Spott-Darstellung am Münster

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von pelzer, 3. Juni 2009.

  1. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi

    Am vergangenen Wochenende war ich in Colmar. An der Westfassade des Martinsmünsters ist mir eine eigenartige Figurengruppe aufgefallen. Nun habe ich mal gegoogelt, um was es sich dabei handelt. Und das „Resultat“ hat mich überrascht und ich finde es erwähnungswert - anscheinend habe ich einen Volltreffer gelandet!

    Bei dieser Figurengruppe handelt es sich um eine sogenannte „Judensau“. Mit solchen verunglimpfenden Darstellungen wurden einst die Juden verspottet. Im konkreten Fall trinkt wohl ein Jude Milch von einem Teufel…

    Solche Judensau-Darstellungen scheinen (laut wikipedia) vor allem in Deutschland verbreitet gewesen zu sein.
    Warum?


    Gruss Pelzer


    .
     

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  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Mit ein Grund dafür dürfte wohl die Tatsache gewesen sein, dass es im Mittelalter vergleichsweise viele Juden in Deutschland gab. Erst nach den schlimmen Pogromen sind viele der Überlebenden nach Osteuropa geflohen. Nicht ohne Grund ist das aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Jiddisch neben dem Spaniolischen/Ladino die, ich nenne es mal Verkehrssprache der europäischen Juden gewesen. Wo es nicht so viele Juden gab, suchte man sich andere Opfer zum Verunglimpfen. In Frankreich gibt es vergleichbare Darstellungen von Muslimen. Außerdem ist damit zu rechnen, dass nur diese Art der Verunglimpfung "typisch deutsch" ist, und in anderen Ländern andere Darstellungen dem gleichen Zweck dienten.

    Zwar bin ich kein Experte für die Interpretation der Colmarer Darstellungen. Aber so wie ich es sehe, ist das durchaus ein Schwein, dem allerdings als teuflisches Attribut ein Bockshorn aufgesetzt wurde. Es ist allerdings mE keine Sau im engeren Sinne, sondern ein Eber, und die Darstellung demnach noch obszöner als du sie verstanden hast. (Kann aber auch an meiner Gedankenwelt liegen.)
     
  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi Liborius

    Ich sah auch ein Eber, ich fand dann aber diesen Gedanken doch etwas zu abstrus, um ihn hier anzusprechen...
    Jedenfalls ist diese Darstellung wohl nicht sehr nett gemeint!


    Gruss Pelzer


    .
     
  4. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Es handelt sich wohl tatsächlich um eine deutsche "Erfindung", die ab dem 13. Jahrhundert verbreitet wurde. Den Ursprung kann man in der Abwehr der Juden sehen (Abwehrzauber). "Das wegen seiner rituellen Unreinheit verabscheute Tier diente gleichzeitig zur Kennzeichnung der Juden und zu ihrer eigenen beschwörenden Fernhaltung." (Die Juden im mittelalterlichen Reich - Google Buchsuche)

    Luther hat 1543 dem Judensau-Standbild an der Wittenberger Pfarrkirche eine theologische Interpretation gegeben: Die Juden hätten ihren Glauben aus dem "Hintern einer Sau" herausgelesen.
     
  5. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Die Judensau befindet sich direkt oberhalb vom Haupteingang zum Münster, das würde eine apotropäische Funktion bestätigen.

    In Spanien kennt man vergleichbare Darstellungen gegen die Araber/Muslime/Berber/Barbaren... Die waren hier im Forum doch auch schon mal ein Thema.


    Gruss Pelzer


    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juni 2009
  6. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Du meinst http://www.geschichtsforum.de/f31/a...-kirchen-als-bildpropaganda-f-d-massen-24602/ und http://www.geschichtsforum.de/f150/regensburg-streitet-um-die-judensau-am-dom-5667/ (letzeres ohne Resonanz).

    Inwieweit vergleichbar? Beim Thema "Judensau" sind wir eigentlich weit jenseits der Kategorie "Spott" und näher bei "Pogrom"...

    Die eindrucksvolle Monographie von Shachar: The Judensau. A Medieval Anti-Jewish Motif and its History habe ich nicht zur Hand. Ansonsten sehr zu empfehlen: Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen (anläßlich der großen Wiener Ausstellung 1995).
     
  7. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Vergleichbar im Sinne von "in Stein gemeisselte Spott- und Schandfiguren an Kirchen". Also eher aus baugeschichtlicher Sicht.

