Konnten auch Bürger Sowjetunion Ausreiseanträge stellen?

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von Griffel, 5. Februar 2022.

  1. Griffel

    Griffel Mitglied

    Das Thema der Ausreiseanträge in der DDR ist ja schon hinreichend besprochen worden. Doch möchte ich mal beleuchten, ob es ähnliche Möglichkeiten auch für die Menschen in anderen Ländern des Ostblocks bzw. der Sowjetunion gab?
    Es dürfte ja sicherlich etliche Menschen in der Sowjetunion gegeben haben, die eine solche Möglichkeit gerne genutzt hätten. :cool: Es ist schon eine Besonderheit, dass solche Anträge in der DDR überhaupt gestellt werden konnten.

    Freue mich auf viele Beiträge.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Sind doch Menschen aus der Sowjetunion emigriert, bspw in die USA, wenn ich das richtig erinnere. Auch waren mWn die Reisebeschränkungen in den Westen für Touristen in andere Ostblock-Staaten weit weniger restriktiv als in der DDR. Der Grund: Nur DDR-Bürger wurden automatisch in einem westlichen Land als Bürger akzeptiert (und mussten nichtmals eine neue Sprache lernen...). Daher war der Druck hier viel größer, ebenso die Gefahr des Verlusts von Arbeitskräften, und daher die Restriktionen sehr viel strikter.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    der UDSSR Bürger Emil Gilels hatte keine Probleme, um im Ausland seinem Beruf nachzugehen (ihm wurden Visa erteilt)
    der UDSSR Bürger Swjatoslaw Richter hatte Probleme, um im Ausland seinem Beruf nachgehen zu können (ihm wurden zeitweilig Visa nicht erteilt)
    Beide waren recht prominente "Genossen".
    Andere, durchaus auch prominente UDSSR Bürger, welche das Land endgültig verlassen (auswandern) wollten, hatten zeitweise recht lange Probleme damit (im Land zunehmende Schwierigkeiten in der Berufsausübung, dazu Schikanen / Wartezeiten bei der behördlichen Abwicklung)
    Zu Lebzeiten Stalins hatte der prominente UDSSR Bürger Jewgeni Zamjatin sich sehr deutlich antistalinistisch geäussert, erstaunlicherweise wurde er keinen Repressalien unterworfen und konnte ausreisen.

    Gilels, Richter, Zamjatin waren "Promis", das freilich galt auch für Schachgroßmeister wie Botwinnik, Karpow usw. - - Prominenz/Bekanntheit erleichterte sicherlich einiges, einfach weil zu viele Augen hinsehen konnten - außerhalb dieses Bereichs war es schwieriger. Visa für Auslandsaufenthalte erhielten "linientreue" Staatsbürger eher als andere; wer hingegen auswandern wollte, war ohnehin nicht eben wohlgelitten...
     
  4. Griffel

    Griffel Mitglied

    Schau an! Hatte ich mal wieder den richtigen Richer! Ich bin ehrlich überrascht. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass die sowjetische Führung es Bürgern erlaubt, zum Klassenfeind arbeiten zu gehen. Wobei es offenbar doch Unterschiede gab. Wenn, man zum Beispiel dauerhaft ausreisen wollte. Bisher hierher schon mal danke.
     
  5. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Ich meine vor Glasnost so um 1985/1986 hatten die Bürger der UdSSR wenig bis gar keine Chancen der UdSSR durch Ausreise den Rücken zu kehren.

    Solche Fälle wie z.B. Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch, der nach schweren Konflikten die UdSSR mit seiner Familie 1974 verlassen konnte, waren Einzelfälle.

    Einen allgemeinen Schub gab es dann so ab/um 1986.

    Aus der UdSSR verließen:

    · die Russland Deutschen. Einen größeren Schub gab es dann wohl nach 1990. Im wesentlich siedelten sich dies Menschen in der damaligen BRD an, in der DDR wenige und dann nach 1990 vorrangig im Westen der Bundesrepublik, mansche blieben aber auch in Osten.

    · sowjetische Juden mit ihren Angehörigen nach Israel, USA und auch Deutschland,

    · Pontische Griechen nach Griechenland,

    · Ingermanländische Finnen nach Finnland.

