Hindenburgs Rolle beim Untergang der Weimarer Republik

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Mauritiu, 2. März 2014.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In der Weimarer Verfassung war der Reichspräsident eine Art Ersatzkaiser. Im Grundgesetz ist der Bundespräsident immer noch der Staatschef, aber seine Macht ist doch erheblich eingeschränkt und das Parlament hat eine wesentliche Befugnis des alten Reichspräsidenten übernommen: Eben die Kanzlerernennung durch Wahl. Der Bundespräsident kann nur noch vorschlagen, was letztlich nur eine Formalität auf Basis des Wählerwillens (Spitzenkanidat der stärksten Fraktion) ist. Das ist erheblich besser, weil auf diese Weise das, was in der Weimarer Republik schief lief, verhindert wird.

    Der Kanzler oder Ministerpräsident hat als Regierungschef die politische Entscheidungskompetenz. Aber das höchste Amt im Staat ist das Präsidentenamt. Der Kanzler kann ohne Kanzlermehrheit nicht regieren, das höchste Amt im Staat hat keine Regierungskompetenz. Der Präsident kann den Kanzler nicht absetzen, aber das Parlament kann dem Kanzler sein Misstrauen ausdrücken.

    Das war in der Weimarer Republik so, in der Bundesrepublik ist das anders. Hier wählt die Bundesversammlung, ein Zusammenschluss von Bundestag und einer gleichhohen Anzahl von durch die Länderparlamente bestimmten Personen (meist Landespolitiker).

    Als ob der Reichspräsident nicht aus "Parteienklüngel" hervorgegangen wäre. Hindenburg war zwar kein Mitglied einer Partei aber eine Galleonsfigur der DNVP.

    Und genau das haben die Verfassungseltern 1949 getan. Aus den Fehlern von 1919 bzw. 1929 - 34 gelernt.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der höchste Amtsträger ist in beiden Systemen der Präsident.
    Da existiert kein Paradoxon.

    Das Problem, dass der höchste Amtsträger versuchen könnte, die Verfassung zu brechen, besteht unabhängig davon, ob er durch eine Direktwahl ins Amt kommt oder nicht.

    In mindestens einem Fall hat es Hindenburg nicht nur versucht...
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Nazis machten exakt 4,2% Verlust, was 34 Sitze im Reichstag weniger bedeutete. In Stimmen ausgedrückt verlor die NSDAP gut 2 Millionen Wählerstimmen. Das ist doch ganz erheblich. Bis Juli 1932 hatte die NSDAP seit Beginn der Weltwirtschaftskrise immer Stimmgewinne verbuchen können, aber im November 1932 einen deutlichen Verlust verbuchen müssen.

    Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung heisst es hierzu:

    "Die nationalsozialistische Welle hatte ihren Höhepunkt erreicht und begann wieder abzuflauen - so urteilte die seriöse Presse. In der Tat setzte sich der Abwärtstrend der NSDAP fort: Am 4. Dezember verlor sie bei den Kommunalwahlen in Thüringen im Verhältnis zur Reichstagswahl vom November fast 25 Prozent, zu der vom Juli fast 40 Prozent ihrer Wählerstimmen.
    Wo lagen die Ursachen für die Stimmenverluste der NSDAP? In erster Linie waren viele ihrer Anhänger unzufrieden mit Hitlers anscheinend erfolgloser Alles-oder-nichts-Strategie. Auch hatte die punktuelle Zusammenarbeit zwischen NSDAP und KPD beim Berliner Verkehrsstreik manche bürgerlichen Wähler irritiert. Darüber hinaus wirkte offenbar abstoßend, dass Hitler sich öffentlich mit brutalen Mördern solidarisierte. Am 10. August 1932 hatten fünf angetrunkene SA-Leute im oberschlesischen Dorf Potempa einen der KPD nahestehenden Arbeitslosen brutal getötet. Am Vortag hatte Papen eine Notverordnung gegen politischen Terror erlassen, die unter anderem die Todesstrafe auf politisch motivierten Totschlag ausdehnte. Als daher die Täter von Potempa am 22. August zum Tode verurteilt wurden, schickte Hitler ihnen ein Telegramm, mit dem er die gesamte bürgerliche Rechtsordnung infrage stellte: "Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre, der Kampf gegen eine Regierung, unter der dieses möglich war, unsere Pflicht!" Papen, der als Reichskommissar für Preußen auch das Begnadigungsrecht ausübte, sorgte am 2. September für die Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Schon im März 1933 wurden die Täter auf freien Fuß gesetzt."

