Rameaujahr 2014

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Brissotin, 28. November 2013.

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  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ein Radiohinweis: Opernstar aus Neapel und Ober-Capellmeister in Stuttgart - Niccolò Jommelli zum 300. Geburtstag (1) - SWR2 :: Programm :: Sendungen A-Z :: Musikpassagen :: Rückschau | SWR.de
    Jommelli satt!
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich war jetzt am Wochenende mit AnDro in Rameaus "Platée". Die Inszenierung in der Opéra National du Rhin war für mich primär langweilig bis auf die "plus grand des Immortels" (die größten Unsterblichen), die neben Superman, Mutter Theresa, Mao, der Papst auch de Gaulle und die Queen waren.
    Die Musik war aber hervorragend, das Ensemble unter Leitung von Christophe Rousset musizierte perfekt - da bemerkte man, dass sich "Les talens lyriques" auf le grand Rameau spezialisiert hat (kein Wunder wenn sich ein Orchester nach einer Oper von Rameau benennt). Entsprechend gab es auch viel Bravo für Rousset und vor allem Toro als Platée. Nur ein Haute-contre im Prologue war nicht ganz so deutlich in der Aussprache wie ich fand.

    "Platée" hat natürlich durch den besonders provokanten Stoff seinen besonderen Reiz. Soll man Mitleid haben mit Platée? Soll man lachen? Einfach etwas anderes als die üblichen antiken Stoffe.
    Die Musik Rameaus ist durchweg überaus unterhaltsam, auch wenn der Prologue und erste Akt für mich etwas heraus sticht.

    Offenbar ist "Platée" heute eine der eher beliebteren Opern, was sie immer wieder auf die Spielpläne zaubert. Im Ohr hat man freilich vor allem die Aufnahme von Minkowski mit den "Musiciens de Louvre", weshalb mir am Samstag gerade der Ton der Windmaschinen etc. fehlte. Neben dem unterhaltsamen und eher zur Diskussion anregenden Stoff und der schönen Musik, spielt vielleicht auch eine Rolle, dass die Oper keine 2 1/2 Stunden dauert und damit vielleicht für manchen Zuseher auch nicht eine solche Herausforderung an die Ausdauer (wie "Dardanus" z.B.) bedeutet.
    Es war vor allem schön sich nochmal das Libretto durch den Kopf gehen zu lassen.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Gerade wegen dem Jahrestag (250. Todesjahr) fand ich es sehr spannend "Rameaus Neffe" kennen zu lernen.

    Für mich ist der Roman nicht zuletzt eine Abrechnung Diderots mit dem "großen Rameau", wie er ihn im Vergleich zu besagtem Neffen (Jean-Francois Rameau) immer wieder nennt. Es klingt mir darin so, als ob Diderot einfach nicht Rameaus letztlichen Triumph im Buffonistenstreit verwinden konnte. Darum wird um die Entscheidung des Publikums zu entkräften ein angeblich in dieser Sache "unparteilicher" Fachmann, nämlich Rameaus Neffe hergenommen. Rameau bzw. dessen Anhänger werden verunglimpft, ja man mag fast glauben, dass J.-P. Rameau ein Geniestatus abgesprochen werden soll.
    Am bemerkenswertesten fand ich aber die Stelle, wo es heißt: "Die Sterne! Sie vergessen die Sterne! Als die Natur einen Leo, Vinei, Pergolese, Duni schuf, da strahlte die ganze Welt. Als sie meinen lieben Oheim Rameau zeugte, der zehn Jahre lang der große Rameau hieß, von dem man aber bald nicht mehr sprechen wird, da ging ein ernstes, achtungsvolles Raunen durch die Welt." Statt Rameau scheint Diderot Jommelli (vgl. Kapitel 7), Pergolesi und dergleichen für ewige Komponisten gehalten zu haben.

    Irgendwie eine Ironie der Geschichte, dass heute deutlich mehr J.-P. Rameau als Pergolesi (sein Staber Mater ausgenommen) und erst recht als Jommelli gespielt wird.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Georg Friedrich Händel ist ja ein Zeitgenosse von Rameau und hat ebenfalls zahlreiche Opern hinterlassen - ich glaube, es sind etwa 40 Werke.

    Wie würdest du in einem Vergleich die musikalischen und thematischen Unterschiede oder Gemeinsamkeiten beider Opernkomponisten beschreiben? Wie sieht es mit der Bühnenwirksamkeit aus? Händel ist immerhin auf den internationalen Bühnen erheblich präsenter als sein Kollege Rameau.
    Woran liegt das?
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Uff, schwer zu sagen.

