Industrialisierung ./. Gewerbealisierung

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Repo, 18. Juli 2011.

  1. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Mehr oder weniger schon.

    Ziemlich genau um 1600 bildete sich das Verlagswesen in Calw heraus. Zu Beginn waren es Geschäftsleute, Zeugmacher (da vor allem die spezialisierten "Engelssajter") und die Färber. Durch den Krieg wurden die Geschäfte des Verlags natürlich empfindlich gestört. Nicht nur die Landbevölkerung und somit ihre Produkte fehlten, auch in der Stadt stand nach 1634 kaum noch ein Stein auf dem anderen. Es dauerte etwa 15 Jahre, bis die Geschäfte wieder einigermaßen in Gang kamen. Da sich zu dieser Zeit einige Textilhersteller zu formieren begannen, beschloss man in Calw gleich Nägel mit Köpfen zu machen und gründete 1650 die Calwer Zeughandlungscompagnie. Bei Gründung hatte die Compagnie 24 Mitglieder aus 12 Familien, allesamt Geschäftsleute und Färber. Die Weber ließ man nun aussen vor bzw. für sich arbeiten. Diese 12 Familien nannten sich fortan "Compagnieverwandte" und diese quasi-verwandtschaftlichen Beziehungen blieben bis zur offiziellen Auflösung der Compagnie 1795 bestehen. Die Compagnie war ein geschlossenes Konstrukt. Man konnte nur Mitglied werden, in dem man einen Posten geerbt hatte oder eingeheiratet hatte, aber dann auch nur nach streng festgelegten Regeln und mit einer enormen finanziellen Einlage. (Bei ihrer Auflösung waren es übrigens noch immer 12 Familien und 24 Mitglieder - und ganz nebenbei, diese Familien pflegen diese Compagnieverwandtschaft noch heute weiter und nennen sich "Familienverbund xxx")
    Durch den Pfälzer Erbfolgekrieg wurde die Compagnie noch mal übelst zurückgworfen, Truppen des General Mélac hatten die Stadt und das Umland abermals in Schutt und Asche gelegt und es musste wieder aufgebaut werden. Zum Glück der Compagnieverwandten konnte man allerdings auf das "Färberstift" zurückgreifen. Das Färberstift war eine Sozialkasse, die direkt nach dem Dreißigjährigen Krieg durch den damaligen Dekan Johann Valentin Andreae angeregt wurde. So kam die Compagnie schneller wieder auf die Beine als so mancher Mitkonkurrent.
    Die Gründe der Auflösung der Compagnie (wobei das nur Makulatur war, die Compagnie existierte in Form der Schill&Wagnerschen bis 2000 weiter) sind sehr vielfältig und würden jetzt hier den Rahmen sprengen. Bei Bedarf kann ich es aber gerne noch ausführen.
     
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  2. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das stimmt so rena.
    Die Realteilungsgebiete waren natürlich bevorzugt für die Heimarbeit geeignet. Die Bevölkerung waren Selbstversorger und konnten von dem her bereits billiger wie städtische arbeiten.

    Gerade die Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts hatten einen großen Einfluss auf das Verlagssystem, wie sonst wären die benötigten Mengen an Textilien, Lederwaren usw. zu produzieren gewesen?
    Und das Geschäft hat dann der gemacht, der liefern konnte.

    Die Verleger hatten die Heimarbeiter recht schnell in der Hand, und haben diese Macht natürlich auch zum Lohndumping genutzt. Allerdings geht mMn die generelle Annahme "wie schlimm das früher war" auch in diesem Fall fehl. Es gibt ein paar Wahrheiten, die eigentlich immer schon gelten "Die besten Geschäfte sind die, an denen beide ihre Freude haben" und "Aus einem verzagten A..... wird nie und nimmer ein fröhlicher F.... kommen"
    maW: Auf Dauer wird der Verleger die besten Geschäfte gemacht haben, der seine Produzenten auch leben ließ.
     
  3. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Nur solange er nicht selbst unter Druck geriet, was bei den Garnen und Textilien so um 1800 passierte. Industrielle Revolution ? Wikipedia

    Die Textilien sind das Paradebeispiel für den Übergang von Handarbeit zur Industrieproduktion mit allen Verwerfungen.