    Der ganze Text ist hier nachzulesen:Deutsche Geschichten
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nach der der Pleite im August, ich spreche hier die erneut gescheiterte Übernahme des Reichskanzleramtes durch Hitler, bröselte auch die innere Geschlosseneheit der Nazipartei. In der SA begann es zu rumoren und Zweifel an der parlamentarischen Taktik wurden laut. Mit Straßer war auch ein beachtlicher Konkurrent vorhanden.

    Nach der Novemberwahl ließe Hindenburg über Meißner Hitler mitteilen, "......daß er es nicht verteten könne, dem Führer einer partei die präsidialen Vollmachten zu geben, die immer erneut ihre Ausschließlichkeit betont hat." Des Weiteren ließ er Hitler seine Befürchtung wissen, das ein von ihm geführtes Präsidalkabinett sich zwangsläufig zu einer Parteidiktatur mit all ihren Folgen entwickeln werde. das war ein klare und unmissverständliche Ansage. Am 02.Dezember 1932 wurde Schleicher Kanzler.

    Hitler wurden durch ein Intrigenspiel schließlich ein paar Wochen später doch noch Reichskanzler, aber ich habe doch Zweiflel daran, das Hindenburg gar nichts anders übrig geblieben sei, denn er hat Hitlers Absichten ja durchaus korrekt erkannt und diese sollen nur wenige Wochen später plötzlich keine Gültigkeit mehr gehabt haben?
     
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Lippe war ein "Zwergland" und der Zuwachs betrug absolut lediglich 27.000 (!) Stimmen. Lippe als Beispiel ist als Hinweis auf den "Wählerwillen" in der WR deshalb nicht geeignet.
    Dies gilt umso mehr, als ein ganz unverhältnismäßig hoher propagandistischer Aufwand durch die NSDAP auf diesen Winzling konzentriert wurde.

    Der Sinn eines demokratisch verfassten Staates besteht aber auch nicht darin, die radikalsten und gefährlichsten Feinde der Demokratie ausgerechnet in dem Moment in den Sattel zu hieven, in dem sie Ihren Zenit bereits überschritten haben.
    Es bedarf da schon eines obersten Repräsentanten, der die Ordnung ablehnt, zu deren Wahrung er bestimmt ist.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sicher war Lippe ein überschaubarer Wahlbereich, was die Zahl der Stimmen anging.

    Die zeitgenössische Aufmerksamkeit war jedoch erheblich - Lippe wurde durchaus als Trend für das Reich verstanden, und dies wurde von der NSDAP zusätzlich gepusht. Zudem verstand man Lippe als notwendige "Belegfall" für die Trendwende des Rückganges der NSDAP-Stimmen vom Nov. 1932 - Hintergrund waren Gespräche um die Einsetzung Hitlers als Reichskanzler im Januar 1933.

    http://www.geschichtsforum.de/f66/wahlkampf-1933-lippe-19163/
     
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die 'Überschaubarkeit' ergibt sich ja auch aus dem Verhältnis der Wählerzahl.
    "Noch einiges zur Ausgangslage:

    In Lippe ging es insgesamt um rd. 100.000 Stimmen"


    Wenn wir mal so flott, aus der Hüfte heraus, von insgesamt 40 Mio Wahlberechtigten ausgehen, dann betrug der maximale (hier 100%) Ausdruck des 'Wählerwillens' von Lippe 0,25% der Weimarer Republik.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist allerdings die nachträgliche Sicht.