    Was es allerdings zu DDR Zeiten, also vor Mitte der 80iger, an Eheschließungen mit Russinnen gab, wo dann der Ehepartner in die DDR übersiedelte, ist mir unbekannt (Regierungsbeamte und Trassenbauer usw.).

    Persönlich habe ich so einige Russland-Deutsche kennenglernt. Eine Familie aus Belarus wohnt sogar eine Zeit in dem Haus wo ich wohne. Stammte aus Gomel.

    In den Unternehmen wo ich nach 1990 arbeitete stellte ich einige ein. Sie waren in ehemaligen Kasernen der Roten Armee in Nora bei Weimar untergebracht.

    Mit einen von ihn war ich auch oft auf Reisen nach Weißrussland bzw. Russland unterwegs. Wenn er von seinen Schicksal erzählte, standen einen immer die Haare zu Berge.

    Was sich aber so ab Breschnew Zeiten entwickelte waren Freundschaftstreffen mit Bürgern der UdSSR. Man nahm diese Treffen sogar im Titelkampf „Brigade der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ mit auf. 2 solcher Treffen habe ich miterlebt. Da ging es richtig – wie es so bei Russen üblich ist - zur Sache.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Februar 2022
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  6. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Mein Onkel (Jahrgang 1950 oder 51?) aus dem Havelland war Halbrusse. Auf seinen russischen Vater übte die Rote Armee Druck aus, die Beziehung mit der Schwester meines Opas zu beenden. Er musste zurück nach Russland und hat sein Kind und dessen Mutter nie wieder gesehen.
    Mein Opa, im Westen lebend, hatte zeitlebens einen richtigen Groll auf seine Schwester, weil sie sich "mit dem Feind" eingelassen hatte. Mein Onkel wurde in Schule und Kindergarten als "Russenkind" diskriminert. Er ist letztes Jahr gestorben.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich will ja niemand zu nahe treten, aber bei den meisten Prämissen, Annahmen, Tatsachenbehauptungen, Bewertungen in den von dir eröffneten Threads, stellt sich eigentlich meistens heraus, dass der vermeintlich "richtige Riecher" in einen Holzweg mündet und/ oder nachweislich falsch ist.

    Die Themen des Threads sind aufgezogen, dass sie eine Frage stellen, die Frage aber so formuliert ist, dass sie eine (falsche) Prämisse als unumstößliche Tatsache präsentiert.

    El Quichote hat schon letztes Jahr mal geschrieben, dass man dabei den Eindruck gewinnen kann, verschaukelt zu werden.


    Allerdings muss ich zugeben, dass die von dir eröffneten Threads zweifellos Unterhaltungswert haben. Ich bin ja dann auch meistens dabei, zu posten. Zu posten auch dann, wenn sich dumpf im Unterbewusstsein eine leise, weise alte Stimme schüchtern räuspert und mir zuflüstert:

    Do not feed trolls!
     
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  8. Griffel

    Griffel Mitglied

    Um Missverständnisse zu vermeiden! Ich bin allgemein an geschichtlichen Themen interessiert. In diesem Fall, fiel mir einfach auf, dass es ja politische und gesellschaftliche Zwänge im Ostblock gab. Was ja auch so gewollt war! Aus diesem Grund, hielt ich es für nahezu ausgeschlossen, dass es irgendeine legale Möglichkeit gab, den kommunistischen Machtbereich zu verlassen.o_O Wenn, man mal von der sogenannten "Abstimmung mit den Füßen" einmal absieht. Allerdings führte dann, deren Ergebnis zum Mauerbau. Da anderenfalls die DDR aufgehört hätte zu existieren.

    So gesehen, war die Möglichkeit, in der DDR überhaupt einen Ausreiseantrag stellen zu können, schon ein Novum! Immerhin hatte ja die KPdSU den Anspruch, den Kommunismus weltweit durchsetzen zu wollen. Daher konnte es ihr nicht recht sein, dass es Menschen gab, welche die SU freiwillig verlassen wollten. War dieser Wunsch doch das sichtbare Zeichen, für die Unzufriedenheit.

