Reichsunmittelbarkeit

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von Naresuan, 28. Juli 2020.

  1. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Ich verstehe nicht ganz, warum im 13. und anfangs 14. Jahrhundert von einigen Städten und Tälern in der heutigen Schweiz um die Reichsunmittelbarkeit soviel Aufhebens gemacht wurde.
    - sie war umkehrbar bzw. musste von neuen Königen bestätigt werden.
    - sie änderte nichts an den Grundbesitz- und Eigentumsverhältnissen.
    - sie galt nur für bereits als "Freie" bezeichnete Personen.
    - sie änderte nichts an der Höhe der Steuern.
    - als Richter der hohen Gerichtsbarkeit gab es statt eines Grafen einen Reichsvogt (und der konnte u.U. derselbe sein wie vorher)

    Die einzigen Vorteile dieser "Reichsunmittelbarkeit" waren die garantiert eigene niedere Gerichtsbarkeit und dass die hohe Gerichtsbarkeit nicht erblich war. Nun umfasste die niedere Gerichtsbarkeit nicht gerade viel an Kompetenz und wenn die hohe Gerichtsbarkeit von einem willkürlichen Reichsvogt ausgeübt wurde, war auch nicht viel Freiheit erreicht (Freiheit im Sinne Kants: die Abwesenheit nötigender Willkür).
    Unter den habsburgischen Königen der 1. Generation (Rudolf, Albrecht und Friedrich) ist es müssig darüber zu spekulieren, ob nun eine erbliche Landgrafschaft oder eine kaiserliche Reichsvogtei die hohe Gerichtsbarkeit ausübte, da sie eh habsburgisch war.
    Auch die nicht-habsburgischen Könige konnten natürlich, je nach Belieben die Habsburger als Reichsvögte einsetzen.
    Insofern konnte die Reichsunmittelbarkeit eigentlich kein besonderer Schutz vor territorialen Ansprüchen, so weit sie denn überhaupt vorhanden waren, bieten.

    Wirkliche juristische Freiheit war doch eigentlich erst mit der Übertragung der hohen oder Blutgerichtsbarkeit erlangt.
    Im Fall Zürichs wäre das 1400 durch König Wenzel, Bern 1300?, Uri 1389 durch König Wenzel und Schwyz/Unterwalden 1415 durch König Sigismund.
    Oder übersehe ich da etwas Grundlegendes?
     
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Warum genau konnte sie keinen besonderen Schutz vor Ansprüchen territorialer Art bieten?
    Die Einsetzung eines Reichsvogtes ist das eine, der Übergang eines Territoriums in den erblichen Besitz eines Fürstengeschlechtes etwas anderes.
     
  3. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Ich dachte da an einen instrumentalisierten korrupten Reichsvogt, der bei fingierten Territoriums-Ansprüchen Urteile zu Gunsten seiner Auftraggeber fällt, vielleicht bis hin zu Todesurteilen.
    Unberechtigte Ansprüche mit gefälschten Urkunden zu stellen war in der Zeit nicht unüblich. Da brauchte es dann nur noch einen geneigten Richter.
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Warum sollte der König/Kaiser Interesse an der Einsetzung oder Beibehaltung eines Reichsvogtes haben, der sofern das nicht zu Gunsten der Eigenen Familie geht, die Rechte des Reiches an diesen Territorien untergräbt und somit die königliche/kaiserliche Gewalt schmälert?

    Das in dem besonderen Fall, dass der Kaiser/König der selben Dynastie entstammte, die dort Ansprüche erhob, bot es auch noch insofern einen gewissen Schutz, als dass eine Abwicklung der Reichsunmittelbarkeit automatisch den Wiederstadand anderer reichsunmittelbarer Territorien und Stände hervorrufen musste, die in dieser Hinsicht sicherlich keine Präzedenzfälle geschaffen sehen wollten.
    Auch den Wiederstand der rivalisierenden Fürstengeschlechter, wenn der König/Kaiser die mit dem Amt verbundenen Rechte ungeniert für die eigene Hausmachtspolitik anwandte, was dann für die Nachfolge im Amt des Königs gegebenenfalls negative Folgen zeitigen konnte.
     
  5. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Das würde voraussetzen, dass der König ständig über die Machenschaften seiner Reichsvögte informiert gewesen wäre.
    Scheint mir in der Zeit nicht so gewesen zu sein.

