Die Hyksos, Joseph und die "Kinder Israels"

Ergänzend zu Assmann:

Das wirkt, zumindest ohne weiteren Zusammenhang, bezogen auf den Alten Orient doch arg anachronistisch, um nicht zu sagen möglicherweise nicht primär wissenschaftlich motiviert. Führt Assmann dieses Thema weiter aus? Drückt er sich an anderen Stellen ähnlich aus?

Es sind im Wesentlichen zwei (weitere) Stellen, in denen es um »Kolonialismus« geht.

Zum einen bezieht sich Assmann (S. 67) auf die lange ägyptische Oberherrschaft über Kanaan. Hypothese: »Der Exodus-Mythos könnte seine entscheidenden Motive aus einer anti-kolonialistischen, ›nativistischen‹ Widerstandsbewegung gegen die Kolonialmacht bezogen und dann umso mehr an Durchsetzungskraft gewonnen haben, als sich die kolonialistische Unterdrückung ab Mitte des 8. Jahrhunderts unter den Assyrern und später den Babyloniern wiederholte, bis hin zu den Persern, Seleukiden und Römern.«

Zum anderen zitiert Assmann (S. 276) diese längere Bibel-Passage:
Denn mein Engel wird vor dir hergehen und wird dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern,​
Kanaanitern, Hewitern und Jebusitern; und ich werde sie austilgen.​
Du sollst dich vor ihren Göttern nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen,​
und du sollst nicht nach ihren Taten tun,​
sondern du sollst sie ganz und gar niederreißen und ihre Gedenksteine völlig zertrümmern. […]​
Und ich werde deine Grenze festsetzen:​
vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister​
und von der Wüste bis an den Strom,​
denn ich werde die Bewohner des Landes in deine Hand geben, so dass du sie vor dir vertreiben wirst.​
Du sollst mit ihnen und mit ihren Göttern keinen Bund schließen.​
Sie sollen nicht in deinem Land wohnen bleiben,​
damit sie dich nicht zur Sünde gegen mich verführen;​
denn [dann] würdest du ihren Göttern dienen, und es würde dir zu einer Falle sein. (Exodus 20, 23 f., 31–33)​
und bemerkt dazu:
»Befreiung und Eroberung, Revolution und Kolonialisierung gehören als zwei Seiten derselben Geschichte zusammen. So wie der Exodus die Urszene revolutionärer Freiheitsbewegungen ist, bildet die Landnahme mit ihrer Lizenz, ja Pflicht zu Vertreibung und Vernichtung die Urszene des Kolonialismus.«​
 
Ich würde das nicht an der Erwähnung von Orten festmachen, sondern an Ereignissen, und näher differenzieren:

Der Aeneis liegt aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt kein historisches Ereignis (Auswanderung von Trojanern nach Italien) zugrunde, insofern ist sie fiktiv. Dass reale Orte (wie Karthago) und Völker (wie die Latiner) vorkommen, ändert daran nichts.
Ebenso die Odyssee.

Dem Alexanderroman hingegen liegen eine reale Person und ein reales Ereignis zugrunde, nur dass alles märchenhaft überformt und entstellt wurde. Aber rein fiktiv ist er deswegen nicht.

Beim biblischen Exodus-Bericht würde ich nicht mit Bestimmtheit ausschließen, dass ihm im Kern ein reales Ereignis (Rückkehr von nach Ägypten eingewanderten Semiten nach Kanaan, wo sie zur Ethnogenese der israelitischen Stämme beitrugen) zugrundeliegen könnte. Dann wäre er nicht völlig fiktiv.

Es sei denn natürlich, man erklärt eine Erzählung bereits dann für fiktiv, wenn sie nicht komplett mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt, sondern Entstellungen sowie erfundene Zusätze und Ausschmückungen enthält.
Dem kann ich mich an sich durchaus anschließen, ja. Insofern wären Alexanderroman und Exoduserzählung zwar in ihrer Ausgestaltung fiktive Texte, die aber sicher bzw. (im Fall des Exodus) möglicherweise auf einer realen Grundlage basieren?
 
