Wie sieht man denn nordostmediterran aus? Gehört es zu den allgemeinen Sehgewohnheiten, sofort "aha, nordostmediterran" zu erkennen, und zwar in den Maß, wie man sofort einen Sean Connery in der Rolle von Martin Luther King mehr als nur befremdlich fände? Ich wittere da keine Doppelstandards - mir kommt dieses wittern eher als Pseudoargument vor.
Besagter Sean Connery hat übrigens mal Agamemnon in Time Bandits (1981) gespielt, aber vielleicht sagt da auch einer "Neeeeiiin, seine Gesichtsform war nicht mediterran genug!" :p
 
Dann nenne es halt "griechisch", denn darum geht es doch, das Lupita nicht "griechisch" aussieht. Nun sehen aber auch Sean, Brad und Diane nicht "griechisch" aus. Die Benennung ist mir um ehrlich zu sein, wumpe. Mich stören die doppelten Standards die angelegt werden.
Du wirst aber wohl nicht ernsthaft behaupten wollen, dass Diane Kruger von einer mykenischen Griechin optisch ebenso weit entfernt ist wie eine Schwarzafrikanerin? (Brad Pitt war für die Rolle zu alt, aber wenigstens die Haarfarbe stimmte durchaus.)

Es gibt doch nicht nur schwarz und weiß (in dem Zusammenhang eine blöde Formulierung, aber mir fällt keine bessere ein; das Wortspiel ist ungewollt), sondern auch Abstufungen. Nur weil Diane Kruger nicht mediterran aussieht, bedeutet das nicht, dass man Helena ebensogut von jeder beliebigen Schaupielerin, die noch viel weniger nach Griechin aussieht, spielen lassen kann. Ein kleineres Übel ist allemal noch kleiner als ein großes Übel; ein mittelmäßiger optischer Unterschied geringer als ein gewaltiger Unterschied.
(Gäbe es in Hollywood Alien-Schauspieler und würde Helena von einem kleinen grauen oder grünen Männchen gespielt, würden das manche vermutlich auch noch verteidigen und darauf hinweisen, dass Frau Kruger aber doch auch nicht mediterran aussähe ...)

Außerdem war die Besetzung von Helena mit Diane Kruger vermutlich einfach nur Ignoranz. (So wie wenn die Rolle einer Japanerin mit einer Chinesin besetzt wird - Hauptsache ostasiatisch.) Helena von einer Schwarzafrikanerin spielen zu lassen, ist aber ein bewusstes "Statement", eine gewollte Provokation oder zumindest Kalkül (damit der Film "divers" genug wird).
 
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Dass viele Kinobesucher hinterher die "Odyssee" lesen, ist erfreulich. (Hoffentlich in einer vernünftigen Übersetzung, und hoffentlich halten sie bis zum Ende durch. Ich fürchte, viele werden enttäuscht sein, wenn sie feststellen, dass die Schilderung der Irrfahrten nur ein Sechstel des Epos ausmacht und sich der Großteil der zweiten Hälfte der Vorbereitung der Abrechnung widmet.)

Zwischen "Griechisch lernen" wollen und tatsächlich lernen ist jedenfalls ein großer Unterschied. Altgriechisch ist nicht einfach, und auch wenn man die Grammatik beherrscht und über ein solides Vokabular verfügt, eignet sich die "Odyssee" nicht gerade als Einstiegslektüre. Die Masse der Suchanfrager wird früh das Handtuch werfen.
 
Irgendwie habe ich auch bei Nolan den Eindruck, dass er mit der Odyssee nichts anfangen kann, dass er daraus auch keine große Erzählung machen kann.
Das fängt ja schon mit der Auswahl der Übersetzung an.

