Kriegsnarben in Berlin

pelzer

Aktives Mitglied
Neulich war ich Berlin und es hat mich erstaunt wie viele Kriegsnarben noch zu sehen sind. Für mich als Ausländer sind diese stillen Zeugen sehr ungewohnt – und ein interessanter Gegensatz zu der Berliner Mahnmal-Kultur.

Hier einige Beispiele für all jene, die sowas interessiert:
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Gemäldegalerie, Sigismundstraße 4

Herkules.jpg

Herkules Musagetes, Großer Tiergarten, Simsonweg

Gropius Bau.jpg

Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 6

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Dorotheenstraße 1

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Nikolaikirche

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Leibnizstraße

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Pergamonmuseum

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Georgenstraße

Gruss Pelzer
 
Ja, man sieht auch in vielen anderen Städten noch Kriegsnarben, eher weniger auffällig, aber wenn man weiß wonach man sucht, findet man einiges.
 
In Budapest sind es überwiegend die Zerstörungen durch den Aufstand von 1956.

  • In Deutschland hast Du Städte in denen Häuserkämpfe stattfanden, wie Aachen und Berlin. Dort findest Du die tieferen Einschusslöcher von Maschinengewehren rund um Hauseingänge und Fenster, manchmal auch die kleineren Löcher durch die Splitter der Handgranaten.
  • Weitaus mehr findest Du die Kriegsspuren durch Bombenschäden im wieder aufgebauten Ziegelmauerwerk.
  • Und selbst in kaum zerstörten Städten wie Marburg findest Du noch die roten Pfeile und Aufschriften "LSR" (Luftschutzraum).
  • In fast allen Städten den Splitterschutz der Lichtschächte der Keller, die als Luftschutzraum ausgebaut waren.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich habe bis Mitte der 90er Jahre in einem Haus in Mannheim gewohnt*, in dessen Fassade Granateneinschläge zu bestaunen waren. Das Haus gehörte einem uralten Ehepaar, das keine Lust hatte, irgendetwas zu sanieren. Nach seinem Tod übernahm ein Versicherungskonzern den Bau und renovierte ihn. Von den Einschlägen ist seitdem nichts mehr zu sehen.

* das schon zu Schillers Zeiten stand und wo sich französische Inschriften erhalten hatten
 
Ja, z.B. in München, Wien und Budapest habe ich auch schon welche gesehen.
In München konkret, weil ich jahrelang fast täglich daran vorbeigelaufen bin: Am Hauptgebäude der LMU, das großteils vollständig wiederhergerichtet wurde, gibt es einen Abschnitt in der Außenmauer mit zahllosen Einschusslöchern, der als Mahnmal (mit Tafel) stehen gelassen wurde.

Spätestens, wenn Sanierungsmaßnahmen ergriffen werden, muss eigentlich die bewusste Entscheidung für das eine oder andere fallen - entweder sichtbar lassen als Mahnmal (dann aber auch mit dem entsprechenden Umgang) oder komplett sanieren. (Und manchmal Fälle dazwischen, wo das Mahnmal nicht gezielt geplant sein mag, eine "Instandsetzung" aber aus denkmalpflegerischen Gründen nicht möglich ist, wie bei der gezeigten Tafel an der Nikolaikirche.)

Von daher frage ich mich, nachdem du aus Berlin auch ein Beispiel vom Pergamonmuseum gezeigt hast @pelzer, ob die Stellen dort im Rahmen der aktuellen Bauarbeiten früher oder später ergänzt oder die Löcher belassen werden.
 
Es gibt in Berlin mehrere Gebäude, bei denen die Kriegsschäden zumindest teilweise als Mahnmal belassen wurden, z,B. das Museum für Naturkunde in der Invalidenstraße. Manchmal wird auch per Mahntafel darauf hingewiesen, wie in der Sophienstr. 20.
Wenn man aber offenen Auges durch die Stadt geht, findet man schnell und reichlich undokumentierte Einschuß- und Einschlaglöcher, wobei auch in Berlin nicht jedes xbeliebige Loch in irgendeiner Wand aus dem Krieg stammt …
 
Ich bin mir nicht sicher, ob mir das bei meinem ersten Berlinbesuch 1989 - vor dem Mauerfall - aufgefallen ist, oder erst bei einem späteren Berlinbesuch (1991, 1993). Ich hielt das damals - wohl erkennend, dass es sich um Einschusslöcher handelte - für ostberliner Fassaden.
Kann es also sein, dass man die unsanierten Fassaden eher in Ost- als in Westberlin findet - oder ist das eher eine Fehleinschätzung? (Aachen spräche ja dagegen, aber in Aachen ist mir das nie aufgefallen.)
1990 ff. hatte man natürlich ein ganz anderes Geschichtsbewusstsein als 1950 ff., so dass man - meiner vollkommen subjektiven Einschätzung nach - 1950 ff. (oder sagen wir 1948 ff.) viel eher geneigt war, die Kriegsspuren zu beseitigen und 1990 ff., sie zu erhalten.