Das, denke ich, wäre zu diskutieren. Wenn man einen historischen Kern für möglich (oder wahrscheinlich) hält, setzt dies wiederum voraus, dass dieser aus Sicht der Betroffenen signifikant genug war, um an zukünftige Generationen überliefert zu werden. Wo genau diese Schwelle liegt, vermag ich persönlich nicht belastbar zu beantworten. Könnte eine "schnöde" Migration bereits der Kern der vorliegenden Exodus-Erzählungen sein? Hypothetisch könnten die Betroffenen eine "glückliche Fügung" von Ereignissen zu ihren Gunsten als Eingreifen JHWHs interpretiert haben, welche dann im Zuge der weiteren Überlieferung immer stärker legendär überhöht und mythisch ausgedeutet wurden, bis zu den heute bekannten Exodus-Erzählungen.
In der christlichen Apologetik gab (gibt?) es Versuche, die einzelnen Naturwunder naturwissenschaftlich zu deuten, die Frösche fielen dann als Folge eines Wettereignisses vom Himmel, das Manna als Ausscheidungen von Blattläusen, etc. - in der Gesamtbetrachtung m. E. in der Summe außerordentlich unplausibel bis haarsträubend. So weit jedoch muss man m. E. bei weitem nicht gehen, um eine "erzählens- und überlieferungswerte" Tradition zu begründen.
Ich denke, dass man damit dem Text und der Intention der Exoduserzählung nicht ganz gerecht würde. Es geht ja eben nicht um eine Verkettung glücklicher Umstände, sondern um JHWHs Eingreifen zugunsten seines Volkes, das mit dem Erweis seiner weit überlegenen Macht einhergeht. Man merkt das auch an der Einführung der ägyptischen Magier, die zunächst absurderweise die Plagen in gleicher Weise herbeizuführen versuchen, bis sie schließlich selbst betroffen sind und nicht mehr auftreten können. Zu guter Letzt muss Gott das Herz des Pharao sogar noch stärken (oder verhärten), damit er überhaupt bis zum Ende - dem Tod der Erstgeborenen und der Vernichtung des ägyptischen Heeres - durchhält. Wenn man da jetzt einzelne Plagen herausgreift und irgendwie rationalisiert, verfehlt man mE den Sinn, den die Erzählung für seine Autoren und wohl auch für seine primären Leser hatte, die ja vermutlich beide in der Zeit des Exils zu verorten sind.

Das ist aber natürlich eine generelle Frage des Zugangs: Ich halte es auch bei anderen antiken Texten nicht für zielführend, Wundererzählungen zu rationalisieren und so "retten" zu wollen. Natürlich könnte man sich ausmalen, dass Mose das Volk zu einem Vulkan führte, die Germanen Drusus eine besonders groß gewachsene Frau entgegensandten und es sich beim Urteil des Paris um den Streit dreier Fürstinnen handelte, aber ob man damit wirklich der Realität näher kommt als mit dem Eingeständnis, dass Wunder- und Göttergeschichten uns eher etwas über die Ansichten und Vorstellungen einer Zeit erzählen als über reale Ereignisse? Zumal das ja auch schon sehr viel ist!
 
Ich denke, dass man damit dem Text und der Intention der Exoduserzählung nicht ganz gerecht würde. Es geht ja eben nicht um eine Verkettung glücklicher Umstände, sondern um JHWHs Eingreifen zugunsten seines Volkes, das mit dem Erweis seiner weit überlegenen Macht einhergeht. [...] Wenn man da jetzt einzelne Plagen herausgreift und irgendwie rationalisiert, verfehlt man mE den Sinn, den die Erzählung für seine Autoren und wohl auch für seine primären Leser hatte, die ja vermutlich beide in der Zeit des Exils zu verorten sind.
In den Bibelwissenschaften gibt es den Ansatz der "kanonischen Exegese", d.h. man untersucht den vorliegenden und überlieferten Text als Ganzes und in der vom postulierten (End-)Redakteur hinterlassenen Form. Insbesondere beim Pentateuch wäre das eine relevante Abgrenzung z. B. zur "klassischen" Quellenscheidung. Insofern: Sicher, je nach Intention und Fragestellung wäre das eine legitime, hoch anerkannte und zielführende Vorgehensweise. Anderereits gibt es eben auch Fragestellungen, z. B. nach dem möglichen historischen Kern einer in großen Teilen fiktiven Erzählung, die derart nicht sinnvoll untersucht werden können.
Da sich meine vorigen Postings auf genau diesen - möglichen - historischen Kern bezogen, scheint mir, dass wir hier einander vorbeidiskutieren. Zur Klarstellung: Ein "Herausgreifen und Rationalisieren einzelner Plagen" war meinerseits nicht intendiert, vielmehr war ich der Meinung, genau das in meinem von Dir zitierten Beitrag verworfen zu haben; man mag es wohl missverstehen.

