Leibeigenschaft durch Geburt

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Prinz Eugen, 31. Mai 2007.

  1. Prinz Eugen

    Prinz Eugen Mitglied

    Irgendwo habe ich mal in einem Fachbuch gelesen, dass der Leibeigene die Leibeigenschaft nicht als so gravierend empfand, wie man sich das aus heutiger Sicht vorstellt. Ob man das wirklich so stehen lassen kann? Halte das eher für Quatsch.
    Wenn man einen Vergleich mit einem Leibeigenen sucht glaube ich, passt der Begriff Sklave, am Besten. Ein Leibeigener hat ja keine Wahl. Er "folgt zwangsläufig dem Schicksal der Mutter". Wenn sie leibeigen ist, ist es das Kind auch. Ein freier Bauer hatte immerhin die Wahl sich in Abhängigkeit zu begeben (siehe Salpetereraufstände) weil er dadurch unter Umständen Vorteile genoss (Hilfe bei Mißernten usw.). Ein Leibeigener wird sich in den seltensten Fällen durch "Stadtluft" befreit haben. Aus dieser angeblich "gottgewollten" Situation wollten sich doch sicher auch damals die Menschen befreien. Ein Sklave will ja auch kein Sklave sein. Und das perverse des "gottgewollten"....
    Rein theoretisch konnte sich ein Leibeigener bei seinem Leibherrn im Rahmen der niederen Gerichtsbarkeit über "Dinge beklagen", was einem Sklaven ja nie möglich war. Ich stelle aber die These auf, dass dies aufgrund von drohenden Repräsalien nie geschehen ist.
    Außerdem gab es Gebiete in denen es nie Leibeigenschaft gab, weil dort im Zuge der Rodungsfreiheit-Vergabe durch den "Fürsten" zunächst nur freie Bauern lebten. Im Laufe der Zeit wird sich dann auch ein Teil dieser Freien, durch Mißernten und andere Probleme ihre Freiheit aufgegeben haben, sodass eine Vermischung von Freien und Unfreien entstand. Im Extremfall wird es auch vorgekommen sein, dass außerhalb eines solchen Gebietes wieder Leibeigenschaft vorherrschte. Damit war der Leibeigene doch auch zwangsläufig mit dem Schicksal des "nur" unfreien Bauern spürbar und vergleichbar. Neidgefühl?
    Gibt es Literatur, aus der man glaubhaft und einigermaßen "zeitgenössisch" die wahre "Betroffenheit" des Leibeigenen entnehmen kann?
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke mal, das wird schwierig sein, da viele nicht schreiben konnten, womit wir wieder bei der Frage wären, um welchen Zeitraum es Dir genau geht. Wenn dann finde ich etwas zu den Verhältnissen in Brandenburg und Mecklenburg.

    Insgesamt soll die Lage der Bauern in Sachsen bspw. nicht so bedrückend gewesen sein. Bezeichnenderweise kam es 1790 auch eher in den wohlhabenden Gebieten Sachsens zum Aufstand, welcher zwar von Friedrich August III. nach damaligen Verhältnissen gütlich geregelt wurde, aber dennoch einige der Anführer natürlich auf den Königsstein brachte. (Größte Festung Sachsen und oftmals wichtigstes Staatsgefängnis)
     
  3. Prinz Eugen

    Prinz Eugen Mitglied

    Wie immer, :red:1720 Plus minus 10 Jahre
    In erster Linie Südwestdeutschland / Vorderösterreich

    Ja, Unterschiede gab es sicher auch beträchtliche. Dennoch bleibt ja der Status des Leibeigenen der einer Sache, die auf Gedeih und Verderb dem Gutwill des "Eigentümers" ausgeliefert ist. Und das auf der ganzen Welt!?

