Schrift und Rad in Schwarzafrika

Dieses Thema im Forum "Afrika" wurde erstellt von Lesezeichen, 14. Mai 2012.

  1. Lesezeichen

    Lesezeichen Neues Mitglied

    Wiesso wurde in Schwarzafrika nie die Schrift erfunden?
    Stimmt es dass auch das Rad erst mit den Arabern nach Schwarzafrika kam?
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich empfehle dazu "Arm und reich" von Jared Diamond; dem Raum "Afrika südlich der Sahara" ist dort ein größerer Raum gewidmet, der Dir Deine Fragen beantworten könnte; bzw mögliche Antworten präsentiert.

    Ganz kurz zum Rad: Ähnlich wie in Nord- und Südamerika fehlte es an domestizierten bzw domestikationsfähigen Großsäugetieren, die sich als Zugtiere eigneten; ohne diese verliert das Rad einen großen Teil seines Sinns.

    Ganz kurz zur Schrift: Schriften brachten unabhängig nur komplexe, auf intensiver Landwirtschaft beruhende Gesellschaften hervor; diese bildeten sich in Afrika erst relativ spät heraus, als Schriften aus anderen Weltgegenden (Nordafrika, Mesopotamien, Europa) schon begannen, sich in Afrika auszubreiten.
     
  3. Lesezeichen

    Lesezeichen Neues Mitglied

    Was ist mit Rindern?
    Ochsen werden doch überabll als Zugtiere verwendet.
    Also nach dem was auf Wikipedia steht waren die Bantu Völker Bauern, kannten das Eisen, hatten sehr wohl komplexe Sozialsysteme und begründeten Reiche.
    Bantu ? Wikipedia
     
  4. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Zum Rad kann ich nichts sagen, aber meines Wissens* wurde die Schrift eh nur zwei- bis maximal dreimal unabhängig entwickelt: Vorderer Orient ("Sumer"), Mesoamerika und vielleicht China. Du könntest also auch fragen, warum in Europa nie die Schrift erfunden wurde. Ist denn das Rad eigentlich eine original-europäische Entwicklung?

    Das Rad kann, wie das Beispiel China zeigt, auch sehr gut ohne Zugtiere verwendet werden. Im ländlichen China war die Schubkarre bis weit in's 20. Jahhrhundert DAS Transportmittel der armen Bauern.

    *Mein Wissen könnte etwas veraltet sein
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Es wird zwar mitunter behauptet, dass die ägyptischen Hieroglyphen von der sumerischen Keilschrift beeinflusst wären, aber das ist schon sehr unsicher. Auch bei Linear A ist unsicher, ob es von einer anderen Schrift beeinflusst wurde. Und dann wäre da noch die Vinca-Schrift, bei der aber hochumstritten ist, ob es sich um eine Schrift handelte.
     
  6. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Wie gesagt, mein Wissen ist wahrscheinlich etwas veraltet.

    Aber, auch wenn man 4 bis 5 Zentren der Schriftentwicklung postuliert, dann ändert sich nichts an der Tatsache, dass die Entwicklung einer echten Schrift nicht so zwangsläufig ist, wie das in der Thread-Eröffnung von Lesezeichen etwas anklingt. Ausserdem müsste definiert werden, was mit "beeinflusst" gemeint ist. Das Wissen um die Möglichkeit einer Schrift bedeutet ja nicht, dass diese Schrift meinetwegen in veränderter Form übernommen wird, sondern kann dazu führen, dass eine "neuartige" Schrift entwickelt wird. Ein Beispiel ist die Schrift der Cree.
     
