Lieferantenstruktur im dt. Brauwesen in der vorindustriellen Zeit?

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von rrttdd, 17. Oktober 2011.

  1. rrttdd

    rrttdd Mitglied

    Hallo,

    ich hätte mal wieder eine Frage:

    Heute kommt ja der Löwenanteil des Hopfens der Brauereien aus der Hallertau. Der wird dort verarbeitet, und dann meist in Pellets durch die ganze Republik gekarrt, auch in den Norden.

    Das setzt natürlich eine ausgebaute Verkehrsinfrastruktur voraus.

    Mich würde interessieren, woher die Brauereien -vor allem in Norddeutschland- (Jever, Flensburger, Becks..) ihren Hopfen bezogen, als es noch keine LKW oder Eisenbahn gab.

    Wurde er im Norden angebaut, oder mit Pferdefuhrwerken oder Lastkähnen dorthin gebracht? Zumal Hopfen ja meines Wissens schon bestimmte Standortvoraussetzungen hat.
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Müsste man vor Ort individuell schauen. Wein wurde ja auch im 17./18.Jh. an den unmöglichsten Orten angebaut. Von einem umfangreichen Hopfenhandel ist mir nichts bekannt. Man muss aber auch schauen, ob denn damals schon z.B. Bierregionen schon Bierregionen waren oder da nicht damals Wein überwiegend angebaut wurde, wo man heute hauptsächlich Bier trinkt.:winke:
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ja wurde er, allerdings muss man (und hat man auch) nicht zwingend Hopfen ins Bier geben. Welche Zeit hast du denn genauer im Auge? "Vorindustriell" kann ja ziemlich viel sein.

    Als Einstieg:
    Deutsches Hopfenmuseum Wolnzach - German Hop Museum
     
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  4. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    Moin

    Hier mal als lokales Beispiel das Hagenhufendorf Isernhagen:


    „... Seit ca. 1500 befaßten sie [die Hagenbauern] sich mit dem Hopfenhandel. Der Hopfen wurde aus den damaligen Anbaugebieten bei Danneberg, Wittenberge, Rehburg und Braunschweig geholt und in besonderen Hopfenspeichern gelagert, von denen einige noch erhalten sind. Hauptabnehmer waren die Städte der Lüneburger Heide, das Alte Land, die Nordseehäfen, Schleswig-Holstein und Jütland. …“

    (Auszug aus dem „Luftbildatlas Niedersachsen“)

    Gruß
    Andreas

    Anbei ein Foto eines ehem. Hopfenspeichers in Isernhagen
     

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  5. rrttdd

    rrttdd Mitglied

    Hm, seit dem Reinheitsgebot sollte ja Hopfen in jedem Bier enthalten sein.
    Betrachten wir also die Zeit zwischen 1516 (Reinheitsgebot) und ca. 1850 (ab da kann man dann Hopfen mit der Eisenbahn transportieren).

    Interessant finde ich den Beitrag von Xander. Demnach gab es früher wesentlich mehr Hopfenanbaugebiete und einen schwunghaften Handel, z.T. sogar Export? (Nordseehäfen)

    Interessant wäre auch, warum sich die Hallertau als fast einziges deutsches Hopfenanbaugebiet gehalten hat, und nicht etwa Braunschweig...
     
  6. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    naja, weil das Zeug hier nicht so gut wächst wie in der Hallertau ;-).
    Die nötigen geschützten Lagen sind für die benötigten Mengen, um vernünftige Erlöse zu erzielen , zu klein. Und die Rübe bringt deutlich mehr ein. Auch verträgt sie mehr Wasser
     
  7. rrttdd

    rrttdd Mitglied

    Auch interessant wäre natürlich, ob Bier mit Braunschweiger Hopfen anders schmecken würde (AFAIK gibts dort eher sandige Böden) als welches mit Hallertau-Hopfen. Aber das gehört nicht in dieses Forum. ;)
     
  8. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Das Reinheitsgebot galt ab 1516 nur in Bayern, die anderen deutschen Länder zogen insbesondere was den Hopfen betrifft erst deutlich später nach:
    Reinheitsgebot ? Wikipedia

    Du hast meinen Link nicht gelesen, oder? Zwar kommen heute über 80% der Hopfenproduktion aus der Hallertau, daneben gibts aber dann doch noch vier andere Anbaugebiete: Tettnang, Elbe-Saale, Spalt und Baden-Bitburg.
     
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  9. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    Schmecken würde es garantiert anders, aber dies muß ja nicht nur am Hopfen liegen, sondern auch an den Zutaten und Brauverfahren.

    In Isernhagen wurde parallel zum Hopfenhandel auch intensive Pferdehaltung betrieben. Meines Wissens ist die Hopfenwirtschaft mit der Verbreitung der Eisenbahn allmählich zum Erliegen gekommen. Die Pferdehaltung ist bis heute geblieben.
     
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  10. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Hopfenanbau und -Handel spielte eine bedeutende Rolle in der Landwirtschaft und wurde bereits im Spätmittelalter fast als Monokultur angebaut. Auf den feldern rund um das fränkische Langenzell konnten im 18. jahrhundert jährlich etwa 1800 Zentner Hopfen geerntet werden. Der Hopfenanbau bildete die Grundlage für ein expandierendes Braugewerbe, und bei steigenden Preisen konnten 1766 40 Fl erlöst werden. Ein beamter bemerkte, dass "nur der Hopfen dem Landmann Bargeld in die Tasche bringe, während er das Getreide selbst verzehrte. Als besonders hochwertig galt böhmischer Hopfen, der weit über die Grenzen Böhmens gehandelt wurde. Hopfenanbau wurde staatlich gefördert, und im Hochstift Bamberg erging 1767 eine Verordnung, die für Hopfenanbau 10 bzw. 5 Jahre Abgabefreiheit versprach. Der fränkische Hopfen wurde für seine Qualität so bekannt, dass man ihn bisweilen als böhmisches Produkt verkaufen konnte.

    Bier war schon im 18. Jahrhundert ein Massengetränk,m von dem allein im Amt Hof 112.000 Eimer jährlich verkauft wurden, was einem Pro Kopf Verbrauch von 190 Maß im Jahr entsprach.

    Dennoch dürfen diese angaben nicht dazu verführen, sich das alltagsgetränk als ein gepflegtes Starkbier vorzustellen, das Hardenberg in Bamberg so schätzte. Das Bier der armen Leute war ein fades dünnes Gebräu aus Gerste und Hafer, das man mit allen möglichen Substanzen zu verbessern versuchte. Bier wurde mit Wacholderbeeren, Birkensaft oder Kümmel gewürzt. Es handelte sich um ein Dünnbier, das meistens warm getrunken wurde, weil es so angeblich am besten schmeckte.

    Ganz gegenstandslos war daher die Klage eines Zeitgenossen nicht, der schrieb, in Gasthäusern bekomme man nur

    "immer eine elende Brühe, die oft dem Harne der Pferde gleicht."

    Das gepflegte Lagerbier, das Hardenberg in Bamberg so gut schmeckte, wurde nur im Frühjahr und Herbst ausgegoren und in Felsenkellern kühl gelagert.

    Das wichtigste Getränk der meisten Leute war aber auch in Gegenden mit Braukultur einfaches Wasser. Nur bei schwerer Arbeit in der Erntesaison holten sich die Bauern in der Schenke einen Krug Dünnbier.

    (Literatur: Ernst Schubert Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts
    S. 22- 23, S. 52-53)
     

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