Soziale Kontrolle

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von ric84200, 26. November 2008.

  1. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    ist ja auch schon vielfach passiert. Ich denke da an die Hugenotten, die Juden, usw.

    Kann man zum Beispiel die Judenverfolgung im 3. Reich mit dem Hexenwahn vergleichen? Gibt es da Paralellen oder spielten da ganz andere Mechanismen?


    Gruss Pelzer


    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Februar 2009
  2. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied


    Das wäre m. E. durchaus einen Thread wert. :) Welche gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen haben den Hexenwahn möglich gemacht? Kann man den Hexenwahn mit anderen Verfolgungen vergleichen? Oder waren die Hexenverfolungen ein 'Sonderfall'?

    Ich wär' in einem eigenen Thread dabei. :winke:
     
  3. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Interessant dazu ein Eintrag von Werner Monk, geboren 1921 zum Thema Unformierung. Er beschreibt genau, dass man sich den Nazis irgendwann nicht mehr entziehen konnte. Der Film "Die Welle" erzählt psychologisch nachvollziehbar, wie sich die Eigendynamik entwickelt.
    Kollektives Gedchtnis: Werner Mork
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Welle_(Roman)

    Der Film/Roman beruht auf einem tatsächlich durchgeführten Experiment: http://de.wikipedia.org/wiki/The_Third_Wave
     
  4. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Die Judenverfolgung würde ich nicht mit der Hexenverfolgung vergleichen wollen. Die Nazis wollten eine klar definierte Religions-/Bevölkerungsgruppe vernichten. Hexe oder Hexer konnte jeder sein. Es gibt auch Fälle, wo an den Prozessen beteiligte Schöffen unter Verdacht und auf der Folter landeten. Die Hexe ist etwas nicht greifbares, geheimes, weshalb sie den Menschen damals so überaus gefährlich vorkam. Es gab damals aber auch Kräuterweiblein oder Besprecherinnen, die nicht auf dem Scheiterhaufen landeten, sondern an Alterschwäche starben und von jedem geachtet wurden. Wenn allerdings eine Hexenjagd losbrach, gehörten sie oft zu den ersten.
    Im Faschismus kann man sich anpassen und so Sicherheit erlangen.
    Hexenprozesse waren dagegen oft blindwütig und nahmen auf niemanden Rücksicht, so fromm derjenige auch war. Einmal denunziert, egal ob anonym oder unter der Folter, war man hochgradig gefährdet.
    Die Denunziation war der Auslöser und die Folter der Motor im Hexenprozess.
     
  5. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Rurik
    nein, vergleichbar sind sie in der Sache sicher nicht, da hast du recht, aber in der Frage der Eigendynamik, die solche Systeme /Strukturen erreichen, sehe ich doch Parallelen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Februar 2009
  6. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Durch die Denunziation ist das gut vorstellbar.
    Allerdings haben sich die Juden nicht gegenseitig angezeigt. Da kam es von draußen, also von den Deutschen oder in den besetzten Ländern von der dortigen Bevölkerung.
    In einer Hexenprozesswelle entstand die Dynamik auch aus den durch die Folter erpressten Geständnissen. So kamen ja erst vorher völlig unverdächtige oder sogar allgemein beliebte Personen in die Mühle der Hexenjustiz.
     
  7. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Ich sehe eine weitere Parallel in der Tatsache, dass sich die Täter ganz sicher sind, zu wissen was gut und schlecht ist. Schuld am Unheil war die "Hexe", der "Jud", der "Islamist". Und man versucht den Übeltäter mit einem beherzten Vorgehen und allen Mitteln ein für alle mal zu besiegen/vernichten...

    Der Hexenwahn basierte auf dem gesicherten Wissen, dass die "Hexen"/der "Teufel" Ursache allen Unheils sind. Und sich ein hartes Vorgehen gegen die Übeltäter lohnt, ja gefordert ist. Dafür wird man dann mit einer sorgenfreien Zukunft belohnt. Und nicht viel anders dachten wohl viele im 3. Reich.


    Gruss Pelzer

    .
     