    Die damalige Wahrnehmung kreiste um die Bedeutung der Lippe-Wahl, und ob der Wiederanstieg in Lippe einen Reichstrend darstellte oder nicht, ist Spekulation. Fest steht, dass der Abstieg gebremst wurde, und der NS-Stimmenanteil wieder anstieg.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Eine "nachträgliche Sicht" ergibt sich nicht aus einer, zur fraglichen Zeit bekannten, Gewichtung der offenkundigen Zahlenverhältnisse.
    Es scheint also eher so zu sein, dass es eine zeitgenössische Sicht war..
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das mit dem überschrittenen Zenit ist doch ein Wunschtraum.
    Mir wäre es auch lieber, wenn die Deutschen 1932 nicht zu über 30 % die Nazis, zu über 40 % rechtsradikal und zu über 50 % antidemokratisch gewählt hätten. Haben sie aber. Um von einem überschrittenen Zenit der Nazis in der Weimarer Republik zu sprechen, müssten wir auch über die nächsten 20 Jahre über Wahlergebnisse verfügen. Ist aber leider nicht so, weil mit dem 30. Januar das Dritte Reich einsetzt und wir über keinerlei empirisches Material mehr verfügen, welches die Wählerzustimmung zu den Nazis und den anderen Antidemokraten unter normalen, demokratischen Verhältnissen gewesen wäre.
    Unser empirisches Wissen aus der Bundesrepublik ist aber, als Beispiele wurden Wahlergebnisse für CSU und FDP vorgeführt, dass die Wählerzustimmung zu einer Partei schwankt, mitunter extrem.

    Die Nazis an der Macht war ohne Zweifel das katastrophalste Ende, welches die Weimarer Republik nehmen konnte (neben einem Bürgerkrieg á la Spanien '36 - '39), nichtsdestotrotz waren sie durch den Wähler zur Regierungsbildung legitimiert, auch noch nach den Verlusten vom November. Sie bildeten die stärkste Fraktion. Das wegzureden ergibt keinen Sinn. Die Demokraten der Weimarer Republik haben es schlicht und einfach versäumt, Instrumente zum Schutz vor einer terroristischen und verfassungsfeindlichen Partei zu schaffen, bzw. die Verbote dieser Partei und ihrer Gliederungen (wobei ein Parteienverbot natürlich nicht die Mitglieder und Symapthisanten inexistent macht), wurden immer wieder aufgehoben. Im Sommer '32 ausgerechnet in der heißen Wahlkampfphase...
     
  11. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Der Rückgang um 2 Millionen Stimmen 1932 alleine kann keine Trendumkehr belegen. Es sind ja schon Beispiele für ähnliche Schwankungen in der Nachkriegszeit genannt worden. Wenn schon die Daten einer Wahl heran gezogen werden sollen, dann müsste der kurzfristige Trend von längerfristigen Überzeugungen getrennt werden (so wie es heute anhand einer wesentlich besseren Datenbasis geschieht). So könnte ja der Wahlkampf einer der großen Parteien über- oder unterdurchschnittlich gewesen sein oder ein Ereignis direkt vor der Wahl hat die Stimmung unter den Wählern beeinflusst usw.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich ähnlich.

    Was sagt denn Falter mit seinem Standardwerk zu diesem "Trend" der -Novemberwahlen 1932 bzw. zu den Ursachen? Gibt er eine Einschätzung, wie das im Hinblick auf 1933 zu werten ist?
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei das mit Lippe so auch wieder ein wenig komplizierter ist.
    Nur auf den Landtag gerechnet machte die NSDAP von '29 auf '33 einen Sprung von 3,x (Wahlbeteiligung 76,33) auf 39,x. (Wahlbeteiligung: 85,10) Wenn man aber die anderen Wahlen mitberücksichtigt, dann hat man etwa die Reichstagswahlen:
    1928: 2,x (Wahlbeteiligung Lippe: 79,73)
    1930: 22,x (81,97)
    1932 (Juli): 41,12 (86,38)
    1932 (Nov.): 34,74 (82,22)
    Und dann eben die berühmte Landtagswahl: 39,48.

    Das relativiert den Sprung vom 15. Januar '33 natürlich ein wenig und schwächt meine Argumentation. Wenn man sich allerdings die Wahlbeteiligungen ansieht, dann kann man folgenden Trend erkennen: Je höher gegen Ende der Weimarer Republik (hier angesetzt mit dem 30. Januar '33, offiziell blieb die Weimarer Verfassung ja bis '45 in Kraft) die Wahlbeteiligung, desto besser das Ergebnis der NSDAP.

