Frauen als Heilerinnen-Eine Bedrohung der Kirche?

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von babsi, 22. Februar 2012.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Pauschalurteile sind sicher fehl am Platz, doch sollte man Verharmlosungen ebenfalls meiden. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf meinen Beitrag # 28 hinweisen, wo sich die Dominikaner sehr nachdrücklich zu ihrer historischen Schuld bekennen und u.a. sagen:

    "Deutsche Dominikaner waren nicht nur in die Inquisition verstrickt, sondern haben sich aktiv und umfangreich an ihr beteiligt. Historisch gesichert ist die Mitwirkung an bischöflichen Inquisitionen und an der römischen Inquisition. Unabhängig von den vielleicht manchmal nachvollziehbaren historischen Gründen für die Mitwirkung erkennen wir heute die verheerenden Folgen dieses Tuns unserer Brüder. Wir empfinden dies als ein dunkles und bedrückendes Kapitel unserer Geschichte. Folter, Verstümmelung und Tötung haben unendliches Leid über zahllose Menschen ge-bracht; deutsche Dominikaner haben dazu, neben anderen, die Voraussetzung geschaffen. Die Geschichte dieser Opfer – namenlos und vergessen – können wir nicht ungeschehen machen. Wiedergutmachung ist unmöglich. Uns bleibt die Verpflichtung zur Erinnerung."

    Wenn sich die Dominikaner heute besonders gegen Ausgrenzung und Diskriminierung wenden und für Menschenrechte eintreten, so tun sie das auch im Hinblick auf ein dunkles Kapitel ihrer Ordensgeschichte.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Richtig, in Dingen der Inquisition waren die Dominikaner einer der, wenn nicht der maßgeblich involvierte Orden. In Sachen der Hexenverfolgung dagegen waren sie - trotz eines Ordensmitglieds Heinrich Kramer und trotz der Aufnahme der Hexenverfolgung in ihrem Abbitte-Dokument von 2000 - nicht in derselben Weise involviert.
     
  3. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Dem Heiligen Martin erschien doch aber auch ein Teufel in Menschengestalt. Und ich würde nicht darauf wetten, daß er der einzige war.
    Weißt du auch was darüber, wie es zu der veränderten Vorstellung kam? Und was ist dran an der Behauptung, Luther hätte den Teufel gewissermaßen populär gemacht? Er sah zwar die Juden und den Teufel als das größte Unglück der Christnheit an, aber m.W. hatte schon Kramer gut hundert Jahre vorher seine liebe Not, die Leute von der Existenz bzw. Umtriebigkeit und Allgegenwart des Teufels zu überzeugen.

    Litertaurhinweise nehme ich auch gerne entgegen. :devil:

    Gruß
    Kassia
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wir haben uns in der Diskussion vor allem mit Hexenverfolgungen, Inquisitoren und den sozialen Mechanismen die Verfolgungen in Gang setzen beschäftigt- und zwar mit kontroversen, klugen Beiträgen.

    Ich würde gerne einmal einen Bogenschlag zur Ausgangsfrage wagen. Die Ergebnisse der modernen Hexenforschung verweisen die Vorstellungen von einer gezielten Vernichtung von Hebammen und "weisen Frauen" ins reich der Legende. Es gab keine Verschwörung der Ärzteschaft und es waren die Hexen auch kein Relikt einer Matriarchatsbewegung.

    Vorstellungen, es wären Rothaarige, Hebammen und Heilerinnen besonders gefährdet gewesen, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Ich würde gerne einmal die Diskussion sozusagen gegen den Strich gebürstet noch einmal aufrollen und einmal die Rezeption populärer und akademischer Hexen/Heilerinnenvorstellungen historisch beleuchten. Einige Thesen kamen während des "Kulturkampfes" in der Kaiserzeit auf, und es haben Feministinnen, Antiklerikale, Nazis, Esoteriker, Volkskundler, Soziologen und Psychologen auf Hexenbilder zurückgegriffen. Da finden sich Persönlichkeiten jeglicher politischer Couleur, und es reicht das Spektrum von den Gebrüdern Grimm über Mathilde Ludendorff, Heinrich Himmler bis zur Matriarchatsforscherin Heide Göttner Abendroth.