    Hätte es diese Möglichkeit gegeben, wäre es der Sowjetunion sicher ergangen, wie der DDR. Und selbst als die KSZE Akte unterzeichnet wurde bzw. war, hat sich daran ja nichts geändert.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_über_Sicherheit_und_Zusammenarbeit_in_Europa

    Ein Glück für die Menschen, denen es gelungen ist, den Machtbereich des Kommunismus unbeschadet zu verlassen.
     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ralf M. liegt schon richtig damit, dass es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwar auch in der Sowjetunion die Möglichkeit gab, Ausreiseanträge zu stellen-dass aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ausreiseantrag auch genehmigt wird, recht gering war.

    Wer einen Ausreiseantrag stellte, der wendete sich nach der Ideologie von orthodoxen Kommunisten von der Sowjetunion ab und kündigte ihr die Loyalität auf. So jemand macht sich natürlich verdächtig, Familienangehörige, Freunde usw. sind natürlich auch verdächtig. Es waren ganz erhebliche Schwierigkeiten und Repressalien zu befürchten. Eigentlich hatten nur namhafte Intellektuelle und Wissenschaftler wie Lew Kopelew, Andrej Sacharow oder Alexander Solschenizyn oder Schachgroßmeister wie Victor Kortschnoi eine Chance, auszureisen. Solche Renegaten wurden auch meist eher "ausgebürgert" wie Wolf Biermann. Bis es dann tatsächlich auch soweit war, dass man ausreisen durfte, waren Dissidenten oft gezwungen, jahrelang Verhöre, Hausarrest oder Haftaufenthalte über sich ergehen zu lassen.

    In der DDR hatten oft nur ältere Menschen eine Chance, dass ein Ausreiseantrag bewilligt wurde. In meiner Jugend kursierte ein Kalauer: Im Jahre 2009 kommt die Wiedervereinigung! Wie dass? Dann ist die DDR Sechzig, und mit 60 Jahren darf man ja rüber."

    Ich bin in Baden-Württemberg zur Schule gegangen. 1975 waren in meiner Klasse eine Reihe von Aussiedlerkindern mit deutschen Nachnamen aus der Tschechoslowakei. Die Eltern waren nach dem Prager Frühling nach Deutschland gekommen. Die Kinder sprachen perfekt Deutsch und fühlten sich als Deutsche. Bei der Fußball-EM 1976, als Deutschland im Finale der CSSR-Equipe unterlag, drückten sie Deutschland, nicht der Tschechoslowakei die Daumen.

    Im Zarenreich und in der Sowjetunion gab es eine recht große Zahl an Russland-Deutschen. Es gibt im Russischen sehr viele deutsche Fremdwörter. Im Baltikum war Deutsch sehr verbreitet. Kurzzeitig gab es sogar mal eine Wolgadeutsche Sowjetrepublik. Deutsch war zeitweise auch eine Amtssprache. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden die Wolgadeutschen und andere Deutschstämmige meist nach Kasachstan deportiert. Nach dem 2. Weltkrieg und im Kalten Krieg setzte eine starke Russifizierung ein. Größere Zahlen von Russland-Deutschen wanderten erst Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre in die Bundesrepublik ein. Die meisten stammen aus Kasachstan. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden die Wolgadeutschen nach Kasachstan (zwangsweise) deportiert. Ein Freund von mir wurde in einem Dorf in Kasachstan geboren, das erst nach dem Krieg gegründet wurde. Die eine Hälfte der Bewohner waren Russland-Deutsche, bzw. deren Nachkommen, die andere Hälfte Polen, die aus den von der SU nach dem Hitler-Stalin-Pakt annektierten polnischen Gebieten stammten.

    Es gab aber in den ersten drei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg nur wenige Auswanderer aus der Sowjetunion. Es gab Intellektuelle wie Lew Kopelew https://wikipedia.de.org/wiki/Lew_Kopelew, die schließlich ausreisen durften, bzw. die ausgebürgert wurden. Hin und wieder gab es Schachgroßmeister, die wie Anatoli Karpow frei reisen durften, die es aber wie Viktor Kortschnoi vorzogen, im Westen zu bleiben. Es gab es hin und wieder mal eine Aussiedlerfamilie, die es geschafft hatte, schließlich eine Ausreisegenehmigung zu bekommen und in die Bundesrepublik einwandern zu dürfen. Das waren aber nur sehr wenige, eine fast verschwindende Minderheit. Die meisten hatten wegen des Ausreiseantrags enorme bürokratische Hürden und Repressalien ertragen müssen. Ein Grund auch, weshalb viele Ausreise-Anträge gar nicht erst gestellt wurden, da man um die geringe Erfolgsaussicht wusste.

