Historische Filme angesiedelt um 1800

Zwar ist das nicht die Regel, aber es gibt cineastische Kassenschlager, bei denen das durchaus so ist, z.B. Conan der Barbar

Dennoch halte ich es nicht für richtig, aus dem kurzen Beitrag von @Dion diese vermeintlich allgemeingültige Regel (schauspielerisches Können zähle nicht) herausziehen zu wollen... Ein genialer farbiger Darsteller wird in einem Film schauspielerisch überzeugend einen Kolumbus zwar spielen können, aber optisch/filmisch wird diese Leistung dennoch nicht überzeugen (muss das erklärt werden?) wie auch z.B. Liefers in der Rolle von Martin Luther King keinen Begeisterungssturm entfesseln würde. Die Besetzung bei Filmen orientiert sich nun mal sowohl am mimischen Können als auch am Aussehen der Darsteller. @Sepiola hat das schön auf den Punkt gebracht.

Übrigens gerät der dem Film inneliegende optische Realismus gelegentlich durchaus in komische Wiedersprüchlichkeiten: Drachen müssen realistisch wirken (Harry Potter, Herr der Ringe etc), obwohl eigentlich niemand weiß, wie ein Drachen aussieht...

Gute Schauspieler zeigen häufig ihre Klasse gerade auch in schlechten Filmen. Die Klasse reicht zwar nicht, um z. B. einen Till Schweiger-Film geistreich und unterhaltsam zu machen. Gute Schauspielerinnen wie Tina Ruhland können aber dazu beitragen, überhaupt einen Till Schweiger-Film ertragen zu können-und das ist immerhin sehr viel.
 
Hatten wir den schon? Könnte einen Gang ins Kino wert sein, falls er hier gezeigt wird...
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Chevalier_(2022)
Auf arte findet man momentan mehrere Jane Austen-Verfilmungen. Habe da auch eine neuere "Persuasion"-Verfilmung angesehen, die ich nicht so unterirdisch war wie die neueste ...

Ich bin gespannt ob der von Dir angesprochene Film in die deutschen Kinos kommt. Sieht erstmal ganz interessant aus. :)
 
"Persuasion"
UK, 2007, Regie: Adrian Shergold


Handlung: Die Handlung der Verfilmung folgt weitesgehend dem Roman. Ein fundamentaler Unterschied ist, dass man desöfteren auch die Perspektive von Captain Wentworth (Rupert Penry-Jones) erfährt, etwa wenn er sich Sorgen darüber macht, als man von ihm erwartet, dass er Louisa Musgrove (Jennifer Higham) heiratet. Außerdem wird ziemlich deutlich gemacht, dass Mr. Elliot (Tobias Menzies) nur am Titel von Sir Walter gelegen ist, den er dadurch zu verhindern sucht indem er nach einer Vermählung mit Anne (Sally Hawkins) sogleich Mrs. Clay (Mary Stockley) als Mätresse in London unterhalten wollte, damit diese nicht vielleicht mit Sir Walter (Anthony Head) einen Erben des Baronet-Titels zeugen könnte.

Anders als die Verfilmung von 1995 wird der Niedergang von Sir Walter Elliot deutlich drastischer dargestellt. Da die Handlung in nur 92 Minuten Laufzeit gepresst wird, fallen nette Details wie zeitgenössische Freizeitbeschäftigung weitesgehend weg.
Bei den schauspielerischen Leistungen fällt auf, dass Sally Hawkins doch deutlich heraus sticht. Ihre Befürchtungen und Trauer um die verlorene Perspektive mit Captain Wentworth wird erheblich klarer dargestellt. Dahingegen wirkt Penry-Jones als Wentworth wenig charismatisch und man fragt sich ein wenig, warum ihm alle Frauenherzen zufliegen sollen, zumal er für einen Captain doch etwas arg jung aussieht. Anders als Corin Redgrave (1995) und Richard E. Grant (2022) macht Anthony Head den regelrecht karikaturenhaften Charakter von Sir Walter nicht wirklich erkennbar. Die Darstellung von Charles Musgrove durch Sam Hazeldine hat mir auch nicht wirklich gefallen, da ja Charles in dem Roman eine der wenigen "normalen" Figuren ist, die dem Leser eher nahe steht. Vielleicht erstaunt den Zuschauer keinen der 3 Captains und auch nicht den Admiral jemals in Uniform zu sehen. Aber das fand ich nicht so verkehrt. Die Ausstattung ist OK. Die Locations sind überwiegend gut gewählt, nur fällt am Ende v.a. an den modernen Fenstern auf, dass man sich bei dem Filmen von Bath nicht ganz soviel Mühe gemacht hat. Insgesamt erkennt man, dass es eben nur das dürftige Budget einer TV-Produktion gab, wodurch die Kostüme teilweise etwas abgetragen (recycled aus älteren Filmen) und manchmal auch unpassend zum Charakter wirken (warum hat Cpt. Wentworth als reicher, junger Mann so altmodische Kleidung und warum sieht Anne so ärmlich gekleidet aus?).