    Die wohl kuriosesten Erscheinungen zu diesem Thema traten in den 30er und 40er Jahren auf.
    Als die Rote Armee Polen zurückeroberte, machte ein polnischer Archivar in Posen einen abstrusen Fund: Die Hexenkartei des Reichsführers SS. Zunächst glaubte der Pole, die SS, die sich ja als Orden sah und sich an der Inquisitionein Beispiel nahm, habe sich bei Hexenverfolgern Rat erhofft, doch weit gefehlt.
    Himmler glaubte, selbst von einer als Hexe hingerichteten Margret Himbler abzustammen und versuchte die Hexen sozusagen als frühe Blutzeugen der Bewegung zu vereinnahmen. Eine christlich- jüdische Verschwörung witterte schon Margret Ludendorff, die auch teilweise heute noch behauptete Verfolgungszahlen von Hunderttausenden oder gar Millionen Opfern nannte. Juden wurden nicht wegen Hexerei verfolgt, ergo mussten sie die Drahtzieher sein nach Himmler, der u.a. in Tibet nach dem Urarier fahndete, sich Rat bei seinem NS- Rasputin dem Okkultisten und ehemaligen österreichischen Oberst Karl Maria Willigut alias Weißthor holte und nach dem heiligen Gral suchen ließ.

    Himmler beschäftigte einen Stab von Mitarbeitern, die seine Thesen belegen sollten.

    Es gab übrigens mitten im 2. Weltkrieg einen "Hexenprozess" in GB. Dort hatte eine Wahrsagerin und Okkultistin so genaue Prognosen abgegeben, dass die Briten befürchteten, die deutsche Abwehr könnte Wind von wichtigen militärischen Operationen bekommen. Zum Glück war der Witchcraft Act aus dem 16./17. Jahrhundert zwar seit Ewigkeiten nicht mehr angewendet worden, aber gesetzlich nie aufgehoben worden und in Kraft, und das Schöne daran war, dass es sich um einen Gummiparagraphen handelte,mit dem man jeden hinter schloss und Riegel bringen konnte, weshalb die Dame aus Staatsräson eingebuchtet wurde, damit Die "Huns" neben Wunderwaffen noch auf Magie zurückgreifen konnten.
     
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  5. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Kassia, nimm mal zwischen Kramer und Luther ne die Hälfte raus
    Hexenhammer 1486, Luthers Thesen 1517, Luthers Tod 1546
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Bei Inquisitoren denkt man an Bernardo Gui, Heinrich Institoris oder Tomas de Torquemada. Ein hochinteressanter Inquisitor, den die Verfolgungen in Deutschland während des 30jährigen Krieges entsetzten, war Francesco Albizzi. Albizzi führte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der römischen Inquisition zwar Hexenprozesse durch und hielt Hexerei und Schadenzauber für möglich, zog aber naturwissenschaftliche Phänomene als Erklärung hinzu. Er wollte Häresie und Schadenzauber bekämpfen, hielt aber dafür Folter und Scheiterhaufen nicht für notwendig. In seiner Amtszeit wurde in Rom keine einzige Frau als Hexe exekutiert, und die Hürden für eine Verurteilung waren viel höher, als bei jedem beliebigen geistlichen oder weltlichen Gericht nördlich der Alpen. Als Diplomat und Vermittler reiste Albizzi nach Münster, um Friedensverhandlungen zu vermitteln, wobei er u. a. Zeuge der Verfolgungen in Kurköln wurde, und er sprach das Thema gegenüber dem Erzbischof und Kurfürsten an.
     
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  7. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Scorpio, der 2. WK war noch nicht das Ende: "Hexenkinder" im Kongo: Rechte statt Magie
    Daß es sog. Hexenkinder in Afrika gibt, ist an sich nicht neu. Ist das Phänomen dort ein Relikt der Kolonialzeit oder hat sich das unabhängig davon entwickelt, weil es solche Vorstellungen (Besessenheit, Pakt etc.) in vielen Kulturen gibt? Im Fall Kongo scheint das ja ein christlicher Hintergrund zu sein (Pfingstkirchen).
    Und wenn man im Europa der frühen Neuzeit bleibt: Warum kannte die Ostkirche keine Hexen?

    Wenn das zu sehr OT wird, können wir auch einen neuen Thread aufmachen.