  7. Lesezeichen

    Lesezeichen Neues Mitglied

    Hatte Schwarzafrika nicht Kontakt mit Ägypten und kannten sie nicht die Hieroglyphen?
    Meine mal was in der Richtung in einer Doku gesehen zu haben, danach gab es in Schwarzafrika auch Pyramiden (kleinere) und Amun wurde verehrt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Mai 2012
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  9. Lesezeichen

    Lesezeichen Neues Mitglied

    Ja danke, das meinte ich.
    Allerdings ist der Sudan wohl nicht in Schwarzafrika.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Name allerdings bedeutet genau das. Sūdān ist der unregelmäßige Plural von aswad, 'schwarz'.
    Es hat aber in der Tat in Afrika authochthone Schriftentwicklungen gegeben, wenn diese auch erst im Kontakt mit den Europäern entstanden. Zum Teil hatten diese Schriften europäische oder arabisch-muslimische Geburtshilfe, zum Teil wurden sie explizit in Abgrenzung zu den Kolonialmächten und ihren Schriften entwickelt. Aber sie sind alle - im Sinne der Fragestellung - relativ rezent.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Mai 2012
  11. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Interessant; ich kannte die Entwicklung von "autochthonen" Schriften nur aus Amerika, also Cree, Cherokee usw. Aber eigentlich autochthon sind die ja nicht, denn sie wurden erst entwickelt, als die Idee einer Schrift von den Europäern sozusagen auf dem Tablett präsentiert wurde. Wobei die Idee der Schrift ja auch nicht in Europa erfunden wurde. Man sollte also eher fragen, warum die Idee der Schrift (und des Rads) nicht tiefer in den afrikanischen Kontinent diffundiert ist.
     
  12. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Über das Rad und Amerika hatten wir in http://www.geschichtsforum.de/f34/wo-lohnten-sich-r-der-24352/ eine nette Diskussion, einige Argumente könnten auch für Afrika mit seiner ausgereiften Tragekultur gelten.
     
  13. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun, das Rad ist auch da, wo es bekannt war, oft nicht genutzt worden und Schriften , also irgendwie fixierte Symbole mit definierter Aussagekraft , muß man erstmal erkennen.

    Bei Bilderschriften China/Ägypten ist das recht einfach. Das es sich bei der Keilschrift um Schrift handelt, lag auch sehr schnell auf der Hand.
    Bei den Symbolen der Vinca-Kultur streiten sich die Gelehrten, genauso erkennen wir nicht die Symbole wichtiger Wampums. Also , das Schwarzafrika keine Schrift hatte .....

    Wir kennen keine Schwarzafrikanischen, schriftlichen Zeugnisse wäre die richtige Aussage.
     
  14. Lesezeichen

    Lesezeichen Neues Mitglied

    Ich denke auch dass es Schriften gegeben haben könnte die aber verschwunden/ausgestorben sind durch den massiven Aderlass
    den afrikanische Völker durch die Sklaverei erfahren haben.
    Ausserdem glaube ich das, im Vergleich mit anderen Teilen der Welt, in Afrika relativ wenig archäologische Forschung betrieben wird.
    Wohl weil Ausgrabungen teuer und logistisch aufwendig sind, in Afrika gibt es keine/mangelhafte Transportwege, daher ist der Transport von Ausrüstung dorthin gleich nochmal teurer.
    Ausserdem herrscht(e) in Afrika in vielen Ländern Krieg, da kann man schlecht sagen "Hört mal Jungs, könntet ihr das Massaker mal für ein paar Monate verschieben? Wir glauben nämlich dass sich im Boden unter euch die Ruinen einer alten Hochkultur befinden könnten, die würden wir gerne ausgraben.".
    Und da wo erst mal Kolonen von Panzern drübergerollt sind wird sowieso nix mehr zu finden sein... :(
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ein Problem der Archäologie in Afrika ist die oftmals geringe Humusschicht, die aber für den Erhalt und die Datierung von Funden wichtig ist.
     
  16. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Afrika und Schrift

    Hallo

    Richtig, aber es hat seit dem 18.Jh. Forschungsreisen gegeben und keine hat auch nur Indizien für eine Schrift geliefert, zudem haben die Erzähltradition /Geschichtenerzähler) in afrikanischen Kulturen bis heute überlebt. Da wo es Geschichtenerzähler gibt, benötigt man keine Schrift. Die Geschichte, die Mythologie und das Wissen, werden mündlich tradiert.
    Das nicht Vorhandensein hat ja nichts mit Unkultur zu tun, es ist ist in der Ethnologie Fakt, das es unzählige Völker gibt, die keine Schrift haben, was ist daran so schlimm, dies anzuerkennen, wenn man das nicht als Wertung betrachtet, die Abstinenz einer Schrift, meine ich.