[...] Autoren und wohl auch für seine primären Leser hatte, die ja vermutlich beide in der Zeit des Exils zu verorten sind.
Speziell dazu: Hältst Du es demnach für plausibel, dass die Exodus-Erzählungen sowohl aus Sicht der damaligen Autoren als auch der damaligen Lesern als offenkundig fiktiv wahrgenommen wurden? Die Erzählungen hätten ihren - hauptsächlichen und wesentlichen - Ursprung ausschließlich in der Schreibstube der damaligen Autoren?
Letztendlich: Eindeutig zu beantworten ist das nicht, m. W. fehlen weitere Quellen aus dieser Zeit. Jedoch: Spätestens ab dem ersten Jahrhundert (n. Chr.) wurde die Exodus-Erzählung als historisch wahrgenommen (Flavius Josephus, Jüdische Altertümer). Zumindest das Ende der fortlaufenden Erzählung Pentateuch -> Geschichtsbücher darf auch aus heutiger Sicht als i. W. historisch belastbar betrachtet werden (d.h. Samuel und Chronika wohl ab der mittleren Königszeit). Die oben zitierte Sicht von Jan Assmann -
An die Geschichte kommen wir [...] nicht heran. Das heißt aber nicht, dass die biblischen Erzählungen nicht einen wahren Kern haben könnten. Ich halte es sogar viel eher für wahrscheinlich, dass es ein als wundersame Rettung erfahrenes Ereignis gegeben hat, das zum Kristallisationspunkt einer Erzählung – oder eines Zyklus von Erzählungen – wurde, in die dann eine ganze Reihe verschiedener historischer Erfahrungen und Erinnerungen [2] eingegangen sein könnten. Aber damit ist zugleich auch gesagt, dass es das eine, entscheidende, alles wendende und gründende Großereignis, von dem das Buch Exodus erzählt, zumindest in dieser Form in der geschichtlichen Wirklichkeit nie gegeben hat.
- halte zumindest ich persönlich für vielfach (!) plausibler als die - scheinbar vorab per methodischer Definition festgelegte (?) - Annahme einer in der Schreibstube erdachten, ausschließlich fiktiven, Erzählung.

Das ist aber natürlich eine generelle Frage des Zugangs: Ich halte es auch bei anderen antiken Texten nicht für zielführend, Wundererzählungen zu rationalisieren und so "retten" zu wollen. Natürlich könnte man sich ausmalen, dass Mose das Volk zu einem Vulkan führte, die Germanen Drusus eine besonders groß gewachsene Frau entgegensandten und es sich beim Urteil des Paris um den Streit dreier Fürstinnen handelte, aber ob man damit wirklich der Realität näher kommt als mit dem Eingeständnis, dass Wunder- und Göttergeschichten uns eher etwas über die Ansichten und Vorstellungen einer Zeit erzählen als über reale Ereignisse? Zumal das ja auch schon sehr viel ist!
Zugegeben, die Beispiele sind geschickt gewählt. Dennoch: Als grundsätzliche methodische Prämisse halte ich das für außerordentlich fragwürdig. Du unterstellst bereits die Intention "Wundererzählungen zu rationalisieren und so "retten" zu wollen". Wie wäre es stattdessen mit der ergebnisoffenen Anfrage "was war"?
Ohne Zweifel gab es in der Geschichte unwahrscheinliche Zufälle, seltene Naturereignisse, etc. Und selbstverständlich sind es doch gerade als außergewöhnlich wahrgenommene Ereignisse, die den Kern von Erzählungen bilden, an spätere Generationen überliefert werden. Ebenso ist m. E. anzunehmen, dass derartige Ereignisse im Rahmen jeweils gegebener literarischer Vorbilder, mythologischer Deutungsmuster, etc. interpretiert, modifiziert und überliefert werden, ohne dass dadurch zwingend ihr historischer Kern negiert würde.
 