    Gruß
    Kassia
     
  8. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Vielleicht wäre hier noch folgendes interessant: in einer sehr guten Ausstellung im Stadtmuseum in Schwäbisch Hall habe ich letztes Jahr erfahren, dass es im 17./18. Jh. durchaus Frauen gab die hauptberuflich den Baderberuf ausübten. Die genaue Bezeichnung weiß ich nicht mehr, aber sie klang für meine Ohren sehr despektierlich so ähnlich wie "Pfuscherin" oder so.
    Diese Frauen hatten aber einen sehr schlechten Ruf, da sie nicht in einer Zunft organisiert waren und vor allem Frauen zu ihnen gingen die sich schämten einen männlichen Arzt zu konsultieren (dann wohl meist bei Frauenleiden).

    Von der Baderzunft wurden sie also wohl als Konkurenz gesehen und schlecht gemacht, ob die Kirche auch was gegen sie hatte weiß ich allerdings nicht.
     
  9. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Nicht nur Bader. Ärzte z.B. hatten es auch nicht so mit Hebammen, weil sie sich mit den jeweiligen Befugnissen und berufsbildern in die Quere kamen. Es ging als schlicht darum, was eine hebamme durfte, und wann ein Arzt hinzugezogen werden sollte. Dabei ging es bei vielen Geburten eben auch um jede Sekunde. Und ging eine Geburt schief, lastete man es natürlich der Hebamme an, nicht dem Arzt.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Eine ähnliche Meinung vertrat der spanische Inquisitor Alonso Salazar Frias, der um 1600 lebte. Als die Hexenverfolgung Spanien erreichte, entsandte ihn der Consejo de la Suprema y General Inquisicion, um das Hexenphänomen zu untersuchen. Als der Geistliche rund 2000 Aussagen von Inhaftierten und Zeugen untersucht hatte, kam er zu dem Ergebnis, dass die Verdächtigen nicht schuldig seien. Daraus zog Salazar den Schluss, dass es seiner Meinung nach keine Hexerei gebe, und er empfahl der Suprema, künftig keine Todesurteile mehr zu fällen. Dieser Empfehlung folgte die Suprema, erklärte die Hexenprozesse lokaler Stadträte für rechtswidrig und bekämpfte sie.

    Allerdings bestand die Aktivität der Inquisition unvermindert fort, und es wurden zwischen 1540 und 1700 775 Menschen wegen Kryptojudentums, als Lutheraner oder Calvinisten oder wegen Bigamie und Homosexualität hingerichtet. Der römischen und portugiesischen Inquisition fielen etwa doppelt so viele Menschen zum Opfer.

    Es ist ganz offensichtlich, dass Zentraleuropa ein Zentrum der Hexenverfolgung bildete, während Südeuropa viel weniger betroffen war.
     
  11. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Die spanische Inquisition war aber etwas anderes, also hatte andere Aufgaben. Nördlich der Alpen hatte die römische Inquisition seit Konrad von Marburg einstweilen abgedankt. Der einzige Vertreter, den es in Köln noch gab, hatte keine weitreichenden Befugnisse. Die Intervention aus Rom wurde wohl eher als lästig empfunden, falls sie überhaupt ihren Weg bis nach Norden fand. Im Süden wurde die Vorstellung des Hexensabbats nicht rezipiert, weswegen es dort nicht diese Besagungsketten gab, die Massenverfolgungen auslösten. Als man rätselhafte Todesfälle, die auf Hexerei beruhen sollten, gleich an den weltlichen Arm übergeben mußte, wurde die Hexenprozeßinstruktion erlassen, die eine gründliche Untersuchung forderte, und erst, wenn keine natürliche Ursache in Frage kam, wurden die Beschuldigten der weltlichen Justiz überschrieben. Man wollte also seitens der römischen Inquisition verhindern, daß Menschen vorschnell abgeurteilt wurden. Aber das galt zunächst nur im Einzugsbereich der römischen Inquisition, eine Druckversion gelangte erst 1659 nach Köln.

    Gruß
    Kassia
     
  12. edgar

    edgar Aktives Mitglied

    Spannender Thread, wenn er auch zu sehr ins Mittelalter abgedriftet ist.
    Die Frage ist doch wohl eher, ob in den Jahren so um 400-700 die Christianisierung altes Naturheilwissen zerstört hat.
    Das ist natürlich schon vorstellbar, da man ja neue Wege vermitteln wollte und das altmodische schlecht machen mußte.
    Tja, aber mit schriftlichen Belegen wirds da schwierig...
    Und die Hildegard hat dann die Reste zusammengekehrt. ;)
     
  13. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Außenseiter, wie Heilerinnen oder Kräuterweiblein waren eher nicht das Ziel einer Hexenverfolgung. Wenn es überhaupt so etwas, wie ein vorgegebenes Ziel gab. Wäre dies der Fall gewesen, hätte wohl jede Frau sehr schnell die Finger vom Heilen oder Kräutersammeln gelassen.