Insgesamt eine solide Leistung, wenn auch für mich nicht so überzeugend Roger Michells Verfilmung. 6 von 10 Tränchen.
 
Da der Film im 18. Jh. und frühen 19. Jh. spielt und auch etwas Märchenhaftes an sich hat, war ich mir anfangs nicht ganz sicher, ob er hier reingehört.

"Die Vermessung der Welt"
Regie: Detlev Buck, D 2012


Handlung: Man erlebt parallel die Karrieren von Alexander von Humbold und Carl Friedrich Gauß von ihrer frühesten Kindheit bis ins hohe Alter. Das bedeutet aber auch, dass der Film eher episodenhaft erzählt.
Der Fokus ist einmal auf Gauß, der zusammen mit von Humbold in jungen Jahren dem Herzog Karl Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel (Michael Maertens) vorgestellt wird, der Gauß fördern will, auch wenn er - als begeisterungsfähiger geistig zurückgebliebener Trottel geschildert, weder Gauß noch von Humbolds Forschungen wirklich begreifen kann. Besonders der braunschweigische Kommandeur (Max Giermann) wirft Gauß vor, dass seine Arbeiten keinen realen Nutzen haben, woraufhin sich Gauß an die Landesvermessung macht. Hierbei begegnet er (Florian David Fitz) Johanna (Vicky Krieps), welche ihn auf bahnbrechende Ideen bringt. Nach der Fertigstellung eines Buches begibt er sich zu Kant (Peter Matić), der allerdings mittlerweile geistig umnachtet den Mathematiker garnicht mehr verstehen kann. Nach dem Tod seiner Frau und einer Wiederverheiratung wird aus Gauß zusehends ein sich missverstanden fühlender verbitterter Mann, der auf die Bitte von Humbolds auf eine Tagung nach Berlin reist, wo sein Sohn Eugen (David Kross) als rebellischer Burschenschaftler verhaftet wird.
Aus von Humbolds (Albrecht Schuch) langem Leben wird fast nur auf die Forschungsreise an der Seite von Aimé Bonpland (Jérémy Kapone), den er fortwährend wie einen Diener von oben herab behandelt, eingegangen. Auch die Schattenseiten auf dieser Reise werden thematisiert etwa wenn er entgegen dem Wunsch von Eingeborenen deren Mumien entführt um sie seinem Herzog zuzuschicken.
Nebenbei wird ein bisschen das Geschehen in Deutschland thematisiert ohne besonders in die Tiefe zu gehen. Das Kostümbild verwehrt dabei für den Zuseher ein bisschen eine zeitliche Einordnung.

Der Film versucht weder zu ernst noch zu heiter das Leben beider deutscher Forscher zu skizzieren. Manche Figuren wie die des braunschweig-lüneburgischen Militärkommandeurs und des Herzogs erscheinen da als die reinsten Karikaturen. Der erfahrene Feldherr Karl Wilhelm v. B.-W. soll bspw. keine Ahnung von Mathematik haben und wird auch später wohl als Zeichen einer - offensichtlich fiktiven - Dekadenz in einer Art Rokoko-Outfit dargestellt und schon so geistig umnachtet, dass er den Konflikt garnicht versteht als er 1806 gegen die Franzosen auszieht. Dass zu dem Zeitpunkt Kurhannover bereits von Frankreich annektiert ist, bleibt außen vor. Seine Rolle und die einiger anderer Figuren (wie der scheinbar vertrottelte spätere Kaiser Wilhelm I.) haben nichts mit den historischen Personen zu tun. Dass 1806 die Preußen Uniformen wie 1813 tragen und damit überhaupt ein gegensätzliches Erscheinungsbild liefern (obwohl man sicher an gute Repliken gekommen wäre) passt insgesamt in das sehr freie beinahe theaterhafte Bild von der Epoche. Hierbei bedient sich Drehbuch und Regie der Mittel einer Farce, um offenbar die Handlung aufzulockern, welche durch den ernsthaften Charakter v.a. von Gauß etwas schwerfällig wirkte.
Entgegen der damaligen Kritiken fand ich den Film recht unterhaltsam, v.a. wenn man das Grimassenschneiden von Maertens und Giermann mag.
Denn der Cast hat mir teilweise gut gefallen und erreichte m.E. was intendiert war. Besonders Vicky Krieps als einfühlsame Gemahlin an der Seite von Gauß wusste zu überzeugen. Mit Karl Markowics und Katharina Thalbach hatte man ein paar erfahrene Mimen als Backup.