    Von Rameaus rein instrumentalen Werken sind eigentlich nur die Pieces de Clavecins allgemein bekannt. Dafür sind diese aber auch wirklich extrem verbreitet, egal ob historisch informiert eingespielt (Christie, Rousset) oder auch viele Versuche mit modernem Klavier. Diese Musik hat offenbar schon sowas wie einen Status als Standard. Wenn ich da allein in der CD-Handlung nachschaue.

    Händel hat möglicherweise den Vorteil, dass er seit dem 18.Jh. durchweg gespielt wurde. Seine geistliche Musik fiel nie in Vergessenheit. Rameaus Kirchenmusik (motets) hingegen wurde rasch als zu weltlich empfunden - gut Swift hat ja damals auch gegen Händel gewettert. Aber das scheint nicht nachhaltig gewesen sein.
    Händel war enorm erfolgreich mit seiner Konzertmusik. Seine berühmtesten Werke wie die Wassermusik und Feuerwerksmusik sind auch m.E. recht "aufführungsfreundlich".
    Auf diese Weise hat sich Rameau aber garnicht betätigt. Rameau ist, sieht man auch in "Rameaus Neffe" primär schon damals als Opernkomponist und Musiktheoretiker wahrgenommen worden. In neuerer Zeit versucht man diese "Schwäche" Rameaus damit auszugleichen, dass man wie in Schwetzingen das SWR-Sinfonieorchester nur mit Auszügen aus "Pygmalion" oder in ganz anders gelagerter Qualität und Ausrichtung auf CD in Minkowskis Verarbeitung von Instrumentalmusik von Rameau aus den Opern in der "symphonie imaginaire" praktisch Konzerte zusammen stellt.

    Rameau hat aber auch gegenüber Händel ein Problem, was vielleicht stärker reinschlägt. Rameau hat fast immer für große Häuser, d.h. den Hof und die Academie Royale komponiert. Etwa 1/3 der Musik in der franz. Oper ist für die Passagen des Ballet. Damals hatte das seine Daseinsberechtigung, denn aufwändige Ballets mit entsprechend ausgeklügelten Choreographien, Bühnenbildern etc. waren enorm publikumswirksam.
    Händel hingegen hatte (wie auch mal die Verantwortliche von Händels Karlsruher "Radamisto" bemerkte) enorm aufpassen müssen, dass er sich finanziell nicht übernahm. Der Aufwand an Ballett, Chören etc. im "Radamisto" sollte das englische Publikum ködern. Aber in der Regel mussten sich die ital. Opern mit geringerem Budget zufrieden geben. D.h. es gab fast kein Ballett und oft keine Chöre.
    Beides zusammen macht die Aufführung einfacher.

    Ich habe schon einige Inszenierungen von Rameau-Opern gesehen, wo das Ballet dann eben mit Laien oder irgendwie improvisiert abgearbeitet wurde. Nimmt dieses Ballet aber 1/3 der Oper ein, wirkt so eine Lösung natürlich auf die Dauer für das Auge langweilig, mag die Musik auch noch so lebhaft (Chaconnes, Tambourins etc.) sein.

    Und dann natürlich auch die Sprache. Rameau-Opern werden nicht übersetzt. Gut, damals war das anders. Da wurden französische Opern einfach auf Deutsch übersetzt, teilw. anders arrangiert und dann einfach auf Deutsch aufgeführt. Aber heute käme wohl keiner auf den Gedanken Händels oder Rameaus Werke zu übersetzen.

    Eher eine Vermutung von mir wäre, dass Rameaus Musik anspruchsvoller sein könnte. Damit meine ich weniger die Herausforderung für die Sänger (da würde ich meistens sogar das Gegenteil behaupten, weil ja gerade das ital. Operngeschäft von dem Starrummel bzw. herrausstechenden Arien lebte) als die für das Publikum. Schon damals wurde Rameaus Musik gerade von den Aufklärern als zu kompliziert empfunden. Entsprechend waren auch die Forderungen, denen dann die "einfachere" Musik mit "natürlicheren" Inhalten von Grétry und Co zu entsprechen schien.

    Eine Weile hätte ich auf Deine Frage geantwortet, dass traditionell Händel weiter verbreitet war und die franz. Musik nur auf Frankreich begrenzt. Aber das stimmt ja nicht wie ich herausgefunden habe.

