Industrialisierung ./. Gewerbealisierung

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Repo, 18. Juli 2011.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Der Begriff der Industrialisierung ist bekannt, die Vorgänge sind erforscht.

    Ich finde aber, dass da ein ganz erheblicher Teil Vorgänge die zu unserer heutigen "Idustrie-Gesellschaft" führen, insgesamt nicht weniger wichtig, unter den Tisch fallen.
    Kurz nach dem 30 jährigen Krieg beginnt eine Entwicklung in der Waren und Güter weitgehend außerhalb der Zünfte für den überregionalen Bedarf und Vertrieb in Stückzahlen gefertigt werden.
    Diese Entwicklung, mangels Schlagwort möchte ich sie mal "Gewerbealisierung" nennen, würde ich hier gerne diskutieren, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen.
     
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  2. Lili

    Lili Neues Mitglied

  3. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Danke Dir.
    Hätte ich demnach keine grauen Zellen strapazieren müssen, ein treffendes Wort zu finden;)

    Die Link- und Nachweis-Liste in Deinem Link bestätigt mir allerdings, dass da die Forschungslage im Verhältnis zur Industrialisierung "dünn" ist.
    Was nmM der tatsächlichen Bedeutung nicht entspricht.

    Vielleicht entwickelt sich ja hier was.
     
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Gewerbealisierung klingt aber auch nicht schlecht :D

    Da hast du Recht, die Quellenlage dazu ist wirklich deutlich dünner als zur Industrialisierung. Nachdem die Protoindustrialisierung aber stark regional geprägt war, wird es schwer dazu sonderlich viel einheitliches zu finden. Vielleicht wäre es daher sinnvoller, wir konzentrieren uns zum Einstieg auf eine bestimmte Region. Hast du eine bestimte Region bzw. einen bestimmten Gewerbezweig im Auge?
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Beschreibung der Protoindustrialisierung für das vorrevolutionäre Frankreich im Ausgang des Ancien Regime fand ich eigentlich recht gut beschrieben.
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Ich denke mal die Quellenlage ist gar nicht mal sooo dünn. Aber allem nach tatsächlich überwiegend nur regional vorhanden.
    Wobei ich stark annehme, dass sich doch überregionale Gemeinsamkeiten finden lassen.
    Das Verlagssystem zB gab es anscheinend doch flächendeckend. Wobei für das System ist es ja weniger wichtig, ob da jetzt "Endschuhe", Holz- oder Blechspielzeug oder Uhren gebaut und vertrieben wird.

    Auch die Zünfte, die Zeder und Mordio schreien, "wenn dann nur dieser Artikel und natürlich nur Bedürftige" müsste doch wohl auch eine überregionale Erscheinung sein.

    Im Kopf habe ich gerade Textil, nicht weil ich da auch nur die geringste Ahnung hätte, aber regional Zugriff auf etliche Quellen.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ob die "Beschreibungen" gut sind, kann ich mangels Hintergrundwissen nicht entscheiden, es ist aber zumindest ein vielfaches an Material vorhanden.
    (hat sich einst sogar in meinen Schulunterricht geschlichen)
    Noch mehr natürlich für England.

    Mich interessiert aber die Entwicklung in Deutschland. Und wie Lili schreibt, da sind die Entwicklungen sehr regional verlaufen, sehr vieles ist wieder verschwunden, aus anderem haben sich überaus bedeutende Industriezweige entwickelt.
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Wenn ich mich aus dem einstigen Geschichtsunterricht richtig besinne, unterlag die französische Protoindustrialisierung doch weitgehend des staatlichen "Anstoßes".
    Was für die deutsche weitgehend nicht der Fall ist. (Ganz im Gegensatz zur späteren Industrialisierung)
    Hier würde ich eine weitere übergreifende Gemeinsamkeit sehen.
     
  9. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Textil, also in erster Linie die Heimweber, gab es doch fast überall in den dichter besiedelten Regionen.
    Mich interessiert besonders, wie es zu dem Verlagswesen gekommen ist.
    Mit den Gewinnen konnten dann später einige Verleger Fabriken bauen und Maschinen kaufen.
     
  10. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Stichworte in diesem Zusammenhang sind
    Manufaktur ? Wikipedia
    Merkantilismus ? Wikipedia
    Das gab es auch in Deutschland.
    Einer der "Frühen" dürfte der Ahnherr von denen gewesen sein
    Fugger ? Wikipedia

    Und noch ein bisschen was zum Verlagssystem ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2011
  11. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das ist richtig. Denn die Anschubfinanzierung für die Industrialisierung kam zweifellos aus dem Handel.
     