    Kann man diese Entwicklung auch bei anderen Produkten des täglichen Bedarfs nachweisen?
    Verlagswesen für Keramik, Kuckucksuhren, Holzprodukte? Gab es Unterschiede, wenn der Rohstoff überall ortsnah zur Verfügung stand.
    Die veredelten Lebensmitteln wurden wahrscheinlich erst sehr viel später von der Industriealisierung erfaßt und haben die Gewerbevorstufe übersprungen, oder?
     
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  4. Repo

    Repo Neues Mitglied


    In dem Moment ist aber die gesamte Branche unter Druck, also kein "schnödes Gewinnstreben" der Auslöser.

    Das ist richtig.
    Regional:
    Bei uns dominierend Ende des 18. Jahrhunderts Strumpfproduktion mit dem Strumpfwirkstuhl (unter Krünitz Online gibt es einen langen Artikel zu ihm).
    Generell: Wobei im Produktionsprozess die verschiedenen Stufen keineswegs gleichzeitig mechanisiert wurden. Sondern mit Zeitdifferenzen bis zu einem Jahrhundert. Eine der ersten Spinnmaschinen in England trug übrigens den Namen "Jenny" die Verballhornung von Engine. maW die Maschine überhaupt war für die Zeitgenossen jene Spinnmaschine.


    Im Raum Oberammergau hat man im Verlagssystem Holzspielzeug angefertigt. Im Erzgebirge war die Spielzeugproduktion glaube ich auch so organisiert. Aber da kenne ich mich nicht aus.

    Die Schwarzwalduhr ist ein sehr interessantes Thema, das einen eigenen Thread vertragen könnte.

    Veredelte Lebensmittel wurden schon im 16. Jahrhundert verstärkt angeboten, ich glaube in dem Vortrag des Prof. Kollmer habe ich sowas gelesen.
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Die veredelten Lebensmittel - was soll das sein, Salzheringe, Wein? - sollten wir getrennt betrachten, auch die Uhren.
    Was ich bei der Suche nach weiteren ländlichen Produkten, die von Verlegern gehandelt wurden, gefunden habe, ist Metallerzeugung. http://www.diss.fu-berlin.de/diss/s...e_000000002750/02_3_Voraussetzungen.pdf?hosts=
    Das erstaunt mich, haben da Bauern im Nebenerwerb Eisenerz abgebaut und an Verleger verkauft Die deutsche Wirtschaft im 16 ... - Google Bücher oder geht es mehr um Hilfstätigkeiten wie Holzkohleerzeugung. Vielleicht ist der Begriff Verlagswesen unscharf gewählt und es war eine reine Handelstätigkeit.
     
  6. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Bei der Weiterentwicklung der Holzschnitzerei zur Spielzeugherstellung, wie sie in http://www.bergland.it/cms/index.php?die-geschichte-des-groedner-handwerks etwas betulich geschildert wird, sind die Verleger erst im 19. Jhdt. eingestiegen. Dabei fehlen mir auch die meisten Merkmale der Proto-Industriealisierung. Der Nebenerwerb von Bergbauern scheint mehr oder weniger eigeninitiativ entstanden zu sein. Ähnliche Bedingungen sollten im Erzgebirge vorliegen. Eine regelrechte Industrie hat sich daraus jedoch nicht entwickelt.

    Edit: Bergbau Handel und Gewerbe im 16. Jahrhundert
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2011
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Zu den "veredelten Lebensmitteln"
    aus dem Link
    ich dachte ich hätte den Vortrag schon mal verlinkt. Sorry.

    Also bei uns wurde "vermutlich" 3000 Jahre Bohnerz gegraben. bis in die 1870er Jahre, als die Eisenbahn die Alb erreichte, und das antransportierte Erz billiger war, als das gegrabene.
    ("Vermutlich" deshalb, weil der Nachweis für die Spatenforschung extrem schwierig ist, so oft ein neues Verhüttungsverfahren eingeführt wurde, hat man zuerstmal den Abraum der Vergangenheit durch den Ofen gejagt. Aber inzwischen ist zumindest ein Erzschmelzofen aus der Zeit ca. 1.000 vuZ nachgewiesen. Schlackenhäufen sind gigantische gefunden worden)
    Die Hammerwerke, Eisengießereien zB Laucherthal, Fridingen, Thiergarten usw. usf. die teilweise bis heute bestehen, gehen auf diese Vorkommen zurück.
    Zur Protoindustrie kann man dies ganz gewiss rechnen, Verlagssystem kaum. Die Bauern und insbesondere Taglöhner haben in der "arbeitslosen Zeit" der Landwirtschaft das Erz gegraben, aber alle anderen Ansatzpunkte für den "Verlag" fehlen ja.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juli 2011
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Bandmühle

    Die sog. Bandmühle war der erste mechanische Webstuhl.
    Gewoben wurden mit ihm gleichzeitig mehrere "Schmuck"-Bänder die vielfach an der Kleidung angebracht wurden.
    Mühle, da der Bandwebstuhl sowohl mit Muskelkraft wie auch mit Wasserkraft oder ähnlichem angetrieben werden konnte.