    Die Ergebnisse der Landtagswahlen und Reichstagswahlen vom 5. und 8. März 1933 sind identisch. Identische Wahlbeteiligung, identischer Stimmenanteil (zumindest auf Prozentebene) für die NSDAP (und soweit ich das sehe, auch bei den anderen Parteien).
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Gegenüber der Wahl vom Juli 1932 hatte die NSDAP absolut betrachtet 3500 Wählerstimmen verloren und das trotz des beispielslosen Aufwandes. Der Ministaat wurde ja förmlich von Hitlers wahlkampfmaschinie überrollt und dafür nimmt sich das Ergebnis eher bescheiden aus. Es war wohl doch eher ein pyschologisches Signal, was von dieser Wahl ausging und es Hitler auch ermöglichte mit Strasser abzurechnen.

    Wenn das Wahlergebnis schon damals sorgfältig genug analysiert worden und dies dann auch publiziert worden wäre, dann wäre diese wohl schlicht verpufft und es mit den Nazis bergab gegangen. Goebbels großspuriger Tagebucheintrag "Partei wieder auf dem Vormarsch" kann so nicht unterschrieben werden.

    Der Rückgang bei der vergangenen Reichtstagswahl von 2 Millionen Stimmen, der hier merkwürdigerweise ein wenig kleingeredet wird, ist doch schon ein erhebliches deutlicheres Signal, als das bescheidene Resultat von Lippe.
     
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  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    Eine Anmerkung dazu:
    Richard Overy – The Dictators – Seite 44:
    Alan Bullock – Hitler und Stalin – Parallele Leben – Seite 425:
    Peter Borowsky http://hup.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2008/9/chapter/HamburgUP_Schlaglichter_Hitler.pdf – PDF-Seite 7:
    (Danke an Dieter für den Link)
    Nicht anders gekonnt?
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. März 2014
  16. Hans forscht

    Hans forscht Aktives Mitglied

    Wenn ich das hier lese:

    frage ich mich, ob die Übersetzung dermaßen übelst schlecht ist oder Bullock tatsächlich von "Papen und der Clique um den Reichspräsidenten" spricht, was dann mangels hinreichender Distanz dagegen spräche, ihn ernst zu nehmen.

    Es erschließt sich mir auch nicht, wenn immer wieder Nationalsozialisten und Konservative in einen Topf geworfen werden, so frei nach dem Motto Menschenverächter und "die Rechten" sei gleichbedeutend. Mehr Sinn würde es vielleicht machen, Hitler, Stalin, Pol Pot und Leopold II. in einen Topf zu werfen, ob rechts ob links, jedenfalls menschenverachtend (aktuelle Beispiele habe ich mir bewußt verkniffen).

    Zurück zu Hindenburg: Das war Politik, also ging es um für zweckmäßig befundene Bündnisse und nicht um Cliquen. Nachher sind wir alle schlauer und haben jeden Anlass zu der Annahme, dass es Hindenburg sicherlich nicht gefallen hätte, was aus der Regierung Hitler geworden ist.

    Hat hier irgendwer das Bullock-Buch auf Englisch zur Hand?: Was schreibt Bullock im Original?
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die "politischen Berater" um Hindenburg haben in der Literatur die Phantasie der Historiker geweckt. Dieses undurchsichtige Netzwerk von Personen und Interessen wurde als "Clique", als "Berliner Machtkartell" oder als "Kamarilla" bezeichnet. Und diese Begriffsbildung ist der Versuch, ein politisches Einflusszentrum zu beschrieben, das außerhalb der politischen Legalität und Legitimität gegen die Weimarer Republik agierte. Deswegen ist die Kritik an Bullock völlig überzogen!

    Ansonsten ist die Wahrnehmung von Hindenburg, wie oben bei "Hans forscht" beschrieben, 1. inhaltlich nicht zutreffend und 2. entlastet aus diesem Grund Hindenburg und seine "Clique" in seiner/ihrer problematischen Rolle.

    Der Sichtweise von hatl kann ich mich zum großen Teil dagegen anschließen, nicht zuletzt da er Fakten in Anlehnung an kompetente Historiker liefert. Was andere nicht tun und durch "Meinung" ersetzen!