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Einfach mal in die "Runde geworfen". "Bauernbefreiung", ohne die konnte auch in der Phase der "Protoindustiealisierung" keine verläßliche Rekrutierung von Arbeitern sichergestellt werden, sondern nur im Bereich merkantilistisch bzw. kameralistischer Wirtschaftregulierung (Beispiel: Die Beschäftigung von Soldaten der preußischen Armee in dienstfreier Zeit im 18. Jh.). Das "Verlagswesen" wäre hier gesondert zu untersuchen und könnte ein Sonderfaktor darstellen. Mir ist nicht bekannt, was nichts heißen muß, wie feudale Abhänigkeitsverhältnisse das Verlagswesen hier eventuell behindert haben könnten.

    "Gewerbefreiheit", ohne diese, bliebe die "Protoindustriealisierung" im merkantilistischen bzw. kameralistischen Regulierungsbereich des frühmodernen, eventuell absolutistischen Staates.

    M.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2011
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  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das "Verlagssystem" nutzte, dass es in der Landwirtschaft Zeiten des fast völligen Arbeitsmangels gibt. In diesen Zeiten war man für eine Erwerbsmöglichkeit dankbar.
    Außerdem wurden Waren gefertigt, die nur geringe oder gar keine Kenntnisse zur Anfertigung benötigten.
    Zu großer Bedeutung wuchs das "Verlagssystem" mit dem Ende der großen Pestepidemien, die in den Städten wesentlich mehr Opfer als auf dem flachen Land fand. In der Folge wurden Lebensmittel deutlich weniger nachgefragt.

    Eine Hinderung durch Feudalgewalten wäre mir jetzt auch nicht präsent, aber meine Infos sind recht regional.
    Anders ist es mit den Zünften, die haben ständig "Zeder und Mordio" geschrien, "nur bestimmte Artikel, nur durch Bedürftige" die sonst der Armenkasse zur Last gefallen wären.
    Die Verleger sind natürlich der Mode gefolgt, andere Artikel, der nächste Streit mit den Zünften.
     
  14. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Ich hoffe, ich habe die Beiträge bezüglich feudaler Abhängigkeiten /Behinderungen richtig verstanden.
    Am Beispiel der Calwer Zeughandlungskompagnie kann man sehr gut erkennen, wie viel Einfluss die Verleger beim Herzog hatten (schließlich hatte der ja auch Gelder anstehen bei eben jenen Verlegern) was wiederum großen Einfluss auf die Handelsrechte der Compagnie hatte. Während sich die Compagnie im Umkreis von etwa 60 bis 70 km insgesamt 1200 Weber verpflichten konnte, blieben für die anderen Textilhersteller kaum noch Arbeitskräfte unter der Landbevölkerung übrig. Abwerben durften sie keine.
    Auch konnten die anderen Textiler ihre Waren nur in sehr eng gefassten Märkten veräußern. die Sahnebonbons blieben der CC vorbehalten - auf Geheiß des Herzogs.
    Innerhalb der Gruppe der Weber waren die Zeugmacher[1] als Spezialisten besonders hoch gehandelt. Auch hier bewirkte die CC, dass sich nur Zeugmacher nennen durfte, wer die entsprechende Ausbildung und Qualifikation nachweisen konnte und dann nur in die Dienste der CC treten durfte.

    [1] Zeuge = besonders feine Wollware, gekämmt und nicht gefilzt

    Zur Calwer Compagnie gibt es zahlreiche Veröffentlichungen, die aktuellste dürfte die hier sein: "Calw - Geschichte einer Stadt, Band Wirtschaftsgeschichte I"
     
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  15. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Da warte ich doch jetzt 3 Tage, dass Du Dich mit den Calwer Decken hier meldest.:)
    Die Calwer Zeughandelscompagnie ist ein wunderbares Beispiel. Anfang, Hochzeit und Ende des Verlagswesens im beginnenden 19. Jahrhundert. Bestens dokumentiert, schon weil ein Nachfolgeunternehmen erst vor wenigen Jahren dichtgemacht hat.

