Gerichtsfälle u. Ähnl. unter Louis XV.

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 8. August 2007.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Interessant für mich ist, welchen Einfluss man aus den Fällen zur Zeit Louis XV. auf die Stimmung im Lande entnehmen kann und was sie über die juristischen und weltanschaulichen Zustände aussagen. Deswegen finde ich es spannend einige besonders bedeutende einmal zu sammeln.
    Bei einem Fall wie dem von Damiens, wird ja gemunkelt, dass die angeblich übertriebene Härte, einen Anteil zum Verlust des Ansehens der Monarchie gehabt haben soll.
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Fall Jean Calas (1761-65)

    Einer der wohl aufsehenerregensten und haarsträubensten Fälle der französischen Justiz spielte sich in Toulouse um die Zeit des 7-jährigen Krieges ab und hatte eine große Symbolwirkung dafür, was trotz des Zeitalters der Aufklärung noch für Geschehnisse möglich waren.

    Jean Calas (1698-1762) war ein calvinistischer Kaufmann in Toulouse. Dessen Sohn Marc-Antoine beging am 13. Oktober 1761 aus ungeklärten Gründen Selbstmord.
    In Toulouse gebot eine Verordnung, dass der Leichnam eines Selbstmörders, auf eine Bahre gelegt und mit dem Gesicht nach unten durch die Stadt geschleift wurde, worauf man ihn an einen Galgen hängte.
    Um seinem Sohn diese Schande zu ersparen, erwirkte Jean Calas von Freunden und Verwandten, dass sie einen natürlichen Tod seines Sohnes bezeugten.
    Nun machte das Gerücht die Runde, Jean Calas habe seinen Sohn ermordet, da dieser habe zum Katholizismus konvertieren wollen; angeblich, so eine herrschende Überzeugung in katholischen Kreisen zu der Zeit, hatte Johann Calvin gelehrt, dass Calvinisten dazu verpflichtet sein, ihre Söhne zu töten, wenn diese das Bekenntnis wechseln wollten. Tatsächlich gelang die Verhaftung und das Todesurteil gegen Jean Calas.

    Seine Familie floh in die Nähe von Genf, wo sich Voltaire des Falles annahm, indem er eine Abhandlung „Traité de la tolerance à l’ocassion de Jean Calas“ verfasste. Madame de Pompadour soll eine Wiederaufnahme des Falles bei Louis XV. erreicht haben, worauf das Todesurteil gegen Jean Calas 1764 aufgehoben wurde und 1765 die Familie und weitere damit verbundene Personen ebenso rehabilitiert wurden.

    In der Kunst fand der Fall seinen Niederschlag durch ein paar Gemälde von Chodowiecki, der selber allein schon verwandtschaftlich eng mit hugenottischen Familien verbunden war.
     
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  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Fall Damiens (1757)

    Einer der gewiss aufsehenerregenste Fall, war der des Königsmörders Damiens. ( Robert François Damiens - Wikipedia )
    Das Wesentlichste zu dem Fall steht bereits bei Wikipedia. Die Diskussion, ob nun die Hinrichtung am 28.März 1757 eine unnötige und folgenschwere Grausamkeit darstellte, ist bis heute nicht ganz verebbt.

    Hier eine Beschreibung dazu aus den Memoiren von Casanova, der allerdings diese erst in den 1790ern niederschrieb und die Ereignisse um die Hinrichtung des Königsmörders Damiens mit seinen Eindrücken über die Hinrichtung (aus royalistischer Sicht Ermordung) Louis XVI. verwebt. Dennoch ist es ganz interessant, wie ich finde.

     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 28. August 2007
  4. elysian

    elysian Neues Mitglied



    Man sollte aber nicht zu sehr schimpfen.
    Die Dreyfußaffäre fast 150 Jahre später weist grobe Parallelen auf.
    Auch dort bedurfte es der Zivilcourage prominenter Intelektueller, bis Unrecht beseitigt wurde.
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    So arg wird ja nicht geschimpft, worum es für mich bei dem Prozess primär geht, d.h. wodurch er interessant wird, ist dass es noch Jahrzehnte nach dem Tode von Louis XIV. im Zeitalter der Aufklärung zu solchen Ungeheuerlichkeiten kommen konnte. Außerdem fand der Fall auch schon damals große Beachtung.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Prozess der Jesuiten um 1761