    Die meisten Frauen, die den Hexenprozessen zum Opfer fielen, entstammten nicht den untersten Bevölkerungsschichten. So liefen z.B. in den Städten Handwerkerfrauen eher Gefahr, in einen solchen Prozess mit hineingezogen zu werden, als Tagelöhnerinnen oder Bettlerinnen. Im ländlichen Bereich waren es auch mehr Bäuerinnen als Mägde, die vor Gericht kamen. Das soziale Umfeld spielte eine große Rolle.
    Um Opfer zu werden bedurfte es dann einer gewissen gesellschaftlichen Auffälligkeit und damit Ausgrenzbarkeit. Dies bewerkstelligte sicher nicht die Kirche, sondern das geschah im sozialen Umfeld der Beschuldigten. Zum sozialen Umfeld einer Frau gehörten weniger Männer außerhalb der Familie und schon gar keine Geistlichen. Frauen blieben unter Frauen und dort geschah auch die Ausgrenzung. Es kam zum bösen Leumund.

    Vielleicht ein wenig gewagt, die These, aber: Frauen vernichteten Frauen.
     
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  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    wenn du das belegen kannst, dann wäre das wirklich spektakulär! ...
     
  15. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Allein der Versuch wäre eine Mamutaufgabe, über welche ich wohl verhungern müsste.
    Also, es ist nur so ein leiser Verdacht, der mich da beschleicht, denn wenn man Verhörprotokolle liest, fällt auf, dass die meisten Besagungen durch Frauen geschehen.
    Ich meine, um vorsichtig zu sein, auch keine bewusste, großangelegte Vernichtung von Frauen durch Frauen. Eher böse Gerüchte, üble Nachreden, die unter den Frauen allzu oft eine Eigendynamik entwickelten. So etwas konnte im Sande versickern oder sich ausweiten. Das kam eben auf die Beziehungen der Frauen untereinander an. Ob aus der bewussten Ausgrenzung dann ein tödlicher Hexenprozess entstand, bestimmten selbstverständlich auch viele weitere Faktoren. Da kommen dann die Männer ins Spiel.
    Bevor es jedoch zum Gerichtsprozess kam, musste die Hexe erst einmal gemacht werden und das fand unter den Frauen selbst statt.
     
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    bist du dir da ganz hundertprozentig sicher? ...denn auch in dieser Formulierung wirkt deine These spektakulär (und sie könnte anwesendes Weibsvolk in Harnisch bringen...) :winke:;);)
     
  17. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Das mag schon stimmen. Eine Frau habe den "Bösen BLick" z.B. wurde vornehmlich von Frauen geäussert. Es hat sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden nichts geändert: Jemand ist dir in der näheren Umgebung unsympathisch und du lästerst. Dumm nur, wenn diese üble Nachrede auf fruchtbaren Boden fällt. Aber es waren nicht nur die Frauen. Da wo es eine Erbin oder reiche Witwe gab, die sich nicht (ver)heiraten liess, konnte man sie und ihre Kinder der Hexerei bezichtigen, und ihren Besitz dann einvernehmen. Hier waren es dann die Männer, die eher finanziellen oder "geschäftlichen" Interessen folgten.
     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es wäre doch nett, das alles mal mit entsprechenden Fallbeispielen zu belegen!
     
  19. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Natürlich könnte man jetzt schlitzohrig ausgesuchte Fälle aufführen:
    Na ja, ich habe da einen Fall von 1695, aus der vorpommerschen Ackerbürgerstadt Grimmen. Grimmen stand in der Umgebung lange Zeit im Ruf eines Hexennestes. Vor Gericht stand als erste die Frau des Baders Philp.