    Außerdem soll der Überlieferung nach (Dokumente gibt es wohl keine) die Calwer Compagnie auch die Textilindustrie um Ebingen "angeschuckt" haben. Hier hat man aber schon früh auf andere Produkte
     
  16. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Naja, der Broterwerb eben ;)

    Wenn es stimmt, müsste schon was zu finden sein. Im Laufe der Zeit sind immer wieder Compagnie-Verwandte "ausgewandert" und haben einzelne Sparten mitgenommen. Das ist hier ganz gut dokumentiert. Wenn es dich wirklich interessiert, dann melde dich per PN und ich frage mal unseren Stadtarchivar aD., ob er was drüber weiß.

    Er erzählte mir übrigens auch, dass es eine Dissertation zur Compagnie gibt (die allerdings auch keinen wirklichen Abschluss gefunden hat, weil das Thema einfach zu umfangreich und verzwickt ist).
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Edit:
    Da warte ich doch jetzt 3 Tage, dass Du Dich mit den Calwer Decken hier meldest.:)
    Die Calwer Zeughandelscompagnie ist ein wunderbares Beispiel. Anfang, Hochzeit und Ende des Verlagswesens im beginnenden 19. Jahrhundert. Bestens dokumentiert, schon weil ein Nachfolgeunternehmen erst vor wenigen Jahren dichtgemacht hat.

    Außerdem soll der Überlieferung nach (Dokumente gibt es wohl keine) die Calwer Compagnie auch die Textilindustrie um Ebingen "angeschuckt" haben. Hier hat man aber schon früh auf andere Produkte umgestellt.
    Strumpfwirker im 18. Jahrhundert überwiegend.
    Der Strumpfwirkstuhl wäre von örtlichen Mechanikern schon 1780 verbessert worden. Die Namen der Mechaniker sind dokumentiert.
     
  18. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Etwas ist an so Überlieferungen ja immer.
    Hier ist allerdings die "Schmidsche Zeughandelskompagnie" so ca. 1730 entstanden. Deren Vorbild auf alle Fälle die Calwer war.
    Für die Zeugherstellung vermutet man eine 2. Entwicklungslinie nach Oberschwaben.
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Banken

    Nachdem das "Verlagswesen" etwas angerissen wurde, nun zum nächsten Unterthema.

    Auf alle Fälle ist der von mir genannte Zeitrahmen "kurz nach dem 30jährigen Krieg" klar zu eng gefasst. Die Entwicklungen die zur Industrialisierung führten, begannen deutlich früher, erlebten nur eine gewisse Unterbrechung in Deutschland durch den 30jährigen Krieg.

    Es ist mir schon länger aufgefallen, die kleinen Landstädte verschuldeten sich während des 30jährigen Krieges ganz erheblich.
    Wobei sich natürlich die Frage stellt "wo und wie".
    Die Lösung heißt Brandschatzung. Sie war meist bar nicht aufzubringen. Wurden Schuldverschreibungen getätigt, die die Kriegsunternehmer recht einfach einlösen konnten.
    Was aber ein sehr weit entwickeltes Bankgewerbe voraussetzt. Keine "Mischkonzerne" mehr, ala Fugger oder Welser, sondern spezialisierte Kreditinstitute quasi "Vollbanken".
    Für Südwestdeutschland, im letzten Jahrzehnt des 30jährigen Krieges Hauptkriegsschauplatz, saßen diese Bankhäuser meist in der Schweiz.
     
  20. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Dann wären ja beide bisher besprochenen Aspekte der Proto-Industriealisierung eng mit dem Dreißigjähriger Krieg ? Wikipedia verbunden. Die Auswirkungen bes. in den südlichen Gebieten des HRR will ich gar nicht bestreiten.
    Die Ausbreitung des Verlagswesens könnte aber auch im unterschiedlichen Erbrecht begründet sein. Bei steigender Bevölkerungszahl reichte die Hofgröße bes. bei Realteilung ? Wikipedia nicht aus, um die wachsenden Familien zu ernähren, sie waren gezwungen, sich eine weitere Erwerbsquelle neben der Landwirtschaft zu suchen, da bot sich die Heimarbeit an. Wenn die Heimarbeitsbauern die Rohstoffe für ihre Nebenerwerbsprodukte nicht (mehr) selbst herstellten und ihnen zur Vorfinanzierung die Möglichkeiten fehlten, gerieten sie schnell in eine Abhängigkeit von den Verlegern. Inwieweit diese wiederum auf Banken angewiesen waren, hattest du schon angerissen, Repo.
    Dieser Effekt aus bäuerlicher Verarmung, Zwang zu Heimarbeit wurde durch den Nachfrageschub im dreissigjährigen Krieg verstärkt.
    Entstand eure Calwer Compagnie in dieser Phase?
     

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