    Der Prozess der Jesuiten

    Traditionell waren die Jesuiten als die Stütze des Königtums in Frankreich und anderen Staaten bekannt. So musste jedes erfolgreiche Vorgehen gegen sie als Bodenverlust für die Autorität des Königs und des Absolutismus, als dessen Verteidiger sie galten, gewertet werden. In Frankreich galten sie in gewissen Kreisen als Agenten des Papstes und wurden so ja bereits im 17.Jh. Ziel von Angriffen verschiedener Parteien, welche wiederum zunahmen, als die Jansenisten während der Regentschaft in Frankreich wieder an Einfluss gewannen. Kein Wunder, dass sich die Feinde der Jesuiten also in den Parlamenten fanden, welche an einer Zurückdrängung der Befugnisse und der Macht des Königs ein primäres Interesse hatten.
    Ebenso wenig verwundert es, dass sich dagegen bei Hofe eine Partei, die sogenannte „fromme“ Partei sammelte, welche im Dauphin Louis Stanislas einen Förderer und Mittelpunkt hatte. Dabei muss man bedenken, dass die Jesuiten bei der Erziehung von zukünftigen Potentaten eine wichtige Rolle spielten, einige von ihnen bekamen in dieser Erziehung ihr ideologisches Rüstzeug für die spätere Herrschaft. Noch nach dem Verbot der Jesuiten wurde bspw. Louis Auguste, der Duc de Berry (u. spätere Louis XVI.) von der frommen Haltung seiner Eltern beeinflusst.
    Jedenfalls gedieh die Bewegung des Jansenismus zu einer Zeit, da der ziemlich unreligiöse Regent, der Duc d’Orléans eigentlich eine Politik der religiösen Toleranz einschlage, aber zugleich den Hochadel in die Gestaltung der Politik einbinden wollte. Die Jesuiten wurden um so mehr von der sich bildenden Partei der „Philosophen“ angegriffen.

    1731 gab man diesen auch einmal wieder einen Vorwand, die angebliche Scheinheiligkeit usw. des Ordens zu entlarven. Einem Jesuitenpater wurde in Lyon der Prozess gemacht, da er einige seiner Beichtkinder missbraucht hatte bis ihn eine junge Frau anzeigte. Ein Beispiel der Verwertung eines solchen Falles durch die Philosophen war die Einflechtung eines Teils des Falles in den erotischen Roman „Thérèse philosophe“, welcher 1748 gedruckt und von Zeitgenossen einem Xavier de Montigny, aber auch eben solchen bekannten Köpfen wie Denis Diderot und dem Marquis d’Argens zugeschrieben wurde. Der Roman fand jedenfalls weite Verbreitung und mit den Schmähungen gegen die gesamte Gesellschaft Jesu wurde dieser in der öffentlichen Meinung einiger Schaden zugefügt.

    Doch den entscheidenden Vorwand lieferte das Attentat auf den König von Portugal 1758, welches von dessen Premierminister Pombal den Jesuiten zugeschoben wurde. Dieses Ereignis wurde in Paris stark aufgebauscht. Der Duc de Choiseul, welcher gewissermaßen die unreligiöse Partei, protegiert von Mme. de Pompadour, leitete, sah darin die Chance gegen den Dauphin und dessen Parteiung vorzugehen. Daher setzte er sich im Parlament gegen die Jesuiten ein.
    Diese hatten just in dieser brisanten Zeit eine Schuldenangelegenheit an die höchste Instanz, das Pariser Parlament, weitergereicht. Es kam zu einem Antrag des Parlamentsrates betreffend der Gefährlichkeit der Jesuiten, welche mit zweifelhaften Beweisen untermauert wurden. 1761 wurde auf ein Verbot der Jesuiten in Frankreich hin gearbeitet, am 12. Februar 1762 erreichte das Parlament von Rouen ein „definitives Urteil“ gegen die Jesuiten.

    Tatsächlich zog sich allerdings der Prozess des Verbots eine ganze Zeit hin, bis 1764 Louis XV. den Jesuiten einen Treueeid abverlangte. Ihre Treue galt allerdings dem Papst ganz ausschließlich und damit hatten die Jansenisten ohnehin schon verschiedentlich die Stimmung gegen die Jesuiten aufgehetzt. So kam dieses Abverlangen des Königs einem Verbot gleich, denn nur 6 Jesuiten ließen sich darauf ein.