    "Gerade die Lage der Masse der Bauern (in Sachsen), der unteren Schichten überhaupt, hatte sich in der letzten Zeit eher wieder verschlechtert." Zitat zu finden unter Bauernaufstand
    ___________________________
    Mist, ...ich kann mich nach wie vor nicht richtig in das Leben eines Leibeigenen des frühen 18. Jhd. hineinversetzen. Da fehlen viele Kleinigkeiten: Konnten sie z.B. in die Kirche gehen und falls ja, höchst wahrscheinlich nur stehend in den letzten Reihen.... Muß mal noch mehr Bücher von "Historikern" lesen. Kann jemand so etwas wie das absolute Standardwerk zum Thema Leibeigenschaft, Bauerntum empfehlen. Meine natürlich so etwas wo´s nicht um das Melken usw. geht:grübel:


    Hier noch ein Zitat aus einem bekannten Mittelhochdeutschen Gedicht über einen bäuerlichen Sohn der Edelmann werden will und vom Vater belehrt wird:
    "Denn niemals hat jener Erfolg gehabt, der gegen die Gesetze eines Standes aufbegehrte. Deiner Herkunft nach gehörst Du hinter den Pflug" ([FONT=Arial, Helvetica, sans-serif]"din ordenungs ist der phluoc")[/FONT]

    Wer hat das Gedicht geschrieben? Wohl kaum ein Bauer!...........
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Juni 2007
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wie gesagt, das ist die Problematik. Mir ist auch noch kein Buch zu dem Thema vorgekommen.
    In die Kirche durfte eigentlich jeder, wenn man sich die Dimensionierung der Kirchen in Brandenburg anschaut, wo die Leibeigenschaft im Rahmen der Gutsherrschaft besonders hart gewesen sein soll, so passt sie durchaus zur Größe der damaligen Dörfer...
    Über die Verhältnisse in Preußen findet man ja recht viel u.a. in den beiden Büchern zum 18. Jh. im Zuge der Reihe zur deutschen Geschichte im Siedler-Verlag, wobei auch die Erhebungen kurz angesprochen werden. In den 1710ern also dem erfragten Zeitraum kam es zu Erhebungen im Cottbuser Raum. Das Siedlungsgebiet der Sorben gehörte teilw. zu Brandenburg und teilw. zu Kursachsen. Ab 1715 soll es zu Unruhen gekommen sein, Beschwerden wurden den Gutsherren vorgelegt, wobei man sich gegen die Fronarbeit und die Gesindezwangdienste aussprach. Statt gehört zu werden, wurden die Wortführer darunter ein Schulze Hanso Lehmann aus Eichow verhaftet. 1717 kehrte er aus der Haft heim und rief zu offenem Aufruhr auf, worauf sich 4000 Bauern (d.h. auch Knechte etc.) in der Cottbuser Heide versammelten, wohl um bis vor den König zu marschieren und ihre Rechte einzufordern. Allerdings wurden aus Berlin Truppen geschickt und wie üblich die Anführer gefangen genommen, von denen besagter Hanso Lehmann in Haft blieb.
    Quelle: Ein Geschichtslehrbuch von 1989 Kl. 7 Volk und Wissen-Verlag

    @ Prinz Eugen
    Ein interessanter Link ist das zu dem Thema. Dass Friedrich August III. selbst, der ja auch den Beinamen des Gerechten hat, nicht allzu hart mit den Bauern des Aufstandes von 1790 verfahren sein soll, hatte ich aus einem Buch der Beck'schen Reihe "Die Herrscher Sachsens". Soll ich mal die genaue Stelle heraussuchen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juni 2007
  5. Prinz Eugen

    Prinz Eugen Mitglied

    Das wäre ja schon interessant, denn vielleicht hat er ja einfach nur erkannt, dass er die Bauern benötigt!???

    Wenn von Bauernaufständen die Rede ist, dann oft im Zusammenhang mit dem Wunsch "Aufhebung der Leibeigenschaft". Fragt sich jetzt ob diese Aufstände im geordneten Zusammenspiel Freier Bauern, unfreier Bauern (das sind ja nicht zwangsläufig Leibeigene) und Leibeigener aufflammten oder jede Gruppe eigene Interessen verfolgte. Gerade kommt mir auch noch die Idee ob man über die Thematik im Simplicissimus von Grimmelshausen was finden könnte?
    Naja nicht so einfach die Thematik...
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1. Oftmals ging es noch nicht mal so weit. Die Unruhen regten sich im 17. und 18.Jh. vor allem, wenn es zu Mehrbelastungen kam, wie im Zuge von Kriegen, oder wenn der rechtmäßige Weg, sich an die Grundherren oder Gutsherren zu wenden versagte. Eigentlich ähneln sich daher diese Erhebungen sehr und zeigen auch Paralellen zum Deutschen Bauernkrieg auf, worin die Mehrzahl der Bauern garkeine völlige Veränderung der Gesellschaft wollte, sondern nur eine Verringerung der Abgaben- und Dienstlast. Da die Ziele der Bauern ja recht begrenzt waren, konnte es bisweilen ja auch zu Kompromissen mit den Landesherren kommen.
    2. Kann ich mir en detail nicht vorstellen, obwohl es gab ja gerade während des 30-jährigen bspw. Erhebungen der Bauern in der Nähe des Harz (Harzschützen), welche sich gegen die Soldateska richteten.
     