    Gruss Pelzer


    .
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da würde ich Dir auch beipflichten.
    Ich sehe das Ganze vor allem kultur- und kunstgeschichtlich als sehr interessant an. Verunglimpfungen mit Bildpropaganda, gab es ja zu allen Zeiten. In Stein gemeißelt und vor allem täglich sichtbar hat das natürlich noch einen größeren Stellenwert.

    Traurig, dass in Regensburg das Teil ziemlich arg verwittert wirkt. Da wäre sicherlich eine Rettung nützlicher als ein Streit um das Schild dazu.:still:
     
  9. rinoabutzile

    rinoabutzile Neues Mitglied

    Find ich sehr interessant....

    Frage: Gibt es solche Schandbilder an vielen bzw. jeder Kirche im deutschen Raum, die im Mittelalter (bzw. kurz danach) gebaut wurde?
    Ich fahr immer wieder mal nach Wien und könnte dann am Steffl schön Ausschau halten :)
     
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  10. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Diffamierungen von Juden in Form von Skulpturen in/ an Sakralbauten sind eine Spezialität des deutschspracheigen Raums seit dem 13. Jahrhundert, zu finden in Magdeburg, Xanten, Köln, Wittenberg, Colmar und sicherlich auch noch woanders, aber genau so sicherlich nicht in jeder Stadt.
     
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  11. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Ich bin ja richtig erschrocken, dass es so viele "Judensauskulpturen" in Deutschland gibt
    Judensau ? Wikipedia
     
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

  13. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Hinter dem baugeschichtl. Phänomen ist sicher auch der geistesgeschichtl. Hintergrund zu beachten, auch wenns etwas kuntsgeschichtlich wird...aber früher gehörte eh alles zusammen....

    Zunächst fällt auf, dass die "Judensau"-Darstellungen im dt.-sprachigen Raum des MA auch ihre ideologischen Vorväter und Vorläufer hat, nicht zufällig sind diese an christl. Kirchen zu beobachten.
    Die Methode der allegorischen Deutung wurde vorallem in Form solcher Typologien ( Ecclesia versus Synagoga..etc.)zu einem Distanzierungsmittel schon des frühen Christentums.
    Neben einer Romanisierung der christl. Kunst ist eine sog. "Entjudaisierung"
    der ikonographisch gemeinsam mit Juden benutzten Bild-und Deutungstypologie zu beobachten. ( es gab durchaus auch bildsymbol. Darstellungen bei Juden d. Spätantike, bzw. des frühen MA)
    Die Deutungshoheit der christl. Kirche wird sehr früh schon kulturell manifest z.B. am Beispiel des sog. "Vorhangmotivs" : Die in der jüd. Kunst bekannte Einfassung d. Thoraschreins mit 2 symmetr. Vorhängen wird in der vorkaroling. Zeit vom Evangelistenbild übernommen, wobei an die Stelle des Pentateuchs nun der Evangelist tritt ! - Hintergrund dieses bedeutsamen Wechsels ist
    die Paralleliesierung der Vorhänge mit den beim Tod Jesu zerissenen Tempelvorhangs, der in d. Deutung der 1.-bis 7. Jahrh. n. Chr. geltenden
    Überzeugung ,die Überwindung der "Erkenntnisblindheit" des Judentums zeigt. (Synagoge mit Augenbinde).
    Die "Judensau-Darstellungen kommen in Mode, mit der machtvollsten Zeit der röm. Kirche, nach dem 4. Laterankonzil.
    Das der aktuelle dt. Papst ausgerechnet in Deutschland während der Karfreitagsfürbitte für die "Erleuchtung " der Juden betet, zeigt, wie aktuell solche Fragen sein können.

    Juden im Mittelalter

    Karfreitags-Fürbitte: Papst Benedikt verärgert Juden - Deutschland - FOCUS Online
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juni 2009
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  14. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Ein höchst interessanter Dedanke: Distanzierung und nicht Apotropaion (Abwehr/Bann), wie jschmidt in einem seinem Beitrag andeutet... :grübel:


    Gruss Pelzer


    .
     
  15. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Neben der Judenhetze in Form der "Judensau" begegnet man im Judeneid seit dem Mittelalter entwürdigenden Ritualen, mit denen dem Verdacht von christlicher Seite, Juden leisteten Nichtjuden gegenüber häufig Meineide, begegnet wurde.
    So musste ein Jude beispielsweise beim Leisten eines Eides barfuß auf einer blutigen Schweinshaut stehen. Damit war eine gezielte Verletzung des jüdischen religiösen Empfindens beabsichtigt.

