Historische Filme angesiedelt um 1800

So besteht er einfach daraus, dass alle Paare modernen Walzer tanzen statt irgendetwas, was auf einen Ball in der Epoche passen würde (da am Anfang des Balls in dem Fall natürlich Menuet).
Zwar ist "Wiener Walzer" schon 1797 (Breslau) als Begriff nachgewiesen, aber in Mode auch in der "besseren Gesellschaft" kam er erst nach dem Wiener Kongress. Und so richtig durchstarten erst im Zug der Romantik - hier aber verblüffend spektakulär: die Uraufführung der Symphonie fantastique op.14 von Hector Berlioz 1830 in Paris war eine Sensation aus mehreren Gründen (Programmmusik, Orchestration, "leitmotivische" Verzahnung aller fünf Sätze usw.) Für uns daran interessant: der zweite Satz Un Bal (!) ist ein opulenter Konzertwalzer! Die innovative Sinfonie konnte sich darauf verlassen, dass ihr Publikum keine inhaltliche Neuigkeit dechiffrieren musste: dass Walzer und Ball zusammenpassen, war da schon klar - neu und ungewohnt war, dass der Walzer den Scherzosatz ersetzte.
@Brissotin du verzeihst mir diese Abschweifung. Ich will damit sagen, dass wir uns in einer Art Grauzone bewegen, wenn wir für Russland um 1805 "keine Walzer" oder "ja klar, Walzer" für Bälle der oberen Zehntausend postulieren. Möglicherweise ist es nicht ganz falsch, was die Filmszene betrifft. Wahrscheinlich erscheint mir: anfangs französische Menuets, dann peu a peu Ausgelassenheit und Walzer als Ablauf. Es schwappten im 18./19. Jh. allerlei Moden (Musik, Literatur, Gepflogenheiten etc) nach Russland, wo man Paris & Co imitierte.
 
@Brissotin du verzeihst mir diese Abschweifung. Ich will damit sagen, dass wir uns in einer Art Grauzone bewegen, wenn wir für Russland um 1805 "keine Walzer" oder "ja klar, Walzer" für Bälle der oberen Zehntausend postulieren. Möglicherweise ist es nicht ganz falsch, was die Filmszene betrifft. Wahrscheinlich erscheint mir: anfangs französische Menuets, dann peu a peu Ausgelassenheit und Walzer als Ablauf. Es schwappten im 18./19. Jh. allerlei Moden (Musik, Literatur, Gepflogenheiten etc) nach Russland, wo man Paris & Co imitierte.
Walzer sind total typisch für die Zeit um 1805. Aber diese wurden eben vollkommen anders getanzt. Ziemlich beliebt ist heute in der Tanzszene, der "Duke of Kent's Waltz" von 1803. In den 1790ern findet sich der Begriff "Walzen" (auch als Waltzen) in Tanzschriften. Aber das sieht eben anders aus und ist kein Paartanz sondern in diesen Tanzschriften eine Figur innerhalb einer komplexen Choreographie. Im Paar tanzte man 1805 beispielsweise Allemand oder eben Menuet - wobei es beides auch mit mehr Personen gab. Wir kennen eigentlich sehr gut durch beispielsweise Kattfuß den Fokus der Tanzmeister um 1800. Das faszinierende finde ich eben, dass "War and Peace" ja eine britische Produktion ist und in britischen Produktionen hat man sich in den letzten Jahrzehnten schon deutlich mehr Mühe damit gegeben einen Ball darzustellen.

Ich habe auch schonmal, wenn ich nicht irre, zu Musik von Beethoven getanzt.

Ich fände es spannend zu erfahren wie typisch die russischen Lieder in der Serie sind. Sind sie aus der Zeit? Ist das Russisch für einen Russen verständlich?
Bei Musik im Film kommt ja auch manchmal komisches raus und da freue ich mich über Experten.
 