    Anhand der Bandmühle ist der Innovationsverlauf in dieser Zeit schön darzustellen.

    Erstmals nachgewiesen in Danzig in den 1580er Jahren
    im 17. Jahrhundert über die Niederlande als "Dutch-Mill" insbesondere nach Schottland gelangt.
    Von den Niederlanden nach Basel "geschmuggelt" wo zuvor schon im Verlag Borten gefertigt wurden.

    Die Zünfte der Posamentierer und Bortenmacher reklamierten, schrien erfolgreich Zeder und Mordio. An zahllosen Orten wurden Verbote der Bandmühle erlassen.
    1685 sogar ein kaiserliches für das ganze Reich. Das große Elend in das die Bortenmacher durch die Mühle gestoßen würden, insbesondere Kinder denen man keine Beschäftigung mehr hätte, waren die Argumente.

    Das letzte dieser Bandmühlen-Verbote fiel 1767 in Sachsen.
    Fast 200 Jahre nach der ersten nachgewiesenen Verwendung!
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2011
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Der Umbruch des Denkens - Bandmühle 2

    Wie ich oben schrieb, ist es insgesamt fast 200 Jahre gegangen, bis die öffentlichen Verbote gegen die Bandmühle, den mechanischen Bandwebstuhl aufgegeben wurden.
    Wohlgemerkt, der Webstuhl hat in diesen zwei Jahrhunderten die eine oder andere Verbesserung bekommen, aber er war 1580 fertig, betriebsbereit für externen Antrieb

    Entscheidend war aber, dass man die Vorteile für alle sah, die er bot.

    Und ohne dieses Umdenken in der Phase der Protoindustrialisierung, der Gewerbealisierung wie ich sie nannte, in diesen 200 Jahren ist die nachfolgende Industrialisierung undenkbar.
     
  10. Lili

    Lili Neues Mitglied

    In dem Thread geht es mir gefühlt zu schnell, daher versuche ich mal zu ergänzen zu ordnen und zusammenzufassen.

    Wie Repo bereits einwendet, ist der Zeitraum rund um den Dreißigjährigen Krieg viel zu eng gefasst. Die Grundalgen der Protoindustrialisierung finden sich vielmehr bereits im Mittelalter. Zu einer Automatisierung der handwerklichen Produktion kommt es verstärkt ab dem 11. Jahrhundert, hier beginnt auch bereits der Übergang von einer rein handwerklichen Produktion hin zu einer organisierten arbeitsteiligen Produktion unter Einsatz von Maschinen und Verfahren zur Standardisierung und zur Massenproduktion. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts kommt es zu einer Beschleunigung der technischen Entwicklung, wobei das als Dynamisierungsprozess zu verstehen ist, eine Neuerung zog quasi unweigerlich die nächste nach sich. Es handelte sich also nicht um Zufallserfindungen sondern um gezielte Verbesserungen vorhandener Maschinen (Pleuelstange, Nockenwelle), sowie um Adaption von Produktionsverfahren für andere Güter (z.B. Flügelspinnrad). Wolfgang von Stormer begründet diesen Dynamisierungsprozess in der technischen Entwicklung des Spätmittelalters in seinem Aufsatz "Eine 'Industrielle Revolution' des Spätmittelalters?" damit, dass durch die Pestepidemien zu wenig Arbeitskräfte zur Verfügung standen, was gleichzeitig zu einer Erhöhung der Löhne führte. Der Mangel an Arbeitskräften wurde durch einen Technisierungsschub abgefangen. Die gestiegenen Löhne führten dazu, dass die Kaufkraft des Einzelnen stieg, man konnte sich also Waren leisten, die man sich zuvor nicht in dem Umfang leisten konnte. Durch die Technisierung waren die Waren zudem günstiger und in größerer Zahl herstellbar. Durch den Bevölkerungsverlust auf dem regionalen Heimatmarkt konnte also auch der Absatzradius erhöht werden, was wiederum (aufgrund des Konkurrenzdrucks) Spezialisierungszwänge mit sich brachte. Die Palette der angebotenen Produkte wurde also breiter.

