreis.
    Die Welt gärt nach der „Ur-Katastrophe“ des Ersten Weltkriegs und tanzt „auf dem Vulkan“.
    Und eine (europäische) Nation nach der anderen fällt den Autokraten anheim, während die verbliebenen Glutnester des großen Krieges weiterhin schwelen.

    Ich denke nicht, dass es eine erhebliche Wahrnehmung eines Drogenproblems gab, außer natürlich Alkohol in den fernen USA.
    'Speed' konnte einfach erworben werden und Heroin wurde erst 1931 aus dem Handel genommen.
    Aber wer kann sich das damals leisten?
     
  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    El Quichote deutete schon an, dass die 1920er Jahre von einer starken Inflation und Arbeitslosigkeit überschattet waren, ebenso von einer Stärkung von extremen Parteien auf dem rechten und linken Rand.

    Doch zum Thema Drogen! Die meisten illegalen Substanzen, die heute auf dem Markt eine Rolle spielen, waren in den 1920er Jahren noch legal. Erst 1929 wurde das Reichsopiumgesetz erlassen. Die Pharmadrogen Heroin und Kokain sollten endlich auch in ihrem Herkunftsland kontrolliert werden. Während des Krieges war es zu einem relativ starken Anstieg des Alkohol-, Opiat- und Kokainmissbrauchs gekommen. Es gab weder Rezeptpflicht noch Betäubungsmittelrezeptpflicht. Bereits um die Jahrhundertwende kamen eine Fülle von Präparaten auf den Markt, die Morphin oder Kokain enthielten. Erst nach dem Weltkrieg wurden Hersteller dazu verpflichtet, die Inhaltsstoffe und den Wirkstoffgehalt anzugeben. Die Belastungen des Krieges und die Verwerfungen, die der Krieg mit sich brachte, trugen dazu bei, dass viele Menschen mit Rauschdrogen experimentierten. Es gab einen Schlager mit dem Titel "Mama, der Mann mit dem Koks ist da." Der Dramatiker Carl Zuckmayr betätigte sich eine Zeit als Verteiler. Zu einem regelrechten Massenphänomen entwickelte sich Kokainismus interessanterweise in Russland nach der Revolution und im Bürgerkrieg.
     
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