    Die meisten Russland-Deutschen, die heute in der Bundesrepublik leben, bzw. deren Eltern und Großeltern, kamen erst kurz vor dem Ende der Sowjetunion oder danach in die Bundesrepublik. Die Eltern oder Großeltern dieser Aussiedler hatten Deutsch noch als Muttersprache gelernt, die meisten, die nach dem Krieg geboren waren, mussten Deutsch als Fremdsprache erst wieder lernen.
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die DDR war ja nicht der einzige Ostblockstaat, der Ausreiseanträge zuließ. In der Tschechoslowakei, in Polen, in Ungarn und Rumänien lebten auch nach nach den Vertreibungsaktionen unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs noch deutschstämmige Minderheiten. Es gab immer wieder in den 1970er und 1980er Jahren Spätaussiedler, die aus der CSSR, aus Polen, aus Rumänien, Ungarn legal in die Bundesrepublik einwanderten und denen schließlich die Ausreise genehmigt wurde. Grundsätzlich war das auch in der SU möglich.


    Möglich war eine Ausreise auch aus religiösen Gründen. Ein anwachsen des Antisemitismus und Repressalien von Seiten der Volksrepublik Polen sorgte ab den 1960ern dafür, dass einige Juden aus Polen und der Sowjetunion in "den Westen", vor allem nach Israel und in die USA auswanderten. Einige Juden wie Marcel-Reich Ranicki fanden auch in die Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat. Manche jüdische Gemeinde in Deutschland wäre ohne Einwanderer aus der SU nicht wiederbelebt worden. Auch unter den Russland-Deutschen, die Ende der 1980er Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland kamen, waren einige mit jüdischen Verwandten, viele praktizierten die Religion aber nicht.

    In Israel war die Einwanderung von einigen Zehntausend Juden aus der SU seit den 1990er Jahren eine ähnliche Herausforderung wie die Deutsche Wiedervereinigung. Größere jüdische Einwanderungsbewegungen gab es allerdings erst gegen Ende der 1980er Jahre. Immerhin gab es aber Ausreisemöglichkeiten für Juden aus Polen, der SU und Ungarn bereits früher.


    In fast allen Ostblockstaaten waren Ausreise-Ersuchen mit großen bürokratischen Hürden und Repressalien verbunden. Die Erfolgsaussichten waren relativ gering, daher wurden viele auch gar nicht erst gestellt. Möglichkeiten mit der Begründung ethnisch-nationaler Motive, also wegen der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit Wolga- und Balten-Deutsche, Deutsch-Böhmen, Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Ungarn-, Bukowina-Deutsche) gab es in zahlreichen Ostblockstaaten, auch in der Sowjetunion. Dass die DDR im Vergleich mit anderen Ostblockstaaten besonders liberal gewesen wäre, kann man eigentlich nicht behaupten. Am liberalsten dürften Jugoslawien und Ungarn gewesen sein. Jugoslawien gestattete sogar, dass "Gastarbeiter" aus Jugoslawien für den Arbeitseinsatz in der BRD geworben werden durften.
     
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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mein Schwiegervater war so um 1981, 82 das erste mal legal in der Bundesrepublik, die Ausreise aus Polen mit Frau und Kind ging 1985 aber illegal über Jugoslawien. Dort dann in der bundesrepublikanischen Botschaft in Belgrad die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. Währenddessen auf einem Parkplatz in der Nähe mit 3 Personen im Auto gehaust, bis ein serbischer Familienvater sich denen angenommen hat und sie zu sich nach Hause genommen hat. Leider ist der Kontakt mit dem Tod meines Schwiegervaters abgebrochen. Aber zwischen 1986 und 1991 waren meine Schwiegerfamilie mehrfach in Jugoslawien (Kroatien), wo sie sich mit der serbischen Familie immer wieder trafen.
     
  12. Trinny

    Trinny Neues Mitglied

    Ein weiteres Beispiel war Wladimir Bukowski. Sein Buch "Dieser stechende Schmerz der Freiheit. Russischer Traum und westliche Realität" ist auch interessant zu lesen.
     