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  8. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    ...aber es gab den Konsens in der Gesellschaft, das die Juden schuld haben. Und dass das "Juden-Problem" gelöst werden muss. Wie im Hexenwahn.

    Und dass sich die Juden nicht gegenseitig angzeigt haben, möchte ich nicht unterschreiben. Auch da gab es wohl solche und solche. Vielleicht haben wir da ein etwas idealistische Bild?

    Gruss Pelzer
     
  9. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Gut, die Verfolgung von Juden und Hexen haben in der jungen Neuzeit, vielleicht auch schon im späten Mittelalter ähnliche Wurzeln.
    Allerdings ist da der Unterschied, das Juden eine Realität sind, wenn auch nicht die ihnen vorgeworfenen Vergehen. Die Hexen dagegen sind fiktiv. Man musste sie erst in ihrer ganzen, verkommenen Gräßlichkeit "erfinden". Hexen stellten auch nie eine Gemeinschaft dar, auch wenn man ihnen das in Form von Sekten unterstellte. Deshalb suchte man auch oft fieberhaft nach der Hexenkönigin. Die Folter brachte die Sucher fast immer zum Erfolg.
     
  10. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich erlaube mir an dieser Stelle kurz die Anmerkung, daß wir bei den Parallelen vorsichtig und differenziert herangehen müssen...

    Im Kurzabriß: Die Genozide im 20. Jh. incl. Holocaust waren für eigentlich für jeden klar erkennbare Verbrechen, was bei Hexenprozessen bzw. der Hexenverfolgung so eben nicht gegeben war.
    Und da ich nicht einfach andere Beiträge abschreiben will, verweise ich dazu auf Hexenprozesse, Inquisition und die Verantwortung der Kirche - Beitrag #51
     
  11. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Nein, nein. Damals waren die "Hexen" nicht fiktiv. Die Bevölkerung, die Obrikeit, die Geistlichkeit wusste dass es "Hexen" gibt. Bloss aus unserem heutigen Blickwinkel sieht das anders aus. Damals war das keine Frage, Hexen sind Realität.
    Ob Jude, Hexe oder braver Bürger, es gibt keine objektiven Unterscheidungsmerkmale! Bei den "Negern" war das dann etwas anders - die waren schwarz! Die konnte man objektiv unterscheiden. Was aber auch nicht besser war (für die "Negern")...

    Gruss Pelzer

    .
     
  12. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Stimmt. Aber der gemeinsame Punkt ist, dass der Denunziant einen Vorteil hatte, sich zum Beispiel das Vermögen des Opfers aneignen konnte.

    Wichtig ist auf jeden Fall, dass in beiden Fällen die Obrigkeit auf Seiten der Denunzianten stand, man also seine eigenen niederen Motive sozusagen im Auftrag einer höheren Macht ausleben konnte.

    Laut Arno Grün ("Die Normalität des Wahnsinns") ist es das Kennzeichen des Psychopathen, sich einer höheren Macht zu unterwerfen, um im Gegenzug an ihr teilhaben zu dürfen. Der Psychopath fühlt sich nicht für seine Taten verantwortlich, da er ja nur Werkzeug der guten Macht ist, und braucht sich, aus eben diesem Grund, in der Wahl seiner Mittel nicht zu beschränken.
    Psychologisch spiegelt das die Strategie eines unterdrückten Kindes wieder, durch Wohlverhalten gegenüber den idealisierten Eltern ihre Anerkennung zu gewinnen hofft.
     
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  13. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Sorry, daß ich mich einmischen; aber Judenverfolgung gab es nicht erst bei den Nazis. Insofern sollte es etwas differenzierter beim Vergleich angesetzt werden. Und ob der hier zuletzt zitierte Satz ein Argument liefert mag ich auch bezweifeln.