    Einen ersten merklichen wirtschaftlichen Aufschwung im Zusammenhang mit der Protoindustrialisierung gibt es in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, der sich zwar über fast alle Wirtschaftssektoren erstreckt, am deutlichsten aber im Textilgewerbe zu finden ist. Die Wollproduktion war bereits vor dem gewerblichen Aufschwung weit verbreitet, allerdings gab es nur sehr wenige Regionen, die in der Lage waren über den regionalen Bedarf hinaus zu produzieren. Mit der Technisierung der Stoffherstellung kam es aber eben nicht zu einem vermehrten Ansatz von Wollstoffen, vielmehr verschob sich die Nachfrage hier von den Wollstoffen hin zu einer Neuentwicklung, der so genannten Nouvelle Draperie (Kammgarngewebe, wie Flanell oder Serge), die zwar qualitativ minderwertiger waren als die Wollstoffe, dafür aber eine breitere Produktvariabilität (insb. Farbe und Muster) aufweisen und quantitativ in größeren Mengen hergestellt werden konnten, was sie preislich auch deutlich günstiger machte als Wollstoffe. Diese Entwicklung setzte sich zudem in einer sich schneller ändernden Mode um. Parallel zum Nachfrageanstieg der Nouvelle Draperie kam es auch zu einem Aufschwung in der Seidenproduktion und einem Ausdehnen der Seidenproduktion weg von den alten Zentren in Italien über ganz Europa. Dem ging ein gezieltes Abwerben von italienischen Seidenwebern voraus, was übrigens auch das erste groß angelegte überregionale Anwerben von Fachkräften darstellt. Das Abwerben der Seidenweber hat dabei mehrere Gründe. Zum einen unterlag auch die Seide einem Preisverfall aufgrund der billigeren Stoffe und der Erhöhung der Seidenproduktion aufgrund der technischen Neuerungen (u.a. das Flügelspinnrad). Zudem etablierte sich eine neu heranwachsende Oberschicht mit entsprechender Luxusnachfrage. Durch die Ausbreitung der Seidenproduktion in ganz Europa fiel auch das Seidenmonopol der italienischen Städte, so dass durch die Ausbreitung die Preisbildung für Seidenstoffe auch freier war.

    Die Entwicklung die ich gerade versucht habe anhand der Textilbranche zu beschreiben, führte durch diese frühe Form des Manufakturwesens zu einem Verfall der Zünfte (deren Ende richtigerweise aber erst mit Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert anzusetzen ist). Innerhalb der Zunft der Weber, konnte es sich nicht jeder Weber leisten italienische Seidenweber anzuwerben, oder die nötigen Investitionen für die Nouvelle Draperie vorzunehmen, es entstand also eine verstärkt heraustretende soziale Schichtung innerhalb der Zunft, die auch so weit gehen konnte, dass die ärmeren Zunftmitglieder in eine Beschäftigungsabhängigkeit zu den reicheren und damit innovationsstärkeren Zunftmitgliedern begeben mussten. Nichts desto trotz hatten die Zünfte in der Wirtschaftsordnung nach wie vor eine einflussreiche Schlüsselposition inne, selbst wenn sie sich nur noch darauf beschränkten eine Monopolstellung zu verteidigen und im Zweifelsfalle auch einen technischen Fortschritt verhinderten. Hier kommt jetzt das Verlagssystem ins Spiel. Das Verlagssystem ist im Grunde nichts anderes als die Trennung von Produktion und Absatz. Dieser Trennung liegt in aller Regel aber zunächst die Monopolherrschaft der Zünfte in den Städten zugrunde, was zu einem Ausweichen investitionsstarker Verleger – oft ursprünglich selbst aus der Textilbranche, in der sich das Verlagssystem herausbildete – auf das Land führte. Interessanterweise etablierte sich das Verlagssystem in der Textilbranche zunächst dort, wo die städtische Produktion oft schon in Manufakturen ausgerichtet war und exportorientiert arbeitete. Das Verlagssystem diente dabei insbesondere zur Befriedigung der regionalen Nachfrage nach einfacheren Textilprodukten und zur Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten.