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  13. Griffel

    Griffel Mitglied

    Das Ganze war sicherlich nicht einfach. Aber das wollte ich ja wissen.:eek: Es ist ja gut und schön wenn, man einen Ausreiseantrag stellen konnte:rolleyes: theoretisch; aber praktisch, sah die Sache dann offensichtlich ganz anders aus!
    Und habe in meiner Naivität gedacht, dass zumindest, nachdem die berühmten Ostverträge geschlossen und die KSZE-Akte unterzeichnet waren, die Sache selbstverständlich bzw. einfacher gewesen sein sollte.

    Immerhin, stand so etwas ja in der KSZE-Akte. Mir natürlich klar, dass Menschen, die so etwas versucht haben, sicherlich nicht beliebt waren. Da kann man mal wieder sehen, dass der alte Spruch "Papier ist geduldig", eben doch stimmt. Übrigens: Auch das wird ja gerne totgeschwiegen. Aber es gab während des Kalten Krieges ja auch eine Wanderungsbewegung in die entgegengesetzte Richtung! Kaum zu glauben, aber wahr. Primär galt das für Menschen, die aus Überzeugung oder Naivität in die DDR gezogen sind. Für diese Leute kam das böse Erwachen ganz schnell.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gegeben hat, die freiwillig in die UdSSR gezogen sind. Oder deren Staatsbürgerschaft beantragt haben. Wenn, man mal von den Hardcore-Kommunisten absieht. Es dürfte feststehen, dass alle Menschen, welche es geschafft haben, froh darüber gewesen sein werden.

    Hätte man die KSZE ernst genommen, dann wäre der Ostblock schon zwanzig Jahre früher kollabiert. Aber das Ganze war nur ein Täuschungsmanöver, auf welches sich der naive Westen nur zu gerne eingelassen hat. Den Menschen im Ostblock, hat das Ganze gar nichts gebracht.
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    zu Wanderungsbewegung in die DDR
    Das waren insgesamt immerhin ca. 500.000 Menschen. Zu den prominentesten gehörten Bert Brecht, Anna Seghers und Helene Weigel und Stefan Heym. Aber auch Wolf Biermann (1976 ausgebürgert), Ralf Giordano und der renommierte Schauspieler Wolfgang Kieling lebten zeitweise in der DDR. Manche zog die Aussicht einen sozialistischen Staat aufbauen zu können, andere die unzureichende Aufarbeitung der NS-Zeit in der Adenauer-Ära in die DDR. Wolfgang Kieling hatte Protest gegen den Vietnamkrieg motiviert. Er konnte aber nicht recht Anschluss in der DDR finden und zog wieder in die BRD zurück, ebenso wie Ralf Giordano. Das war problemlos möglich. Wolf Biermann war den spießigen Stalinisten in Ost-Berlin viel zu links und antiautoritär und aufmüpfig. Den warf die DDR quasi raus.

    Ad KSZE)

    Eigentlich haben eine ganze Reihe von Beiträgen in dem KSZE-Thread ziemlich deutlich gemacht, dass das einfach nicht stimmt. Andreas Solar hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die Sowjetunion unter Chrustschow und auch noch in den frühen Jahren Breschnews Phasen wirtschaftlichen Wachstums erlebte. Sie war auch relativ stabil im Hinblick auf ihre Nationalitätenkonflikte.

    Im übrigen haben eine ganze Reihe von Beiträgen darauf hingewiesen, dass von einer Naivität des Westens keine Rede sein kann, dass die KSZE-Akte durchaus ernst genommen wurde, dass sie politische oppositionelle Arbeit erlaubte und dass die SU sie vermutlich nie unterzeichnet hätte, wenn absehbar gewesen wäre, was mal aus z. B. der Solidarnosc werden würde. Nein! die KSZE-Akte hat sehr wohl Einiges gebracht. Auf die Solidarnosc und die Charta 88 wurde mehrfach verwiesen.

    Durch wiederholtes Beharren, darauf, das das Ganze eigentlich ein Witz war, wird eine Behauptung nicht zur Tatsache. Was hätte die SU Anfang der 1970er Jahre zum Zusammenbruch bringen sollen? Die Annahme, wenn man nur die KSZE-Akte ernst genommen hätte, sei es automatisch zum Zusammenbruch der Blöcke gekommen, entbehrt jeder Grundlage und blendet die historischen und politischen Fakten völlig aus.
     
    dekumatland gefällt das.

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