Radikaler Ortswechsel:

In Jerez de la Frontera, an der Kirche Real Iglesia de San Dionisio Areopagita (13. Jhdt.) steht der wie ein Kirchturm wirkende städtische Uhren- und Wachturm aus dem 16. Jhdt. Darin sind Einschusslöcher rund um die Fenster. Ich habe natürlich zunächst gedacht: "Klar, spanischer Bürgerkrieg." Da aber die Gegend zwischen Cádiz und Sevilla fast kampflos in die Hände der Putschisten fiel, die Republikaner völlig überrumpelt wurden, kann es hier eigentlich keine Kämpfe gegeben haben, vor allem nicht solche Szenen, wie wir sie aus dem spanischen Bürgerkrieg kennen: Priester mit Jagdgewehr kämpft vom Kirchturm aus gegen ihn umzingelnde anarchistische oder sozialistische Milizen. Ich habe mich gefragt, ob die Einschusslöcher vielleicht aus napoleonischer Zeit kommen? Aber bislang habe ich nichts dazu gefunden. Der Wikipedia-Artikel verschweigt die "Narben", aber auf Fotos sind sie gut zu sehen: Torre de la Atalaya - Wikipedia, la enciclopedia libre
 
Neulich war ich Berlin und es hat mich erstaunt wie viele Kriegsnarben noch zu sehen sind.
nicht nur (im metaphorischen Sinn) Narben, sondern auch Auswüchse/Geschwüre sozusagen sind in Berlin (auch Hamburg, Wien) vorhanden: ein Beispiel unweit des Bahnhofs Schönrunnen ist der Volkspark Humboldthain.
 
Also in Frankfurt/M gibt es nur am Südfriedhof solche Spuren und nicht so massive. Sie stammen von den Kämpfen beim Einmarsch im März 45.

Im Holzgraben sieht man dagegen auf 50 Meter noch Kriegsruinen. Dort ist die Fassade des zerstörten Kaufhaus Wronker auf der Zeil erhalten und auf der anderen Seite mehrere ehemalige Erdgeschosse von Wohnhäuser mit Mauerreste der 1. und 2. Stockwerken. Also sie zeigen wie ab 45 wieder Gewerberaum entstand.

Im Nordend gibt es einen Block, der als Gesamtanlage unter Denkmalschutz steht. Bei den Gebäuden im Stil der Neurenaissance mit Klinkerfassade aus den 1880er Jahren sind neben den Dächern und Teilen der oberen Geschosse deutlich die Stellen zu erkennen, an denen durch Sprengbomben Teile der Gebäude zerstört und später ergänzt wurden.
 
Ich bin mir nicht sicher, ob mir das bei meinem ersten Berlinbesuch 1989 - vor dem Mauerfall - aufgefallen ist, oder erst bei einem späteren Berlinbesuch (1991, 1993). Ich hielt das damals - wohl erkennend, dass es sich um Einschusslöcher handelte - für ostberliner Fassaden.
Kann es also sein, dass man die unsanierten Fassaden eher in Ost- als in Westberlin findet - oder ist das eher eine Fehleinschätzung? (Aachen spräche ja dagegen, aber in Aachen ist mir das nie aufgefallen.)
Hier habe ich ein wenig Kontext vergessen: Wenn mir das schon beim ersten Berlinbesuch aufgefallen wäre, dann wäre das in Westberlin gewesen, weil wir es im Oktober 1989 nicht nach Ostberlin geschafft haben. Die Ostberliner Grenzer haben abgezählt: 1, 2, 3 ihr dürft rein, 1, 2, 3, ihr dürft nicht rein. Mein Vater und ich waren 2 und 3 und hätten nach Ostberlin gedurft, meine Mutter war 1 und ihr wurde der Zutritt verweigert. Reine Schikane das Ganze. Wäre es mir 1989 nicht aufgefallen und 1991 schon, da wäre da der von mir skizzierte Ost-West-Unterschied, wäre es mir schon 1989 aufgefallen, dann wäre meine Idee gegenstandslos.
 