    Am 20. Mai 1928 war die politische Welt der Weimarer Republik oberflächlich betrachtet relativ intakt. Die SPD, als eine der wichtigsten Garanten der WR, war mit 29,8 Prozent als stärkste Partei aus der Wahl hervorgegangen (vgl. 6, S. 71) und insgesamt wurde dieser Wahl ein „Linksrutsch“ zugesprochen. Die NSDAP hatte lediglich einen Anteil von 2,6 Prozent und war politisch faktisch „tot“.

    Die gesellschaftliche Situation, aus der Sicht eines Amerikaners, kann mit Shirer in ihren Oberflächenphänomenen gut beschrieben werden: „A wonderful ferment was working in Germany. Life seemed more free, more modern, more exciting than in any place I had ever see. …The old oppressive Prussian spirit seemed to be dead. Most Germans one met….struck you as being democratic, liberal, even pacifist.” (13, Loc 2882). In ähnlicher Weise beschreibt Mai die generelle Situation in der WR, die durch Fortschrittsoptimismus und radikale Kulturkritik geprägt war, begleitet durch die Auflösung von traditionellen Normen und Milieus (10, S. 18ff).

    Zu diesem Zeitpunkt, 1928, gab es vermutlich niemanden, inklusive Hitler, der die Erosion der politischen Systems der WR bis 1933 prognostiziert hätte.

    Versucht man dennoch Faktoren zu benennen, dann wirken Faktorenbündel zu unterschiedlichen Phasen der WR, die aufeinander aufbauen und erst in bestimmten historischen Kontexten politisch relevant werden konnten.

    Für die Übergangsphase vom Kaiserreiche zur WR (1918-1919) sind es zwei Faktoren, die bei Wehler auch als „strukturelle Belastungen“ thematisiert werden und die politische Kultur von Weimar prägen sollten:

    1.Der Zusammenbruch des wilhelminischen politischen Systems ohne eine umfassende Veränderung, auch einen personellen Neuanfang, des politischen Systems. Und mit der Konsequenz, das die politische Machtbasis der ostelbischen, nicht selten aristokratischen, Großagrarier weitgehend intakt geblieben ist.

    2.Der verlorene Krieg und seine vertragliche Festschreibung des juristisch definierten "Schuldeingeständnisses" im VV inklusive der Formulierung der Dolchstoßlegende eines angeblich unbesiegten Heeres im Felde. Und der Möglichkeit zur innen- und außenpolitischen Instrumentalisierung durch deutschnationale konservative Kreise.

    Für die Erklärung der politischen Instabilität der WR sind zwei Aspekte relevant, die destabilisierend in der Schlussphase auswirken sollten.

    A. Mit der Verfassung der WR wurde einem „jakobinischen, Parlamentarismus" der Riegel vorgeschoben, der die Legislative und die sie tragenden Parteien gegenüber anderen Organen der Verfassung schwächte. Verstärkt durch das tradierte wilhelmische Verhaltensmuster, das auf eine relativ starke Distanz zwischen den jeweiligen Vertretern der Parteien in der Regierung und ihren eigenen Parteien hinauslief (4, S. 500).

    Dieses strukturelle Missverständnis des Parlamentarismus lief auf eine vertikale Trennung zwischen Exekutive und Legislative hinaus, anstatt die horizontale Trennung nach Regierungsparteien und Oppositionsparteien zu betonen. Die Konsequenz für die WR war, dass es die Formulierung eines übergreifenden, die Parteien bzw. ihre Vertreter im Reichstag bindenden Konsens deutlich erschwerte. Und stattdessen fast alle Parteien im Reichstag in sehr enger Anbindung an die Interessenstrukturen Ihrer Klientel agierten. Deutlich wird das im rechten Spektrum, aber betrifft auch hochgradig die KPD und ihr Versagen bei der Bewertung der politischen Rahmenbedingen im Zuge der ersten Wahl von Hindenburg im Jahre 1925. Und an diesem Punkt wird dann ersichtlich, dass die Verweigerungshaltung der zentrale Aspekt ist, den man der KPD im Jahr 1925 im Besonderen und bis 1933 im Allgemeinen vorhalten kann. Und als Ursache wird man die völlig absurde Theorie des „Sozialfaschismus“ an die Adresse der SPD benennen können.