Ich würde den Film etwa ähnlich wie "Persuasion" einschätzen, auch weil ich ihn garnicht als besonders historisch einstufen würde. 5,5 Punkte auf der Landkarte.
 
"The scandalous four"
UK 2011 Regie: Christianne Wijk


Handlung: 1809 soll die junge Penelope (Samantha Hill) unbedingt von ihrem krautbärtigen Vater Mr. Kendrick (Chris Butler) verheiratet werden. Nach vielen albernen Figuren, die sich vorstellen, entscheiden sich ihre Eltern für Mr. Alexander (Meredith Colchester). Als sie aber in seinem Heim eintrifft bemerkt sie ein dunkles Geheimnis um den sonderlichen Gemahl. Erst nach einer Weile kommt sie hinter das besondere Verhältnis zwischen dem Hausherrn und dem Butler George (Alistair Lock), den ihm ihr Vater geschickt hat. Doch da stellt sich ihr Musiklehrer Mr. Reynolds (Jez Hughes) als neuer Gärtner vor und es gibt sogleich Verdächtigungen seitens ihres Mannes. Es wird aber um so turbulenter, als der örtliche Geistliche von der Affäre des Hausherrn von ungefähr etwas erfährt ...

Ich bin ja schon einiges von Netflix gewohnt. Aber dieser Film wirkt v.a. am Anfang wie das Filmprojekt von ein paar Studenten, die keine Ahnung von Ausstattung, Kostümen oder Kameraarbeit haben. Leider sind die Schauspieler teilweise auch nicht so besonders. Die Handlung wirkt streckenweise regelrecht naiv. Durch die enorm simplen Dialoge kann man immerhin der Handlung gut folgen. Zumindest der Ansatz der Problematik in der Zeit ist ja durchaus interessant. Aber die regelrecht stümperhafte Umsetzung dieses Films tun schon beinahe beim Zusehen weh.

2 von 10 hässliche Klamotten.
 
"Amour fou"
D, Ö, Lux. (2014, Regie: Jessica Hausner)


Handlung: Preußen 1811. Es stört Herrn Vogel (Stephan Grossmann), dass seine Gattin Henriette (Birte Schnöink) für den Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) und seine Ansichten zu schwärmen beginnt. Doch fast besorgniserregender ist die gesundheitliche Situation von Frau Vogel, die aber dazu führt, dass Kleist sich von ihr abwendet, da er sie glaubt für einen Freitod auserwählt zu haben - doch täte sie diesen ja um sich von ihren Qualen zu befreien statt aus dem Grunde ihn zu lieben. Stattdessen wendet sich der Dichter nun seiner Cousine Marie (Sandra Hüller) zu. Wir verfolgen weiter den Lebens- und Leidensweg von Kleist und das Verhalten von Herrn Vogel in Angesicht der Krankheit seiner Gemahlin und ihrer Beziehung zu Kleist.

Das ist gewiss kein Gute-Laune-Film, aber gut geschauspielert und man erkennt wie sich das Kostüm- und Szenenbild bemühte ohne allzu großen Aufwand das Lebensgefühl der Zeit und des bürgerlich-niederadeligen Milieus einzufinden. Die Schauspielerriege überzeugt in diesem Film auf voller Linie, ebenso wie Kamera und Regie.

7 von 10 Pistolen.
 
