Auch wenn es sich hier vermutlich tatsächlich um einen Versuch das Forum hinters Licht zu führen handelt und keine ernstgemeinte Hypothese – Kaixo streut ja zahlreiche Hinweise, wie etwa das absichtliche Falschschreiben von
Hypothese, Indikativ, Bibel etc., anzunehmen ist, dass es sich um ein altes Forenmitglied handelt, dass uns foppen will – so ist doch mal ein wenig linguistisches Handwerkszeug in diesem Thread einzubringen.
Ich bin mir zwar sicher, dass Kaixo dieses Handwerkszeug a) ignoriert und wahrscheinlich b) entgegen dem hiesigen Auftreten bzw. gerade wegen des hiesigen Auftretens die Nachhilfe nicht
wirklich benötigt. Aber dennoch.
Ich hatte schon auf die
Minimalpaarbildung hingewiesen.
Minimalpaare bilden zwei Laute (die meist unterschiedlich graphisch realisiert werden), die eine Bedeutungsveränderung bewirken.
Also wenn ich
Hand [hant] schreibe, meine ich nicht
Hund [hunt]. Das Minimalpaar hier wären /a/ und /u/. Wenn ich
haaren [ha:rǝn] schreibe, meine ich nicht
harren [harǝn]. Das Minimalpaar bildeten hier [a:] und [a]. Wenn ich
lana (ital. Wolle) schreibe, meine ich nicht den Frosch:
rana, das Minimalpaar sind [r] und [l].
Dann sind zu unterscheiden <
Grapheme> von [
Phonen] und /
Phonemen/. Ein Graphem (Buchstabe) kann ganz unterschiedliche Phone bzw. Phoneme (Laute) abbilden:
to p
ut, to p
ull, to p
ush, p
ussycat [ u]
p
ure, p
upil, comp
uter [ju]
p
urpose [ɜ] (Standard, Substandard auch [ʊ] oder [ø])
P
unjab, p
unk, p
ublic [ʌ]
Man beachte aber auch deutsch
weg [ɛ] und
Weg [e:], das – abseits von der deutschen Regel, Substantive groß zu schreiben, völlig gleich geschrieben, aber unterschiedlich ausgesprochen wird ([ɛ] und [e:] sind also auch ein Minimalpaar).
Kommen wir zur
Morphologie: Man kann in
grammatische Morpheme und
lexikalische oder
bedeutungstragende Morpheme (auch
Lexem) unterscheiden. Verschiedene morphologische Schulen benutzen aber auch andere Begriffe (etwa
Monem oder Opposition zw.
freien und
gebundenem Morphem)
Bleiben wir bei Hund und Hand:
Der Hund beißt in meines Freundes streichelnde Hand.
Der | Hund-ø | beiß-t | in | mein-es | Freund-es | streichel-nd-e | Hand-ø
Der = freies grammatisches Morphem (Artikel)
Hund- = freies lexikalisches Morphem + -ø = gebundenes grammatisches Morphem (Nom. Sg. mask.)
beiß- = lexikalisches Moprhem/Verbstamm - beißen + -t = gebundenes grammatisches Morphem (3. Pers. Sg, Präs.)
in = freies grammatisches Morphem (Präposition)
mein- = freies grammatisches Morphem (Possessivpronomen) + -es = gebundenes grammatisches Morphem (Gen. Sg. mask./neut.)
Freund- = freies lexikalisches Morphem + -es = gebundenes grammatisches Morphem (Gen. Sg. mask.)
streichel = lexikalisches Moprhem/Verbstamm - streicheln + -nd- = gebundenes grammatisches Morphem (Partizip I) +-e gebundenes grammatisches Morphem (Akk. Sg. fem.)
Hand- = freies lexikalisches Morphem + -ø = gebundenes grammatisches Morphem (Nom. Sg. fem.)
Es gibt auch noch
Allomorphe, am Bsp. dieses Satzes wäre etwa das Allomorph -
biss- (von -
beiß-) zu nennen oder
Händ- von
Hand.
Warum dieser kurze Ausflug in die Morphologie? Weil hier Worte, aufgrund klingklanglicher Ähnlichkeit ohne Berücksichtigung ihrer morphologischen Struktur für verwandt erklärt wurden und das auch noch über Sprachgrenzen hinaus.
z.B. wurde behauptet, dass baskisch
hogeita und schwedisch
tjugo dasselbe Wort seien. Nur eben verdreht. Metathesen gibt es. Bekannt ist vor allem die Liquidametathese. Schlicht und ergreifend weil die Liquida (/r/ und /l/) besonders gerne verschoben werden, wenn sie in einem Wort vorkommen.