In Englisch gilt im Allgemeinen die Übersetzung von Robert Fitzgerald als der Goldstandard etwa so wie die deutsche Übersetzung von Heinrich Voss man könnte auf die Übersetzung von D. H. Lawrence zurückgreifen, die auch sehr poetisch ist. Nolan aber sucht sich ausgerechnet Emily Wilson als Übersetzerin und entscheidet sich für eine woke-feministische Variante in einfacher Sprache, die Übersetzerin ist der Ansicht, es handele sich um eine "old world comic version of a super-hero who fights the bad guys and witchy woman" und kommt mit pseudo-feministischen Phrasen um die Ecke das Homer keine weiblichen Perspektiven abbildet-

Fun fact: Emily Watson stimmt dir darin zu, dass Nolans Film schlecht ist. Sie findet es aber gut, dass durch den Film vielleicht ein paar mehr Leute angeregt werden, mal wieder zu lesen.

Was nun die Übersetzungen angeht: Homers Text ist ca. 2.700 bis 2.800 Jahre alt. Der ist halt alt. Übersetzungen können gut altern und können schlecht altern. Ich kenne jede Menge Übersetzungen alter Texte aus dem 19. und 20. Jhdt., die verdammt schlecht gealtert sind.

Dass Emily Watson den Text als "woke-feministische Variante in einfacher Sprache" gebracht habe, kann man wohl nicht so sagen, mal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, warum man sich immer dieser Kampfbegriffe befleißigen muss. Bleiben wir doch mal sachlich.

Vorweg: Ich kenne weder die Übersetzung von Fitzgerald noch die von Wilson. Ob Fitzgerald 'Goldstandard' ist, kann ich dementsprechend nicht beurteilen.

Da ich nun mal Spanisch studiert habe, hatten wir im sprachpraktischen Teil des Studiums auch Übersetzung und in Übersetzung haben wir natürlich auch über die Theorie des Übersetzens diskutiert.

Du kannst keinen komplizierten Text perfekt übersetzen
  • weil ein Großteil der Worte im Lexikon einer Sprache nicht 1:1 das sind, was das mehrsprachige Wörterbuch vorgibt. Sie unterscheiden sich oft um Nuancen.
    • Im Rumänischen z.B. ist das Wort für Neffe und Enkel dasselbe. Was machst du da als Übersetzer? Du musst mehr Worte benutzen, als da in der Originalsprache stehen, um in der Zielsprache präzise das anzugeben, was in der Originalsprache steht.
  • Grammatik ist ein ganz schweres Thema:
    • Kasus: Griechisch sechs Fälle, im modernen Englischen hast du praktisch nur einen Fall (auch wenn mir Grammatiker jetzt widersprechen müssen)
    • Numerus: im Arabischen etwa gibt es neben Singular und Plural noch den Dual
    • Genus: in manchen Sprachen gibt es zwei Geschlechter, in anderen drei und womöglich in weiteren mehr, in anderen weniger.
    • in einigen asiatischen Sprachen gibt es getrennte Sprachen für Frauen und Männer (ich meine Vietnamnesisch und Japanaisch)
    • Artikel: Es gibt Sprachen mit und ohne Determinanten: die slawischen Sprachen kommen z.B. - mit Ausnahme der bulgarisch-mazedonischen Kleingruppe - ohne Artikel auf, dafür hat die bulgarisch-mazedonische Gruppe die komplizierten Kasus aufgegeben.
    • Zeiten: die semitischen Sprachen haben z.B. nur Perfekt (abgeschlossene Handlung) und Imperfekt (nicht abgeschlossene Handlung). Anderen Sprachen haben sechs oder sieben Zeiten: Präsens, Imperfekt, Perfekt, Futur, Futur II, Plusquamperfekt.... (im Spanischen gibt es neben dem plusquamperfecto noch das perfecto anterior)
  • Periphrasen sind oft nicht von einer Sprache in eine andere übersetzbar.

Sachtexte sind i.d.R. einfacher zu übersetzen, als literarische Texte, Texte, die sich an kein Versmaß halten leichter, als lyrische Texte.