    Ich würde aber mal sagen, dass die Aspekte Ballett, Konzertmusik, Beliebtheit nach dem Tod des Komponisten (George III.!) wichtiger sein könnten.
    Was man untersuchen könnte wäre, ob es Rameau auch so in das kollektive Gedächtnis (Volksmusik) schaffte wie Händel. Händel fand Widerhall in der Baggars Opera (woraus Aires auch losgelöst bis heute gesungen werden) und man denke mal an Tochter Zion...
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ein veröffentlichungsreifer Artikel! :yes:

    Entgegen deiner Vermutung werden zahlreiche Händel-Opern zwar italienisch gesungen, aber im Opernhaus deutsch Übertitelt. So als aktuellstes Beispiel die Oper "Riccardo Primo", die am 21.2. Premiere in Karlsruhe hatte. Für das Verständnis heutiger Opernbesucher ist es meines erachtens unabdingbar, solche Opern deutsch zu übertiteln.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das mit den Übertiteln ist was anderes. Ich dachte an Übersetzungen.

    Rameau wird auch übertitelt, d.h. die deutsche Übersetzung darüber geschrieben. Habe ich in Baden-Baden ("Les Paladins") und in Straßburg erlebt. War immer eine angemessene Übersetzung.

    Dabei ist es ansonsten so, dass zumindest die guten Ensemble so gut vortragen müssten, dass man jedes französische Wort versteht. Bringt natürlich nur was bei ausreichenden Französischkenntnissen.:pfeif: (Was manche als "verzerrend" an Verzierungen wie in ital. Arien empfinden, findet man in franz. Opern kaum.)

    Was das mit der Sprache in meinem Beitrag sollte, war eher, dass Händel auch einiges auf englisch verfasst hat, was wahrscheinlich heute zu Zeiten von Englisch als Weltsprache das Verständnis erleichtert. Z.B. "Acis and Galatea".

    Naja, aber eigentlich soll es ja hier auch um Rameau und nicht um Händel gehen... ;)
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Da musst du aber noch viel Überzeugungsarbeit leisten.
    Ich glaube kaum, dass hier jemand außer dir jemals eine Rameau-Oper gehört oder gar gesehen hat.

    Insofern ist es - anders als bei Wagner oder Verdi - schwierig, hier eine Diskussion zu starten.
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich kenne hier im Forum schon mindestens 4. :cool:
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Donnerwetter - die sollten sich dann mal hier einbringen.
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Er wird uns alle in den Schatten stellen"

    "Er wird uns alle in den Schatten stellen" - Eleganz und Charme, Esprit und Gelehrsamkeit - zum 250. Todestag von Jean-Philippe Rameau
    von Antonie von Schönfeld.

    Diese Woche widmet sich die Musikstunde auf SWR2 an allen 5 Tagen dem Werk des großen französischen Komponisten, der am Freitag vor 250 Jahren verstorben ist.
    Man kann sich in der SWR2-Mediathek die bereits gesendeten Folgen vom Montag, Dienstag und Mittwoch nochmal nachhören.

    Neben biographischen Details geht es auch um das Rameau-Revival seit den 1980ern. Es werden in jeder Sendung einige, oft neuere Einspielungen, seiner Werke vorgestellt.

    Zum 250. Todestag von Jean-Philippe Rameau (4) - SWR2 :: Programm :: Sendungen A-Z :: Musikstunde | SWR.de
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bin sonst nicht so ein großer Fan einer Revue der Superstars (mag ja lieber Opern), aber „Das Barock-Fest der Stimmen“ mit dem Concert d’Astrée ist v.a. in den Rameau-Passagen (Patricia Petibon als Folie aus „Platée“ und Stéphane Degoud als Anténor aus „Dardanus“) großartig gewesen. Wurde sozusagen als Jahresabschluss nochmal am 29.12. auf Arte ausgestrahlt und Mitte Januar nochmal wiederholt.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Jean-Philippe Rameau, Meister der Barockmusik" (2014) Simonnet

    Am Samstag lief eine Doku zu Rameau auf Arte.

    "Jean-Philippe Rameau, Meister der Barockmusik" (2014).
    Eine irgendwie typische Doku von Olivier Simonnet zu einem der größten Komponisten Frankreichs. Sie erinnert besonders stark an die Doku zu Lully, wo dieser ja auch interviewt wurde ("Lully l'incommode"). Wie auch in seinen Dokus zu Grétry, Lully und Charpentier werden wieder einige namenhafte Interpreten der Musik wie Christophe Rousset und Marc Minkowski befragt. Daneben wird mit Karten und Originaldarstellungen, sowie ein paar lustigen grafischen Spielereien das Schaffen näher gebracht. Forscher der Musikgeschichte sprechen wichtige Aspekte an. Dokumente wie das Taufregister aus Dijon werden präsentiert. Natürlich wird viel Ton- und Bildmaterial existierender Aufführungen verwendet.