"Der Polizeiminister"
D 1970 (Regie: Günter Gräwert)


Handlung: Man erlebt die Karriere des Staatsmannes Fouché (Ferdy Mayne), der von Anfang an zeigt, dass er ein Gespür dafür hat, dass man nur mit den Siegern gehen muss um aufzusteigen. So lässt er die Girondisten bei der Abstimmung gegen die Hinrichtung des Königs im Stich. Er verlässt Robespierre (Otto Kurth), als sich dieser gegen ihn wendet. In "jungen" Jahren - der Schauspieler wirkt meistenteils zu alt für seine Rolle - gelingt es ihm noch sich mit den Mächtigen anzulegen ohne viel zu riskieren. So verschweigt er Bonapartes (Franz Rudnick) Rückkehr dem Direktor Barras (Walter Richter) und vermag es daher sich in dem neuen System zu etablieren. Doch von Anfang an ist Fouché auch Bonaparte verdächtig, da er die Macht des Polizeiministers ebenso verdächtig findet wie seine zunehmende Neigung zu Selbstständigkeit wie einer Verschwörung mit seinem eigentlichen Widersacher Talleyrand (Paul Hoffmann), die auf einen Frieden mit England abzielte, da die Gewinnler des Systems ihre Millionen behalten wollen...

Dieser TV-Film passt in eine Reihe von Dokumentarfernsehspielen wie wir schon jenes über Friedrich Spee (D 1974 siehe hier: Spielfilme angesiedelt im 17.Jhd. ) besprochen haben. Nur ist hier rein formal die Szene nicht so deutlich als auf einer Theaterbühne erkennbar, außer vielleicht wenn eine Wandtür in einem auf eine Wand projezierten Kupferstich von Moreau le Jeune verborgen ist. Auffällig ist, dass es in dem ganzen Film nahezu keine Frauen gibt (nur Joséphine und die Herzogin von Angouleme). Man erfährt nichts über Fouchés Ehen und Kinder und man hat dadurch den Eindruck, als ob er einzig seiner Karriere lebt, was natürlich vollkommen falsch ist. Er hat ein Herzogshaus "begründet", welches noch heute in Nachfahren in Schweden weiter besteht. Hier im Film ist Fouché aber auch schon 1792/93 Mitte Fünfzig, da man scheinbar den Hauptdarsteller aus unbekannten Gründen für die gesamte Zeitspanne beibehalten wollte, was aber sehr verwirrend ist. Überhaupt ist aber das Casting ziemlich wild. Ich habe noch nie einen dicken Robespierre gesehen wie hier (achso bis auf den neuen "Napoleon" von Scott) und überhaupt ist eigentlich nur Barras halbwegs gut getroffen. Die übrigen Darsteller scheinen überwiegend trocken ihren Text aufzusagen, was besonders bei Rudnick als Napoléon absurd wirkt, wenn er dann mal kurz den auf dem Tisch aufgebracht herum trommelnden Egomanen spielen soll. Die Kostüme sind überwiegend theatresk, die Hüte der Soldaten regelrecht unfreiwillig komisch. Bei den Frisuren wurde fast garnicht darauf geachtet, dass man die historische Person irgendwie wiedererkennen kann, was besonders bei Talleyrand und Fouché abstrus scheint, da ja beide gleichsam die Protagonisten sind. Am unverzeihlichsten scheint mir aber, dass wo man das Private schon streicht, Fouchés politische Facette ebenfalls vollkommen im Dunkeln bleibt. Fouché war Radikaler und das kommt nirgends zur Geltung - bei der Verschwörung an der Seite von Babeuf und wie er auch da den Kopf aus der Schlinge zog, hätte man es exemplarisch machen können oder müssen.

Ein schwacher Versuch zu einer sehr interessanten Persönlichkeit. Fouché gäbe genug her für die große Leinwand, da seine Biographie genug spannende Elemente bietet, wenn es ihm manchmal tatsächlich beinahe auf Leben und Tod an den Kragen ging. 3 von 10 überdimensionale Krägen.
 
Na, einen erinnere ich auch noch:

"Der Röhm-Putsch" aus dem Jahr 1967. Der Röhm-Putsch – Wikipedia

Der Film:
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Der Film war viele Jahre lang nicht Online, und ist ein Meisterwerk der späten Aufarbeitung des frühen deutschen Nationalsozialsmus.
Hans Korte als Ernst Röhm grandios, er möge bitte in Frieden ruhen!