    Nach meinem Empfinden sollte zwischen

    1. Entjudaisierung, Distanzierung und Abwertung (z.B. Vorhangmotiv sowie mit Blindheit geschlagene Synagoge (s. @Arcimboldo)) und

    2. Hetze (z.B. Judensau) sowie persönlicher und religiöser Entwürdigung (z.B. Judeneid)

    unterschieden werden,
    da 1. sich in erster Linie gegen die Religion als solche wendet, 2. hingegen direkt die Anhänger der Religion persönlich angreift.
    Dabei ist mir durchaus bewusst, dass Hetze, Entwürdigung und Schlimmeres ohne zuvor erfolgte Abwertung nicht möglich wären.

    Wenn man nun die Karfreitagsbitte um Erleuchtung der Juden im Zusammenhang mit Abwertung sieht...
    .... ... ... @Arcimboldo hat dies bereits angesprochen... ...

    Ich stelle mir gerade vor, in einer Synagoge, einer Moschee oder in einem Buddhistischen Tempel solle für die Erleuchtung speziell der Christen gebetet werden...
     
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  16. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Als Ergänzung möchte ich noch die Pestwellen erwähnen, die das Reich überrollten, und deren Ausbruch unter anderem damit erklärt wurde, Juden hätten Brunnen und Quellen vergiftet.

    Die Pestwellen (v.a. die Große Pest) fallen in den gleichen Zeitraum wie schreckliche Judenpogrome.

    "Schon mehrmals war es seit 1298 zu blutigen Verfolgungswellen gekommen, doch die Judenpogrome der Jahre 1348-1351 waren ohne Beispiel [...]. Inszeniert wurden sie häufig von den Schuldnern der jüdischen Geldverleiher und von den Obrigkeiten, die selbst in die Rolle des Gläubigers schlüpfen wollten. Sorgfältig beriet der Straßburger Bischof mit den elsässischen Herren und Städten die "Abschaffung der Juden" [...]" (Rexroth, Frank: Deutsche Geschichte im Mittelalter, München 2. Aufl. 2007, S.98)

    Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich , dass die Schand- Darstellungen der Judensau als Judenhetze im deutschsprachigen Raum und seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vorkommen (um zur eingangs gestellten Frage zurückzukommen).
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Juni 2009
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  17. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi Zämä

    Was mich erstaunt, ist die Tatsache, dass die "Judensau" all die Jahrhunderte überstand - Kriege, Reformation, Revolution, Renovation... Und anscheinend hat sich niemand an der Figur daran gestört? :grübel:

    Im Elsass sind vielerorts vergleichbare Figuren zu sehen; Dirnen, Teufel und Drachen in allen möglichen Posen und mit sehr ausgeprägten Geschlechtsteilen!


    Gruss Pelzer


    .
     
  18. Hulda

    Hulda Aktives Mitglied

    Luther beispielsweise hat sich der Judensau insofern bedient, als er meinte, die Juden hätten "ihren Glauben aus dem Hintern einer Sau gelesen" (s. jschmidt in Beitrag 4 dieses Threads).

    Überhaupt hat Luthers antijüdische Polemik meiner Ansicht nach mit dazu beigetragen, antijüdische "Mythen" auch in der Neuzeit fortbestehen zu lassen.

    Was Beschimpfungen von Juden anbelangt, wurden ohnehin gerne sämtliche Augen zugedrückt, weswegen auch solche Darstellungen und ihre plastischen wie literarischen Nachfolger großenteils bestehen blieben, aber die vielfältigen Gründe dafür würden diesen Thread jetzt sprengen...
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juni 2009
  19. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Wahrscheinlich störte es weniger, weil die Gesinnung über die Jahrhunderte sich wenig änderte? Erst Mitte des 20. Jh. nach den Erfahrungen des 2 WK änderte es sich ein bisschen, wobei selbst heute immer noch festzustellen ist, dass Klischees und Vorurteile über Juden sehr weit verbreitet sind.
     
  20. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Mich würde interessieren, weshalb im Norden Deutschlands diese Skulpturen wenig oder nicht zu finden sind. Allerdings ging man hier ohnehin sparsamer mit den Verzierungen an den Kirchen um. Wobei, der Bildersturm der Reformation so einiges dahingerafft hat. Wenn man aber die Judenfeindlichkeit Luthers betrachtet müsste man zumindest diese Skulptur gelassen haben.
     
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