Emily Wilson hat sich für eine Übersetzung entschieden, bei der sie die Anzahl der Verse bei Homer beibehielt, hat das Epos aber eben auch in Reimprosa gelassen. Weil im Englischen der jambische Fünfheber (Pentameter) die lyrische Form der Wahl ist, hat sie den daktylischen Sechsheber (Hexameter) in den jambischen Fünfheber übertragen. Sie hat die Syntax vereinfacht. Das ist kein Simple English. Einfache Sprache ist weitaus mehr, als nur eine einfache Syntax zu verwenden.

Man kann darüber streiten, ob die Übersetzung für sich in Anspruch nehmen kann, eine wissenschaftlich brauchbare Übersetzung zu sein. Die Übersetzung eines Gedichts, das sich in der Originalsprache reimt in ein sich reimendes Gedicht in der Zielsprache, ist i.d.R. unmöglich, ohne Manipulation am Inhalt. Wenn man aber den Inhalt möglichst originalgetreu darstellen will, kann man sich eben nicht an Versmaß und Reimschema halten.

Ob Emily Wilson "woke-feministisch" ist, wie ihr vorgeworfen, weiß ich nicht. Sie selbst sagt, dass sie Sklaverei sichtbar macht, die in älteren Übersetzungen verschleiert worden sei. Sie kritisierte, dass ältere Übersetzungen der Odyssee ins Englische durch christliche und viktorianische Sprache überdeckt worden seien.
 
Es gibt doch nicht nur schwarz und weiß (in dem Zusammenhang eine blöde Formulierung, aber mir fällt keine bessere ein; das Wortspiel ist ungewollt), sondern auch Abstufungen. Nur weil Diane Kruger nicht mediterran aussieht, bedeutet das nicht, dass man Helena ebensogut von jeder beliebigen Schaupielerin, die noch viel weniger nach Griechin aussieht, spielen lassen kann. Ein kleineres Übel ist allemal noch kleiner als ein großes Übel; ein mittelmäßiger optischer Unterschied geringer als ein gewaltiger Unterschied.
(Gäbe es in Hollywood Alien-Schauspieler und würde Helena von einem kleinen grauen oder grünen Männchen gespielt, würden das manche vermutlich auch noch verteidigen und darauf hinweisen, dass Frau Kruger aber doch auch nicht mediterran aussähe ...)
Ich schrieb es schon: Ich hätte Lupita Nyong'o auch nicht ausgewählt. Aber Nolan hat es nun mal getan und wird sich da vielleicht sogar etwas dabei gedacht haben. Es sind und bleiben doppelte Standards, die da angelegt werden. Zumindest hat Nolan eines geschafft: Der Film ist in der Diskussion.
 
So, mittlerweile habe ich den Film gesehen, ich komme gerade aus dem Kino. So viel Aufregung für so wenig Szenen, in denen Lupita Nyong'o überhaupt vorkommt. Zumal der ganze Cast heterogen ist. Und soll ich was sagen? Es stört nicht. Naja, Kirke war nicht gerade bezirzend.

Über den Batman-Helm (mit dem Teil einer Wirbelsäule am Helmbusch) ist ja schon gelästert worden. Der Anachronismus der mich am meisten gestört hat, war, als Odysseus zu seinen Leuten sagt: "We have been staying 10 years on this fucking beach, let's sail home!" Bzw. Telemachos beim Jagen mit Menelaos "What the f...?"

Polyphem kann im Übrigen doch sprechen, worüber sich die Griechen wundern, und warum er nicht mit ihnen gesprochen habe, woraufhin Odysseus antwortet: "Would you talk to ants?"

In dem Film fehlt das eine oder andere Element, etwa die Aiolos-Episode.

Ist der Flm "woke-feministisch"? Nein, definitiv nicht. Der listenreiche Odysseus wird kritisch gesehen. Oftnmals sind es seine Entscheidungen, die in die Katastrophe führen, seinen Männern das Leben kosten.
 
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