    mfg
    schwedenmann
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich dachte jetzt an Schriftsysteme wie Mandombe oder Kpelle, die im Gegensatz zu Mende (arabisch-islamischer Einfluss) oder Schriften mit lateinischem Einfluss eben keinerlei solche Einflüsse aufweisen, außer eben ex negationem, nämlich dass man zwar einerseits die Idee "Wir brauchen eine Schrift, um unsere Kultur aufzuwerten" aufgriff (Schwedenmann hat das schon in einem wichtigen Punkt relativiert), andererseits aber bewusst eben kein euroasiatisches Alphabet übernahm (letztlich haben ja sowohl die arabische, als auch die griechische und lateinische Schrift dieselben Wurzeln).
     
  18. Turandokht

    Turandokht Aktives Mitglied

    Äthiopien besitzt eine eigene, uralte Schrifttradition, ist aber ein Sonderfall, weil es da lange Zeit einen regen Kulturaustausch mit Südarabien gegeben hat. Wie es dort mit dem Rad steht, muß ich mal recherchieren. Ich bilde mir ein, daß die so was auch hatten.
     
  19. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Das entspricht der Schrift der Cree; also bewusst nicht das lateinische Alphabet zu übernehmen, obwohl die Idee der Schrift von Europäern übernommen wurde (Cree syllabary, pronunciation and language). Interessant ist die Silbenschrift der Cherokee (1819), die zwar z.T. lateinische Buchstaben verwendet, aber nicht im Sinne des Erfinders (Cherokee syllabary and language)

    Aber zurück zum eigentlichen Thema: Es gibt eine Arbeit von Robin Law: Wheeled transport in pre-colonial West Africa. Journal of the African Institute 50, 249-262, 1980. Da wird beschrieben, dass die Compagnie des Indes Occidentales 1670 dem König von Allada einen vergoldeten Wagen plus Zaumzeug für Pferde geschenkt hat. Dieses Gefährt scheint eine Tradition begründet zu haben, denn ca. 100 Jahre später (1772) sah ein europäischer Besucher in Abomey (Dahomey) zwei Wägen, die allerdings nicht von Pferden ,sondern von Männern in einer Prozession gezogen wurden. Anschliessend häufen sich die Beschreibungen von "Radfahrzeugen", allerdings immer im Zusammenhang mit Prozession und immer von Menschen, z.T. den Frauen des Königs gezogen.

    Im Gegensatz dazu wurden in anderen Königreichen, z.B. Borno, Tiere eingespannt, allerdings hatten Pferde eine hohe Mortalität (Trypanosomen).
     
  20. Ilhuicamina

    Ilhuicamina Neues Mitglied

    Neben der Verwendung in Prozessionen Dahomey), beschreibt Law noch die Verwendung des Rads in Lafetten für Kanonen, und ganz vereinzelte Fälle, in denen Wägen als Transportmittel eingesetzt wurden. Z.B. soll die Armee von Dahomey bei einem Feldzug gegen Badagry einen Wagen verwendet haben, um eine ca. 160 m lange Kette zu transportieren. Die war für die Gefangenen gedacht, der Wagen samt Kette wurde jedoch von den Kriegern Badagrys erobert!:rofl:

    Ansonsten schreibt Law in den conclusions, dass seine Untersuchungen die Nichtverwendung des Rads in Westafrika eher mehr als weniger rätselhaft erscheinen lassen. Letztendlich postuliert er einen negativen feedback loop, es wurde keine Strassen gebaut, weil es keine Fahrzeuge gab, und es wurden keine Fahrzeuge gebaut, weil es keine Strassen gab.

    Wobei die "Pioniere" im Wilden Westen und die Buren in Südafrika eigentlich auch nicht unbedingt auf Strassen zurückgreifen konnten. Aber Prärie und Veldt sind wahrscheinlich einfachere Biotope für Radfahrzeuge als der Dschungel von Benin.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2012

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