Micha
 
"Bright Star"
UK, AUS, F (2009) R: Jane Campion


Handlung: Die junge, schöne Fanny Brawne (Abbie Cornish) zeichnet sich durch ihren Modegeschmack aus, verdient ihr Geld mit Näharbeiten und ist auf Bällen stark umgarnt. Doch sie schlägt alle Offerten ab, denn sie beginnt sich 1818 in den erfolglosen Dichter John Keats (Ben Wishaw) zu verlieben, der sich in ihrer Nachbarschaft niederlässt. Aber sein Freund Mr. Brown (Paul Schneider) stößt sie ab und als dunkle Wolken hängt die schwere Krankheit des Bruders vom Dichter des "Endymion" namens Tom (Olly Alexander) über allem...

Die Kostüme, ob in allen Fällen stimmig für die Handlungszeit oder nicht, überzeugten mich einfach durch ihre Farbigkeit. Das Schauspiel ist nuancenreich allen voran Wishaw und Cornish. Es ist halt kein gute Laune-Film, die Poesie von Keats und dessen tragisches kurzes Leben tragen nicht gerade dazu bei. Wer eine Dichterbiographie mit ansprechenden Leistungen der Akteure und guter Kameraarbeit sehen mag, dem sei der Film aber empfohlen.

7 von 10 Gedichten.
 
Da der Mehrteiler 1812 beginnt, passt er noch ungefähr hier rein.

"Große Erwartungen" Regie: Brian Kirk, UK 2011

Handlung: Der Waise Pip (Oscar Kennedy) wächst 1812 bei seiner bösartigen Schwester (Claire Rushbrook) und ihrem gutmütigen Mann, dem Schmied Joe (Shaun Dooley), auf. Seine Schwester und Joes Geselle Dolge (Jack Roth) machen dem kleinen Pip das Leben zur Hölle und es wird nicht einfacher als ein Sträfling von einer der in der Nähe liegenden Hulks entkommt, der ihn dazu bringt eine Feile zu stehlen. Doch bald wird der Entflohene wieder eingefangen. Das Leben findet neuerlich einen Wandel, als die reiche Miss Havisham (Gillian Anderson) Pip auf ihr Schloss holt, wo sie ihn ein wenig zu erziehen scheint. Doch die Lady ist sonderbar indem sie barfuß mit ihrem abgerissenen Brautkleid seit 20 Jahren durch die Räume geistert und ein Mädchen namens Estella (Izzy Meikle-Small) zu ihrem Instrument machen will um sich an den Männern zu rächen, weil einer sie 1791 sitzen gelassen hat.
Als Pip (Douglas Booth) dann als junger Mann einige Jahre später nach London gerufen wird, um dort von einem Wohltäter ein regelmäßiges Einkommen zu empfangen und einen Weg als Gentlemen einzuschlagen, glaubt Pip, dass Miss Havisham dahinter steckt und doch irgendwie ihn zum Bräutigam für ihre Ziehtochter auserwählt hat. In London verprasst er das Geld, was er bekommt und macht trotz des Einwirkens des Juristen und Vermögensverwalters Mr. Jaggers (David Suchet) Schulden. Nur in seinem Bemühen seinem Gefährten Herbert Pocket (Harry Lloyd) finanziell unter die Arme zu greifen, beweist er ein gutes Herz. Dem nunmehr allein in der Einsamkeit lebenden Joe, dessen Frau von Dolge aus Hass angegriffen wurde und dann gestorben ist, versucht Pip aus dem Wege zu gehen, da er ihn an seine trostlose Herkunft erinnert. Pips Versuche um Estellas (Vanessa Kirby) Hand anzuhalten scheitern daran, dass sie ja dazu ausersehen ist einen bösen Egoisten zu ruinieren, wozu sie dann auch den Snob Bentley Drummle (Tom Burke) heiratet - doch mit einem ganz anderen Ausgang als erwartet. Denn Bentley kehrt sich um die Gefühlskälte von Estella garnicht und will Miss Havisham aus ihrem Haus vertreiben und das alte verlotterte Anwesen niederbrennen. Als Miss Havisham erkennt, dass ihr ganzer Plan fehlgeschlagen ist, sie garkeine Rache nehmen kann, ist es zu spät. Pip ist mittlerweile volljährig geworden und erfährt, wer sein wahrer Wohltäter ist - ein gefährlicher Mann von dem er nichts annehmen will. Doch ihm sitzen die Gläubiger im Nacken und auch Pockets junges Eheglück hängt an einem seidenen Faden ...