"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 5


Handlung: Während die Lage der Rostovs sich zuspitzt, hadert Pierre mit seinem Schicksal. Hélène nutzt ihn weiterhin aus und will sogar ihren Liebhaber Boris bei den Freimaurern platzieren um scheinbar seinen Aufstieg zu fördern, auch wenn dies natürlich nicht der Sinn der Freimaurerei entspricht bzw. diesem widerspricht.
Ihren nichtswürdigen Bruder Anatole (Callum Turner) versucht sie bei Natascha anzubringen, obwohl ihre Familie ja ruiniert ist und Anatole sowieso verheiratet und keinerlei Nutzen daraus zöge. Die armen Rostovs sind vom barschen Verhalten von Fürst Bolkonski schockiert, welcher Graf Rostov dadurch vor den Kopf stößt. Doch Fürst Bolkonski wird zusehends wahnsinniger und Prinzessin Marya (Jessie Buckley) vermag die Wogen nicht zu glätten, obwohl sie von Pierre seine Meinung über Natascha einholt, auch weil der Fürst in seinen Launen zusehends der hübschen Mademoiselle de Bourienne (Olivia Ross) verfällt, die ihn zu steuern weiß. Dadurch dass Andrej doch länger auf der Kur in der Schweiz bleibt und das Wesen des Fürsten Bolkonski wird Natascha in die Arme von Anatole getrieben, welcher ihr auf eine unverschämte und zudringliche Weise den Hof macht. Den beiden Geschwistern gelingt es Natascha zu einem Ausreißen mit Anatole zu bewegen, wodurch sie das Ansehen ihrer Familie in den Dreck ziehen würde, wenn da nicht der besonnene Pierre Einhalt gebieten kann, der Anatoles finstere Geheimnisse kennt ...

Diese Folge wendet sich stärker den Intrigen zu. Die Beweggründe einiger Akteure sind mir schleierhaft. Ganz sonderbar ist eine Art Umkleideraum (???) in einem Stadtpalais in Moskau, wo Anatole die naive und sexuell offenbar unaufgeklärte Natascha zu verführen sucht.
Das Hauptproblem für mich mit der Folge ist, dass Anatole einfach immer wie ein Hooligan wirkt, abweisend, stolz, überheblich, brutal. Man sieht nicht wirklich warum ihm denn Natascha verfallen soll, wenn er solche Mienen macht. Er ist einfach kein Verführer. Seine Schwester in ihren No-Period-vulgären Klamotten scheint ja alle Männer verrückt und gefügig zu machen. Vielleicht ist es, weil Anatole der erste Mann ist, der ein körperliches Verlangen nach ihr bekundet, was keiner sonst tat?
Was mir gefiel ist, dass in der Oper tatsächlich Musik gespielt wurde, die nach zeitgenössischer Musik klang. Die Ouvertüre klang nach "Pierre le Grand" oder dergleichen von Grétry. Es ist auch nett, wenn eine Dame in einem Salon ein Gedicht auf Französisch vorträgt - wohl eine Emigrantin(?).
Die Kostüme sind eben wie gehabt teilweise der Abschuss. Der Regisseur, der sonst den Männern, OK- bis gute Kostüme zugestand, hat es offenbar mit ulkigen Hemden. So hat Graf Rostov immer wieder ein Hemd aus so einem Crèpe, wo man heute Blusen draus macht oder Pierre hat gestreifte oder gemusterte Hemden. Da Dolokhov ja ein Bösewicht ist, wurde das in einer Folge ja schon dadurch unterstrichen, dass er ein schwarzes Hemd bekam (sic.!). Davon abgesehen, dass ein Herr 1810 oder auch davor sowieso normalerweise nicht im Hemd irgendwo rumgesessen hätte. Ist es in St. Petersburg oder Moskau so unglaublich heiß? Vielleicht soll das kindische Verhalten von Fürst Bolkonski auch einmal dadurch unterstrichen werden, dass er ein Kinderhemd angezogen bekommt?

3 von 10 Abi-Abschlussball-Frisuren.
 
Da die beiden Folgen etwas überlappen - die eine stellt den Aufmarsch zur Schlacht bei Borodino dar und die andere dann die Schlacht.