    B. Eine weitere problematische Entscheidung betraf die Position des Präsidenten und seiner direkten plebiszitären Legitimation. Die Verfassungsgeber räumten dem Präsidenten, in retrospektiver Huldigung des autokratischen Prinzips des Monarchen, eine sehr starke Position ein und verschoben die Gewichtung in Richtung Präsidialamt und weg vom Parlament. Auf die problematische politische Rolle, die die Judikative in diesem Zusammenhang spielt, soll nicht näher eingegangen werden.

    Die politischen, strukturellen Rahmenbedingungen für den finalen Akt ab 1929 der WR lassen sich so kurz beschreiben und ermöglichen einen Blick die politische Strategie der politischen Legalisten (SPD), monarchischen Revisionisten (Hindenburg, Meissner, Brüning, Papen), politischen Zauberlehrlingen (Schleicher & Hammerstein) und radikalen Hazardeuren (Hitler).

    Zur Verschärfung der strukturell bedingten politischen Polarisierung nach 1928 haben eine Reihe von unvorhergesehenen Ereignissen entscheidend zusätzlich beigetragen.

    Als unabhängige Randbedingung ist sicherlich die Weltwirtschaftkrise 1929/30 zu benennen, die die wirtschaftliche Deprivierung der Mittelschicht wieder massiv in den Vordergrund stellte und die Attraktivität einer völkischen Solidaritätsgesellschaft jenseits von Klassen verstärkte. Und einer der Gründe für die zunehmende Popularität von Hitler bildetete.

    Bedeutsam ist jedoch vor allem der Schritt von Schleicher im Frühjahr 1929 (11, S. 343), Hindenburg davon zu überzeugen, Brüning als neuen Reichskanzler einzusetzen und die SPD von der weiteren Regierungsverantwortung auszuschließen (11, S. 349 und 9, S. 132 ff). An diesem Punkt treffen sich die Interessen der Vertreter des „alten Nationalismus“ (Monarchisten) und die des „völkischen Nationalismus“ (3).

    Und es bilden sich politische Gravitationszentren, die teils ähnliche teils widersprechende politische Vorstellungen verfolgten. Dennoch kann man sicherlich als Übereinstimmung zwischen Brüning und der Kamarilla um Hindenburg einen starken monarchischen Revisionismus erkennen. Der noch deutlicher wird in seiner Bindung an die Interessen der ostelbischen Großagrarier und der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation bzw. Privilegien dienen sollte (vgl. 1 und 2).

    Dass Schleicher dann Papen mit Hilfe einer „Bürgerkriegsstudie“ der RW entmachtet (4, S. 485) und sich selber via Hindenburg als Kanzler einsetzt und eine „Querfront“ verfolgt, die zum Entzug des Vertrauens durch Hindenburg führt, sei noch angeführt, um das intrigenhafte Spiel im Umfeld von Hindenburg zu beleuchten. Und es war auch ein Wehrkreiskommandeur, General v. Blomberg, der sich für die Absetzung Schleichers stark gemacht hatte. Wie insgesamt die Rolle der RW am Zusammenbruch der WR noch nicht ausreichend aufgearbeitet worden, wie Wehler konstatiert (15, S.582).

    Und die letzte Phase zeigte ebenfalls die weitgehende Entmachtung des Parlaments und auch die völlig Ratlosigkeit der größten pro-republikanischen Kraft, der SPD, wie sie mit der Herausforderung durch Hitler umgehen sollte (14).

    Es gab somit einen politischen Konsens rechts von der SPD, der die neue Qualität der politischen Kultur in der Weimarer Republik beschrieb. Es war die Lösung vom monarchistischen Weltbild als politisch wünschenswertes System, das dennoch die autokratische Sichtweise als Traditionsbestand fortführte und es durch die zielorientierte "Funktionalität" militärischer Sichtweisen, sprich als Militärdiktatur, ergänzte. Dabei waren sich Hammerstein und andere im klaren darüber, dass es der zusätzlich Akklamation durch die Massen bedurfte, als Legitimation der konservativen Eliten und deswegen war Hitler eine notwendige Ergänzung. Der Konsens war der Wille zum Staatsstreich und der Neugestaltung der politischen Kultur.

