"Ich weiß nicht, wie ich das interpretieren soll" - ein ungewöhnliches Grab auf einer Gezeiteninsel

Dieses Thema im Forum "Archäologie" wurde erstellt von El Quijote, 21. September 2017.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Dagegen spricht, dass die Schweinswale im Meer leben. Der Kadaver, selbst wenn er an den Strand gespült wurde, müsste erst mühsam zur Grablege getragen werden. Den Wal zurück ins Meer schieben, wäre sicherlich leichter.

    Tiergräber sind im christlichen Abendland nicht ungewöhnlich - zumindest für Pferde und Hunde. Einen religiösen Hintergrund haben sie in der Regel nicht.


    Im Übrigen sind wir auf einen Übersetzungsfehler reingefallen. Es gibt keine Insel names Chapelle Dom Hue.
    Chapelle Dom Hue ist eine Klosterruine auf der winzigen Kanalinsel Guernsey, vgl. National Geographic.
     
  2. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Und da haben wir dann auch den Friedhof.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Besonders gut kommt der "Wal" in frühchristlichen Abbildungen zum Ausdruck, da Jonas eines der häufigen Motive darstellt, auch reichlich.

    ZB The Jonah Sarcophagus
    Dazu Esler, The Early Christian Art, Band II, 28.4.

    Da kommt einem btw die Frage in den Sinn, woher eigentlich überhaupt der mittelalterliche "Wal" für diese Seekreatur stammt.
    Marion Lawrence, Ships, Monsters and Jonah
    AJoA 1962, S. 289.
     
  5. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Hier - was es nicht alles gibt! - hat es einen Hinweis auf Änderungen in Bibelübersetzungen von "großem Fisch" zu "Wal":


    [MOD: unerwünschter link in den Internet-Müll plus daraus kopierten Text gelöscht/MOD]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 27. September 2017
  6. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Bereits die frühen Christen im Rom des 3. Jh. haben ein recht eigenartiges Wesen als Wal dargestellt. Besonders befremdlich ,da man aus dem Mittelmeer auch große Walarten wie Pottwal und Finnwal gekannt haben muss. Selbst wenn man ein solches Tier nie außerhalb des Wassers oder unter der Wasseroberfläche gesehen hat, ergibt ein Wal ,der an der Oberfläche schwimmt kein solches Bild. Nicht einmal ein, auch in der Antike und im Mittelalter bekannte Hai sieht so aus. Offenbar wollte man gar kein realistisches Tier, sondern ein Ungeheuer darstellen .
    https://www.bibelwissenschaft.de/fileadmin/buh_bibelmodul/media/wibi/image/am_WILAT_Jona_02.jpg
    Der mittelalterliche Wal folgt diesem Schema.
    https://www.bibelwissenschaft.de/fileadmin/buh_bibelmodul/media/wibi/image/am_WILAT_Jona_08.jpg
     
  7. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    "Entwicklungen" des Wals in der Bibel:

    Jonah - Wikipedia

    "At some point cetus became synonymous with "whale" (the study of whales is now called cetology). In his 1534 translation, William Tyndale translated the phrase in Jonah 2:1 as "greate fyshe" and the word kétos (Greek) or cetus (Latin) in Matthew 12:40 as "whale". Tyndale's translation was later incorporated into the Authorized Version of 1611. Since then, the "great fish" in Jonah 2 has been most often interpreted as a whale. In English some translations use the word "whale" for Matthew 12:40, while others use "sea creature" or "big fish".
    In Turkish, "Jonah fish" (in Turkish yunus baligi) is the term used for dolphin."
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Egal wo man den Wal unter die Erde bringt, muss man ihn dort hin schaffen. Scweinswale wiegen zwischen 30 und 200 Kilogramm, da ein Mensch im Grab erwartet wurde, kann er nicht zu den vollen 2,5 m ausgewachsen sein. Es dürfte also noch im Bereich des Gewichts eines Menschen gelegen haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. September 2017
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Offenbar war diese Debatte vor dem Allerweltslink (der für die Rezeptionshistorie nur ein paar Fetzen liefert) nicht einmal im Grundsatz bekannt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. September 2017
  10. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Selbst Luther schreibt in seiner Übersetzung des Alten Testaments, Jona sei von einem "großen Fisch" verschlungen worden. (Walfisch bedeutet imgrunde auch nur großer Fisch. Der Wortstamm ist der gleiche wie bei Waller und Wels.)
    Ironischerweise benutzte Luther auf der Wartburg den Wirbel eines großen Wals als Fußbank.
    Die Geschichte mit dem Walwirbel auf der Wartburg zeigt zumindest, dass es für gestrandete Meeressäuger im Mittelalter durchaus noch sinnvolle Verwendungszwecke gibt.
    Walknochen hatten dienten seit dem frühen Mittelalter als Reliquien, sei es als Rohstoff zur Fertigung von Reliquiar-Kästchen oder gleich als Reliquie selbst. Walknochen gehören nicht nur in Nantucket in die Kirchen.
    Luther selbst lehnte die Verehrung von Reliquien ab. Sein Missbrauch des Walwirbels als Profanmöbel führte absurderweise jedoch dazu, dass der Walwirbel nun als Luther-Reliquie betrachtet wird.

