Terra preta außerhalb Südamerikas

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Dackelhasser, 12. April 2014.

  1. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Vermutlich hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die alten Indiokulturen am Amazonas mittels Terra preta eine effektive Landwirtschaft betrieben haben. Schließlich mussten sie die Bevölkerung in den Städten irgendwie ernähren.
    Nun habe ich in einer Doku gehört, dass diese Terra preta Technik auch in anderen Teilen der Welt angewandt wurde. Genannt wurden Westafrika und auch Gebiete an der Elbe in Brandenburg.
    Also gemeint ist mit Terra preta eine bodenverbessernde Landwirtschaft, die in eher unfruchtbaren Gegenden mittels Holzkohle, Fäkalien und anderen Abfällen dauerhaft fruchtbare Böden schafft.
    Erwähnt wurde in der Doku, dass die slawischen Stämme an der Elbe diese Technik anwendeten, während die germanisch/frühdeutschen am anderen Flußufer dies nicht taten.
    Beschäftigt sich hier jemand mit Landwirtschaft in Mitteleuropa vor sagen wir 1000 Jahren oder auch in anderen Teilen der Welt und hat mit dem "Phänomen" Terra preta bzw. antropogene Schwarzerden zu tun?
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. April 2014
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Zur amazonischen Terra preta gibt es schon ein Thema http://www.geschichtsforum.de/f15/terra-preta-gartenbau-amazonien-24673/

    Als überraschendes Phänomen würde ich das Bemühen um dauerhafte Bodenfruchtbarkeit nicht bezeichnen. Vor der Erfindung der Kunstdünger gab es neben Felderwechsel, Brache nur die Möglichkeit dem Boden durch diverse Methoden wieder die Nährstoffe zuzuführen, die man durch die Ernte entnommen hatte. Man trieb das Vieh nach der Ernte auf die Felder, brachte Viehdung, Fäkalien und andere Abfallstoffe auf die Felder. In Norddeutschland war die Plaggenwirtschaft verbreitet.
    Humushaltige, schwarze Böden erzielt man klassisch durch Kompostwirtschaft. Entweder man bringt den Kompost auf kleineren Flächen aus oder man betreibt Flächenkompostierung.
    Das besondere an der Terra preta ist der Kohlenstoffanteil, der sich aus der enthaltenen Holzkohle ergibt. Anthropogene Schwarzerden im Einzugsgebiet der Unteren Mittelelbe? (Anthropogenic Dark Earth in the lower Elbe basin?) - ResearchGate
    Wenn man sich überlegt, dass Erstrodung von Brachflächen oft mithilfe von Feuer erfolgte, die Menschen mit Holz kochten und heizten, ist die Verwendung von Holzkohle zur Bodenverbesserung zusammen mit anderen Substanzen naheliegend.
    Die noch vor einigen Jahrzehnten geschmähte shifting cultivation sieht man deshalb heute in einem anderen Licht. Wanderfeldbau ? Wikipedia
     
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  3. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Terra preta ist schon etwas mehr als nur Holzkohle und Mist im Boden. Zumindest in Amazonien wurde diese Erde in großen Tontöpfen hergestellt und regelrecht "vergoren". So nimmt man das heute an und man findet in dieser Erde entweder Tonscherben oder teils mit viel Glück ganze Gefäße, die dies belegen. Und das Besondere an dieser Terra preta ist, dass sie noch heute sehr fruchtbar ist und von den Bauern praktisch als Dünger verwendet wird. Sie wächst auch nach.
    Deshalb würde mich interessieren, ob man die genaue Herstellungsweise schon "geknackt" hat.

    Ich hatte das Forum bereits nach Terra preta durchsucht, aber der Thread verzettelt sich halt, wie üblich, ziemlich schnell in themenfremden Dingen.
    Normaler Kompost erschöpft sich recht schnell, während diese Terra preta, wie erwähnt, eine dauerhafte Fruchtbarkeit zur Folge hat/haben soll.
     
  4. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Klar, dazu kommen Pflanzenabfälle jeglicher Art sowie tierische Reste im richtigen Mischungsverhältnis. Aber auch diese finden bei Kompostierung Verwendung. Spezifisch ist evtl. noch die Verwendung von Bakterien (Milchsäure, Hefe) und die Reduzierung der Luftzufuhr.

