Reisen nach/in Frankreich vor dem WKI

Ich bin auf der Suche nach einem Fachmann, einer Fachfrau zum Thema REISEN IN FRANKREICH VOR DEM ERSTEN WELTKRIEG. Was brauchte man für Unterlagen: Reisepass, oder ähnliches? Musste man sich in einem Hotel oder bei einer Behörde ausweisen? Gab es seitens der Behörden Kontrollen, z.B. an der Grenze?
Da stellt sich zudem die Frage, ob man die Papiere innerhalb der RF überhaupt benötigte, zumindest wenn man hier eher gut situiert war?

Soweit ich das bisher weiß, mußte man doch beim "Check In" keine Papiere vorlegen??
 
Mir geht es mehr um die Spekulationen, die da ins Kraut schießen.
wo schießen hier Spekulationen ins Kraut??

Bis #8 war nicht klar, ob es sich um Fiktion handelt. Und bis dahin kristallisierte sich das
Kann jemand in dieser Zeit über Jahre hinweg in Frankreich leben, von einem Ort, von Hotel zu Hotel zum anderen ziehen, ohne dass dies auffällt, ohne dass Behörden auf ihn aufmerksam werden
als hauptsächliche Frage heraus. Diese fand sachliche, nicht spekulative Antworten. Zur Erinnerung: die beiden Möglichkeiten, sich ein paar Jahre unauffällig, also ohne Behörden auf sich aufmerksam zu machen, in Frankreich aufhalten zu können, waren einerseits "a la Künstler" (und solche gab es etliche in den seinerzeit (1880-1914) "angesagten" Regionen, andererseits finanziell aufwändiger als mondäner Bade/Kurgast (siehe #14 & #16)

Mit #8 stellte sich heraus, dass keine Fiktion, sondern ein realer historischer Kriminalfall 1910-13 der Gegenstand ist. Hierbei engten die nun konkreteren Umstände die Möglichkeiten ein:
und eine größere Geldsumme mitgenommen haben, die dann für einige Zeit (drei Jahre) sein Auskommen gesichert hat.
Er muss, so in einem Zeitungsbericht über das Verfahren gegen ihn in der Normandie, auf großem Fuß gelebt haben
Das weist in Richtung Bädertourismus a la Upperclass. Mit den nötigen Mitteln war es kein Problem, ein solches Leben zeitweilig zu führen (#14 #16). Und es war für den genannten Zeitraum auch kein Problem, sich detailliert über Reisemöglichkeiten und -konditionen zu informieren: da lagen schon etliche Bände einer höchst relevanten tourismushistorischen Quelle (sic!) vor:
daraus:
  • Paris, übriges Frankreich und die Riviera
Für Frankreich gab es deutschsprachige Ausgaben weiterhin lediglich für den ersten Städteband des Hauses Baedeker, Paris, dessen 1. Auflage von 1855 (D 329) stammte und der bis 1914 in vierzehn Auflagen vorlag. Ab 1865 wurde er auch auf Englisch (E 95) und Französisch (F 144), beide jeweils in 18. Auflage 1913 bzw. 1914, recht erfolgreich verlegt. Zu in Paris veranstalteten Weltausstellungen wurden den Paris-Bänden in den Jahren 1867, 1889 und 1900 mit Plänen versehene Anhänge lose oder eingebunden beigegeben.

Erst 1889 folgte ein Band für die auch unter deutschen Touristen immer beliebter gewordene Riviera (D 349, fünf Auflagen bis 1913). Dagegen wurden die übrigen Landesteile detailliert ab 1884 zunächst nur in französischsprachigen Ausgaben vorgestellt. Für Nord-, Central- und Südfrankreich erschienen vor dem Ersten Weltkrieg schließlich die vier Ausgaben Nord-Est (F 178a), Nord-Ouest (F 183), Sud-Est de la France (F 188) und Sud-Ouest (F 193). Für Nord- und Südfrankreich liegen auch englische Ausgaben in sechs Auflagen vor: 1889 wurde mit Northern France (E 115) begonnen, und der ab 1891 auf dem Markt befindliche Band Southern France (E 120) erfuhr von 1895 bis 1898 nochmals eine Aufteilung in einen östlichen und westlichen Band (South-Eastern- (E 121) und South-Western-France (E 123)).
Ob und welche Reisedokumente man im gefragten Zeitraum benötigte, welche Reisewege am bequemsten waren etc., darüber gab der Baedeker ausführlich Auskunft - für uns heute eine schöne Quelle zum Upperclass-Tourismus der belle Epoche.
 