Bei
hogeita und
tjugo, so die Behauptung, sei einfach das ganze Wort umgedreht worden. Auch dieses Phänomen gibt es, allerdings ist das kein
natürlicher Sprachwandel, sondern eine
bewusste Manipulation der Sprache, etwa das frz. Verlan (<
l’envers) oder das argentinische Vesre (< revés) zwei Jugendsprachen, welche Silben umstellen, quasi um aus der Alltagssprache Geheimsprachen zu machen. Einige frz. Verlanwörter sind mitlerweile in den gesamtfranzösischen Wortschatz eingegangen, so dass sie erneut verlanisiert werden:
arabe > beur > rebeu
Metathese und Verlanisierung sind hier natürlich NICHT denkbar.
Aber schauen wir uns
hogeita und
tjugo mal morphologisch an:
Beides heißt ja zwanzig und in den germanischen Sprachen gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen
zwei, zwölf und zwanzig.
Ostgermanisch
Gotisch twai twalif twai tigjus
Nordgermanisch
Isländisch tveir / tvær / tvö tólf tuttugu
Norwegisch to tolv tjue
Dänisch to tolv tyve
Schwedisch två tolv tjugo
Westgermanisch
Englisch two twelve twenty
Scots twa twal twinty
Niederländisch twee twaalf twintig
Westfriesisch twa tolve tweintich
Wir können hier sehen, dass das germanische hier einen Halbvokal (/v/, /j/) hat, der auch mehr zum Konsonanten /f/ /v/, /j/, mal mehr zum Vokal tendiert /o/ /u/ /y/
Morphologisch können wir sehen, dass schwedisches
tjugo aus den Elementen für zwei (
tju-) und zig -
g- besteht sowie dem alten Überrest einer Flektionsendung: -
o (vgl. gotisch
twai tig-jus oder isländisch
tu-ttu-gu).
Im Baskischen hingegen haben wir zwei =
bi - aber ist das wirklich altbaskisch oder ggf. eine Entlehnung aus dem keltischen oder lateinischen Superstrat? Auch die sechs (
sei) erinnert an lateinisch
sex, spanisch
seis.
Wenn wir uns das im Baskischen ansehen, dann haben wir dort
bi -
hamabi - hogei. (man kann es erraten,
hamar ist zehn, das <r> fällt weg.)
"Hogei? Du hast eine Silbe vergessen, El Quijote!"
Nein! Das -
ta- ist ein zusätzliches Morphem: 'und'
- hogeita bedeutet nicht 'zwanzig', sondern 'zwanzig und', also etwa
hogeita bi - 'zwanzig und zwei' > zweiundzwanzig.
Deshalb ist Morphologie wichtig.
Wir sehen also: a) das baskische zählt anders, b) im Baskischen sind die Zehner, anders als in den germanischen Sprachen nicht so an die Einser gebunden.
im Baskischen ist etwa
30 20 und 10 hogeita hamar,
50 ist
40 und 10 berrogeita hamar,
70 ist
60 und 10 hirurogeita hamar und
90 ist
80 und 10 laurogeita hamar.
Keine dieser Zahlen im Baskischen hat morphologisch etwas mit den Einsern zu tun.
Dann müssen wir noch über
Polysemie und
Homonymie reden. Zwei Worte in einer Sprache, die gleich geschrieben werden (ein Sonderfall ist die Homophonie wie
leeren und
lehren oder
fiel und
viel) aber etwas anderes bedeuten.
Der Unterschied zwischen Polysemie und Homonymie:
Kiefer = Homonym 1. der Knochen des Kauapparats, 2. der Nadelbaum (unterschiedliche Herkunft)
Bank = Polysem: 1. die Sitzbank, 2. die Geschäftsbank (die Herkunft ist gewissermaßen der Wechseltisch)
Für die
Historiolinguistik (die Wissenschaft vom äußeren Wortwandel, Gestalt) und
Etymologie (Wissenschaft vom inneren Wortwandel, Inhalt) ist es wichtig, dies alles sauber trennen zu können.
Wie gesagt,
ich glaube nicht, dass Kaixo diese Nachhilfe nötig hat. Anfangs hielt ich Kaixo für einen im deutschsprachigen Raum lebenden Basken. Aber offensichtlich ist es mit der Kenntnis des Baskischen dann doch nicht so weit her. Das ganze Thema
scheint mir eher als akribisch vorbereitete Provokation einer Person konzipiert zu sein, die tatsächlich mehr Ahnung von Linguistik hat, als sie vorzugeben vorgibt (sic!) und
vermutlich genau weiß, wie sie das Forum hier triggert, sprich, bereits eine Geschichte mit dme Forum hat.