Legenden - mündliche Überlieferungen - "wahrer Kern"

Eine zwischen 1903 und 1925 aufgezeichnete und 1926 publizierte Sage aus dem Kanton Uri, Schweiz:
Der Schatz des Klosters Seedorf
Zu Kriegszeiten habe einmal das alte Kloster auch die Monstranz und andere kostbare Sachen verborgen. Jahrhunderte später haben die Benediktinerinnen, die auf die Lazariter folgten, davon vernommen und zwar aus alten Büchern. Darinnen soll gestanden haben, der Schatz sei unter der "alten Stiege" versteckt. Aber wo mag wohl diese alte Stiege zu suchen sein? Item die Klosterfrauen schickten ihren Knecht, Michel Wälti, zu graben. Er grub in einem Kellerraum, aber die Geister liessen ihm keine Ruhe und pressten ihm manchen Schweisstropfen aus. Endlich offenbarten sie ihm, dass die gesuchten Kostbarkeiten zum Vorschein kommen werden, wenn das Kloster am ärmsten sein werde.
K. Zgraggen 82 J. alt

Der wahre Kern:
Im Kloster Seedorf wurde 1606 tatsächlich eine Grabung durchgeführt.
Der Knecht hieß nicht Wälti, sondern Imboden. Er grub vorwiegend im Klostergarten und hatte dabei Geistererscheinungen, wie er zu Protokoll gab. Dabei hätten diese Geister eine "alte stegen" erwähnt.
Es wurde nicht nach einem Schatz im engeren Sinne, sondern besonders nach Reliquien gesucht.

Die Grabung kam zustande, weil eine der Benediktinerinnen in Seedorf 1606 davon zu erzählen begann, im Klostergarten seien Heiligtümer der Lazariter vergraben. Man glaubte ihr zuerst nicht und hielt sie für besessen, doch nach seltsamen Erscheinungen und dem gleichzeitigen, zufälligen Fund eines alten Ablassbriefes der Lazariter im Archiv von Uri, welcher die Reliquien des alten Klosters auflistete, ließ man dann doch Grabungen zu.
Dabei kamen um die 40 Skelette, ein Siegelring, ein zerbrochenes Schwert, ein Reiterschild sowie Dokumente des Lazariterordens aus dem 14.Jh. zum Vorschein.

Das berichtet der Luzerner Stadtschreiber und Sagensammler Renward Cysat – Wikipedia in "Seedorffische Histori im Land Uri Anno 1608". Eine Gruselgeschichte mit Geistererscheinungen und Wunderheilungen, aber unter Einbezug von z.T. heute noch vorhandenen Protokollen und der Befragung Beteiligter durch Cysat selbst.
Kommentare und Edition in:
Die ausführlichen, wenn auch literarisch ausgeschmückten Aufzeichnungen Cysats waren wohl die Basis für obige Sage, doch gibt es daneben auch noch andere Sagen von feurigen und kopflosen Reitern, die das Kloster heimsuchen (844. in Sagen aus Uri Band 2)* oder von zu küssenden Kröten, um an den Schatz zu gelangen (389./4 in Sagen aus Uri Band 1).
* siehe auch: Sagen

Aus der Zeit kurz nach den Grabungen ist auch eine Gründungslegende des Klosters erhalten, in der angeblich Balduin von Jerusalem, in Uri vom Aussatz geheilt, dort persönlich aus einem bereits seit 1097 bestehenden Kloster ein Lazariterkloster machte.
Kurzfassung: Kloster St. Lazarus
älteste erhaltene Fassung: Die Lazariter-Häuser und das Benedictinerinnen-Kloster in Seedorf

Unklar bleibt, wie die 18-jährige Nonne zu ihrer "Vision" kam bzw. warum man ihr zuerst so skeptisch begegnete (inkl. Exorzismus). Wie viel wusste man in Uri vor dem Fund im Altdorfer Archivturm und den Grabungen im Kloster noch von der Vergangenheit mit den Lazaritern? Das Lazariterkloster wurde um 1530 aufgegeben und ab 1559 mit Benediktinerinnen neu belebt.
Cysat vermerkte, es hätte eine "Tradition" zum Vorgängerkloster gegeben, welche von einer Zerstörung des alten Klosters durch Überschwemmung oder durch Brand ausging.
Zudem behauptete der Verfasser der Gründungslegende von 1635, er hätte nur eine frühere Version aus der Mitte des 16. Jh. kopiert und notierte einen durch Schotten verursachten Brand des alten Klosters, wie wenn zu seiner Zeit eine solche Geschichte allseits bekannt gewesen wäre.
 
Gestern stolperte ich im Rahmen einer Wanderung buchstäblich über eine Sage, die mir im Kern eine wahre Geschichte zu enthalten scheint.

Die Angelsachsen von Sarmenstorf (AG).