    Diese Vergleiche wie hier mit Händel und Bach finde ich irgendwie meistens nicht so wohltuend. Aber das ist ja offenbar das gleiche Dilemma wie bei Grétry, der mit Mozart verglichen wurde, dass sowas verlockend zu sein scheint.:still:
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Juni 2015
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe sie mir jetzt komplett angeschaut. Sehr interessant war der Abschnitt zu den anspruchsvollen Kanons, die Rameau komponiert hat.

    Was mir völlig neu war, war dass wohl fast jeder von uns schonmal Rameau gesungen hat. Denn mit ziemlich 100 % Sicherheit stammt "Frères Jacques" - bei uns "Bruder Jakob" - von Frankreichs großem Komponisten. Vergleicht man das Werk mit anderen Kanons Rameaus fällt schon eine frappierende Ähnlichkeit auf.
    Dass die Musik des 19.Jh. so direkt mit Rameaus Harmonielehre zusammenhängt, fand ich auch erstaunlich. Letztlich hat tatsächlich, Buffonisten zum Trotze, die franz. Musik triumphiert indem sie in Verbindung mit ital. Einflüssen wie sie vor allem Grétry noch stärker als Rameau selbst einsetzte, die moderne Oper der Klassik schuf.
    Neu war für mich, dass Rameau mit La Folie in "Platée" sich selbst darstellte. Das wurde allerdings einleuchtend dargelegt.
    Faszinierend fand ich wie Marc Minkowski von den Ansprüchen sprach, welche die Beschäftigung mit Rameaus letzter Oper, "Les Boréads", immer wieder erneut für ihn und sein Ensemble, die ja auf diese Musik spezialisiert sind, stets mit sich bringen. Rameau war damals schwierige Musik und ist es noch heute.

    Sehr gut gefiel mir, dass die Probleme der Zeitgenossen mit seiner Musik und das geballte Unverständnis vor allem angesichts von "Hippolyte et Aricie" (1733) herausgearbeitet wurde. Die Oper ist sicher hinsichtlich der Schwierigkeit etwas Besonderes - selbst im Schaffen eines Komponisten wie Rameau.
    Dann fand ich es gut, dass der Darsteller von Rameau versuchte dessen Charakter, dieses Unruhige widerzuspiegeln. Rameau war ja niemand, der gern von sich selbst sprach. Er verfasste keine Autobiographie in dem Sinne. Was er schrieb, war doch stets der Musik gewidmet.
    Gerade deshalb war es für mich ein bisschen schade, dass nicht auf seine private Seite eingegangen wurde. Wie verlief seine Ehe? Wie war sein Verhältnis zu seinem "berühmten" Neffen? Auch der Sprung von "Zoroastre" zu "Les Boréades" erschien mir etwas ungereimt. Dazwischen lagen ja durchaus noch viele Jahre produktiven Schaffens. "La Naissance d'Osiris" beispielsweise halte ich für einen Juwel. Kann ja auch nicht sein, dass es nur deswegen nicht erwähnt wird, weil es evtl. weder Rousset noch die anderen Interviewten interessiert.

    Der Schluss kam mir sehr stimmig vor. Letztlich wirkt der Rameau in dieser Doku weniger engstirnig, als er oftmals erscheint. Ich denke, es ist ein wesentlicher Aspekt, dass er garnicht in dem Buffonistenstreit die Rolle des Verteidigers der franz. Musik einnehmen wollte, die ihm beigemessen wurde. Gerade ihm! Er der moderner war als Pergolesi, er der viel mehr experimentierte als die meisten Zeitgenossen, er der ja just nicht scheute ein italienisches Tänzchen in seine Opern einzubauen, er der nie stehen blieb, sondern immer weiter feilte.

    Insgesamt eine trotz der gewissen Abstriche gelungene Homage an Frankreichs wohl größten Komponisten unter Louis XV. Leider bräuchte man bei dem facettenreichen Leben - und schon allein zur Erläuterung der Harmonielehre! - doch deutlich mehr Zeit als die immerhin schon 93 Minuten (viel für ne Komponistendoku).
     

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