  7. Prinz Eugen

    Prinz Eugen Mitglied

    @Brissotin: Auch hier hast Du Recht. Hab noch folgendes dazu gefunden

    Die Belastungen, ob dinglich oder persönlich, ergaben sich aus der rechtlichen Minderstellung der Bauern. Siehe "2.3. Rechtliche Minderstellung der ländlichen Bevölkerung" unter historicum.net: Der "Deutsche Bauernkrieg" - Einführung

    Die Leibeigenschaft war gerade in Kerngebieten Südwestdeutschlands seit dem Spätmittelalter sogar intensiviert worden.
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1790 Bauernaufstand in Sachsen

    Leider gibt es zu kaum einem sächsischen Herrscher, auch nach Aussage von Historikern selber genügende aktuelle Biographien und in den großen Standartwerken bekommt Sachsen zumeist nur eine Randnotiz, da der österreichisch-preußische Konflikt die meisten anderen Probleme überlagert.

    Winfrid Halder zu Friedrich August III. in "Die Herrscher Sachsens" Beck'sche Reihe München 2007.
    Selbst auf dem Königsstein gab es nicht viel mehr Informationen zu der kurzzeitigen Erhebung. Bei dem begrenzten Einsatz der Truppen muss man sich verdeutlichen, dass dem Kurfürst auch kaum mehr übrigblieb, denn die sächsischen Regimenter rekrutierten, anders als Preußen, ausschließlich unter den Einländern, bis auf besondere Palastgarden und den Vorzeigetruppen einige Dekaden zuvor bei Friedrich August I., dem Starken.
    Zu dem Bauernaufstand von 1790 muss man allerdings einiges zum Relativieren verdeutlichen. Seit dem Siebenjährigen Krieg sah sich Sachsen zur Politik des "Rétablissements" gezwungen, welche eine umfangreiche Sanierung und Reformierung des Staates bedeutete. Nicht nur war Sachsen vom Krieg direkt schwer getroffen worden (man denke an das bombardierte Dresden 1760), nein auch finanziell hatte der Kurstaat schwer leiden müssen, einige markante Aussprüche von Friedrich II., der Sachsen mit einem Mehlsack verglich, worauf man so oft schlagen könne, wie man wolle, es käme immer etwas heraus, sind ja bekannt geworden. Die hohen finanziellen Forderungen Preußens mussten durch eine neue Belebung des Bergbaus u.a. beglichen werden. Friedrich Christian gab dafür schon wichtige Impulse, welche dann Friedrich August III. und zuvor sein Vormund Franz Xaver von Sachsen fortsetzten. Obwohl eine Reanimierung der Wirtschaft ähnlich gut gelang wie nach dem 30-jährigen Krieg und selbst der enorme Schuldenberg, welcher unter Friedrich August III. Großvater gleichen Namens angehäuft wurde, abgebaut werden konnte, hinterließ uns Friedrich August III. selbst anders als seine berühmten Vorgänger kaum Bauten aus seiner langen Regierungszeit, was allerdings auch dafür spricht, dass die Bauern im Rahmen von Fron, nicht dazu genutzt werden mussten.:fs:
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Joseph II. hob am 1. Nov.1781 ja die Leibeigenschaft der Bauern durch ein Untertanenpatent auf. Vielleicht findest Du in dem Zusammenhang auch noch mehr zum Thema Leibeigenschaft im 18.Jh..
    :winke:
     
  10. Prinz Eugen

    Prinz Eugen Mitglied

    Guter Hinweis. Dazu muss ich nach meinem Urlaub mal schauen ob es in der Bücherei ein vernünftiges Buch zu dem Thema gibt. Wird man dann aber kaum um ein Buch zu Joseph II herumkommen. Da gibt´s eine Menge dazu.
    :urlaub:
     

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