    Nicht nur die Partei des Dauphins wurde durch diese Entwicklungen zurückgeschlagen, nein die Niederlage in Frankreich, nachdem sie schon in Portugal vorgefallen war, hatte Signalwirkung. Nacheinander 1767 in Spanien und dann selbst durch den Papst Clemens XIV. 1773 wurde der Jesuitenorden verboten.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Fall Sirven 1763

    Der Fall der Familie Sirven war in gewisser Weise ähnlich zu dem der Familie Calas. Ebenfalls nahm sich Voltaire des Falles persönlich an. Obendrein trug er sich ebenfalls im Zuständigkeitsgebiet des Parlaments von Toulouse wie der Fall Calas zu.

    Eine Tochter des Lanvermessers Jean Paul Sirven aus Castres wurde tot in einem Teich aufgefunden. Da man wusste, dass sich der Vater schon ehedem gesträubt hatte, als man seine Tochter in ein Kloster steckte, wurde er verdächtigt, sie getötet zu haben. Sirven war Hugenotte und Nonnen hatten angeblich gehofft, dadurch dass sie die Tochter von Monsieur Sirven dem alten Glauben wieder zuführten, diese von ihren hysterischen Anfällen (der Artikel Jean Paul Sirven ? Wikipedia spricht auch von einer geistigen Behinderung), zu befreien. Man kann sich vorstellen, dass Monsieur Sirven über die Einmischung der Nonnen und dergleichen sehr außer sich war. Dies wurde ihm nun zur Last gelegt. Angeblich (hier ist die Hauptübereinstimmung zum Fall Calas) habe Sirven seine Tochter durch den Mord daran hindern wollen, zum Katholizismus überzutreten.
    Bevor Sirven u. z. Teil auch seine Familie verurteilt werden konnte, hatte er sich außer Landes gerettet. Die Behörden hatten zwar keine stichhaltigen Beweise (wohl eigentlich nichts) gegen Sirven, aber er wurde dennoch in Toulouse in effigé gehängt. Calas hatte man ja auf das Rad gebunden und bei lebendigem Leib verbrannt. Sirven trat jedenfalls in der Schweiz an Voltaire herran.
    Diesem gelang es den Fall soweit durch die Schrift "Avis au public sur les parricides imputés aux Calas et aux Sirven" sehr bekannt zu machen. Der Kronrat, der sich 1768 damit beschäftigte, wies zwar die Kompetenz von sich, aber immerhin gelang letztlich doch, dass das Parlement den Fall erneut aufrollte, wozu sich Servin entsprechend dem Haftbefehl von 1764 stellen musste. 1771 wurde Servin endlich freigesprochen und lebte immerhin noch bis 1777, nicht ohne Voltaire, der ihn nur um ein Jahr überlebte, zu danken.
     
  8. kskreativ

    kskreativ Neues Mitglied

    Hallo,
    ich ziehe diesen Thread auch noch mal hoch. Wie gestaltete sich eigentlich die Aufklärung eines Mordes im Frankreich um 1760? Wer war dafür zuständig und wie ging man vor? Vor allem auf dem Land. Für England habe ich hier im Forum einiges an Material gefunden. Die Fälle Damien und Calas sind mir auch bekannt, vor allem durch das Tagebuch des Henkers Sanson.

    LG, Karin
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ungefähr sieht man daraus aber schon die Ermittlungsmethoden.

    Der Herzog von Croÿ berichtet in seinen Memoiren davon, wie er ins Artois gesendet wurde, um in dem Mordfall Damiens zu ermitteln, das hieß vor allem Zeugen zu befragen und evtl. über Motive und Hintermänner etwas in Erfahrung zu bringen. So ähnlich darf man sich wohl generell die damaligen Ermittlungen meines Erachtens vorstellen. Man schickte Deputierte in die Gegend meinetwegen der Jugend der Täterin/des Täters und es gab dort Befragungen. Die Ermittler waren Beamte (de Croÿ war ja auch zeitweise Gouverneur der Picardie). Generell war natürlich die gesamte Zivilbevölkerung zu der Suche nach dem Täter aufgerufen.
     
  10. kskreativ

    kskreativ Neues Mitglied

    Das ist jetzt natürlich ein populärer Fall, ich denke da war auch die Resonanz in der Bevölkerung groß. Ich gehe aber mal davon aus, dass sie sich die Hierarchie der Beamten dann eher nach untern verschiebt, wenn es sich um den Mord an verarmten Adeligen handelte, oder? Demnach müssten diese Beamte dann aus der jeweiligen Gemeinde oder Provinz kommen?