Ergänzend, aus William G. Dever, "Beyond the Texts: An Archaelogical Portrait of Ancient Israel and Judah", 1. Auflg. 2017, SBL Press:

Dem Buchtitel entsprechend aus archäologischer Perspektive, mangels Befund hier recht knapp behandelt (wenige Seiten in Kapitel 2) und - ausgehend von einer möglichen Datierung des Exodus im 13. Jh. - insgesamt sehr skeptisch. Insbesondere arbeitet Dever Anachronismen bzgl. der in der biblischen Erzählung vorkommenden Örtlichkeiten heraus. Hervorhebungen und [Ergänzungen] (sowie eventuelle Tippfehler) sind von mir.

Zur Joseph-Erzählung, S. 120:
The most that can be said is that there may have been some authentic memories, or oral traditions, that were available to the authors and redactors of Genesis, perhaps some literary sources as well. [...] Stories of their [the ancestors of Israel] later descent into the Egyptian Delta and subsequent enslavement there accord well with what we know of the penetration of the Amu or West Semitic peoples from Asia, especially during the Hyksos era in the Dynasties Fifteen-Seventeen and the aftermath. [...] Indeed, the patriarchal stories as they now stand combine so many diverse elements from so many periods that the narratives cannot be dated or placed in any one archaelogical phase or historical era. [...] The story is more cultural memory than history.

Zu Auszug und Wüstenwanderung, S. 120/121:
There is no reference whatsoever in Egytian texts to any of the events described in the biblical texts. [...] Of the dozens of sites listed for the Sinai wanderings in Numbers, only one or two be be positively identified [...] biblical Kadesh-barnea [vgl. 1Mo 14,7, 4Mo 13,26, 5Mo 1,2] [...] a fortress of the tenth-seventh century [...] there is some Iron I pottery (ca. twelfth-evelenth century], but no thirteenth-century material.

Zur Durchquerung Transjordaniens, S. 121 ... 124:
Several of the sites or "encampments" in Transjordan can perhaps be identified. [...] biblical Dibon [vgl. 4Mo 21,30] [...], the capital of Moab; and Heshbon [vgl. 4Mo 21,25] [...] These sites became towns only in the ninth century at the earliest. [...] biblical Iye-abarim [vgl. 4Mo 33,44] [...] a fortified town beginning only in the eleventh century. [...] In any case, extensive excavations [...] have shown that there were few fortified towns before the eight century. [...] The biblical portrait of Sinai and Transjordan [...] is unrealistic. Apart from a few possible memories in oral tradition, the writers are obviously viewing the region from their point of view in the seventh century or later. [...] recent studies by archaelogists (as well as most biblical scholars) have suggested that behind these stories there may be the authentic memories of a small "Exodus group", essentially the two southern tribes of Judah and Benjamin. [...] But as far as we know archaelogically, the ancestors of most Israelites and Judeans had never been in Egypt.

Zum Thema "cultural memory" verweist Dever interessanterweise (u. a.) auf Jan Assmann.
 
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Zugegeben, die Beispiele sind geschickt gewählt. Dennoch: Als grundsätzliche methodische Prämisse halte ich das für außerordentlich fragwürdig. Du unterstellst bereits die Intention "Wundererzählungen zu rationalisieren und so "retten" zu wollen". Wie wäre es stattdessen mit der ergebnisoffenen Anfrage "was war"?
Das war eigentlich nicht als Unterstellung an Dich oder einen möglichen anderen Gesprächspartner gedacht. An den meisten meiner Beispiele dürfte ja auch kein religiöses Interesse mehr bestehen, so dass ich "retten" ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt habe. Wir neigen eben dazu, wissen zu wollen, "wie es wirklich war". Wenn dann eine Quelle Informationen bereithält, die wir so nicht zu glauben vermögen, liegt es durchaus nahe, hier selektiv vorzugehen. Zumindest sollte man dabei aber auf Erzählabsicht und zeitlichen Hintergrund des Textes achten, um nicht in die Irre zu gehen.

