Sprachen in Al-Andalus

Dieses Thema im Forum "Der Islam und die Welt der Araber" wurde erstellt von Carolus, 7. Februar 2012.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Übergang vom Sprechlatein zum Frühromanischen einzelner Länder war ein langsamer und nicht gesteuerter Prozess. Seit dem 4. Jh. nahm das gesprochene Latein eine immer regionalere Färbung an und im 5. und 6. Jh. kam es auch zu großen Veränderungen im Lautsystem. Im 8. Jh. war der Wandlungsprozess vom Latein zu frühen Formen des Romanischen meist abgeschlossen, wobei es regionale Unterschiede gab.

    Wenn man es richtig betrachtet, setzte sich also wegen fehlender Normierung schon in der Spätantike und verstärkt nach dem Unterhgang Roms ein "verderbtes Latein" durch, das auf der Basis regionaler Besonderheiten in linguistiscer Hinsicht zu irgendeinem Zeitpunkt als seriöse Sprache in die Kanzleien der romanischen Länder einging. Das war dann im 8./9. Jh. ein abgeschlossener Prozess (vgl. die Straßburger Eide in altfranzösisch und althochdeutsch).
     
    1 Person gefällt das.
  2. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Hier ist auch noch eine Abbildung der Nodicia de Kesos auf einer Vorlesungsbeilage zur Einführung in die romanische Sprachwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München von Thomas Krefeld:

    http://www.lrz.de/~ud522ae/webserver/webdata/pdf/EinfKapVI.pdf
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei ich im Netz eine schönere Abbildung gefunden habe. Darauf sieht man auch die Weiterverwertung des Dokuments. Die Nodicia ist ja schon auf der Rückseite eines offenbar überflüssig gewordenen Diploms geschrieben worden, vertikal dazu eine Handschrift, die sehr schön lesbar ist. Ich würde sie auf das 19. Jahrhundert datieren. Offensichtlich ist diese HS von einem Historiker verfasst worden, der die Nodicia oder das Diploma auf der Rückseite datierte (wohl eher letzteres, dem Inhalt dieser Aufzeichnungen nach zu urteilen). Aus meiner Sicht hat dieser Historiker damit ein mittleres Sakrileg begangen...
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In irgendeinem Thread, den ich nicht mehr finde, geht es um die Anzahl der Arabismen im Spanischen, ich habe mir gerade ein Wörterbuch der Arabismen im Portugiesischen besorgen lassen (die Bibliothek hat es auf meinen Anschaffungsvorschlag erworben), das Dicionário de Arabismos da Língua Portuguesa von Adalberto Alves, das rechet mit doizte mil, also mit einem "Dutzendtausend" Arabismen im Portugiesischen. Darin enthalten sind aber neben den historischen Arabismen der andalusischen Zeit auch über den Weg Türkei - Italien - Frankreich vermittelte Arabismen, wie etwa café und moderne Arabismen sowie Ableitungen, z.B. café als Getränk und café als Café, dazu cafeína etc., also auch alle modernen Ableitungen, die einer portugiesischen oder internationalen wissenschaftssprachlichen Morphologie unterworfen sind. Allein der Kaffeebegriff kommt so mit seinen Derivaten auf ca. zehn Einträge.

    Was mir aufgefallen ist: Bei Alves nehmen mit a- beginnende Arabismen weniger als ein Drittel seiner Lemmata ein. Bei Federico Corriente (Diccionario de arabismos y voces afines en iberorromance, 1999/2003 und A dictionary of Arabic and Allied Loanwords Spanish, Portuguese, Catalan, Galician and Kindred Dialects, Handbuch der Orientalistik Bd. 97, 2008) jeweils etwa die Hälfte. Warum bei beiden so viele Worte mit a-? Weil sehr viel Worte mit dem agglutinierten arabischen Artikel entlehnt wurden, der bei den sogenannten "Mondbuchstaben" als al- auftaucht, bei den "Sonnenbuchstaben" sich phonetisch an den ersten Buchstaben des determinierten Wortes anpasst.

    al-qamar
    und aš-šams

    Alves behauptet, er habe Worte als Arabismen identifiziert, die bisher noch nicht als solche identifiziert worden seien und ich habe den Eindruck, dass er sauber arbeitet. Zumindest habe ich noch nichts gefunden, was unplausibel wäre.
     
