Interessante Fragestellung, aber kaum handlich einzugrenzen—selbst wenn Du mit "deutsche Grafengeschlechter" bloß solche meinst, die innerhalb der Grenzen des heutigen Deutschland begütert waren, und nicht auch die deutschsprachigen und/oder dem römisch-deutschen König lehnspflichtigen Grafen jenseits der heutigen deutschen Grenzen (zu denken wäre bspw. an die Grafen von Cili im heutigen Slowenien oder die Urslinger, die das italienische Herzogtum Spoleto erlangten).
Allein im deutschen Reichsteil existierten fast zweihundert Grafschaften, zwar nicht alle zeitgleich, aber dafür mit wechselnden Inhabern, und da sind die Burg-, Pfalz-, Mark- und Landgrafschaften nicht einmal eingerechnet. Die Gesamtzahl der Häuser, die zu irgendeinem Zeitpunkt im Mittelalter dem Grafenstand angehörten, könnte durchaus hoch dreistellig sein.
Spontan als besonders nennenswert fallen mir ein:
- die Babenberger, auf dem Gipfel ihrer Macht Herzöge von Österreich; Leopold V. ließ den heimkehrenden Richard Löwenherz gefangennehmen und baute mit dem Lösegeld von 23 Tonnen Silber Wiener Neustadt
- die Vögte von Plauen, zeitweise Burggrafen von Meißen, stellten zwei Hochmeister des Deutschen Ordens und zahlreiche Deutschordensritter; außerdem heißen in dieser Familie bis heute praktisch alle Männer Heinrich
- die Waldburg-Zeil, ab dem Spätmittelalter Grafen von Sonnenberg, 1525 maßgeblich an der Niederschlagung der Bauenheere beteiligt
- die Dohna (ebd. Burggrafen), nahmen an den Hussitenkriegen teil, zuvor (1385-1402) lieferten sie sich mit dem Markgrafen von Meißen eine blutige Fehde
- die Hanauer, ab 1429 Grafen von Hanau, lieferten sich einen fast fünfzigjährigen Kleinkrieg mit der Reichsstadt Frankfurt, 1389 schlugen sie die Frankfurter und den Rheinischen Städtebund in der Kronberger Fehde
- die Sponheimer (sog. Hintere und Vordere Grafschaft Sponheim), die sich lange erfolgreich der Territorialisierung ihrer mächtigen Nachbarn widersetzten und so interessante Köpfe hervorbrachten wie Loretta von Sponheim, die 1328 den Kurfürsten von Trier gefangen und ausnahm wie eine Weihnachtsgans
An Deiner Stelle würde ich nicht nur auf die Grafengeschlechter blicken. Es gibt viele interessante Familien auch aus dem übrigen niederen Adel, teilweise sogar mächtiger als manche Grafen. Hier zu nennen wären bspw. die
Biberstein, die zeitweise die mächtigste Familie im heutigen Sachsen und Böhmen waren; die
Kauffunger, die 1455 die kursächsischen Prinzen entführten; oder die Herren von
Eltz (die erst in der Neuzeit Grafen wurden, aber trotzdem eine bewegte Geschichte vorweisen können.)
Bereits bei den von Muck aufgelisteten Grafenfamilien findet sich zwei Familien, die nicht einfach nur Grafen (also ursprünglich Verwaltungsbeamte eines Reichsfürstentums) waren.
Die Familie, die als Babenberger (oder auch jüngere Zweig der Babenberger) in die Geschichte eingegangen ist, waren nie wirklich nur einfache Grafen. Zu Beginn bestanden sie aus zwei Babenberger-Familienzweigen: der eine war mit dem Herzogtum Schwaben belegt und der andere verwaltete die Mark Österreich als Untergebene der Herzöge von Bayern, wobei sie allerdings von Anfang aus politischen und praktischen Gründen viel Selbständigkeit hatten und vom den bairischen Herzögen recht unabhängig waren.