    Mich fasziniert Terra preta auch. Soweit mir bekannt ist, wird viel experimentiert, aber ein Originalrezept hat man wohl nicht gefunden.
    Es würde wahrscheinlich nicht mal funktionieren, da sich unsere heutigen Bedingungen in Mitteleuropa erheblich von den damaligen in Amazonien unterscheiden dürften.
    Es gibt übrigens ein eigenes Terra Preta Forum • Portal , wo sich Ausprobierer austauschen.

    Naja, wie dauerhaft wird man sehen, das wäre dann ja "Zaubererde", das Perpetuum mobile. Normaler Kompost muß immer wieder ergänzt werden, es ist eine Kreislaufwirtschaft. Terra preta sehe ich im Moment ebenso als eine verbesserte Kreislaufwirtschaft, da normale Kompostierung unter tropischen Bedingungen schwierig ist.
     
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  5. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Auf einen bekannten Videoportal, dass ich hier leider nicht verlinken darf :still:, sind einige Beiträge zu diesem Thema, die sich für mich recht schlüssig anhören. Die Infos über diese nachwachsende schwarze Erde in Brasilien stammen auch von dort.
    Ich bin selbst mit Hilfe dieser "effektiven Mikroorganismen" dabei, im Garten was in dieser Richtung zu unternehmen, wobei ich damit erst vor kurzem angefangen habe.
    Hier interessiert mich vor allem, ob diese slawischen Stämme (oder andere Menschen in anderen Teilen der Welt) damals wirklich diese "Vergärungstechnik" praktizierten oder ob das "nur" Komposttechnik und Mist- bzw. Jauchegrubeverwertung war.
    Schließlich sind die Bedingungen bei uns anders als im Regenwald.
    Perpetuum mobile gibt es nicht, aber diese Erde "funktioniert" heute noch, (und das unter Regenwaldbedingungen mit sehr vielen Niederschlägen, die jedes Fitzelchen Nährstoff ruckzuck auswaschen) obwohl die "Hersteller" vor 400-500 Jahren ausgestorben sind.

    Diesen Beitrag über Schwarzerden an der Elbe habe ich auch gefunden, aber der kostet, oder?


    Ich praktiziere seit geraumer Zeit auch "Bokashi". Da werden Küchenabfälle mit Hilfe von effektiven Mikroo. fermentiert, ohne das sie gammeln oder verfaulen. Das geht wohl in die gleiche Richtung und ist was anderes als Kompost. Allerdings muss man die "EM" von außen zugeben. Die kommen also, anders als beim Sauerkraut, nicht von selbst.
    Nähere Infos siehe Google, weil das wohl hier zu weit führen würde.

    Aber wenn das damals mit der künstlichen Schwarzerde hinreichend funktioniert hat, sollte es heute auch klappen.
    Fragt sich nur, warum das Wissen verschwunden ist.....
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2014
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  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Weil die Menschen verschwunden sind, die Träger des Wissens waren. Das Verschwinden ist nicht einmal so rätselhaft wie oft behauptet:

    1. Die für die Ureinwohner am Amazonas verheerenden europäischen Krankheiten. Das wird zwar oft überinterpretiert, ist aber grundsätzlich Fakt.
    2. Die Sklavenjagden der Portugiesen.
    3. Die Tatsache, dass die Indianer am Amazonas durch christliche Missionare vor dem Verhalten und der militärischen Stärke von Spaniern und Portugiesen gewarnt wurden. Sie haben sich daher oft in die Wälder zurückgezogen.
    4. Bei einigen Ethnien gibt es (wegen 3.) bis heute ein Kontakt-Tabu. Wir wissen nicht, ob einige dieser Ethnien noch Terra Preta (mittlerweile als Schwarzerde vermarktet) verwenden, da heute auch seitens der brasilianischen Regierung die Kontaktaufnahme verboten ist. (Von dem Tabu wissen wir durch ältere Kontaktaufnahmen zu einigen der fraglichen Ethnien.)
     
  7. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Ich meinte eher das Wissen außerhalb Amazoniens, so es denn vorhanden war. In Südamerika ist es allzu offensichtlich.
     