Dieser 3-Teiler hat damals zahlreiche Preise eingeheimst. Was mir aufgefallen ist, dass man irgendwie teilweise schwer die Entwicklung in der Zeit wahrnehmen konnte. 1812 wäre ja die Mode eine völlig andere als 10 Jahre später. Man sieht einmal Pip als 9 Jährigen und nachher soll er volljährig sein, was dann 1820-22 spielen müsste. Doch am Anfang haben die Figuren Biedermeierkleidung und dann in den 1820ern dasselbe. Bei Miss Havisham ist da ja logisch, aber bei den anderen Figuren eben nicht und am Ende der Reihe sieht man auch mal Pip in Kleidung der 1840er(?). Das Herrenhaus von Miss Havisham müsste ja sogar von der Logik her komplett nach 1790er ausschauen, wirkt aber eher victorianisch, was so garkeinen Sinn ergibt.
Sehr gut haben mir die Schauspieler gefallen. Gillian Anderson spielt ganz hervorragend die leidenschaftliche und dem Wahnsinn anheim fallende arme Frau, die frustriert ihr Lebenswerk zerstört sieht. Douglas Booth wirkt sehr kühl und abweisend in vielen Szenen und zugleich reichlich deplatziert in der Gesellschaft, deren Kniffe er nicht kennt - was er durch seine abweisende Art zu kaschieren sucht. Tom Burke und Vanessa Kirby sind auch heraus zu heben.
Die Maske hat sich viel Mühe gegeben, dass Dolge wirklich grauselig aussah und direkt einem Buch von Dickens entsprungen und ebenso dieser entfernte Verwandte, der ihn an Miss Havisham vermitteln will. Insgesamt gelingt es trotz mancher Probleme, die ich mit der Produktion hatte durch ein sehr gut gewähltes Ensemble und ein immerhin in sich stimmiges Drehbuch ein gutes Ganzes zu bilden.

6 von 10 Inch Staub auf den Möbeln bei Miss Havisham.
 
Ich kam jetzt dazu, da es auf arte läuft, mit dem 8-Teiler zu "Krieg und Frieden" anzufangen.

"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 1


Handlung: Pierre Bezukhov (Paul Dano) ist ein ungelenker, unehelicher Sohn eines mächtigen Grafen, der sich 1805 in der hohen Gesellschaft nicht wohl fühlt, wennschon er in eine Schöne aus diesen Kreisen verliebt ist. Sein engster Freund Andrej (James Norton) kann weder mit seiner Ehefrau (Kate Philips) noch mit dem Leben in Moskau etwas anfangen und sucht sein Heil beim Militär, wo er sogleich von Feldmarschall Kutusow (Brian Cox) unter die Fittiche genommen wird.
Während der Krieg in Süddeutschland tobt, wird Pierre von seinen gierigen Verwandten dazu gedrängt die ebenso laszive wie skandallöse Hélène (Tuppence Middleton) zu ehelichen, welche ihn verachtet, während er von ihr hingerissen ist.
In Süddeutschland erfährt Kutusow durch General Mack (Ludger Pistor) von dessen Niederlage bei Ulm. Andrej bietet sich sogleich an bei einem Rückzugsgefecht in den Tod zu gehen, überlebt es aber. Der in der Schlacht verwundete, von Angst erfüllte Husar Nikolai Rostov (Jack Lowden) - Spross der mit Pierre eng verbandelten Familie - gerät anschließend mit Andrej aneinander ohne dass es zu einem Duell kommt...