Ob und welche Reisedokumente man im gefragten Zeitraum benötigte, welche Reisewege am bequemsten waren etc., darüber gab der Baedeker ausführlich Auskunft - für uns heute eine schöne Quelle zum Upperclass-Tourismus der belle Epoche.
schön nachzulesen hier:
1909, Infos über Routen, Reisedokumente, Umrechnungstabellen (Währungen) etc.
 
Ich habe vor einigen Jahren mal in einem Antiquariat einen alten Schmöker gekauft:

Paul Ettighofer, Nacht über Sibirien.

Darin geht es um eine reale Person, einen deutschen Kaufmann namens Johann Dietrich und dessen abenteuerliche Flucht.

Der Protagonist war auf Geschäftsreise in Russland und er wurde 1914 in Petersburg vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht. Es droht die Gefahr als Deutscher interniert zu werden, einige Bekannte und Geschäftsfreunde wurden bereits festgenommen, es gibt keine Möglichkeit mehr auszureisen. In einem Reisebüro versuchte, er noch eine Fahrkarte nach Westen zu ergattern, doch vergeblich. Es herrscht eine paranoide Atmosphäre, überall wittert man Spione. Daraufhin macht der Reisebüroleiter den Vorschlag, sich als Belgier auszugeben und nach Osten zu reisen. Gesagt getan, Dietrich bucht eine Wolgakreuzfahrt und wird als Belgier akzeptiert, obwohl er keine Papiere hat, nur ein Dokument, das ihn als Angehöriger der Brüsseler Handelskammer ausweist. Dietrich reist über Kasan und Samara bis nach Orenburg. Dort nahm er Kontakt mit einem Tartaren auf, der dem Militärdienst entgehen und über den Iran ins Osmanische Reich fliehen will. Diese geplante Flucht kommt nicht zustande, und in Orenburg wurde Dietrich das 1. Mal verhaftet und als Spion deportiert nach Kirensk/Sibirien. Von dort gelang ihm die Flucht aus der Sträflingskolonie mit Pferd und Schlitten. Er schlug sich bis Irkutsk durch. In Gefangenschaft hatte er experimentiert mit Hypnose. Ein Impressario schlägt ihm ein Engagement als Varieté-Künstler vor, und Dietrich tingelte durch Sibirien wurde in Wladiwostok zum 2. Mal festgenommen, wurde aber bald wieder freigelassen. Als Varieté-Künstler nahm er ein Engagement in Shanghai an, bereiste Japan und via Tokio und San Francisco kam er schließlich wieder nach Deutschland. Inzwischen war auch der Weltkrieg zu Ende gegangen.
 
Mein Fall ist der: Ein Deutscher - er lebt im Königreich Bayern - flüchtet aufgrund von schweren Straftaten, er taucht unter. Das war im Jahr 1910. In Deutschland wird er steckbrieflich gesucht. Nach seinen eigenen Angaben hält er sich in den nächsten drei Jahren in Frankreich auf - sonst schweigt er über diese Zeit -, wo er im Februar 1913 in der Normandie aufgegriffen wird.
Heutzutage ist für die Menschen Bayern weit weg von Frankreich. In der fraglichen Zeit grenzte Bayern jedoch an das Elsass und Lothringen.

Vertrag von München (1816) – Wikipedia

Da das Elsass und Deutsch-Lothringen 1871 zu deutschen "Reichslande" geworden war, ging damit jedoch Bayern die Grenze zu Frankreich verloren.
 
Von Bayern via Österreich oder Schweiz nach Italien dürfte 1910 kein Problem gewesen sein (er soll sich auch in Italien aufgehalten haben) und später von Italien nach Frankreich.
Diese möglichen Routen kann man auch mit Kurbädern spicken, d.h. er wäre als Bädertourist auch nicht aufgefallen.
 
Das ist eine fiktive Gestalt für einen Roman?
* lach*
Man darf mir einen thematischen Seitensprung verzeihen, doch bei der Ueberschrift oben , fiel mir das Buch 'BOSWELL on the Grand Tour; Germany and Switzerland , 1764' ein.
Boswell gehoert zu den literarischen Groessen Englands, man soll sich selber einen Gefallen tun und ihn gelesen haben. Fuer Geschichtsfraeks ist Boswell einfach unabdinglich. Hier vier Seiten zum schnuppern: 'Brunswick' und 'Wolfenbuettel'. Da ich in Wolfenbuettel meine Kindheit verbracht hatte, besonders interessant. Der Absatz "there came into my room the sweetest girl I ever saw, a blanchisseuse,eighteen, fresh, gay. I spoke German to her......" ('gay' bedeutet urspruenglich 'froehlich'). Einfach non-plus-ultra.
 