  8. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich behaupte mal, dass es fast überall irgendeine Form von Bodenverbesserung und Kreislaufwirtschaft gegeben haben könnte. Jedenfalls überall da, wo die Bevölkerungszahlen so hoch waren, dass klassischer Wanderfeldbau auf seine natürlichen Grenzen stieß. Etwa wenn dadurch die Waldbrachepausen zu kurz sind oder es kein geeignetes, freies Land gibt.
    Dabei muß man berücksichtigen, dass nicht alle Nutzpflanzen die gleichen Ansprüche an den Boden stellen. Tropischer Hackfruchtgartenbau oder der Anbau von stickstoffsammelnden Leguminosen beanspruchen den Boden nicht so stark und einseitig wie Getreidefelder.
    Den frühen Klassiker "Ackern auf Schwemmland eines Flusses" wie in Ägypten oder Mesopotamien können wir weitgehend ausklammern. Ansonsten könnten wir weltweit auf die Suche gehen, wie andere Bauern, Gärtner zu anderen Zeiten, das Bodenfruchtbarkeitsproblem gelöst haben.

    Es ist auf jeden Fall ein interessantes und aktuelles Thema, denn durch die Focussierung auf die mineralische Düngung in den letzten ca. 100 Jahren, hat man weltweit den Humus im Boden aus den Augen verloren. Humus ? Wikipedia macht die Erde schwarz.
     
  9. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Selbstverständlich hatten (und haben) alle Ackerbaukulturen mit dem Problem der nachlassenden Bodenfruchtbarkeit zu tun, wenn sie nicht gerade auf Schwemmland oder Lößboden arbeiteten. Und das es da verschiedene Lösungen gibt, ist auch klar. Mir geht es aber wirklich um diese spezielle Methode via Terra preta.
    Ist ja auch ganz interessant, dass diese T.p. in Amazonien praktiziert wurde, in den Maya-Gebieten oder anderswo in Südamerika aber nicht, obwohl auf Yucatan zumindest teilweise Regenwaldbedingungen herrsch(t)en. Die Amazonier scheinen recht abgeschieden vom Rest Südamerikas gelebt und ihr Wissen für sich behalten zu haben.

    Dass diese Fokusierung auf Kunstdünger langfristig ziemlich fatal ist, hat sich durchaus herumgesprochen. Die Bio-Welle gibt es ja bereits seit den Siebzigern. Und gerade da wäre T.p. eine wirkungsvolle Alternative, wenn diese Methode denn außerhalb der Tropen funktioniert und der Aufwand für Herstellung sich in praktikablen Grenzen hält. Deshalb wäre es für mich ganz interessant zu sehen, ob das bereits in der Vergangenheit getestet wurde.
    Naja, ich probiere es ohne wirkliche Kenntnis der Materie bei mir im Garten und wenn meine Tomaten die größten überhaupt werden, weiß ich, dass es funktioniert hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2014
  10. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Schau dir bitte mal die Bodenbeschaffenheit/geologischen Gegebenheiten am Amazonas sowie in Yucatan an; das sollte die Frage weitgehend klären.

    Die genaue Zusammensetzung und das Herstellungsverfahren der Terra preta sind bislang nicht ermittelt. Das hält offenbar einige Leute nicht davon ab, bereits seit einiger Zeit angebliche "Terra preta" in den Verkauf zu bringen und auf die Erfolge der Indianer am Amazonas Bezug zu nehmen. Das sind bestenfalls vollmundige, nicht einzuhaltende Werbeversprechen. Richtige Terra preta kann jedenfalls keiner dieser Anbieter feilhalten.

    Auch die oben erwähnten "effektiven Mikroorganismen" sind eher im außerwissenschaftlichen Bereich angesiedelt und die zugrundeliegende Theorie ist mW ebenfalls wissenschaftlich nicht bestätigt. Das ist halt ein weiterer Bereich, in dem ungeniert auf "Gläubigenfang" gegangen wird, denn letztlich ist es der Kunde, der sich einredet, ohne das oberaffenstarke Zeugs da würden seine Erdbeeren garantiert keine Melonengröße erreichen. Ob sie das tun, liegt dabei natürlich völlig im Auge des Betrachters, also des Kunden, der ordentlich Schotter für den Kram hingelegt hat - was seine Neigung, die Erfolge kritisch zu betrachten, schon mal deutlich senkt....
     
  11. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Kaufst du denn EM dazu und Holzkohle und was es sonst noch so gibt?