"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 6 + 7


Handlung: Fürst Bolkonski verfällt weiterhin dem Wahnsinn. Als die Franzosen einmarschieren, will er die Miliz aufbieten, obwohl die meisten Bauern bereits geflohen sind. Auf einem kleineren Landsitz stirbt er nach einem Herzschlag. Doch hier weigern sich die Leibeigenen Prinzessin Marya Pferde zur Verfügung zu stellen und sie trifft zufällig Graf Nikolai Rostov, der in der Nähe mit seinen Husaren unterwegs ist. Er eskortiert sie in die nächst größere Stadt und er bemerkt eine gegenseitige Zuneigung, entsinnt sich aber auch seiner Verlobung mit Sonya.
Derweil will sich Pierre der Armee anschließen ohne wirklich zu wissen, was er tut. Im Feldlager in Borodino trifft er Andrej wieder, der sich weiterhin streubt Natascha zu verzeihen. In der Schlacht erlebt Pierre an einer Geschützbatterie die Schrecken des Krieges. Kutusow beschließt nach der Schlacht Moskau preis zu geben. Pierre geht nach Moskau mit dem Vorhaben Napoléon (Mathieu Kassovitz) zu ermorden.
Die Familie Rostov muss aus Moskau fliehen und lässt ihre ganze Habe zurück um mehr verwundete Soldaten mitführen zu können. Wie Natascha schließlich erfährt, ist auch Andrej unter den Verwundeten und sie ist bei ihm, als er schließlich auf einem Schloss umgeben von seinem Sohn und seiner Schwester stirbt.

Borodino fand ich immerhin besser gefilmt als Austerlitz. Da es die Produktionskosten offensichtlich gesprengt hätte, werden Szenen mit Reiterei komplett weggelassen und der Fokus der 7. Folge ist auf dem Kampf an einer verschanzten Batterie und das Vorrücken von Andrejs winzigem Regiment, welches nur im Geschützkugelhagel gezeigt wird.
Etwas lächerlich wirkt der Aufzug von Fürst Bolkonski. Später erwähnt Kutusow, der ebenso alt wirkt wie der Fürst, dass Bolkonski in seiner Zeit ein großer Soldat gewesen sei. Aber welche Zeit soll das sein? Beim Uniformrock dachte ich an die 1790er, der Hut wirkte aber ulkig dazu. Er soll wahnsinnig sein - OK. Aber er würde doch wohl nicht allein zu seinem Regiment reiten, sondern seine Prima Plana seines Milizregiments zusammen rufen.
Was mich aber besonders verzweifeln lässt ist irgendwie diese Besetzung von Napoléon. Mathieu Kassovitz ist ein französischer Regisseur (La Haine) und hat vielleicht die Rolle bekommen, weil er Franzose ist. Aber es scheint auch so, als ob man jemanden gesucht hätte, der dem Kaiser der Franzosen so unähnlich wie möglich ist mit seinem schmalen, länglichen Gesicht. Daneben finde ich komisch, dass man nichtmal Napoleons Hut hinbekommen hat. Ich meine, das ist doch das Einfachste von der Welt. Es gibt soviele Originale wie im Schloss Friedensstein in Gotha. Nirgends sieht man bspw. eine schwarze Kokarde UNTER der Nationalkokarde. Es wirkt auch wunderlich, dass man in der ganzen Serie niemals den Kaiser umgeben von seinen Marschällen sieht, sondern immer nur irgendwelche niederen Offiziere, die ihn nach irgendetwas fragen. Vielleicht waren den Machern die Marschallsuniformen zu aufwendig? Jedenfalls spielt für mich Kassovitz in keiner Szene Napoléon. Er zeigt weder dessen Ungeduld, noch seine bekannten Macken.
Komischerweise hat man sich bei Kutusow mehr Mühe gegeben und wenn auch bei Alexander die Haarfarbe nicht stimmt, wirkt doch der Schauspieler (Ben Lloyd-Hughes) vom Gestus her wie ein Herrscher mit klaren Vorstellungen.
Borodino wird in Relation zu anderen Produktionen verkürzt dargestellt und das Sterben von Andrej stärker ausgewalzt. Eine Miniserie ist beim Budget natürlich irgendwie limitiert und es gelingt genausowenig wie bei den anderen Schlachten die charakteristischen Momente des Ereignisses irgendwie widerzugeben.

3 von 10 Kanonenkugeln.
 
"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 8


Handlung: Pierre wird als Attentäter verhaftet nachdem er ein Kleinkind gerettet hat und von den Franzosen verschleppt, da er knapp der Erschießung entkommt. Später wird er mit wenigen anderen Überlebenden durch Reiterei befreit, der auch Dolokhov angehört. Dabei stirbt der jüngste Sohn der Rostovs.
Graf und Gräfin Rostov werden von dem Schicksalsschlag hart getroffen und auch der alte Graf verstirbt kurz darauf - zutiefst davon überzeugt, dass er am Untergang seiner Familie schuld sei, die nun in eine kleine Wohnung umziehen muss. Prinzessin Marya aber besucht die Rostovs um ihnen anzubieten bei ihr in ihrem riesigen Palast einzuziehen - sie ist ja durch den Tod von Schwägerin, Bruder und Vater mehr oder minder allein - was Nikolai nicht annehmen will. Dann aber sucht er als neues Familienoberhaupt die Prinzessin auf und sie will ihn als ihren Retter heiraten.
Derweil erholt sich Pierre von den Strapazen der Gefangenschaft und reflektiert über seine Erlebnisse. Seine Gemahling Hélène ist von allen verlassen unterdessen gestorben, da sie ein uneheliches Kind in sich trug, sich aber dadurch nirgends in der St. Petersburger Gesellschaft blicken lassen konnte. Natascha ist vom Wandel in Pierres Wesen und seine Güte erstaunt und willigt schließlich in die Ehe mit ihrem und Andrejs alten Freund ein.

