Da bin ich voll bei dir, das wäre in der Tat mehr als erstaunlich, wenn er Details gekannt hätte.
Aber das Wissen, dass Sparta erst nach dem Untergang von Mykene groß geworden ist, sollte als Grieche schon bekannt gewesen sein.
So viel war ja bisher noch nicht geschehen in Griechenland, so 800 v. Chr. Im Vergleich zu Ägypten oder Mesopotamien z. B.
Das ist unsere Sichtweise, die auch daran liegt, dass wir über die sog. "Dunklen Jahrhunderte" kaum etwas wissen. Aber das bedeutet nicht zwingend, dass auch aus Sicht der Griechen selbst nicht viel geschehen war.
Zum Vergleich: In den Städten Mittelitaliens geschah in der Antike
anscheinend jahrhundertelang auch kaum etwas. Doch halt: In einer Stadt, Rom, schon. Leute wie Livius und Dionysios von Halikarnassos füllten ganze Bücher damit, was in den ersten Jahrhunderten der Stadt (obwohl sie noch ein kleiner Stadtstaat war) geschehen sein soll. Das waren keine weltbewegenden Ereignisse, nichts was sich mit der gleichzeitigen Geschichte Assyriens, Babyloniens oder Persiens vergleichen ließe. Es ging "nur" um innenpolitische Auseinandersetzungen und lokale Kleinkriege. Aber für die Römer selbst war es von Interesse. Sie hatten nicht den Eindruck, in ihren ersten Jahrhunderten hätte sich nichts ereignet. (Wie zuverlässig diese Überlieferungen im Detail sind, ist eine andere Frage.) War Rom die einzige Stadt, in der etwas geschah? Wohl kaum. Auch in den anderen Städten Latiums und Etruriens wird etwas passiert sein. Überlieferungen aus der Stadtgeschichte wird es wohl auch in anderen Städten gegeben haben, bloß sind sie nicht erhalten, weil diese Städte nie groß herauskamen und sich daher außerhalb der Städte kaum jemand für ihre Geschichte interessierte. (Eine seltene Ausnahme war Cato, der in seinen "Origenes" auch die Frühgeschichte anderer Städte behandelte. Leider ist das Werk verloren.)
Also auch aus Homers Sicht wird in seiner Heimat wohl schon etwas geschehen sein, bloß dass davon kaum etwas bis heute überliefert wurde, weil keine Stadt Westkleinasiens zur Großmacht aufstieg. Aber Homer lebte aller Wahrscheinlichkeit nach in Westkleinasien, weit weg von Lakonien. Bücher, in denen er die Geschichte Lakoniens nachlesen konnte, gab es noch nicht, und es gibt auch keinen Hinweis, dass er jemals vor Ort gewesen wäre. Zu seiner Zeit war Sparta jedoch bereits eine aufstrebende Macht, die Lakonien dominierte und nach Messenien ausgriff.
Stellen wir uns also Homer vor, wie er in Westkleinasien sitzt, wohl die jüngere Geschichte seiner Heimat kennt, aber kaum etwas über die Geschichte der Peloponnes weiß. Er weiß aber, dass Sparta dort eine bedeutende Regionalmacht ist. Ist es da so verwunderlich, wenn er meinte, das sei zur Zeit des Trojanischen Krieges auch schon so gewesen?
Zum Vergleich:
Im persischen Nationalepos "Schahname" war das Oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel bereits in der Zeit vor Alexander dem Großen, also zur Zeit der Achaimeniden, der westliche Rivale des Persischen Reiches. Anscheinend konnte man sich in der persischen Überlieferung nicht mehr vorstellen, das sei jemals anders gewesen, und Firdausi übernahm das, obwohl er viel bessere Möglichkeiten als Homer hatte, sich über die wahre Geschichte zu informieren.
In einigen serbischen Heldenliedern, die in der frühen Neuzeit (bis ca. 18. Jhdt.) entstanden, wird der Kaiser in Wien erwähnt - auch in Liedern, deren Handlung im Mittelalter spielt. Anscheinend war es für die serbischen Dichter selbstverständlich, dass der (Habsburger-)Kaiser seit jeher in Wien residierte.
In beiden Fällen wurden Zustände in die ferne Vergangenheit rückprojiziert. Also warum nicht auch Homer?