Im konkreten Fall möchte ich in keiner Weise bestreiten, dass "Asiaten"/ Menschen aus der Levante sich wie Joseph und seine Brüder nach bzw. wie Mose und sein Volk aus Ägypten fort begeben haben mögen. Das ist auch sicher nicht immer freiwillig geschehen. Es gibt aber keinen Hinweis, dass jemals Israeliten in größerer Zahl in ägyptischer Gefangenschaft lebten oder gar ein Pharao des Neuen Reiches bei der Verfolgung flüchtiger Sklaven mit einem ganzen Heer zu Tode kam.

Ich denke aber auch, dass wir grundsätzlich nicht sehr weit voneinander entfernt sind und die Sache vielleicht nur von verschiedenen Seiten betrachtet haben.
 
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Fasti graeci von G. Zuntz. Ich habe am Exodus als "Revolution der Alten Welt" wie das Assman formuliert auch keine Zweifel. Ich denke auch, dass das Königtum des Pharao als wörtlich Sonnengott weitreichendere Ausstrahlung hatte und die unzufriedenen Völkerschaften womöglich nicht bloß die im unmittelbaren Einflussbereichs Ägyptens waren, der Seevölkersturm und Bronzezeitkollaps eben. Phaeton, der Sonnenwagen und die Äthiopier bei Ovid mögen auch damit zusammenhängen. Das Lexikon d intl. Films interpretiert Nolans Odysee sehr schön:
Die List, die Troja zu Fall bringt, ist für den Mann (Matt Damon), der Jahre später von ihr erzählt, die Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. ...
Die alte Welt ist mit Troja gestorben. Odysseus ist der Einzige, der das versteht. Gerade weil er in diese alte Welt nicht zurückkehren kann.
 
Um 1200 "Moses"

Das kann in der Grafik nicht überzeugen.
Das gehört gestrichen und so ersetzt:

In der Spalte Ägypten
ca. 1550 v.Chr.
Kamose uns Ahmose vertreiben die sog. Hyksos aus Ägypten ***

Als Anmerkung zu den ***
könnte man erwähnen, dass die Ereignisse "theologisch überarbeitet" Einzug in die Thora gefunden haben, im Buch Exodus.
 
Erstens beginnt die Übersicht - die man zweifellos für zu vereinfachend halten kann - um 1500 und zweitens ist die Verbindung zwischen den Hyksos und der Exoduserzählung höchst spekulativ.
 
Das stimmt. Der Name wurde allerdings in Anführungszeichen gesetzt, und generell scheint der Autor der Übersicht noch stark an einem weiträumigen "Seevölkersturm" festzuhalten, was so kaum mehr vertreten wird. Manchmal wurden in der Vergangenheit beide Thesen miteinander verknüpft. Historischer Hintergrund der Exoduserzählung war gemäß dieser Sichtweise dann die Schwächung der ägyptischen Machtstellung im Inneren und in der Levante durch die Kämpfe gegen die Seevölker, was Zwangsarbeitern die Gelegenheit zur Flucht und später zur Gründung eines eigenen kleinen Reiches in Kanaan eröffnet habe.

Das ist allerdings nicht nur spekulativ, sondern widerspricht der Exoduserzählung auch an entscheidenden Punkten. Ägypten ist dort keineswegs geschwächt oder in einen Krieg verwickelt, sondern Pharao agiert machtvoll und selbstbewusst. Er kann mit einem einfachen Befehl das Los der Israeliten noch erschweren und von ihnen verlangen, selbst Stroh für ihre Arbeitsleistungen herbeizuschaffen. Auf seine Entscheidung hin wird das Volk schließlich nach Vollendung der Plagen aus dem Dienst entlassen und auf seinen Befehl hin rückt ein mächtiges Heer aus, um es wieder zurückzuführen. Die Grenzen seiner Macht setzt ihm kein Mensch, sondern JHWH selbst. Die Israeliten gründen nach ihrem wundersamen Durchzug durch das Schilfmeer auch nicht etwa ein Reich, sondern müssen auf göttliche Entscheidung hin erst einmal einige Jahrzehnte durch die Wüste ziehen.

Vielleicht bezieht sich die Übersicht aber dennoch auf diese These?
 
