Vorläufer des Science-Fiction sind Utopien und Robinsonaden
Sehe ich irgendwie nicht ganz so:
"Utopien" sind hauptsächlich Schilderungen einer anderen oder alternativen, gesellschaftlichen oder sozialen Anordnung: Sowohl Moores "Utopia" als auch Compostellas "Sonnenstaat" sind Hauptvertreter davon. Die Verfremdung, nämlich das Geschehen auf fremden und kaum bekannten Inseln spielen zu lassen, diente wahrscheinlich einem doppelten Zweck: Einerseits literarisch eine fiktive Realität zu schaffen, in der solche sozialen Verhältnisse normal sein konnten, andererseits sich selbst als Autor von den geäußerten Gedanken zu distanzieren und nicht in den Verdacht zu geraten, sie in Europa heraufbeschwören zu wollen (als Hochverräter, Aufrührer oder Ketzer war man schlecht dran...).
Den selben literarischen Verfremdungs-Trick verwendet dann auch Swift in seiner beißenden Gesellschaftssatire "Gulliver".
Mit der (fast) vollständigen Karthographierung der Welt spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts war diese literarische Form allerdings obsolet: Ferne und unbekannte Inseln gab es nicht mehr und - wer ähnliches in Angriff nehmen wollte - mußte andere fiktive Handlungsräume suchen: Die nahe oder fernere Zukunft oder gleich andere Planeten.
"Science fiction" findet ihre Wurzeln in der Technik- und Fortschrittsgläubigkeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, einer Zeit also, in der die Menschheit Riesensprünge im technologischen Fortschritt zu verzeichnen hatte. Glaube an eine grandiose Zukunft, die ihre Versprechnungen teils schon in der Gegenwart fast verwirklicht sah, heherrschte diese neue literarische Gattung. Vernes "In 80 Tagen um die Welt", um nur ein Beispiel zu nennen, ist ja eigentlich keine "Science fiction", da die Geschichte auf den damals schon vorhandenen technologischen Möglichkeiten beruhte (ja, vielleicht hätte die Weltreise 20 oder 40 Tage länger gedauert, wenn man die zur Entstehungszeit existierenden historischen Fahrpläne genau analysiert, aber was solls).
Auch Vernes andere Romane zeigen eigentlich hauptsächlich das technologisch schon Mögliche und voraussehbar Absehbare auf. (Auch wenn "20.000 Meilen" für die zu dieser Zeit existierenden Unterwassefahrzeuge noch jenseits aller Vorstellung war).
Extrapoliert und wirklich zur "Science Fiction" wird das Genre später. Dominik - um hier nur ein Beispiel zu nennen - strickt seine Romane nach dem folgenden Motto: Genialer und - zu seiner Lebenszeit opportun - deutscher Wissenschafter macht eine bedeutende weltverändernde Entdeckung, die im Laufe der Erzählung von den "Guten" gegen erbitterten Widerstand der jeweils Bösen die Menschheit entscheidend voranbringt (etwa "Atomgewicht 500"). Dabei lassen sowohl Verne wie auch Dominik sozial, politisch und ökonomische Verhältnisse auf dem jeweils vorgefundenen Niveau: Was interessiert und sich bewegt sind Technik und Naturwissenschaft, aber nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse an sich.
Damit unterscheidet sich diese - wie ich sie nenne - pure oder vielleicht sogar "platte" "Science Fiction, die durchaus weitergedeiht, von einer anderen Richtung, die ihre Mittel nur nutzt, um - Moore oder Compostella eingedenk - sozialpolitische Vorstellungen oder auch nur Gesellschaftskritik in dieses Genre zu packen.
Wells zu Beispiel verwendet durchaus unbekannte und zu seiner Zeit neuartige technologische Erungenschaften (Zeitmaschinen, Fluggeräte uä.) um seine Geschichten zu speisen, hält aber seiner Gegenwartsgesellschaft immer auch einen Spiegel vor: In "Der Schläfer" erwacht der Proponent nach 200 Jahren, um festzustellen, dass die kleine Reklamefirma, die er kurz vor seinem "Einschlafen" gegründet hat, mittlerweile zum Weltmonopol herangewachsen ist und er jetzt eigentlich der Eigentümer der Welt ist. Eine Vorstellung, die dem Vorstand seiner Firma - der bisher in seinem Namen die Weltherrschaft ausgeübt hat- natürlich überhaupt nicht paßt...
Orwells "1984" ist technologisch vergleichsweise ganz schwach. Außer dem wandfüllenden Fernseher (heute würden wir eher an ein handelsübliches LCD-Display denken) finden sich kaum technologische Aspekte in seiner Erzählung, die auf Zukunft deuten (Zur Entstehungszeit des Romans, war Fernsehen übrigens schon erfunden, aber noch nicht verbreitet): Die Dynamik der Geschichte gründet im sozialen und psychologischen Spannungsaufbau.
Ähnlich Bradburys Fahrenheit 451: Ja auch hier sind technologische Neuerungen nicht tabu (die geschickte Wiederbelebung etc.), aber nicht handlungsleitend. Die Dynamik des Geschehens beruht wiederum auf sozialen und psychologischen Elementen.
Reich an futuristischen Konzepten ist natürlich Lem: Aber umso genauer man hinter seine Konzept schaute, desto mehr stehen auch hier gegenwartspolitische Sachthemen im Vordergrund, die nur im "Science Fiction"-Gewand geschildert werden. In einer seiner Geschichten (Name leider entfallen) landet sein Raumfahrer auf einer Welt, die mit schweren Umweltproblemen zu kämpfen hat. Überrascht stellt er fest, dass noch während seiner Ankunftspresse-Konferenz mehrfach Arbeiter auftauchen, die die gesamte Einrichtung des Raums austauschen. Auch sein Hotelbett sowie das komplette Mobiliar - stellt er fest - wurde während seines Schlafes komplett erneuert und ausgetauscht. Auf Nachfrage erfährt er, die Einwohner hätten zur Erledigung "niedriger" Arbeiten genetisch eigene Wesen gezüchtet, die aber nun immerzu arbeiten müssen, ansonsten würden sie sterben. Leider führe das zu den genannten Umweltproblemen, denn sie produzierten viel zu viel ("Zauberlehrling" läßt grüßen), aber: Soll man sie sterben lassen.
Gottseidank weiß der Raumfahrer dann eine einfache Antwort...
Insofern ist für mich "Science Fiction" nur ein Element von "Zukunftsromanen" (seien sie positiv als "Utopie" oder negativ als "Dystopie" gewendet), das den technologischem Fortschritt allein ins Zentrum stellt. Selbiges hat mich zwar als Jugendlichen fasziniert, ist mit aber mittlerweile zu wenig (haben ja mittlerweile die meisten sog. "Science Fiction"-Autoren selbst erkannt). M.M.n. ist SciFi heutzutags ein Unterthema des utopischen/dystopischen Romans - und nicht mal das interessanteste daran...
Edit: Typos, grammatikalische Wortergänzungen