    Der Ablauf war eher anders rum. Zuerst die städtischen Manufakturen und erst als die Zunftschranken es nicht mehr zuließen ein Ausweichen auf das Land, um verhältnismäßig investitionsarm die Produktion zu erweitern. Eine direkte Anschubfinanzierung der Industriellen Revolution aus der Proto-Industrialisierung wird heute auch bezweifelt. Das mag auf einige wenige Wirtschaftszweige zutreffen, ein flächendeckendes Phänomen ist es allerdings nicht.

    Ich habe zudem etwas in meinen Büchern geblättert (deswegen hat die Antwort auch so lange gedauert – die fehlende Zeit genau dazu) und zumindest zwei Überblickswerke gefunden (aus denen ich auch meine Ergänzungen habe):
    Braudel "Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts" hier: Band 2 "Der Handel"
    Cipolla "Europäische Wirtschaftsgeschichte" ebenfalls Band 2 "16. und 17. Jahrhundert"
     
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  11. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Die empirisch entwickelten Verbesserungen sind als solche wohl typisch für die Zeit der Protoindustrialisierung (Gewerbealisierung:)).

    Ich habe auch meine Bücher gewälzt:) und bin da auf den Begriff des "Ökonomischen Denkens" gestoßen, das sich mit der Frühaufklärung entwickelt hätte.
    Ohne, dass dieser Begriff weiter vertieft werden würde.
    Bieten da Deine Bücher etwas dazu?
     
  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ja. Die Protoindustrialisierung war wie alle anderen Formen der Frühindustrialisierung durch äußere Faktoren limitiert. Diese Limitierung war auf der einen Seite bereits während des Spätmittelalters Grund für den Aufschwung (bspw. die Limitierung der Arbeitskräfte, daher die zunehmende Technisierung, siehe oben die Theorie von von Stormer). Auf der anderen Seite waren der Produktionssteigerung sowohl künstliche (die Zünfte) aber auch natürliche Grenzen (Wind-/Wasserkraft) gesetzt. Diesen Grenzen der Produktivität nähert man sich mathematisch betrachtet wie bei einer Grenzwertberechnung an. Während am Anfang noch mit verhältnismäßig wenig Optimierung ein beachtliches Mehr an Produktionssteigerung erzielt werden kann, wird das mit zunehmender Optimierung immer mehr an Aufwand, bis man einen sehr hohen Aufwand an den Tag legen muss, damit man überhaupt ein kleines bisschen Optimierung herausholen kann. Die Ökonomisierung des Denkens meint dabei zum einen die Überprüfung der Rentabilität, also rechnet es sich überhaupt Optimierung x vorzunehmen, wenn ich dafür Ertrag y bekomme und zum anderen auch die Betrachtung der überhaupt noch vorhandenen Möglichkeiten der Optimierung. Wie oben bereits gesagt, war die Technik der Protoindustrialisierung durch äußere Faktoren limitiert. Bei einer Mühle, die mit Windkraft betrieben wird, kann man im Falle einer Produktionssteigerung den Wind nicht schneller machen, also muss man die Mühle optimieren. Genau dieses Finden von Optimierungsmöglichkeiten der Technik fällt auch unter die Ökonomisierung des Denkens.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wenn ich das noch ergänzen darf.
    Den Empirikern war dieses Kosten/Nutzen Denken fremd. Ihnen genügte es, wenn das "Ding", trial and error entwickelt, funktioniert hat. Es wird oft genug, oder noch viel öfter, nicht funktioniert haben.
     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Auf der anderen Seite gab es die Wissenschaftler, die ihre Ideen mangels Materialkenntnis, Wissen um das Machbare, nicht umsetzen konnten.
    Beispiel Leibnitz bei dem einige Projekte aus diesem Grunde scheiterten. Seine Rechenmaschine, moderne Nachbauten funktionieren gut, er hat sie nie richtig zum laufen gebracht.

    Im 18. Jahrhundert gab es ein paar wenige "Allrounder" der Leipziger Jacob Leupold und natürlich James Watt, die in beiden Welten zu Hause waren, und entsprechende Erfolge hatten.
     