    Ausprobieren im Garten mache ich auch. Ich esse sogar mehr Sauerkraut, damit ich den Saft auf den Kompost schütten kann. :winke:Außerdem den Kaffeetrester, weil ich mir einbilde, dass der irgendwie geröstet ist und wenn ich vom Grillen restliche Holzkohle in die Finger kriege, werde ich mich sogar dazu hinreissen lassen, die mit der Käsereibe zu zerkleinern. :autsch: Nur Mittelchen will ich nicht kaufen, weil das meiner persönlichen Vorstellung von Kreislaufwirtschaft widerspricht.
    Das alles ist einfach nur ein Probieren. Wissenschaftlich ist es nicht, denn dazu müßte ich eine nachvollziehbare Versuchsanordnung mit jeweils einer Variablen dokumentieren. Dazu habe ich im Moment nicht die Geduld. Bin mir aber ziemlich sicher, dass die Profis das machen. Schließlich steckt da ein gutes Geschäft drin, wie Ingeborg schon sagte.

    Du kannst natürlich deine Tomatenkultur in 3 Teile teilen, den einen behandelst du mit deiner selbstgebastelten Terra preta, den zweiten Teil läßt du unbehandelt als Kontrollgruppe und auf den dritten Teil "püschelst" du schön gleichmäßig oder läßt es deinen Nichtdackel tun. :still: Ich bin ja immer um diese Zeit fasziniert, wenn ich die üppigen Graswuchsflächen sehe, da wo offensichtlich den ganzen Winter die Hunde ihr Geschäft verrichtet haben.

    Aber nun ist es gut mit OT und Selbstversuchen, laß uns mal recherchieren, was z.B. die Slawen da an der Elbe gemacht haben.
     
  12. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Also zur Terra preta;
    meines Wissens wurde die folgendermaßen hergestellt. Vor Ort wurden große (1 m oder mehr ) Tontöpfe gebrannt. Dort hinein kamen die gesammelten Abfälle, Fäkalien, Knochen, Gräten, Pflanzenreste und etwa 10 % Holzkohle. Das ließ man dann unter Luftabschluß gären. Ob dann noch spezielle EM hinzugegeben wurden, oder vielleicht als Starterset ein bisschen was vom vorherigen Topf, weiß ich nicht.
    Wenn das Zeug fertig und reif war, konnte man direkt in die Töpfe reinpflanzen.
    Laut Forschern, die in Brasilien diese Erden untersuchen, sollen die genauso säuerlich riechen wie diese EM's.

    Ich handhabe dieses Bokashi, und das funktioniert. Zumindest werden meine Küchenreste "fermentiert" und vergammeln und stinken nicht, sondern riechen säuerlich. Ist zwar nicht wirklich mit Veilchenduft zu vergleichen, aber eine Biotonne stinkt nach drei/vier Tagen schlimmer als mein Bokashi-Eimer nach drei/vier Wochen.

    EM stelle ich mittlerweile selbst her, obwohl das Einsteigerset ziemlich teuer war. Aber man gönnt sich ja....na du weißt schon.
    Holzkohle mache ich ebenfalls selbst, aber erst seit ein paar Wochen, und über die Ergebnisse im Gemüsebeet kann ich deshalb noch nix Konkretes berichten.


    Bzgl. Bodenbeschaffenheit in Südamerika, soooo unterschiedlich ist die nun auch wieder nicht. Am Amazonas sind es diese gelblichen ziemlich unfruchtbaren Böden, weil die im Ökosystem befindlichen Nährstoffe meistens in den Pflanzen gebunden sind, das gilt auch für die tropischen Bereiche Mexicos. Nur sind die Böden dort sehr kalkhaltig. Aber wenn T.p. wirklich in Töpfen hergestellt wurde, ist die Bodenbeschaffenheit der Umgebung erst mal wurscht.

    Aus Platzmangel kann ich nur ein Beet mit Tomaten füllen, und die bekommen allesamt Holzkohle und EM. Da es aber meine ersten selbstgezogenen Tomaten überhaupt sind, wird sich die Aussagekraft in Grenzen halten.

    Wenn dir die EM's zu teuer sind, auf youtube gibt es eine gute englischsprachige Anleitung, wie man Milchsäurebakterien selbst heranzieht. Zumindest im Kompost scheint das bei mir zu wirken. Musst mal nach "Lacto-Bazillas" oder so suchen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2014

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