Die von mir erwähnten Schäden (Museum für Naturkunde, Sophienstr.) liegen tatsächlich in der ehemaligen „Hauptstadt der DDR“. Wenn man aber das Netz nach „Kriegsnarben Berlin“, o.ä. durchsucht, stößt man auch schnell auf Objekte in West-Berlin, z.B. die Yorck-Brücken, oder die AEG-Gebäude im Wedding. Aber beide lagen eben militärisch günstig, sprich, wurden als Bollwerk gegen die Sowjets genutzt, haben ihren Teil abbekommen, waren aber nicht so stark beschädigt, daß man sie nach dem Krieg abreißen wollte oder konnte (Die Yorckbrücken sind auch heute noch ein wichtiger Knotenpunkt der Berliner S-Bahn). Und ja, 1990 ist man eventuell mit etwas mehr Feingefühl ans Abreißen alter Bausubstanz gegangen, als noch in den 50ern (bitte jetzt keine Diskussion über den „Palast der Republik“ anfangen, das passt hier bestimmt nicht rein …) , vielleicht hatte man ja doch aus Kreuzberg und den Zeiten der Hausbesetzungen gelernt. Aber im alten West-Berlin wurde die Abrissbirne wesentlich eifriger geschwungen, als in Ost-Berlin und auf alte Kriegsnarben hat da bestimmt keiner Rücksicht genommen, eher im Gegenteil!

Zu den Flaktürmen : Meines Wissens hat man nur einen der Berliner Flaktürme vollständig beseitigt, nämlich den „Zoobunker“. Dieser lag, wir der Name schon sagt auf/am Gelände des zoologischen Gartens, also auch damals schon eine der besten Adressen. Habe gerade nochmal gesucht und nur gefunden, daß es „den Briten“ 1948 im dritten Anlauf, dann mit 40 Tonnen Dynamit, gelang, den Bunker zu zerlegen. Dabei und auch bei den beiden vorherigen Versuchen hatte es aber beträchtliche Schäden in der Umgebung gegeben und wenn die Erinnerung meiner Mutter (damals Buchhalterin in einem der Abbruchunternehmen, die den Schutt abgefahren haben) gestimmt hat, war daran auch die erste Sprengmeisterin Deutschlands beteiligt… diese Aktion aber nicht wirklich karrierefördernd (konnte ich bisher aber nicht belegen). Jedenfalls ist man daraufhin wohl dann sowohl mit dem Friedrichshain-, als auch mit dem Humboldthain-Bunker vorsichtiger umgegangen und hat diese dann nur weitgehend zugeschüttet, also Hügel draus gemacht.
Das der Humboldthain-Bunker überhaupt noch zu sehen ist, liegt daran, daß er direkt an der Bahn-/S-Bahnstrecke liegt, die man natürlich nur ungern zuschütten wollte. Vielleicht hat ja Hamburg aus diesen Erfahrungen gelernt?
 
Und gibt es doch auch noch den "Belastungskörper"!?
Sicher gibt's den noch. Wo solla auch hin, und va wie ? ;)

Zu den Kriegsschäden: Man sieht's als Berliner gar nicht mehr. Das allerdings die Löcher in der Kellertür des Hauses, in dem ich als Kind wohnte, keinen spannenden Kriegsfolgen waren, sondern sich als Wurmlöcher erwiesen, wurmt mich heute noch ein bischen...

Ansonsten ist die Kriegsfolge, die viele, va ausländische Touris, am meisten beeindruckt, die Tatsache, dass die höchste Erhebung der Stadt ein Haufen Kriegsschutt ist; und damit ist Berlin in Deutschland sicher nicht alleine.
 
Das der Humboldthain-Bunker überhaupt noch zu sehen ist, liegt daran, daß er direkt an der Bahn-/S-Bahnstrecke liegt, die man natürlich nur ungern zuschütten wollte.
Du meinst, ansonsten sei der mit Schutt überhauft worden, und der Berg heute noch höher? Interessant.

MWn wurde erwogen oder sogar versucht, den auch zu beseitigen, aber das war nicht möglich, ohne halb Gesundbrunnen zu zerlegen. Hat vielleicht was mit den Erfahrungen vom Zoobunker zu tun, von dem du berichtest.
 
die Tatsache, dass die höchste Erhebung der Stadt ein Haufen Kriegsschutt ist; und damit ist Berlin in Deutschland sicher nicht alleine.
München hat gleich zwei solcher Hügel (Olympiaberg und Luitpoldberg, ersterer ja ein beliebter Platz für alle, die bei Konzerten nebenan im Olympiastadion kein Ticket kaufen wollen/können - natürlich ist die Bezeichnung als "Berg" für beide etwas lachhaft, wenn man im Hintergrund schon die Alpen sieht, eher ein "Berg" im niederländischen Stil).
 
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