Ein interessanter Aspekt, der möglicherweise nicht allgemein bekannt ist bereits im Eingangsposting kurz erwähnt wird: Die Hyksos-Hypothese geht wohl (mindestens) schon auf Flavius Josephus zurück, "Gegen Apion", Buch 1, Kapitel 14 bis 16, nachfolgend auszugsweise zitiert aus wikisource.org, Übersetzung von Otto Hendel, 1900, Halle a. d. S.:
73 (14.) Beginnen will ich also mit den aegyptischen Urkunden. [...] 74 Dieser Manetho nun schreibt im zweiten Buche seiner „Aegyptiaka“ über uns wie folgt (ich führe seine eigenen Worte an, da ich ihn gewissermassen als Zeugen sprechen lassen will): 75 „Wir hatten einen König mit Namen Timaos; während seiner Regierung entzog uns die Gottheit – ich weiss nicht weshalb – ihre Gunst: ganz unerwartet drangen Menschen von unbekannter Abstammung aus den östlichen Gegenden mit keckem Mut in unser Land ein und brachten es leicht und ohne Schwertstreich in ihre Gewalt. [...] 82 Das ganze Volk führte den Namen Hyksos, d. h. Hirtenkönige; denn Hyk bedeutet in der heiligen Sprache „König“, Sos aber heisst „Hirt“ und hat diese Bedeutung auch in der gemeinen Sprache. So entstand das zusammengesetzte Wort Hyksos. Einige halten sie für Araber.“ 83 In einem anderen Exemplar übrigens heisst es, die Silbe Hyk bedeute nicht „Könige“, sondern durch das ganze Wort würden kriegsgefangene Hirten bezeichnet. Thatsächlich ist im Aegyptischen das Wort Hyk neben der anderen Form Hak – mit der Aspiration – die eigentliche Bezeichnung für Kriegsgefangene. Diese Auslegung erscheint mir glaubwürdiger und mehr mit der alten Geschichte übereinstimmend. 84 Die vorhin erwähnten Könige der Hirten nun, erzählt Manetho weiter, und deren Nachkommen hätten fünfhundertelf Jahre lang über Aegypten geherrscht. 85 [...] 88 Des Alisphragmuthosis Sohn Thummosis habe sie alsdann mit vierhundertachtzigtausend Mann belagert und die Festung zu stürmen versucht, aber die Belagerung aufgeben müssen und einen Vertrag mit ihnen geschlossen, demzufolge sie Aegypten verlassen und, ohne irgendwie belästigt zu werden, sollten ziehen dürfen, wohin es ihnen beliebe. 89 Dieser Übereinkunft gemäss seien sie mit ihren Familien und ihrem ganzen Besitztum in der Stärke von nicht weniger als zweihundertvierzigtausend Köpfen aus Aegypten aufgebrochen und hätten den Weg durch die Wüste nach Syrien eingeschlagen.
Um das in Relation zu setzen: Flavius Josephus selbst schrieb knapp 1500 Jahre nach den (hypothetischen) Ereignissen, der von ihm wiederum zitierte Manetho, dessen vollständige Schriften nicht überliefert sind, knapp 1200 Jahre.
 
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mir gefällt diese Theorie am besten:

1) Historie Kanaans vor der Babylonischen Gefangenschaft

Kanaan und damit die späteren Reiche "Israel" und "Judah", waren immer schon von anderen Konflikten in Mitleidenschaft gezogen worden.
Mal liefen Armeen durch Ihre Gebiete, mal wurden Sie besetzt. Das liegt an der speziellen Geografie Kanaans, da westlich davon das Mittelmeer liegt und östlich die großen Wüsten. Man musste eben da durch. Alle möglichen Gegner in Richtung Ägypten gingen durch Kanaan nach Süden, die Ägypter in Expansionslaune durch Kanaan nach Norden.

Aber: auch wenn Kanaan fremdkontrolliert war: man befand sich stets auf eigenem Gebiet und konnte seine Kultur und Religion weiterführen

2) Assyrische Deportationen und Babylonischen Gefangenschaft

ca. 720 v. Chr. - das Nordreich Israel wird von den Assyrern erobert. Bevölkerung wird deportiert.
ca. 597 v. Chr. - Das Südreich Judah wird von den Babyloniern erobert. Geistige Elite wird deportiert.