  15. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich wage auch mal die Behauptung, dass "die Wissenschaft" zu der betrachteten Zeit auch einfach zu weit weg war von der Praxis und dem Erkennen der praktischen Erfordernisse der produktionellen Betriebe. Schau dir dazu doch nur mal einen da Vinci an. Sicher hat er viele Erfindungen auf dem Papier bereits vorweg genommen, den praktischen Erfordernissen seiner Zeit dürften sie allerdings kaum entsprochen haben. Wobei ich gerade zu da Vinci beim Durchblättern meiner Buchbestände zur Protoindustrialisierung ein Zitat von Kellenbenz gefunden habe, bei dem er behauptete, dass da Vincis Erfindungen größere Berücksichtigung gefunden hätten, wenn sie durch den Buchdruck eine breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden wären. Es ging dabei konkret um den Einfluss der Erfindung des Buchdrucks als Beschleuniger des wirtschaftlichen Aufschwungs im Zusammenhang mit der Protoindustrialisierung. Gerade die Bedeutung des Buchdrucks wird dabei herausgestrichen. Es entstand durch die Erfindung des Buchdrucks nicht nur eine vollkommen neue und aufstrebende Branche, vielmehr trug der Buchdruck auch zum Know-how-Transfer bei. Als frühe Veröffentlichungen zum Thema seien hier beispielhaft die beiden Bergbaubücher von Ulrich Rülein genannt:
    Ulrich Rülein von Calw ? Wikipedia
    (bei den Links auch die digitalisierten Ausgaben beider Bücher)
     
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  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Dem kann man nur zustimmen.
    Die Wissenschaftler und die Empiriker (Handwerker) lebten in 2 völlig getrennten Welten.

    In der Mitte des 18. Jahrhunderts setzte dann ein umdenken ein. die Wissenschaftler begannen sich um die Umsetzung ihrer Erkenntnisse zu kümmern und suchten sich Mechaniker die dazu imstand waren.

    Das Beispiel eines solchen Duos:
    aus dem LinK
    aus dem link
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ergänzung zu oben:
    Hahn ist heute nahezu vergessen, er hat es nicht mal ins Lexikon geschafft.
    (Soviel zu wiki, denn da ist er, siehe oben, drin)
    Völlig zu Unrecht, denn seine Erfindungen waren teilweise bahnbrechend.
    Auch geht die gesamte Waagen- und Feinmechanische Industrie in dieser Ecke Südwestdeutschlands direkt auf Hahn und Schaudt zurück.
    Ein Beispiel
    Aber es geht hier eigentlich mehr um das "Duo" und seine Bedeutung für die beginnende Industrialisierung.
     
  18. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Heute Nacht wollte ich im Vocke was nachschlagen.
    Was begegnet mir? die Calwer Zeughandlungskompagnie:)

    Weshalb ich zu obigem noch etwas ergänzen kann.

    Die Calwer Compagnie hat sich anscheinend nach dem Vorbild der Ravensburger gegründet.
    Nach dem 30jährigen Krieg wurden die "Zeugstoffe" den Tuchen zunehmend vorgezogen
    Das Weben von Zeug stellt deutlich weniger Anforderungen an den Weber.
    Vermutlich der Grund, dass die Weber in die Compagnie gleich gar nicht aufgenommen wurden.
    Man die Zeugstoffe im Verlag herstellen ließ.

    Gefärbt haben die Calwer recht früh schon mit Farben die auf der Basis von Metallen entstanden. Bezogen wurden die Metalle anfangs aus dem Schwarzwald, wo sich die Compagnie an etlichen Bergwerken beteiligte. Da die anfallenden Mengen aber nicht ausreichten, später aus Spanien.
    Die in Spanien um 1780 entstehenden riesigen Preissteigerungen werden als einer der Gründe gesehen, die zur Auflösung der Calwer Compagnie führten.


    Die immense Bedeutung des Färbens in der Zeugherstellung für das Verlagswesen hatte ich bisher nicht begriffen.
    Jetzt weiß ich auch, warum das Nachfolgeunternehmen der örtlichen Compagnie noch bis ins 20. Jahrhundert den Beinamen "zum Farbhaus" trug.
    Den Regionalisten freut es, wenn sich solche kleinen Rätsel auflösen.:)
     
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  19. Repo der Aimat

    Repo der Aimat Gesperrt

    Ein sehr schöner Beitrag.

    Als Ergänzung ist mir noch folgendes aufgefallen:
    Die Empirik als Abgrenzungs-Merkmal Protoindustrialisierung - Industrialisierung
    scheint mir doch nicht so sehr dienlich zu sein.
    In der Industrialisierung taucht dann plötzlich der Wissenschaftler auf, der sich der Empirik bedient.
     
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