(Politisch: Selbständige Markgrafen konnte der König / Kaiser nutzen, um die Macht der bairischen Herzöge einzuschränken. Praktisch: um die Grenze gegen die Ungarn und Böhmen erfolgreich verteidigen zu können, war es einfach eine Notwendigkeit, dass der Markgraf von Österreich nicht erst noch die Erlaubnis des Herzogs von Bayern einholen musste.)
Aufschlussreich sind auch die Ehen der Babenberger. So finden sich unter den Ehemänner der Kaiserin Gisela ein Babenberger. Die Markgrafen von Österreich schlossen Ehen mit dem ungarischen Königshaus und den böhmischen Herzögen, und das nicht erst, nachdem ein Markgraf Leopold III. eine Kaiserstochter und Kaisersschwester mit Namen Agnes heiratete.
Der genannte Leopold V. war seit seinem Herrschaftsantritt bereits Herzog von Österreich, zum Zeitpunkt der Lösegeldgeschichte war er außerdem bereits Herzog von Steier(mark). Sein Bruder Heinrich führte den Titel eines Herzogs (von Mödling), was zeigt, dass die Herzogswürde der Babenberger nicht an ihre Landesherrschaft gebunden war, sondern auch der Stand der Familie. Leopold VI. war ebenfalls, als er auf Kreuzzug war, bereits Herzog von Österreich und Steier.
Die Sponheimer waren trotz ihres Grafentitels auch nie nur einfache Grafen, sondern besaßen als solche einen reichsfürstlichen Rang. Eine Linie von ihnen waren Herzöge von Kärnten.
Die Grafen von Tirol waren spätestens im 13. Jahrhundert gefürstete Grafen, das bedeutet, sie hatten trotz ihres Grafentitels den Rang eines Reichsfürsten, und da waren sie nicht die einzige Familie. Die Grafen von Andechs stiegen nach dem Sturz von Heinrich dem Löwen zu Herzögen auf, ebenso die Markgrafen von Steier.
Die Markgrafen von Brandenburg, ohnehin keine einfachen Grafen, behaupteten sich als Königswähler und gehörten im Spätmittelalter zu den Kurfürsten.
Der Babenberger Heinrich II. war ein jüngerer Sohn seiner Familie und zunächst Pfalzgraf bei Rhein. Als er seinem Bruder als Herzog von Bayern nachfolge wurde, musste er auf die Pfalzgrafschaft bei Rhein verzichten. (Zu diesem Zeitpunkt war es noch nicht erlaubt, dass jemand in Personalunion zwei Reichsfürstentümer hatte. Was zeigt, dass die Pfalzgrafschaft bei Rhein wie auch das Herzogtum Bayern damals beide als Reichsfürstentümer galten.)
Es war dann Heinrich der Löwe, der als Herzog von Sachsen und Bayern sozusagen mit königlich-kaiserlichem Konsens den ersten Präventivfall diesbezüglich setzte.
Im Spätmittelalter versuchten die Herrscher des Heiligen Römischen Reichs ihre Macht auszubauen, indem sie Grafenfamilien fürsteten. Damit versuchten sie gleichzeitig ihre eigenen Macht zu mehren und die Macht von etablierten Familien (meistens Konkurrenten) zu mindern. Ob das erfolgreich war, hing allerdings gewöhnlich davon ab, ob dieses gefürsteten Grafenfamilien sich gegenüber ihren bisherigen Lehnsherrn und ihren Nachbarn behaupten konnten. (Die Grafen von Arco wurden mindestens ein zweites Mal gefürstet, da sie beim ersten Mal letztlich auf diese Fürstung wieder verzichteten, konnten sie sich doch aus eigener Kraft nicht gegenüber dem Hochstift Trient und der Republik Venedig zu behaupten.
Geht es dir eher um einfache Grafenfamilien, um Landgrafen, Burggrafen, Markgrafen oder um erfolgreiche und gescheiterte Aufsteigerfamilien oder um gefürstete Grafen? Ich würde da weniger am Titel orientierten.