Der Rückzug der Franzosen aus Russland wirkt hier irgendwie unwirklich. Auch geht ihm die Dramatik ab, die man normalerweise durch andere Verfilmungen kennt. Es sind halt ein paar Leute, die durch Schnee laufen. Sehr seltsam wirkt auch der kleine Trupp, der Pierre bewacht. Hat es so kleine Einheiten abseits der Marschkolonne gegeben? Natürlich muss die Truppe sehr klein sein, weil die wenigen Statisten der Reiterei sonst ja nicht ausgereicht hätten.
Am besten fand ich in der ganzen Miniserie den Abschnitt mit Pierre im chaotischen Moskau wiedergegeben oder wenn man einfach nur Szenen in den Moskauer Palästen filmte.
Einen Aspekt habe ich nicht verstanden. Wenn die Rostovs doch in Folge 4 den Moskauer Haushalt aufgeben, warum sind sie beim Russlandfeldzug wieder dort? Warum ziehen sie innerhalb Moskaus in eine billigere Bleibe, wenn sie doch auch einfach aufs Landgut gehen könnten? Sie haben ihre Möbel etc. in Moskau verloren, das habe ich ja verstanden. Aber was treibt sie dann überhaupt dazu dort zu wohnen, wo doch das Leben auf ihren Landgütern viel günstiger sein muss?
Die letzte Folge der Miniserie strahlt etwas mehr Empathie aus, was auch daran liegen mag, dass einige unglaubwürdige oder schlechter gespielte Charaktere wie Anatole einfach nicht mehr da sind.

Das Kritikerlob für die Serie, das es 2015/16 gab, kann ich nicht nachvollziehen. Manche Stars wie Gillian Anderson mit ihren modernen Brautkleidern scheinen auch nicht wirklich Bock gehabt zu haben und einige Nebendarsteller wirkten für mich auch einfach überfordert. Die tollen Bauten und Pferde, Landschaften und dass man offenbar in Russland drehen durfte, macht das nicht wett.

3,5 von 10 vergossene Tränen.
 
Auf dem britischen Schiff HMS Swiftsure diente auf jeden Fall eine Frau: Reiche, Joseppa. Sie wurde in der Schlacht bei Trafalger getötet – Link zu „Nominal list of men serving in Nelson's fleet killed in action in the Battle of Trafalgar“: https://www.nationalarchives.gov.uk/nelson/gallery7/popup/casualty.htm

Aufgrund des Namens könnte man eine deutsche Abstammung vermuten.* Und sie war nicht als Ehefrau eines Mannes an Board, sondern diente offensichtlich als Gefreite der Marine.

Auf britischen Schiffen dienten auch Ausländer - Zitat:

... on these ships were, perhaps surprisingly, drawn from many different countries. HMS Victory’s crew was typical, with 592 British nationals, 22 Americans and small numbers from other countries including Sweden, Holland, Malta, Italy, France and the West Indies.

Bei Trafalgar waren zahlreiche, (gepresste) amerikanische Seeleute dabei, und die Praxis der Zwangsrekrutierung amerikanischer Seeleute war zumindest propagandistisch eine Begründung für den Ausbruch des Krieges von 1812-14.

Die amerikanische Staatsangehörigkeit wurde damals sehr unbürokratisch vergeben, und viele Seeleute der Handelsmarine hatten oft wenig Lust, sich von der Royal Navy hopps und in Dienst der Kriegsmarine pressen zu lassen. Einige britische Seeleute versuchten, dem zu entgehen, indem sie auf amerikanischen Schiffen fuhren oder auch die amerikanische Staatsangehörigkeit annahmen.