    So weit ich informiert bin, machte das König Rudolf I. in Zürich in seiner Königszeit ungeniert, bestimmte den Reichsvogt aus seinen eigenen habsburgischen Reihen und zog Steuern ein ohne Rücksicht auf Widerstand anderer, den es meines Wissens auch nicht gab.
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Wenn die Vögte sich über die Maßen daneben benahmen bestand für die entsprechenden Territorien/reichsunmittelbaren Stände ja durchaus die Möglichkeit sich mit entsprechenden Bescherweden an den König/Kaiser zu wenden, was auch hinreichend oft praktiziert wurde.
    Wenn es über die Maßen zu Missbräuchen kam, gelangte das dem König/Kaiser früher oder später zur Kenntnis.


    Einen Reichsvogt aus der eigenen Familie einzusetzen, ist eine Sache, hat aber nichts mit der Verwirklichung territorialer Ansprüche im Rahmen der Dynastie zu tun.

    Die Reichsunmittelbarkeit verhinderte nicht, dass ein Territorium via Reichsvogtei vorrübergehend unter die Kuratell eines lokalen Adelsgeschlechts geriet. Daraus ergaben sich aber keine dauerhaften Besitzansprüche an diesem Territorium und auch für die Zeit, in der die entsprechende Dynastie die Vogteirechte inne hatte auch keine unbegrenzten Möglichkeiten in diesen Territorien zu schalten und zu walten, sondern lediglich die Möglichkeit, dass im dem König/Kaiser genehmen Rahmen zu tun, wenn sie nicht riskieren wollten der Vogteirechte wieder enthoben zu werden.

    Natürlich gibt es auch Beispiele für den Verlust einer einmal erreichten Reichsunmittelbarkeit, eines der prominenteren wäre die Stadt Donauwörth, die am Vorarbend des 30-Jährigen Krieges im Rahmen konfessioneller Auseinandersetzungen ihren Status einbüßte und an den Herzog von Bayern fiel:

    Kreuz- und Fahnengefecht – Wikipedia .

    Sich in das Beispiel einzulesen, macht aber auch deutlich, welche überregionalen politischen Konsequenzen ein solcher Schritt für den amtierenden Kaiser und seine politischen Spielräume haben konnte.

    Nun waren die Habsburger anno 1607 eine der mächtigsten Dynastien Europas mit gewaltiger Hausmacht innerhalb des Reiches und außerhalb davon. Eine Ausgangsposition, von der die kleineren Könige der nachstaufischen Zeit und auch die früheren Habsbuurger und Luxemburger allenfalls träumen konnten, was die eigene Machtbasis und somit auch den Spielraum angeht.

    Insofern war die Reichsunmittelbarkeit keine letztendliche Garantie, dass ein Territorium nicht dauerhaft an einen lokalen Landesherren fallen konnte es bedurfte dazu aber außergewöhnlicher Umstände, nämlich entweder eines so Königs/Kaisers, der so schwach war, dass er die Rechte des Reiches gegenüber den Territorialherren nicht in hinreichendem Maße durchsetzen konnte, wenn Bedarf daran bestand oder aber eines Königs/Kaisers, der so mächtig war, dass er die Konsequenzen eines solchen Schrittes politisch weitgehend unbeschadet überstehen konnte.
     
  7. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Vom rechtlichen Standpunkt her gesehen mag die reine Einsetzung eines Reichsvogts aus den eigenen Reihen rechtens sein. Erst die Taten und Urteile dieses Vogtes könnten allenfalls übergriffig sein.
    Im Fall der Stadt Zürich war aber bereits die Einsetzung von Leuten wie der "von Bonstetten" und "von Rüssegg" juristisch ein Übergriff. Die Stadt war freie Reichsstadt und hatte damit das Privileg ihre Reichsvögte aus ihren eigenen Reihen zu wählen. Die Rechtstreue der Könige in dieser Zeit liess meines Erachtens zu wünschen übrig.
    Ich denke auch, dass die Stadtbürger mit dem Vorgehen des Königs nicht einverstanden waren, sonst hätten sie sich nach seinem Tod nicht sofort (allerdings vergeblich) versucht, sich gegen Herzog Albrecht zu erheben (und das unter einem nicht-habsburgischen König Adolf).