    "Senatus auff die vielfeltige in der stadt gemachte blam wegen des Baders frauen Philipschen ein summarische Inquisition Ihres übln gerüchts halber in puncto veneficii angestellet, und den Scharffrichter Niclaus Köpke befraget, waß Ihn verursacht hette, von der Philipschen zu sprechen, daß es vieleicht mit ihr nicht allzurichtig wehre?"
    Köpke entgegnete, er habe niemals mit ihr zu tun gehabt, nur einmal habe er für das ausgestochene Auge ihres Kindes eine Augenkur gemacht. Am Abend nach dem Tag, an dem er sie um die Bezahlung gebeten habe, hätte seine Frau heftige Rückenschmerzen bekommen. Sie sei dann "in eine langwierige elende krankheit gerahten, darin sie immer geklaget, die Philipsche oder Badersche wehre hieran schuld, daß sie so gepeinigt würde, und mit solcher klage hette sie auch Ihr leben beschloszen."
    Dann folgen Zeugenaussagen: Eine Frau klagt, sie habe einen Streit mit Philipschen wegen eines Gössels gehabt. Aus Rache seien ihr dann 19 Gössel eingegangen.
    Eine weitere Frau sagt, ihr Sohn habe die Philipsche vor 2 1/2 Jahren eine Hexe genannt. Der Junge sei darauf auf einer Seite gänzlich mit der Krätze befallen , so dass er weder reiten, sitzen oder liegen konnte.
    Eine dritte Frau erzählte, der Bader habe ihren Mann vor etwa zwei Jahren aufgefordert, für ihn zu pflügen, er habe es aber abschlagen müssen. Am daraufolgenden Tag sei ihm ein Pferd toll geworden, , so dass es "auff Dächer und Zeune gesprungen wehre, auch dasz ganze Frühjahr so geblieben, dasz er es nicht brauchen können."
    Thies Arens Frau behauptet, dass sie mit ihrem Vieh, so lange die Philipsche in Grimmen und ihr gegenüber wohnte, "gantz kein Glück gehabt und wehren Sie nunmehro durch das viele wegsterben des Viehs und wieder ankauffen zu arme leute geworden, wie Sie dan anitzo nur einen Ochsen hette, da sie doch vorhin durch ihrer ahrt gut Vieh gehabt, und könte es Niemand anders, als der Baderschen zuschreiben, weil deren Mutter schon eine alte Hexe gewesen wie bekant, und hette sie solches der Baderschen gar ofte und noch jüngst in gegenwart des Herrn Richters und deszen frau in die Augen gesaget, das Sie Ihr das Vieh ümbringen liesze, wan sie unschuldig, warumb sie dan nicht geklaget: Ja, da sie eine Zeitlang ihr mühtlein an ihrem Vieh gekühlet, so währe von der Zeit an, da ihr kleiner Sohn, welcher der Gänse hütete, der Baderschen ihren Sohn in das Auge geworfen, ihr alter und dazu tauber Mann, wie männiglichen bekant, von ihrer Hexerey nicht frei sey ..."
    Der Böttchermeister Hoppe sagte aus, als er sich beim Bader Philip neulich rasieren ließ, fragte er diesen, weshalb er gegen seine Frau, wenn sie übel mit ihm umginge, nicht den Stock gebrauche. Dieser antwortete, er versuche es ja, aber jedesmal sei es, als hielte ihm von hinten einer den Stock fest.
    Der Ratsdiener, Michael Raddevon, der die Philipsche vorladen sollte, fand die Haustür verschlossen und niemand öffnete ihm. Als er dann am nächsten Tag auf die Badersche traf, weigerte sie sich, mit ihm zu kommen. Damit entzog sie sich vorerst einer Befragung. Es nahm aber trotzdem kein gutes Ende für sie. Schließlich verhaftete man sie und der Inquisitionsprozess rollte ab. Sie wird gefoltert. Der Bote, der mit dem Protokoll zur Juristenfakultät nach Greifswald reitet, um nach einer Wiederholung der Toretur zu fragen, verunglückt mit seinem Pferd. Zudem wird er noch von Hunden angefallen. Das alles spricht natürlich gegen die Angeklagte. Sie gesteht letztendlich ohne weitere Folter und wird verbrannt. Ihr Mann, der für die Prozesskosten aufkommen muss, verarmt darüber. Da er ständig auf der Straße lärmte, wurde er letztendlich der Stadt verwiesen.
     
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Sehr interessant, auch was die Eigendynamik des Falls anbelangt. Aber hier ist wohl das Gegenteil von dem der Fall, was du im vorherigen Beitrag angedeutet hast: Die Eigendynamik entwickelt sich erst, nachdem die Frau angeklagt wurde. Ursprünglicher Kläger ist wohl ein Mann.
     

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