Es gab da schon ein Schlupfloch für potenziellen Missbrauch, und die Briten gingen gegen Missbrauch vor, indem sie selbst ziemlich willkürlich amerikanische Schiffe anhielten und kurzerhand ganze Besatzungen amerikanischer Seeleute kurzerhand" shanghaiten".

Diese (völkerrechtswidrigen) Praktiken wurden von den USA als Begründung für den Krieg von 1812-14 angeführt, aber das war nur ein Teil der Wahrheit, und die USA hatten durchaus annexionistische Gelüste, und die Falken um Andrew Jackson hatten vor, einen Teil von Kanada einzusacken, wo die Briten gerade in Europa heftig beschäftigt waren.

Der Anteil von amerikanischen Seeleuten war durchaus beträchtlich so auch bei Tragalgar.
 
Derzeit auf arte verfügbar.

"Mr. Turner - Meister des Lichts" UK 2014 (Regie: Mike Leigh)

Handlung: Wir erleben den Werdegang von William - genannt "Billy" - Turner (Timothy Spall) von den 1820ern bis zu seinem Lebensende. Der berühmte Maler lebt mit seinem Vater William (Paul Jesson), dem er scheinbar als einzigem Menschen auf Erden innig zugetan ist, zusammen und dieser ist ihm eine essentielle Hilfe im Haushalt und bei der Vorbereitung des Malens. Denn seine Töchter und deren Mutter weist Turner stur zurück. Trotz seiner eigenwilligen Malweise hat er mächtige Protegés wie Lord Egremont (Patrick Godfrey), die ihn verehren. Immer wieder kreuzt er die Wege mit dem Maler Haydon (Martin Savage), der ständig in Geldnöten ist und bei Turner 100 Pfund leihen will. Trotz seines eigenartigen Verhältnisses zu seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson), entdeckt Turner nach einer Weile in Mrs. Booth (Marion Bailey) die perfekte Partnerin bei der er auch Halt findet, als sein geliebter Vater 1829 stirbt. Anschließend finden sich immer mehr Kritiker, welche wie die Königin darüber frötzeln, weil man auf seinen Bildern angeblich garnichts mehr erkennen kann, obwohl für Turner die Naturstudien im Mittelpunkt seiner Interessen stehen. Trotz seiner eigenbrödlerischen und sehr grantigen Art gewinnt er die Freundschaft und das Zutrauen mancher Personen, die in ihm mehr sehen...

Dieser Film versucht in einem schier unglaublichen Aufwand die Lebenswelt von Turner auferstehen zu lassen. Das ist von daher schwierig, weil seine Vorliebe für technische Neuerungen imanent wichtig ist. So sehen wir neben Dampfschiffen auch eine frühe Dampfeisenbahn und die Interieurs nicht nur im Haus von Turner sind akribisch bis ins Detail gestaltet, abgesehen von der unübersehbaren Bemühung auch Nuancen in der Gesellschaft widerzuspiegeln wie das Leben in der Upper Class, die bedrängte und Turner ausgelieferte Rolle der Dienstbotin Danby, aber auch die Experimente einer Naturphilosophin. Dieser Film ist ein Gemälde an sich, in dem sich der Regisseur Leigh enorm anstrengte das Licht und die Stimmungen der Gemälde von William Turner einzufangen. Großes Kino mit hervorragenden Schauspielern mit fordernden Rollen, allen voran Spall als Turner selbst.

9 von 10 Gemälden.
 
Neue Verfilmung von Wuthering Heights / Sturmhöhe:
 
Ich habe jetzt endlich geschafft "Miss Austen" auf arte komplett zu sehen.

"Miss Austen" (UK 2025, Regie: Aisling Walsh)

Handlung: Als Rahmenhandlung erleben wir die gealterte Cassandra Austen (Keeley Hawes), die 1830 versucht bei ihren Verwandten nach dem Tod des Pastors Fulwar Fowle (Felix Scott) an die Briefe ihrer Schwester Jane zu kommen von denen sie jene, welche ein ungünstiges Licht auf sie werfen können, vernichten will. Derweil trifft ihre Schwägerin Mary (Jessica Hynes) ein, die auch die Briefe von Jane an Elizabeth Fowle sucht in der Hoffnung aus ihnen Profit zu schlagen, da Mary an sich Jane und Cassandra eigentlich verachtet. Isabella Fowle (Rose Leslie), die hinterlassene und noch im Pfarrhaus lebende Tochter des Pastors, muss sich Cassandras Vermittlungsversuchen widersetzen, da sie keine Lust hat mit einer ihrer beiden schwierigen Schwestern zusammen zu wohnen, die beide allein wohnen, aber eine eigene Existenz bekommen haben. Den aus einfachen Verhältnissen stammenden Arzt Dr. Lidderdale (Alfred Enoch) betrachten einige durch ihren Standesdünkel mit Abscheu; er ist auch als Gemahl für Isabella vor Jahren von ihrem Vater zurückgewiesen worden...