Kurzform der Sage: Am 8. Mai 1309 wurden außerhalb Sarmenstorf im Aargau drei angelsächsische Pilger überfallen und getötet. Sie trugen ihre enthaupteten Köpfe anschließend bis ins Dorf.
Zwei der Getöteten werden in der Sage namentlich genannt. In der ältesten bekannten Form der Sage, die man um 1500 verortet, heißen sie Graf Erhard von Sachsen, Herzog in Mixen und Ritter Kaspar von Brunaschwyl. Der Dritte war ein namenloser Knecht. Später wurde aus Mixen "Meißen" und aus Brunaschwyl "Braunschweig".

Die älteste Quelle für einen Vorfall bei Sarmenstorf ist ein Eintrag in den Regesten des Klosters Einsiedeln für den Tag nach dem Vorfall, wo die Kirchenlade des zu Einsiedeln gehörenden Sarmenstorf zitiert wird.
"Verloffenheit des grossen Wunders, so sich mit den heiligen Engel-Sächsen zugetragen hat."
Die zweitältesten Quellen sind die Abschriften von Urkunden aus dem Jahre 1311, wo in Sarmenstorf eine Kapelle "über die heiligen Pilger" und ein Jahrzeit zu Ehren der "sogenannten Engelsachsen" gestiftet wurde.

Dies sind Hinweise darauf, dass im besagten Jahr 1309 in Sarmenstorf tatsächlich etwas wunderliches geschah und in Zusammenhang mit "Engelsachsen" gebracht wurde.
Möglicherweise überlagerten sich hier zwei Legenden, denn es gibt noch eine Variante, die sich im Jahr 909 zugetragen haben soll, wo es um drei namenlose Angelsachsen geht.

Die Angelsachsen-Legende in: Unsere Heimat - Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Freiamt, Bruno P. Müller, 2005

Eine kurze Recherche zu den Namen der Beteiligten ergab für Sachsen nichts, dafür fiel mir ein Eberhard von Sax (-Misox?) auf, dessen einzige Erwähnung ausgerechnet im Jahr 1309 war und den ich als Namensgeber nicht ausschließen würde Eberhard von Sax – Wikipedia
Doch spekulieren soll man hier nicht.
 
Die älteste Quelle für einen Vorfall bei Sarmenstorf ist ein Eintrag in den Regesten des Klosters Einsiedeln für den Tag nach dem Vorfall, wo die Kirchenlade des zu Einsiedeln gehörenden Sarmenstorf zitiert wird.
"Verloffenheit des grossen Wunders, so sich mit den heiligen Engel-Sächsen zugetragen hat."
Die zweitältesten Quellen sind die Abschriften von Urkunden aus dem Jahre 1311, wo in Sarmenstorf eine Kapelle "über die heiligen Pilger" und ein Jahrzeit zu Ehren der "sogenannten Engelsachsen" gestiftet wurde.

Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber ich sehe bislang keinen Anhaltspunkt für die Datierung der "ältesten Quelle". Der zitierte Satz scheint mir einwandfreiese Neuhochdeutsch zu sein und schwerlich 1309 so formuliert worden sein.
 
Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber ich sehe bislang keinen Anhaltspunkt für die Datierung der "ältesten Quelle". Der zitierte Satz scheint mir einwandfreiese Neuhochdeutsch zu sein und schwerlich 1309 so formuliert worden sein.
Es wird sich wohl um die Formulierung handeln, wie sie Gallus Morel 1848 in seiner Edition benützt hat.
Leider weiß ich nicht, wie der Originaltext lautete, aber es scheint ihn zu geben.
 
Es wird sich wohl um die Formulierung handeln, wie sie Gallus Morel 1848 in seiner Edition benützt hat.
Leider weiß ich nicht, wie der Originaltext lautete, aber es scheint ihn zu geben.

Dann verstehe ich nicht, warum sich jemand die Mühe macht, alle möglichen Überlieferungen aus späteren Jahrhunderten zusammenzutragen, ohne sich einen Deut um den Originaltext der ältesten Quelle zu scheren.
 
Dann wird Flodoard erwähnt, der hat für 921 den kryptischen Satz

Anglorum Romam proficiscentium plurimi inter angustias Alpium lapidibus a Sarracenis sunt obruti.​
geschrieben: Viele der abreisenden Angeln (Engel?) [...] wurden in den Engstellen der Alpen von den Sarrazenen mit Steinen zugeschüttet.
Für das Jahr 924 schreibt Flodoard:

Multitudo Anglorum limina sancto Petri orationis gratia petentium inter Alpes a Sarracenis trucidatur.​

Mit den Anglorum sind wohl tatsächlich angelsächsische Pilger gemeint. So meint jedenfalls die Fussnote in der französischen kommentierten Ausgabe der Annalen.
Den Hugo konnte ich als Hugo I. König von Niederburgund (924-947) und Italien ausmachen, der wäre in Fraxinetum zuständig gewesen.
 
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