Es ist unmöglich selbst bei nur einer Folge all die Verästelungen der Handlung so wirklich wiederzugeben. Es ist natürlich auch irgendwie vermessen diese BBC-Produktion mit den großen Verfilmungen aus Hollywood (1956) und der Sowjetunion (1966/67) zu vergleichen.
Was ich sehr bestechend fand waren überwiegend die Settings. Man hat in Russland damals noch filmen können und das trägt samt der beeindruckenden Interieurs enorm zum Ambiente bei. Das Drehbuch stammt vom Routinier Andrew Davies und hakt alle wesentlichen Punkte des Romans ab.
Das Kostümbild ist aber komplett wild. Da haben einige Damen beispielsweise einfach moderne Abendkleider, die nichts mit der Epoche zu tun haben und irgendwie fast ins Fantasy reichende Frisuren, während man sich bei den Herren bemühte, aber lange nicht an die Qualität von beispielsweise "Pride and Prejudice" (1995) heran reichte.
Mir kam die Produktion vor allem vollkommen uninspiriert vor. Paul Dano hat damals, glaube ich, recht viel Lob für seine Darstellung des Pierre bekommen. Er wirkt eben unbeholfen bzw. überfordert und scheint immer wie ein Bauer rumzustehen. Im Vergleich zu den beiden Klassikern hat Dano immerhin für sich, dass er wirklich jung ist während Henry Fonda und Sergej Bondartschuk einfach für ihre Rollen viel zu alt waren.
Besonders wenig haben mir die Kriegsszenen allerdings gefallen. Da ist eine Schlacht wie hier am Ende der Folge ein wildes Hin- und Hergerenne. Ein Husarenregiment der Russen wird von einem Hauptmann kommandiert (sic.!) und es gibt auch garnicht sowas wie Trompetensignale. Wie soll der Rest des Regimentes denn hören, was der Kommandeur ruft? Die Franzosen sind ein bunter Mix: d.h. dass in einem Karree Soldaten mit Bärenfellmützen und mit (dem 1805 noch nicht vorhandenen) Tschako rumstehen. Ein aufs Pferd gesetzter russischer Infanterist (sic.!) fungiert als Meldereiter, obwohl man ja sieht, dass die Produktion genug Mittel hatte russische Kavalleristen rudimentär auszustatten...

3 von 10 unscharfe CGI-Soldaten.
 
"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 2


Handlung: Während der Krieg weiter tobt, sieht sich Pierre einer fremdgehenden Frau gegenüber, die keine Rücksicht auf seine Gefühle nimmt. Der überhebliche Dolokhov (Tom Burke) wird sogar vom naiven Pierre ins eigene Haus geholt um dann von ihm beleidigt zu werden. Zu seinem eigenen Ärger fordert Pierre den Kriegsveteran zum Duell...
Derweil wird Andrej in der katastrophal ausgehenden Schlacht bei Austerlitz verwundet.

Die Darstellung der Schlacht bei Austerlitz ist besonders peinlich. Regimenter in Größe von einer Kompanie, dann mit Computer dubliziert, stehen hintereinander und der ganze Fehler von Kutusow besteht darin auf Geheiß seines Monarchen geradeaus zu marschieren... Nichts von den Taktiken Napoleons kommt vor bis auf eine Finte. Erbärmlich choreographiert obendrein.

3 von 10 stumpfe Säbel.
 
"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 3


Handlung: Natürlich überlebt Dolokhov das Duell und er wird schwer verwundet zu seiner Familie geschafft. Danach führt ihn der Husarenoffizier Nikolai bei seiner Familie, den Rostovs ein. Wie beinahe zu erwarten war, missbraucht Dolokhov die Gastfreundschaft erneut. Er hält zum Entsetzen von Sonya (Aisling Loftus) um ihre Hand an. Sie weist ihn zurück, obwohl Nikolai immernoch nicht sie geheiratet hat und sie als mittellose Verwandte den Rat bekommt, den eigentlich ebenso mittellosen Draufgänger zu heiraten. Anschließend lässt sich Nikolai dazu hinreißen mit Dolokhov Pharo zu spielen und verliert 43.000 Rubel per Ehrenwort an den Halunken. Sein Vater (Adrian Edmondson) ist schwer erschüttert und sagt, dass er die Schulden seines Sohnes begleichen wird, auch wenn er dafür den Haushalt in Moskau aufgeben und mit der Familie auf den Landsitz ziehen muss.
Derweil hat Pierre seine undankbare Gattin rausgeworfen, die anschließend den nunmehr Diplomaten Boris Dubretkoy (Aneurin Barnard) umwirbt, der ebenfalls aus dem Hause der Rostovs stammt. Überhaupt beschließt Pierre sich vollkommen zu ändern indem er sich fortan beginnt um seine Leibeigenen zu kümmern, Schulen bauen zu lassen und den Freimaurern beitritt um Erkenntnisse zu gewinnen.
Andrej kehrt zur Überraschung seiner Familie nach Russland zurück - man hielt ihn für tot. Er kommt eben in dem Moment, als seine schöne, junge Frau im Kindbett stirbt...