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Diese möglichen Routen kann man auch mit Kurbädern spicken, d.h. er wäre als Bädertourist auch nicht aufgefallen.
Es stellt sich noch die Frage, ob und wie man allenfalls die Veröffentlichung seines Namens bzw. Pseudonyms samt Beruf und Heimatort auf den damals in ganz Europa üblichen und als Zeitung publizierten Fremdenlisten/-blättern der Kurorte verhindern konnte.

In Karlsbad z.B. gab es zwar schon 1836 eine solche Möglichkeit, man musste dies jedoch der zuständigen Amtsperson melden, zog sicher die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich und war darum kaum eine gute Option für untergetauchte Verbrecher.

In Frankreich waren die Hotels nicht nur verpflichtet, die Personalien all ihrer Gäste aufzunehmen, sondern hatten seit 1910 mit Einführung der Kurtaxe in den Kurorten auch ein besonderes Interesse, dies dort lückenlos zu tun.
Ob und wie die Angaben der Gäste geprüft wurden, war wahrscheinlich sehr unterschiedlich.
Für Grand/Palace Hotels war es in ihrem eigenen Interesse, die Identität der ihnen unbekannten Gäste genauer zu überprüfen, und sie betrieben dafür in ihren Büros einen umfangreicheren Aufwand als kleine Hotels, nur waren sie natürlich keine Polizeistelle.

Ab 1888 mussten sich Ausländer, die sich länger als 14 Tage an einem Ort in Frankreich aufhalten wollten, bei der Präfektur registrieren lassen. Im Archiv von Bordeaux finden sich allerlei als Belege vermerkte Ausweispapiere: Familienbuch, Eheschein, Geburtsurkunde bis hin zu einem Freifahrschein der Bahn, weniger Reisepässe.
immatriculation des étrangers - Archives Bordeaux Métropole

Nach anderen Angaben sollen auch die 1904 vom Weltpostverein eingeführten und leicht erhältlichen Postausweiskarten dafür gedient haben.
Von der Registrierung befreit waren zahlreiche Ausnahmen (u.a. Geistliche, mobile Handelsreisende, vermögende Touristen), aber das musste man ja auch irgendwie belegen können.

Laut lokaler Presse gab sich Münsterer bei seiner Verhaftung als Anton Weber, „professeur“ aus Bayern, aus. Er scheint diese Identität schon vorher benutzt zu haben.
Mindestens einen anderen vielgereisten Anton Weber aus Bayern gab es zur gleichen Zeit:
Anton Weber (Geistlicher) – Wikipedia
Im "Le Journal des étrangers" von Cannes 1911-13 findet sich auch ein Pastor Weber, deutsche Kirche, an einer Privatadresse eingetragen. Nur als Beispiel dafür, dass auch andere Weber unterwegs waren.

Vor seiner Verhaftung hielt er sich jedoch monatelang in Genêts auf. Ein kleiner Ort mit 600 Seelen, von dem aus man damals Mont-Saint-Michel per Fuhrwerk über die Sandbänke erreichen konnte und als besonderes Abenteuer auch gerne tat.
Ein Ort also, der vom Tagestourismus lebte. Ein ständiges Kommen und Gehen ohne Fremdenliste. Nur gerade zwei kleine Hotels, in denen sich manchmal Künstler zwecks Landschaftsmalerei länger aufhielten. Wahrscheinlich ohne eigene Polizeidienststelle, denn die benachbarte Stadt, wo er dann auch verhaftet wurde, hatte gleich drei davon: Police Municipale, Gendarmerie und „Garde-champêtre“ (Feldhüter). Kompetenzgerangel und/oder -lücken bei der Überwachung der Nachbardörfer und ihrer Hotels sind für diese Zeit nicht auszuschließen.

Eine lesenswerte englisch/französische Broschüre zur Geschichte Genêts mit zeitgenössischen Fotos:

Und noch eine Anekdote aus München, wo das Erscheinen in der Fremdenliste zu Konsequenzen führte:
 
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