Nun aber hatte sich etwas entscheidend geändert: die Bevölkerung wurde deportiert
D.h. für die jüdische Elite in der Babylonischen Gefangenschaft stand alles auf dem Spiel:
die Existenz ihres Volkes, Ihre Kultur, Ihre Religion, Ihre Identität.

3) Exodus-Geschichte als Rettungsidee und der Monotheismus

Es mussten extreme Maßnahmen her:

* Ein Ein-Gott-Glaube (Monotheismus) - als maximale Abgrenzung zu dem babylonischen Polytheismus
* Eine Geschichte, die den Menschen zeigt, dass wenn man an den einen Gott glaubt, es Wunder gibt und einem geholfen wird (Exodus Geschichte)
* Eine Messias Figur, die in dieser Geschichte das Volk leitet: Moses

die Motive sind klar: den Zusammenhalt des Volkes stärken - gerade in der Fremde -, den weiteren "Verlust" von Gläubigen an andere Religionen stoppen (diverse Regeln in der Thora, die das sicherstellen sollen) und eine Idee in die Welt setzen, die den Gläubigen eine mögliche Rettung und ein Wunder in Aussicht stellt.

Die Geschichte musste so konstruiert sein:

- Das Volk der Juden war schon einmal in Gefangenschaft
- Aber der eine Gott hat damals geholfen
- Der eine Gott schickte damals den Messias
- Am Ende kam das Volk ins gelobte Land

4) Inversion der Geschichte

Nun hatte man aber ein großes Problem:
In der Vergangenheit eine ähnliche Situation zu finden - es gab sie nicht. Gar nicht.

Immerhin gab es eine Situation, in der Kanaaniter - also Vorfahren des Volkes Judah/Israel - mal in Ägypten waren.
Das kennen wir heute als die Zeit der Hyksos in Ägypten. Da die Zeit der Hyksos aus sich der Schreiber der Exodusgeschichte aber schon ca. 900 Jahre her war, wusste man, dass in der Bevölkerung nur noch minimales Wissen vorhanden war. Die Elite der Juden hatte vermutlich detailliertes Wissen.

Und diese musste beim Studieren der alten Texte entsetzen feststellen, dass die Zeit der Hyksos überhaupt keine Deportation als Grundlage hatte. Diese kamen selbst nach Ägypten (vermutlich als Folge einer Dürre) und baten darum, dort bleiben zu dürfen - und brachten Geschenke mit, um die Ägypter dafür zu begeistern. Und in Ägypten wurden die Fremden tatsächlich freundlich empfangen, durften dort leben und eine eigene Stadt (Avaris) gründen. Das war alles OK, bis man eine Notlage der Ägypter (vermutlich durch den Ausbruch des Vulkans auf Thera ca. 1630 v. Chr.) ausnutzte. Die Hyksos übernahmen die Macht in Nordägypten. Ca. 100 Jahre später waren die Ägypter wieder stark genug und vertrieben die ehemaligen Handelspartner endgültig. Soweit klar.

Aber für die jüdische Elite ein Problem, nun waren Sie in Gefangenschaft, die Geschichte, die Sie nun schreiben wollten orientierte sich an der Zeit der Hyksos in Ägypten.
Die Lösung sah so aus: einen neue Geschichte, aus Teilen der Hyksosgeschichte in Ägypten, aber invers: man hatte einfach alles in Gegenteil verkehrt. Wusste doch eh kaum noch einer, was da vor 900 Jahren genau passiert ist - so das Kalkül der Schreiber. Und man brauchte etwas und schnell.