Es wirkt etwas unglaubwürdig, dass niemand hinterfragt wie Nikolai bei jedem Umlegen der Karten Pech hat. Obendrein fällt auf, dass er wahnsinnige Beträge setzt, welche die Bank unmöglich auszahlen könnte. Es scheint für mich deutlich, dass die Regie offenbar keine Ahnung hat wie das Pharo-Spiel überhaupt funktioniert. Die eine Karte ist für die Bank und die andere für den Spieler. Der Vorteil der Bank liegt nur darin, dass sie in Varianten des Spiels die noch stehenden Einsätze einziehen kann und bei zwei gleichen Karten, die aufs Mal gezogen werden die Hälfte einzieht. Auf Wikipedia steht irgendwo die Gewinnchance der Bank und diese ist für ein Glücksspiel extrem gering. Von daher ergibt die ganze Szene, die ja elementar für diese Folge und den Ruin der Familie Rostov ist, garkeinen Sinn. Es ist bei dem Spiel meistens so, dass Erfolge einen Risiken eingehen lassen - z.B. "Paroli" zu spielen d.h. die Einsätze stehen zu lassen. Nichts dergleichen sieht man. In der hier gezeigten Variante mit Karten für die Pointeurs auf dem Tisch, würde man auch die Ecken der Karten hoch- oder umbiegen.
Was mir an der Folge gut gefiel war die Darstellung der Freimaurer und wie Pierre aufgenommen wurde, diese Form auch der Ungewissheit des angehenden Freimaurers beim Aufnahmezeremoniell fand ich gut getroffen - auch wie der eine Freimaurer auf Pierre in einem Gasthaus zuging - in der Überzeugung hier jemanden vor sich zu haben, der etwas im Positiven bewegen kann.
Ansonsten gilt dasselbe wie für den Rest der Folgen. Teilweise gutes Schauspiel wie von Edmondson auch neben leeren Gesten und eben die arg nach 2010er aussehenden Frauenfrisuren von z.B. Lily James als Natasha.

3 von 10 offenbar gefälschte Karten.
 
"War and Peace" (2016) Regie: Tom Harper
P. 4


Handlung: 1809 treffen Andrej und Pierre wiederum aufeinander. Pierre hat sich geändert und will auch Andrej dazu bringen, der zu den Rostovs reist, weil es dem alten Grafen nicht gelingt im nötigen Maß die örtliche Miliz auf Vordermann zu bringen. Bei der Gelegenheit verliebt er sich in Natascha mit der er anschließend in St. Petersburg auf einem Ball tanzt. Statt sie sogleich zu heiraten zwingt ihn sein Vater ins Ausland zu gehen und die Hochzeit auf in einem Jahr zu verschieben. Derweil spitzt sich durch die Tat von Nikolai mit dem Geldverlust die prekäre finanzielle Situation weiter zu und seine Mutter (Greta Scacchi) drängt Nikolai dazu eine reiche Erbin zu heiraten. Aber Nikolai beschließt auf einmal doch Sonya nehmen zu wollen; auch hat er keinerlei Ideen wie die Familie aus der Misere herauskommen soll, die scheinbar nur die Gräfin kümmert. Pierre beschließt sich mit seiner bösartigen Frau auszusöhnen um seinen Ruf zu verbessern und ein ausgeglichenerer Mensch zu werden ...

Anders als in den beiden großen Produktionen wird hier dem Ball in St. Petersburg nicht viel Raum eingeräumt. Andrej hat so eine komische Märchenprinzenuniform, die nichts damit zu tun hat, was er 1805 trägt und es wird auch keine Erklärung dafür geliefert, warum das plötzlich so ist. Der Zar aber hat die normale grüne Uniform. Vielleicht hat man sich an der weißen Uniform von Mel Ferrer im Film von 1956 orientiert? Diese hier wirkt aber noch "fantasievoller". Überhaupt ist aber der Ball ein großer Reinfall, wenn man zeitgenössische Produktionen als Standard nimmt. So besteht er einfach daraus, dass alle Paare modernen Walzer tanzen statt irgendetwas, was auf einen Ball in der Epoche passen würde (da am Anfang des Balls in dem Fall natürlich Menuet). Meistens hat Pierre irgendwelche Klamotten an, die ihm scheinbar zu groß sind um ihn offenbar besonders linkisch erscheinen zu lassen, obwohl er ja theoretisch extrem reich sein soll.

3 von 10 moderne Frisen.
 
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