    Edith: Sorry, die folgenden Beiträge hatten schon Differenzierungen vorgeschlagen. Möchte Beitrag aber trotzdem nicht löschen!
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Februar 2009
  14. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied


    Dem möchte ich mich anschließen beim Vergleich zwischen der Judenverfolgung und dem Hexenwahn. Auch wenn die Vorstellung einer realen Gemeinschaft von Hexen bestand wurde diese scheinbar erst augenfällig nachdem etwas geschehen war das den Verdacht der Hexerei erregte, wohingegen Juden in Abwesenheit irgendwelcher Geschehnisse als Gruppe identifiziert wurden. Persönlich tue ich mich dadurch mit dem Vergleich Hexenwahn und Judenverfolgungen schwer, da es sich auf der einen Seite um eine Gruppe handelt die sich auch in Abwesenheit von Zwang und Folter als Gemeinschaft verstand, identifizierte und somit präsent war, wohingegen es sich bei der anderen Gruppe um eine willkürlich zusammengesetzte Gruppe handelt, die erstmal aus dem Hexenglauben heraus geschaffen werden muß.

    Was ich eigentlich damit sagen will, ist das ich durchaus ähnliche Strukturen und Gedankengänge bei Pogromen und Hexenwahn in der frühen Neuzeit sehen kann, aber meines Erachtens nach die beiden verfolgten Gruppen zwar die Rolle des Sündebocks gemein haben, aber an sich und als 'Gemeinschaften' zu verschieden sind. Die Vorgänge die sich um die Gruppen herum abspielten lassen sich meiner Meinung nach zum Vergleich heranziehen, die beiden Gruppen an sich jedoch nicht.
     
  15. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Bei den Juden wurde die Art der Gemeinschaft überhöht, indem man ein weltumspannendes, allgegenwärtiges, alles beherrschendes, im Verborgenen agierendes "Weltjudentum" zusammenphantasierte und damit eine Bedrohung konstruierte. Das Gefühl der Bedrohtheit schafft erst die Bereitschaft, gegen eine Bevölkerungsgruppe gewaltsam vorzugehen.
     
  16. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Stimmt, daß das 'Weltjudentum' zusammenphantasiert und eine Bedrohnung konstruiert wurde. Aber bei meiner Unterscheidung ging es mir darum, daß Juden und Hexen an sich, nicht als Gruppen vergleichbar sind, also aufgrund der Selbstidentifizierung. Die Phantasie des 'Weltjudentums' und der Bedrohung wären für mich von Außen kommende Indentifizierungen, die man mit einer Hexen 'Conspiracy Theory' - sorry, mir fehlt da gerade ein Deutscher Begriff- vergleichen könnte, also die Anwendung von außen wäre vergleichbar, aber nicht die Gruppen an sich.
     
  17. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich muß es wohl doch noch einmal ausformulieren...

    Während des 15. bis 17. Jh. stellten vermeintliche Hexen und Ketzer eine Gefahr für die göttliche Weltordnung und damit das eigene Seelenheil dar. Jedem war bewußt, daß es eine stete Bedrohung für die göttliche Weltordnung und das eigene Seelenheil gab; und daran gab es für die Zeitgenossen des 15. bis 17. Jh. auch grundsätzlich keinen Zweifel. Das Weltbild war genauso nach religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Aspekten aufgebaut.

    Im 20. Jh. wurden vermeintliche Untermenschen/Fremdvölker/Fremdrassen als Bedrohung der eigenen Existenz und einer Weltordnung angesehen, welche an nationalen und rassischen - nach heutigem Urteil: nationalistischen und rassistischen - Gesichtspunkten ausgerichtet war. Aber eigentlich konnte jeder auf ein Weltbild zurückgreifen, welches durch die Gedanken von Humanisten und Aufklärern geprägt worden war und welchem Dinge wie Freiheit, Gleichheit, Toleranz u. dgl. längst nicht mehr fremd war. Es war also offensichtlich, daß das Bild von Untermenschen u. dgl. Auswirkungen haben würde, welche man als nichts anderes denn ein Verbrechen ansehen mußte.