    Allerdings glaube ich nicht, dass die Knochen des jungen Schweinswals einen so hohen Wert wie die Knochen großer Wale hatten. Wenn man aber in Köln (St. Maria im Kapitol) die Rippe eines Grönlandwals für die Rippe Mariens hielt, so kann auch der kleine Schweinswal auf Guernsey für irgendetwas Heiliges gehalten worden sein.

    Man hätte den Schweinswal leicht im Meer entsorgen können oder auch an die Hunde verfüttern können. Oder man hätte ihn vielleicht noch essen können oder wenigstens den Blubber zum Lampenöl verarbeiten können. Irgendjemand hat jedoch eine andere Entscheidung getroffen und den Schweinswal unverwertet bestattet.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bestimmt war das so.
    Das - mit Datierungen im frühen Mittelalter - würde ich aber gern einmal selber nachlesen.
     
  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ich habe mich da etwas weit aus dem Fenster gelehnt.
    Reliquiare sind kleine Kästchen zur Aufbewahrung von Reliquien.
    Einige Reliquiare wurde in der Tradition der byzantinischen Elfenbeinschnitzerei hergestellt. Neben Elefantenstosszähnen, Walrosselfenbein oder Elchgeweih wurde in Nordwesteuropa gelegentlich auch Walknochen verwendet. Problematisch ist, dass die unterschiedlichen Werkstoffe in verarbeiteter Form nur schwer zu unterscheiden sind. Die Tierart bestimmte lediglich die maximale Größe der Einzelteile.

    Zu den bekanntesten Stücken aus Walknochen zählt das "Runenkästchen von Auzon" - ein einzigartiges, schwer deutbares Objekt.
    In merowingerzeitlichen Priestergräbern wurden gelegentlich Gürtelschnallen aus Bein gefunden. Das bekannteste Beispiel ist die Jonas-Schnalle aus einem Klerikergrab der Kirche St. Ulrich und Afra in Augsburg. Die Gürtelschnalle mit Jonas-Abbildung besteht aus Walknochen.
    Daneben gibt es allerdings noch profane Verwendungszwecke wie die als frühmittealterliche Bügelbretter gedeuteten Platten aus Walknochen.
     
  13. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ein begraben des Wals, um später die Knochen verwenden zu können, wobei das Ausgraben nicht mehr stattfand? Jedenfalls wird man einen Walkadaver nicht mit Reliquien verwechselt haben.
     
  14. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Vielleicht glaubte man, der Walfisch habe jemanden verschlungen, weshalb man gleich das ganze Tier bestattete. Oder etwas weniger phantasievoll: man glaubte, der Walfisch, resp. der Delphin habe jemanden gerettet (und war evtl. dabei gestrandet), weshalb ihm eine angemessenene Bestattung gewährt wurde.

    Vgl.
    Liselotte Stauch, „Delphin“, Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1954), Sp. 1233–1244; @ dito, RDK Labor, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München.
    Rainer Neu, „Walfisch“, Bibelwissenschaft.de, 2009.
     
  15. edgar

    edgar Aktives Mitglied

    Ich würde da mal nicht so kompliziert denken.
    Der Wal hat wohl diese Bucht öfters als Jagdrevier benutzt und Fische dort reingetrieben. Davon profitierten natürlich die Mönche. Eines Tages lag er dann am Strand oder wurde versehentlich getötet und was macht man dann aus Dankbarkeit ? Na, wenigstens eine ordentliche Bestattung.
     
  16. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Vielleicht war ein Mensch ertrunken und da keine Leiche für die Beerdigung vorhanden war, nahm man ein Lebewesen aus dem Element, dem er zum Opfer fiel oder es war schlicht eine Fake-Beerdigung und man hatte in den Sarg etwas, was ungefähr das Gewicht und die Größe eines Menschen hatte gelegt oder es war ganz anders :(
     
  17. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    „Kompliziert“ wird der Schweinswal durch seine 600jährige Lagerung. Das gibt ihm seinen besonderen Wert. Gesteigert noch durch das Interesse eines Professors aus Oxford. Nicht zu vergessen dieses Geschichtsforums. Unser Schweinswal gewinnt nun eine Bedeutung, von der er zu Lebzeiten nur träumen konnte.
     
  18. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    ohne spezielle Bedeutung wäre er wohl kaum so bestattet worden. Sind die Dinger damals eigentlich bejagt worden?
     
  19. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Unser Fisch muß wunderbar geschmeckt haben und verdiente wohl ein solches Begräbnis seiner Reste:

    During the Middle Ages, Harbor Porpoise meat was considered a delicacy suitable for a royal feast.
    Sturgeon, whale, and porpoise were rare seafood delicacies, the first two "royal fish," fit for kings and queens.


    Tales of the Middle Ages - Food and Drink
     
  20. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Für den Ort Middelfart auf der dänischen Insel Fünen scheint sogar eine Zunft der “Meerschweinjäger“ ab dem 16. Jh. als bedeutendes wirtschaftliches Standbein der Gemeinde belegbar zu sein, die erst mit dem Aufkommen des Petroleums ihren Niedergang gegen Ende 19. Jh. fand.

    Middelfart – Wikipedia

    Die Tiere dürften vermutlich wohl auch andernorts wie auch zu früheren Zeiten kommerziell gejagt worden sein.
     

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