    Auch um dieser Aussage ein zusätzliches Gewicht zu geben, ein Ausschnitt aus Frei, der die Absicht der Regierung Hitler / Papen vom Nov. 1932 kommentiert.

    "Erklärte gemeinsame Absicht der Koalition war die Befreiung der deutschen Politik vom Marxismus. Die Kommunisten, ..., sollten ausgeschaltet werden, die Sozialdemokraten ...und mit ihnen die Gewerkschaften zumindest jeglicher Relevanz entledigt werden. Den Parlamentarismus war die reaktionäre Rechte [mein Hinweis: um Hindenburg] satt. Ihr ging es um die Errichtung eines dauerhaften autoritären Präsidialregimes. ....Der Vizekanzler [Papen] konnte der Zustimmung Hitlers sicher sein, als er in der zweiten Kabinettssitzung am 31. Januar erklärte, "es sei am besten, schon jetzt festzulegen, daß die kommende Wahl zum Reichstag die letzte sein solle und eine Rückkehr zum parlamentarischen System für immer zu vermeiden sei"." (S. 45)

    Der Führerstaat: Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945 - Norbert Frei - Google Books

    In diesem Sinne wird die verheerende Rolle von Hindenburg und seiner Kamarilla für die Vorbereitung der Machtübernahme durch Hitler deutlich unterschätzt. Die Errichtung einer Militärdiktatur war im Prinzip eine beschlossene Sache. Vollendet allerdings nicht durch die reaktionären konservativen Eliten, sondern durch den Nationalsozialisten Hitler.

    Ein Resümee soll in Anlehnung an Büttner und Wehler erfolgen: „ Die Weimarer Republik mußte in der kurzen Zeit ihres Bestehens mit enormen Schwierigkeiten fertig werden. Wegen ihrer großen strukturellen Vorbelastungen, der vielfältigen sozialen Spannungen, der Schwäche ihrer Eliten und der überzogenen Erwartungen ihrer Bürger war sie dafür schlecht gerüstet. Den letzten Stoß aber erhielt sie durch den revisionistischen Ehrgeiz einer konservativen politischen Führung, die seit der Ära Brüning inmitten einer dramatischen Wirtschafts- und Staatskrise danach strebte, die außen- und innenpolitische Niederlage von 1918 zu überwinden.“ (4, S. 509) und Wehler formuliert:“ Daher erwies es sich als Tragödie, dass das Berliner Machtkartell [gemeint ist Hindenburg und Umgebung], geblendet vom eigenen Interessenegoismus, es überhaupt unternommen hatte, mit Hitler und seiner Bewegung die Gegenrevolution gegen Weimar zu vollenden.“ (15, S. 593).

    1.Bracher, K.D.: Die Auflösung der Weimarer Republik, 1984
    2. Bracher, K.D.: Die deutsche Diktatur. 1996/1979
    3.Breuer, S: Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, 2010
    4.Büttner, U. Weimar. Die überforderte Republik 1918 – 1933, 2008
    5. Dahrendorf, R.: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, 1965
    6.Falter, J., T. Lindenberger, S. Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik, 1986
    7.Jesse, E.: Systemwechsel in Deutschland, 2010
    8.Kluge, U.: Die Weimarer Republik, 2006
    9.Kolb, E.: Die Weimarer Republik, 2009
    10.Mai, G.: Europa 1918 – 1939, 2001
    11.Mommsen, H. Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar, 2009
    12.Möller, H. Die Weimarer Republik. 2004
    13.Shirer, W.L: The Rise and the Fall of the Third Reich, 1961/2011
    14.Smaldone, W. : Confronting Hitler: German Social Democrats in Defence oft he Weimarer Republic, 1929 – 1933, 2009
    15.Wehler, H-U: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914 – 1949, 2008
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2014
  18. Turgot

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  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Aus dem Kontext wird es ja wohl ersichtlich.
     
  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zur Ergänzung: Meine Angaben stammen aus Heinrich August Winklers Werk "Weimar 1918-1933"
     

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