    Der Hinweis war ja auch richtig und wichtig: Selbst bei der Judenverfolgung - ich würde schreiben: Judenfeindlichkeit - muß zeitlich wie auch im jeweiligen Kontext differenziert werden.
    Dazu kann man zwei Artikel bei Wikipedia sogar durchaus empfehlen:
    Antijudaismus im Mittelalter ? Wikipedia
    Antisemitismus (bis 1945) ? Wikipedia
    Dem gegenübergestellt noch ein dortiger Artikel, welcher übrigens unkorrekterweise Hexenverfolgung, Judenverfolgung und Inquisition miteinander vermengt und daher weniger ampfehlenswert ist: Antijudaismus in der Neuzeit ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Februar 2009
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  18. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Das die Hexe damals in den Köpfen eine Realität darstellten, hatte ich schon in einer meiner vorherigen Beiträgen geschrieben.
    Aber selbst dann gibt es einen Unterschied. Damals mussten sich Juden durch ihr Äußeres, also von den Christen vorgeschriebene Kleidung, unterscheiden. Auch waren die Städte, wenige Ausnahmen eingestanden, klein genug, dass jeder wusste, wer Jude ist. Man konnte die Juden also sehen, zu ihnen hingehen, mit ihnen sprechen und sie anfassen. Zudem wohnten sie in ihrer Judengasse. Die Hexen waren aber heimlich. Bestenfalls gab es nur Gerüchte. Wahrgenommen hat man sie eigentlich nur durch ihre Untaten, also den Schadenzauber. Die Hexe oder der Hexer konnte ein naher Verwandter sein, ohne das man es zuvor ahnte, oder sogar die eigene Frau. Kinder klagten ihre Eltern an und umgekehrt. Es gingen Risse durch Gemeinden und Familien.
     
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  19. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Es geht es hier um "soziale Kontrolle" in der Zeit der Hexenverfolgungen und damit u. a. um die Art und Weise, inwieweit man (1) einen modernen soziologischen Begriff, (2) moderne Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ethik und (3) modernes Welt-Wissen auf vormoderne Sachverhalte anwenden kann. (Wenn man dann noch Parallelen zieht, etwa von den Hexen zu den Juden, wird's leicht unübersichtlich, weshalb ich hierauf nicht eingehe.)

    Die von Muspilli zitierte WP-Definition von "sozialer Kontrolle" lässt sich auf sehr viele Phänomene anwenden. Ich würde eine Definition bevorzugen, welche den Aspekt der - tatsächlichen oder vermuteten - Devianz [Verhaltensabweichung bis hin zur Strafbarkeit] stärker betont: Soziale Kontrolle umfasst die Summe aller Verhaltensweisen, mit denen Menschen das Verhalten anderer als deviant einstufen und entsprechend sanktionieren, und zwar sowohl "vertikal" - von der Obrigkeit ausgehend - als auch "horizontal" - durch gegenseitige Überwachung und Zurechtweisung (vgl. Mit Gott handeln von den Zürcher ... - Google Buchsuche).

    Diese (hier gekürzte) Darstellung beschreibt die Eskalationsdynamik in den Hochzeiten der Hexenverfolgung und nennt einen der beherrschenden Faktoren, nämlich den Verdacht.

    Wie schon beim Thema
    andiskutiert, erwuchs aus der Erwägung, Menschen könnten mittels magischer Kräfte andere schädigen, in kürzester Zeit eine Art von "Generalverdacht": Von den Spitzen der Gesellschaft (Adel, Klerus) abgesehen, konnte im Grund jeder Mitmensch, vorzugsweise weiblichen Geschlechts, ein solcher Schädling sein. Im Vergleich zu anderen ("bürgerlichen") Delikten war nämlich hier die Verdachtsschwelle abgesenkt: Weil Hexerei genau wie Ketzerei zu den besonders schweren Verbrechen gehörte, bedurfte es - in Analogie zum Majestätsverbrechen - "nur der einfachen Anzeige (denuntiatio), die selbst von Infamen oder Meineidigen ausgehen kann" (Normiertes Misstrauen: Der Verdacht ... - Google Buchsuche).