    LG, Karin
     
  11. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Ich habe Brissotin so verstanden, dass es sich u.a. auch um Undercover-Einsätze handelte, also Agenten/Spione, die unerkannt befragten. Gegenüber offiziellen Beamten, noch dazu bekannten, wäre man ja nicht so ehrlich.

    Vor allem bezüglich Adeligen, selbst wenn mittellos, nahm man das schon sehr genau.

    @kskreativ
    Ich weiss nicht, warum du verarmten Adel als Unterstufe ansiehst. Es kam häufiger vor, dass Adel wegen ungünstiger z.B. politischer Umstände verarmte, weil sie sich auch schon mit riskanten Geldgeschäften verspekulierten (z.B. stille Anteile von Fabriken nahmen, die bankrottierten) oder schlicht horrende Spieler waren. Das bedeutete per se keinen Ausschluß aus der Gesellschaft. Unverzeihlich war jedoch, wenn man seine Schulden nicht mehr bedienen konnte und vor allem sogenannte "Ehrenschulden" nicht beglich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2012
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  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ja, würde ich so sehen.

    Man müsste mal schauen, wie genau die Rolle des Parlement im Zusammenhang mit den Ermittlungen war. Siehe den Fall Calas. Das ist ja auch eine Morduntersuchung, freilich ohne eigentlichen Mord, gewesen, die ursprünglich kein wirklich prominentes Opfer hatte.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nein, das habe ich nicht gemeint. Warum sollte man gegenüber offiziellen Beamten nicht bei der Fahndung nach einem Mörder behilflich sein? Leider sind mir Mordfälle aus Frankreich noch nicht im Detail untergekommen. In Deutschland wurde Mord schon von der Bevölkerung als ein verabscheuungswürdiges Verbrechen empfunden und entsprechend auch bei der Suche geholfen. Warum hätte man das auch nicht tun sollen? Außerdem war es ja sowas wie eine christliche Verpflichtung.
     
  14. kskreativ

    kskreativ Neues Mitglied

    Die hiesige Bibliothek bietet leider kaum Material in dieser Richtung. Da werde ich wohl über das Internet versuchen müssen, mehr darüber herauszufinden.
    Im Übrigen lag es nicht in meiner Absicht, den Landadel in irgendeiner Weise herabzustufen, aber nach meinen bisherigen Recherchen wurde er vom Hochadel/ Schwertadel schon recht verächtlich behandelt.

    LG, Karin
     
  15. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Ja, aber der Herzog von Croy wurde geschickt um zu ermitteln, wobei es um schlichte "Polizeiarbeit" ging. Das hätten einfachere Beamte aus der Gegend ja sonst auch erledigen können.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2012
  16. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da bringst Du, befürchte ich, etwas durcheinander. Auch Landadel kann Schwertadel sein. Verächtlich schaute man bisweilen auf die Noblesse de Robe wegen der Herkunft. Noblesse de robe ? Wikipedia

    Mit Landadel meinst Du jetzt wahrscheinlich verarmten Landadel, oder nicht? Du meinst den Adel, der sich beispielsweise neben der Wohnstätte auf dem Land kein Stadtpalais in Paris leisten konnte?
     
  17. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Das bezog sich nicht auf verarmten Landadel an sich, sondern eher auf untitulierten "Landadel", also schlichte Gutsbesitzer, oder aufgrund irgendwelcher Verdienste geadelter Personen, also wenn der Titel nicht schon ewig im Familienbesitz war. Vor allem wurden hierfür eigens neue Titel geschaffen, die nichts besagten. Das war manch altem Adel natürlich ein Dorn im Auge.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2012
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Du meinst "Neuadelige"?

    Ich frage mich gerade wieviele "untitulierte" Landadelige es in Frankreich gab.
     
  19. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Ja, Neuadlige. Ich weiß nicht, ob das auch bereits den "Amtsadel" betraf. Alteingesessener Adel rümpfte schon manchmal die Nase, sah sich zumindest als etwas Besseres.

    Siehst du untitulierten Landadel eher als Erfindung der Neuzeit, bzw ausgehendes 19. Jahrhundert wenn man von Briten absieht?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2012
  20. kskreativ

    kskreativ Neues Mitglied

    Ja genau, den meinte ich. Dasselbe Phänomen gab es auch in England, da betraf es die Gentry, eben auch den Landadel.
     

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