Parallel sehen wir wie sich aus den von Cassandra aufgefundenen Briefen die Vergangenheit für sie darstellt. Manche Dinge, die Jane (Patsy Ferran) an Elizabeth Fowle (Madeleine Walker) schreibt, lässt auch die um 1800 noch junge Cassandra (Synnove Karlsen) nicht im besten Licht erscheinen - insbesondere, wenn sie nicht nur ihre eigene sondern auch die Zunkunft ihrer Schwester verbaute indem sie Männer zurückwies oder auch Janes Verbindung mit einem Gentlemen hinterfragte. Im Vordergrund hier steht die Beziehung der Schwestern zueinander und der Einfluss der bösartigen Mary (Liv Hill), deren Verbindung zu ihrem Bruder James (Patrick Knowles) sie ja selber gefördert haben, um danach von ihr aus dem Pfarrhaus ihres Vaters gedrängt zu werden. Schließlich sehen wir wie Jane und Cassandra gut in der Nähe ihres reichsten Bruders unterkommen, aber auch Jane durch Krankheit dahin siecht und den Lebenswillen verliert...

Die vierteilige Serie hat ihre größte Stärke in den fantastischen Settings. Es gibt unzählige Gebäude von denen man insbesondere das Haus von Familie Bennet aus "Stolz und Vorurteil" (BBC 1995) auch wiedererkennt. Hier hat man sich deutlich mehr Mühe gegeben, als es oft in deutschen Verfilmungen ist, wo unzählige Handlungsorte im selben Gebäude runtergedreht werden, was einfach nur unmotiviert und teils unfreiwillig komisch wirkt (man denke an dem Vorlesungssaal in Jena, der mal im Festsaal der Heidecksburg gedreht wurde!!!). Es gibt auch immer wieder sich wiederholende Stellen, aber das führt eher dazu, dass man sich beispielsweise lernt im Umfeld des Pfarrhauses der Rahmenhandlung zu orientieren. Herausragend sind auch zahlreiche Schauspieler - für mich allen voran Mirren Mack als Dienstmagd Dihan und Rose Leslie als Isabella Fowle. Und man glaubt es nicht - aber es gibt sogar einen absolut glaubhaft dargestellten Konflikt mit dem Arzt, der für mich als Inder oder Sohn einer Inderin gelesen wurde, was auch irgendwie plausibel eingebaut wurde.
Ich habe mich anfangs sehr schwer getan mit dem etwas drögen Thema. Man sieht im Prinzip fast nur Frauen über vergebene Chancen im Leben streiten oder weinen. Deswegen habe ich, als es auf arte erschien, auch nur eine Folge geschafft, weil ich einfach keine Motivation für mehr empfand. Das Kostümdesign ist etwas sonderbar. Innerhalb der in der Vergangenheit liegenden Passagen sieht man keine Entwicklung, obwohl sich die Handlung über mehrere Jahrzehnte erstreckt. D.h. dass wir auch die Upperclass in den späten 1790ern dieselbe Mode wie in den 1810ern sehen. Selbst Mr. George Austen hat mit 70 Jahren eine topmodische Frisur, wobei wir wissen, dass auch Jane Austens Brüder noch in den 1810er gepuderte Haare hatten - kein Wunder, da sie ja auch Kinder des 18. Jh. sind. Vielleicht war das so billiger, wenn man die Vergangenheit praktisch in einem Jahr modetechnisch spielen lässt - es wirkt nur gewöhnungsbedürftig, wenn das Jahr dann sogar eher als NACH Reverend George Austens Tod aussieht(!), obwohl er mehrere Folgen auftritt.

Wer gutes Schauspiel sehen will und über meine Probleme hinweg sehen kann und dem das nicht zu langweilig ist, wenn die größte Action darin besteht, dass sich Jane einmal beim Klavierspiel verspielt, dem sei das empfohlen. 6 von 10 Tränen. Gut gemacht.
 
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