    Am Beispiel der Häresie macht Koch (Denunciatio: Zur Geschichte eines ... - Google Buchsuche) die Konsequenzen deutlich:
    "Die Inquisition schuf 'Anreize für Mitteilungen ..., die von der Bevölkerung als Verletzung von Solidarpflichten, als 'Denunziation', empfunden werden mussten. Als Mittel dienten insbesondere Strafandrohungen und Belohnungen, wobei letztere einen bestimmten Anteil am konfiszierten Vermögen des 'Denunzierten' umfassten. Um Häretiker auszuspüren, nahmen Inquisitoren bereitwillig Mitteilungen entgegen, die ihnen aus Haß oder Gewinnsucht zugetragen wurden. Als weitere effektive Methode erwies sich, denjenigen Straflosigkeit zu versprechen, die binnen einer gesetzten Frist die Zugehörigkeit zu einer häretischen Bewegung gestanden und zugleich weitere Häretiker angaben. ... Die Mitteilung an Inquisitoren stellt eine ebenso probate wie risikolose Möglichkeit dar, um sich mißliebiger Personen zu entledigen."
    Zunächst galt das nur für die Häresie. Aber "die im Kampf gegen die Albigenser aufgekommene Inquisition zog nun die Zauberprozesse als 'Abfall' vor ihr Forum, nachdem der auch persönlich von Hexenangst erfüllte Johannes XXII. in seiner Bulle 'Super illius specula' (1326) die Zauberer ausdrücklich den förmlichen Ketzern gleichgestellt hatte" (RGG Bd. 3, S. 309).

    Über die Chancen der Verdächtigten, sich von dem Verdacht zu befreien, muss hier nur so viel gesagt werden, dass die Einführung des Inquisitionsverfahren zeitgleich einher ging mit einer immer breiteren und hemmungsloseren Anwendung der Folter. Nimmt man hinzu, dass es gegen Urteile keine Rechtsmittelinstanz gab (allenfalls eine Begnadigung, etwa in der Weise, dass Hexen vor dem Verbrennen getötet wurden), so ergibt sich daraus eine Lebenssituation, die man für breiteste Bevölkerungskreise als vollständiges Ausgeliefertsein bezeichnen könnte. Insoweit war die Zeit, über die wir hier diskutieren, um mal den alten Reizbegriff hervorzukramen, eine "totalitäre" Ära, vor deren Irrationalismen und Irrtümern es kein Entrinnen gab.

    Es hat zu allen (christlichen) Zeiten Stimmen gegeben, die das Hexenwesen bzw. den Tatbestand der Hexerei und die Existenz von Hexen nicht für gravierend hielten oder sogar bestritten. Es ist zwar richtig, daß die "drei Elemente des mittelalterlichen Hexenbegriffs: schädigende Zauberei, Geschlechtsverkehr mit den Dämonen, Ketzerei (= Rückfall in den Götzendienst) ... schon zum Erbe der christlichen Antike" gehörten. Freilich hattte die Kirche "in der Zeit der Germanenbekehrung die alten Volksvorstellungen von den nachtfahrenden Frauen und Tierverwandlungen noch entschieden abgelehnt", jedoch "waren diese doch so zählebig, daß die großen Theologen des Hoch-Mittelalter wie ... Thomas von Aquino sie übernahmen und in ihr theologisches System einbauten" (vgl. RGG Bd. 3, S. 309 ff.).

    Will sagen: Es gab eine jahrhundertelange Entwicklung hin vom Hexenwesen über die Hexenverfolgung hin zur Hexenverbrennung, die man nicht als zwangsläufig oder naturgesetzlich oder gar gottgegeben charakterisieren darf. Für die Kirche als die in jener Zeit maßgebliche Inhaberin der Definitionsmacht in solchen Fragen hat es stets auch eine Entwicklungs-Alternative gegeben, und es ist eigener Betrachtung wert, warum diese verworfen wurde. - Wie gesagt: Immer schön differenzieren...
     
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  20. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Dem möchte ich mich nochmals ausdrücklich anschließen und allen Mitdiskutanten die Lektüre von http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Hexenverfolgungen__Rita_Voltmer___TA-2006-12.pdf ans Herz legen - wie bereits in Soziale Kontrolle - Beitrag #6 angegeben.

    Als ganz wichtigen Punkt zur Differenzierung gerade auch bzgl. der Rolle von Kirche und Inquisition erlaube ich mir ein Zitat daraus:
    Und ein weiteres Zitat daraus, weil es ebenfalls wichtig ist, sich nicht darauf zu versteifen, daß nahezu ausnahmlos Frauen und Angehörige der unteren gesellschaftlichen Schichten Opfer waren:
     

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