    Ich glaube, die landesherrlichen Ambitionen (und nur das meine ich mit territorialen Ansprüchen) der Habsburger im Raum Zürich sind unbestritten oder unterliege ich da einer Legende?
    Entsprach es nicht geradezu der Strategie jener Zeit, möglichst viel Grundbesitz und Vogteien in einem Gebiet zu erlangen, um es dann als Landesherr zusammenzufassen? Ich weiss zwar immer noch nicht, wie das juristisch funktionierte, aber es scheint mir doch in weiten Teilen des HRR (auch seitens der eidgenössischen Städte und Länder) funktioniert zu haben.
    Aus welcher Position heraus (Stärke oder Schwäche) verpfändete König Heinrich VII. 1310 das reichsfreie Haslital an die Herren von Weissenburg, die es dann auch gleich landesherrlich in Anspruch nahmen?
    In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, wie Bern später die "Reichsvogtei" über das Haslital durch all die vielen Jahre inne haben konnte? Gab es gar eine Art unveräusserlichen Anspruch auf dieses Amt? Das würde allerdings nicht dem Sinn der Reichsunmittelbarkeit entsprechen.
     
  8. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    @Naresuan darf ich fragen welche Literatur du schon dazu verwendet hast?

    Das Thema ist komplex und evt. habe ich ja andere auf die ich zurückgreifen kann, um so deine Fragen zu beantworten oder für weitere Recherche.
     
  9. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Ui, das wären aber viele.
    Diverse Bücher von Sablonier, Niederhäuser, Bruno Meyer, Maissen - Urkundensammlungen von Kopp, Herrgott
    Artikel aus vielen Jahrgängen der "Mitteilungen des historischen Vereins des Kanton Schwyz"
    "Geschichte des Kanton Zürich"
    und natürlich das Historische Lexikon der Schweiz.

    Das Thema ist wirklich komplex und man kann es aus vielen Perspektiven betrachten. Ich stolpere einfach über den Begriff bzw. an der Bedeutung der Reichsunmittelbarkeit für die betroffenen Leute. Wussten sie um die Vergänglichkeit oder den Unzulänglichkeiten ihres Glücks oder wiegten sie sich in Sicherheit?
    Natürlich werden wir das nie ganz erfahren, die Dokumentenlage aus dieser Zeit ist nicht gerade gross, aber darüber nachdenken (gerade um den 1. August) ist erlaubt.
     
  10. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dann hast du das was ich auch in etwa habe.

    Interessant könnten noch diese sein:

    Strecken, Martina: Städte der Herrschaft. Kleinstadtgenese im Habsburgischen Herrschaftsraum des 13. und 14. Jahrhundert. Städteforschung Band 68. Böhlau Verlag. 2006

    Krieger, Karl-Friedrich: Rudolf von Habsburg. Primus Verlag 2003

    und hier findest du auch viele Artikel (vielleicht kennst du die Seite ja schon): https://www.e-periodica.ch/
    Hier hat man Zugriff auf Argovia und die Schweizerische Zeitschrift für Geschichte.


    Ist schon spannend. Man kann auch über den 1. August hinaus darüber nachdenken und diskutieren :D
     
  11. Naresuan

    Naresuan Neues Mitglied

    Vielen Dank für die guten Hinweise.
    Vorallem e-periodica ist ja ein riesiger Fundus.

    Da das Thema "Gründungszeit der Eidgenossenschaft" eher heikel ist, will ich mich auch gar nicht auf Uri, Schwyz und Unterwalden beziehen. Das Thema Reichsunmittelbarkeit kann auch mit anderen Beispielen wie Basel und Rheinfelden betrachtet werden.
     
  12. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Leider war die Geschichtsschreibung in der Schweiz bis vor ein paar Jahren zu sehr auf die Mythen fixiert und erst mit Sablonier kam eine "neuere" Geschichtsschreibung dazu. Ich würde das Thema Reichsunmittelbarkeit im historischen Kontext zum HRR und den unterschiedlichen Herrschen anschauen. Denn die Gebiete waren teil des HRR und können meiner Ansicht nach nicht losgelöst betrachtet werden. Interessant ist auch wer am Reichstag teilnahm und welche Positionen sie innehatten.

    Eine grosse Hilfe bin ich bei deiner Frage wohl eher nicht - bin mehr in der Neuzeit zu Hause und müsste mich erst wieder ins Mittelalter einlesen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2020

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