  5. Mfelix

    Mfelix Mitglied

    Ole soll ja auch eine Verbalhornung sein ,kann es aber nicht nachvollziehen da der Stierkampf aus einer anderen Kultur hervorgeht. Da es auch in Südfrankreich Stierkämpfe gab muss es wohl eine uralte Tradition sein ,dass aus dem Katelanischen oder Baskischen kommen.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt Behauptungen, dass der Stierkampf vorrömisch sei. Diese Behauptungen basieren auf prärömischen Stierfiguren in Zentralspanien bzw. Portugal (Vettonen, 5. Jhdt.). Es sind zwar tatsächlich viele Stiere unter diesen Figuren, nur gibt es eben auch andere: Bären, Maultiere, Eber (in der Tat ist der archäologische Fachbegriff berraco, was Eber heißt) und nichtidentifizierbare Tiere. Darstellungen von "Stierkampf" gibt es nicht.
    Die frühesten Belege von Stierkampf haben wir im 13. Jhdt, im Epos der Siete Infantes de Lara der auf ein Ereignis des 10. Jhdts. unbekannter Historizität zurückgeht. Auch davon, dass wilde Stiere als Händler und Reisende gefährende Spezies gesehen werden (Cantigas de Santa María).
    Da sowohl die Cantigas, teilweise von Alfons X. selbst, und die Primera Crónica General unter seinem Mäzenatentum erstellt wurden, sind beide Zeugnisse etwa gleich alt.
    Der Stierkampf war ein Ritterspiel und wurde bis ins 18. Jhdt. zu Pferd ausgeführt (heute gibt es noch hin und wieder den Rejoneo/die Corrida de Rejones zu sehen); der Stierkampf zu Fuß, wie wir ihn heute kennen, entstand erst um 1780 in Ronda. Die mozos, die ursprünglich dazu da waren, wenn ihr Herr vom Pferd gefallen war, den Stier abzulenken und ihren Herrn zu retten, machten sich damals "selbständig". Kein Zufall, dass das in dieser Zeit war, also als auch die bürgerichen Revolutionen 1776 in Amerika, 1789 in Frankreich waren. Das ist eben die Zeit, in denen Das Bürgertum selbstbewusster wird, also sozialgeschichtlich einzuordnen.

    Olé geht wahrscheinlich auf wa-llāh zurück.
     
  7. Mfelix

    Mfelix Mitglied

    Eigentlich müsste es in ,gladiatorischen Tierkämpfen(mir fällt der Fachbegriff nicht ein)seinen Ursprung haben.Hat man doch alle mögliche Tiere zur Amüsierung herangezogen und es waren nicht wenige Kämpfe, einige Tiere wurden sogar dadurch ausgerottet.Ob Stiere dabei waren kann ich mir gut vorstellen und dass diese Tradition dann in Spanien weitergeführt wurde.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das hat die ältere spanische Tauromachieforschung auch angenommen, die jüngere spanische Tauromachieforschung ist davon weg.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte ja schon bestätigt, dass olé auf wa-llāh zurückgeht, gleichzeitig aber zurückgewiesen, dass der Stierkampf tatsächlich archaisch ist, wie präsumiert.
    Zu dem Argument, stimmte es denn chronologisch - was es, wie gezeigt, nicht tut - dass ein Wort nicht in eine Kultur eingegangen sein könne, wenn es den kulturellen Aspekt schon gebe, in dem es benutzt wird, habe ich mich nicht geäußert. Das will ich jetzt nachholen.

    Wenn wir unsere Sprache anschauen, so verändert diese sich stetig. In manchen Belangen so langsam, dass wir die Veränderung kaum bemerken, in anderen Belangen schneller. Auch ersetzen wir Worte durch Lehnworte, häufig richtiggehende Luxusentlehnungen, da es keinerlei Bedarf für eine Entlehnung gibt. Wir ersetzen fröhlich deutsche Worte in erster Linie durch Anglizismen, aber auch durch anderssprachige Begriffe. So wurde z.B. durch Sex and the city der spanische Vulgär-Begriff cojones ins Deutsche übertragen (und auch genauso verwendet). Einen Bedarf dafür gibt es nicht und wenn auch Spanisch in Dtld. alles andere als eine exotische Sprache ist, so ist vielleicht gerade Mal 1/4 der Deutschen (wenn das nicht schon zu hoch gegriffen ist) des Spanischen in irgendeiner Form mächtig (ich meine damit Kenntnisse, die über Sätze wie una cerveza por favor und otra más hinausgehen). Trotzdem versteht dieses spanische Wort nicht nur jeder, der zumindest ein wenig mit der Popkultur in Berührung kommt, sondern es wird auch von Personen, die des Spanischen nicht mächtiger sind, als für den Mallorcaurlaub nötig, aktiv verwendet (wahrscheinlich sogar mehr von denen, als von Personen, die fluent Spanisch sprechen).

    Speziell auf das arabische Entlehungen im Iberomanischen bezogen gibt es durchaus Begriffe, die es im Spätlateinischen bzw. im vorarabischen Altspanischen gab und die dennoch durch arabische Begriffe ersetzt wurden oder in Dubletten bestehen. Eine solche Dublette wäre beispielsweise oliva/aceituna ('Olive') bzw. olivo/aceituno ('Ölbaum') und óleo/aceite ('Öl').
    Während das eine Wort aus dem Lateinischen kommt (oliva/oleum), stammt das andere aus dem Arabischen (az-zayt/az-zaytūnah). Es bestand kein Bedarf zu Entlehnung, trotzdem wurde entlehnt und das, obwohl bereits in römischer Zeit vor allem Andalusien ein Zentrum des Olivenanbaus war (es gibt vereinzelte Olivenbäume in Spanien, in Valencia sogar einen ganzen Hain, die bis in die Zeiten Kaisers Konstantin zurückgehen sollen).
     

Diese Seite empfehlen