So lief die Inversion:


Geschichte der Hyksos in ÄgyptenInversiv in der Exodusgeschichte
Hyksos sind in Ägypten gedudelt, treiben Handel und helfen den Ägyptern als Fachkräftedas Volk der Juden sind Sklaven
die Namen der Pharaonen sind dokumentiertman wollte einen konkreten Bezug bewusst vermeiden und spricht nur von "Pharao"
Die Hyksos sind ein loses Bündnis von Kaanitern und Mitanni und ggf. anderen Völkern, die alle vor der Dürre flohendie Juden sind ein Volk
die Hyksos hätten jederzeit gehen könnender Pharao lässt die Juden nicht gehen
die eigentliche Heimat Kanaan ist unattraktiv, es herrscht DürreGott/Moses leiten das Volk ins "gelobte" Land, wo Milch und Honig fließen
Die Folgen des Vulkanausbruchs auf Thera (Santorini) ist eine schreckliche NaturkatastropheGott schickt die 10 Plagen
die Folgen des Vulkanausbruchs auf Thera (Santorini) schwächen Ägypten sehr starkdie Ägypter sind stark und der Pharao hat die absolute Kontrolle
Die Hyksos nutzen die Notlage der Ägypter aus und übernehmen in Nordägypten die Macht, sie sind die Bösendie Ägypter sind die Bösen, das Volk der Juden die Guten
Ahmose "begleitet" das Volk der Juden aus Ägypten raus - er vertreibt sie mithilfe des MilitärsMose begleitet das Volk aus Ägypten raus, hier aber wird es als Rettung dargestellt
es gibt keinerlei Wunderdiverse Wunder geschehen
die Rückkehr der Hyksos nach Kanaan war in kurzer Zeit vollzogender Exodus dauert Jahre
Ahmose lebt weiterder Pharao stirbt im Meer
Die Ägypter haben wieder ein starke Streitmachtdie Soldaten des Pharao sterben auch im Meer
Ahmose verfolgt die Hyksos auch weiter auf kanaanitischem Gebietdas Volk der Juden kommt ohne Störung im gelobten Land an

Vielleicht habe ich sogar weitere Punkte vergessen, aber das Schema ist klar.
Und so konnte man nun den verzweifelten Juden etwas anbieten:
Eine angeblich alte Geschichte, bei der die Juden vor Jahrhunderten in einer ähnlich misslichen Lage waren, aber Gott hat geholfen.
Und damit gab es eine klare Botschaft: bleibe bei den jüdischen Tradition, glaube an JHWH und es werden wieder Wunder geschehen.

Paradoxerweise ist das dann tatsächlich geschehen: die Perser eroberten Babylon und ließen die Juden nach Hause gehen. Vielen jüdischen Gläubigen muss das wirklich wie ein Wunder vorgekommen sein und die religiös-geistige Elite und Ihre Geschichten (Exodus & co.) erlebten einen enormen Imagegewinn. Ihr Plan ging auf.

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Ja, das ist alles eine nur eine Theorie, aber letztlich ist jeder Versuch eine Erzählung aus einem theologischen Werk (hier Thora) mit der echten Weltgeschichte zu verknüpfen "wackelig" und somit angreifbar.

Das Interessante ist nicht nur, dass die Autoren die reale Geschichte per Inversion völlig verdreht haben, sondern dass man trotzdem Fragmente der realen Hyksoszeit in der Exodusgeschichte wiederfindet. Die Autoren hatten in der babylonischen Gefangschaft tatsächlich Zeitdruck. Täglich nahmen Juden die Bräuche der Babylonier an. Täglich verlor der jüdische Glaube Anhänger. Jeden Tag wuchs die Zahl derer, die auch bei der Möglichkeit Babylon zu verlassen, es vorzogen in Babylon zu bleiben, statt nach Kanaan zurückzukehren. Diesem Zeitdruck sind sind jene kleinen Fehler geschuldet, die den Autoren bei der Exodusgeschichte unterliefen. Zum Glück für alle, die heute versuchen den realen geschichtlichen Kern der Exodusgeschichte zu finden.

Beispiele:

Der Hyksos "Vertreiber" ist Asmose, der Messias heißt Mose. Der "Pharao" verfolgt die fliehenden Juden in der Exodusgeschichte (Schilfmeerpassage), Ahmose verfolgte die fliehenden Hyksos bis nach Kanaan.
Die Exodusgeschichte greift das Thema der biblischen Plagen auf, die Forscher mit den Ereignissen verbinden, die die Ägypter selbst auf dem Ipuwer-Papyrus dokumentiert haben. Und da der Vulkanausbruch von Thera als Ursache der Plagen häufig genannt wird, wären wir wieder in der Hyksoszeit, genau da gab es den Vulkanausbruch.
 
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